
Seit 1974 haben Impfungen 154 Millionen Todesfälle weltweit verhindert, vor allem bei kleinen Kindern und Babys. Die Sterblichkeitsraten bei Säuglingen sind heute um 40 Prozent niedriger, als sie es ohne Impfstoffe wären. Und auch Impfungen für Erwachsene sind sicher und schützen vor schweren gesundheitlichen Schäden. Foto: Jacob Lund/stock.adobe.com
Impfen oder nicht impfen – das ist hier (nicht) die Frage
Dass US-Präsident Donald Trump trotz aller Kritik aus Fachkreisen die Empfehlungen seiner Regierung für Impfungen im Kindesalter zusammenstreichen will, dürfte viele Menschen weltweit verunsichern. Welche Impfungen sind sinnvoll und sicher? Welche sind es nicht? Tatsache ist: Niemand muss diese Fragen allein beantworten. Wissenschaftler werten seit Jahrzehnten Daten zu Nutzen und Risiken von Vakzinen aus. In Deutschland etwa prüft die Ständige Impfkommission (STIKO) die Evidenz und leitet daraus Empfehlungen ab: auf Basis von Fakten anstatt leeren Behauptungen.
WHO: Impfungen retten jährlich bis zu 5 Millionen Menschenleben
Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) retten Impfungen jedes Jahr bis zu fünf Millionen Menschenleben. Im Fachblatt The Lancet kommt ein Team internationaler Wissenschaftler zu folgendem Ergebnis: „Seit 1974 haben Impfungen 154 Millionen Todesfälle verhindert“ – vor allem bei kleinen Kindern und Babys. Die Säuglingssterblichkeitsraten sind heute um 40 Prozent niedriger, als sie es in einer Welt ohne Impfstoffe wären.
Gegen mehr als 30 lebensbedrohliche Krankheiten gibt es Impfstoffe. Zum Beispiel gegen die Masern: Als „Kinderkrankheit“ werden sie bezeichnet, weil sie so ansteckend sind, dass ohne Impfschutz bereits im Kindesalter fast alle Menschen erkranken würden. Gefährlich kann das aber in jedem Alter werden: Schwere, lebensgefährliche Verläufe mit Lungen- oder Gehirnentzündungen sind möglich – selbst viele Jahre nach einer Infektion können noch Komplikationen wie eine SSPE auftreten. Die Subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) ist eine extrem seltene, aber immer tödliche Spätfolge einer Maserninfektion – und dagegen bietet nur die rechtzeitige Masernimpfung einen Schutz.
Impfungen haben dazu beigetragen, dass die Zahl der Erkrankungen weltweit deutlich zurückgegangen ist. Doch das Virus ist wieder auf dem Vormarsch – unter anderem in Folge von Impflücken. In den USA galten die Masern im Jahr 2000 sogar bereits als eliminiert. Nun ist die Zahl der Fälle auf dem höchsten Stand seit Jahrzehnten – in den vergangenen anderthalb Jahren gab es dort mehr Infektionen als im gesamten Vierteljahrhundert davor. Und auch in Deutschland erkranken und sterben noch immer Menschen an sogenannten impfpräventablen Krankheiten.
Impfstoff-Zulassung: nur bei positivem Nutzen-Risiko-Profil
„Impfungen werden nur zugelassen und empfohlen, wenn ihr potenzieller Nutzen (Schutz vor Infektion und schwerer Erkrankung) größer ist als ihr potenzielles Risiko (mögliche Nebenwirkungen)“, erklärt das Robert Koch-Institut (RKI). „Manche Erkrankungen bergen teils dramatische Risiken, wie z. B. Gehirnentzündungen (bei Masern) oder Lähmung (bei Polio). Diese Risiken können durch Impfungen stark verringert oder sogar ganz verhindert werden.“
Es ist so gelungen, viele Krankheiten zurückzudrängen oder zu eliminieren – für die meisten Menschen sind sie daher nur noch Teil von Geschichtsbüchern oder einzelnen Medienberichten. „Es ist deshalb verständlich, dass der Eindruck entstehen kann, die möglichen Risiken einer Impfung seien bedrohlicher als das Risiko von Erkrankungen, mit denen man keine direkte Erfahrung hat“, so das RKI. Doch bei sinkenden Impfquoten kann sich das schnell ändern – Krankheiten, die (fast) verschwunden waren, treten wieder vermehrt auf. 2025 ist ein zehnjähriger, nicht geimpfter Junge in Berlin an Diphtherie gestorben.
„Fakt ist: Die Infektion und ihre möglichen Komplikationen sind deutlich riskanter als die empfohlene Impfung“. Ansonsten wäre die jeweilige Vakzine – gegen welche Krankheit auch immer – weder zugelassen noch von einem Expertengremium wie der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlen worden.
Impfungen: besonders wichtig für Babys und Kleinkinder
Viele Impfungen sind bereits in einem sehr jungen Alter angedacht – teils wenige Wochen nach der Geburt. Das RKI erklärt, warum das so wichtig ist: Das empfohlene Impfalter orientiert sich demnach „an der Risikosituation des zu schützenden Kindes.“ Denn es gibt Infektionen, die bei Babys und kleinen Kindern zu deutlich schwereren Verläufen führen können als in höherem Alter, zum Beispiel, „weil die Atemwege bei Säuglingen noch sehr eng sind oder weil ihr sich noch entwickelndes Immunsystem bestimmte Infektionen nicht wirksam abwehren kann“.
Beispiel Pneumokokken: Eine Impfung ist ab einem Alter von zwei Monaten vorgesehen und „schützt zuverlässig vor der invasiven Pneumokokken-Erkrankung. Das ist eine besonders schwerwiegende Folge der Infektion, die u. a. Hirnhautentzündungen verursachen kann“, heißt es seitens des RKI. Kinder in den ersten zwei Lebensjahren gelten als besonders gefährdet – ein frühzeitiger Schutz ist daher wichtig.

Impfungen als gezieltes Immun-Training – sogar in Kombination
Ein Impfstoff enthält zum Beispiel abgetötete Erreger oder harmlose Bestandteile eines Erregers (sogenannte Antigene): Das Immunsystem kann so den Erreger kennenlernen und einen gezielten Schutz aufbauen, ohne eine Erkrankung durchleben zu müssen. Selbst, wenn entsprechend den STIKO-Empfehlungen in Kombination gegen mehrere Erreger gleichzeitig geimpft wird, überlastet das das Immunsystem von Kindern und Erwachsenen nicht. Tag für Tag ist der Körper mit viel mehr Erregern konfrontiert.
Gleichzeitig liegen die Vorteile kombinierter Impfungen auf der Hand: Die Anzahl notwendiger Injektionen wird verringert. Das entlastet die Kinder und Eltern, indem der Stress von Arztbesuchen reduziert und das Risiko von Impfreaktionen beziehungsweise Nebenwirkungen minimiert werden; und es entlastet die Arztpraxen, weil weniger Termine notwendig sind. Müsste man jede Impfung für jeden Erreger einzeln durchführen, würde das sehr viel länger dauern – die Kinder wären länger ohne ausreichenden Schutz gegen die Krankheiten.
Die Wirksamkeit und Sicherheit solcher Kombiimpfstoffe werden genauso wie bei einzelnen Vakzinen sowohl vor der Zulassung als auch danach genau untersucht und überwacht. „Impfungen gehören zu den wichtigsten und wirksamsten präventiven Maßnahmen, die in der Medizin zur Verfügung stehen“, so bringt es das RKI auf den Punkt. Was passieren kann, wenn Impflücken größer werden? Dafür ist die zunehmende Zahl der Masernfälle in den USA nur ein Beispiel von vielen.


Impfstoffe stehen unter ständiger Beobachtung
Viele Impfstoffe – etwa gegen Masern – sind bereits seit mehreren Jahrzehnten weltweit im Einsatz; mehrere Milliarden Kinder haben die Vakzine vermutlich inzwischen erhalten. Ihre Wirksamkeit und Sicherheit wurden nicht nur vor der Zulassung untersucht. Im Gegenteil: Auch danach stehen sie unter genauer Beobachtung. Für Deutschland gilt: Ärzte sind „dazu verpflichtet, Verdachtsfälle auf Impfkomplikationen an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zu melden“, erklärt das RKI. Auch Patienten können das jederzeit tun. Das PEI untersucht dann, ob die Impfung der Grund für die gemeldeten Symptome sein kann.
„Durch das Meldesystem werden manchmal neue Risikosignale sehr seltener Nebenwirkungen erkannt.“ Für das RKI zeigt das, „wie ernst das Thema der Impfstoffsicherheit genommen wird.“ Im Zweifel kann so schnell reagiert und zum Beispiel eine Impfempfehlung der STIKO abgeändert werden.
Und auch Fake News lassen sich widerlegen, indem unaufhörlich geforscht und analysiert wird: In vielen großangelegten internationalen Studien wurde etwa untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen Masern-Mumps-Röteln-Impfungen und Autismus-Spektrum-Störungen gibt. Dadurch ist heutzutage klar: Die Impfung kann „als mögliche Ursache von Autismus ausgeschlossen werden“, fasst das RKI zusammen. Doch inzwischen macht schon die MMR-Impflüge in den USA die Runde. US-Präsident Donald Trump und US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. hatten öffentlich behauptet, dass die Einnahme von Paracetamol (in den USA: Acetaminophen oder Tylenol) während der Schwangerschaft das Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) beim Kind deutlich erhöhe. Unabhängige Mediziner und Wissenschaftler reagierten teils mit heftiger Kritik auf diese Fake News.
Impfen auf Basis von wissenschaftlicher Evidenz
Trotzdem werden Mythen wie etwa vom Impfautismus weiterhin erzählt. Klar ist: Den Überblick über alle wissenschaftlichen Daten, Erkenntnisse und Entwicklungen behalten – das kann kein Mensch allein. Aber das muss auch niemand allein: Denn dafür gibt es Gremien wie die STIKO: Sie besteht aktuell aus 19 ehrenamtlichen Mitgliedern – sie sind Experten aus Fachdisziplinen wie etwa Pädiatrie, Allgemeinmedizin, Infektiologie, Immunologie und Epidemiologie und haben umfangreiche wissenschaftliche und praktische Erfahrungen mit Schutzimpfungen und anderen Prophylaxe-Maßnahmen. Sie treffen sich in regelmäßigen Abständen, um gemeinsam über aktuelle Fragestellungen zu beraten.
Bei der Bewertung von Daten und der Erarbeitung von Impfempfehlungen folgt die STIKO der systematischen Methodik der evidenzbasierten Medizin. Sie hat dabei eine Standardvorgehensweise, die online einzusehen ist – das soll hohe wissenschaftliche Qualität und Transparenz sicherstellen. Neue oder angepasste Impfempfehlungen werden ausführlich wissenschaftlich begründet und im sogenannten „Epidemiologischen Bulletin“ publiziert. Der STIKO-Impfkalender zeigt auf einem Blick, welche Impfungen, mit wie vielen Dosen zu welchen Zeitpunkten standardmäßig empfohlen sind.
Impfungen wirken
„Keine Impfung vermag ausnahmslos alle Geimpften zu schützen, ebenso wie kein Medikament bei allen Patient:innen gleich gut wirkt“, ergänzt das RKI. „Trotzdem sind Impfungen wirksam: Sie senken die Wahrscheinlichkeit sich zu infizieren, zu erkranken und den Erreger weiterzuverbreiten und sie können zudem die Erkrankungsschwere deutlich abmildern.“
Impfen: Das ist ein individuelles Recht. Aber es ist auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Denn viele Menschen sind angesichts von Krankheitserregern besonders gefährdet – zum Beispiel Säuglinge, die noch keinen (umfangreichen) Impfschutz haben, oder Kinder und Erwachsene mit Immunschwächen. Doch gibt es in einer Bevölkerung eine „Herdenimmunität“, hat der jeweilige Krankheitserreger kaum noch eine Chance. Voraussetzung: eine hohe Impfquote. Bei hochansteckenden Krankheiten wie den Masern müsste sie bei etwa 95 Prozent liegen – Deutschland schafft das bislang nicht. Dabei wäre das Potenzial der Krankheitsvermeidung enorm.
Und auch die empfohlenen Erwachsenen-Impfungen werden „zu selten“ genutzt, wie das RKI kritisiert. Das ist nicht nur gesundheitlich gesehen schlecht. Eine Analyse der Forschungsorganisation Office of Health Economics (OHE) zeigt: Für jeden in Erwachsenen-Impfungen investierten Euro können gesamtgesellschaftliche Erträge von bis zu 19 Euro entstehen. Denn wenn Krankheiten durch Impfungen vermieden werden, schont das die Gesundheits- und Sozialsysteme; Produktivitätsverluste werden reduziert, Widerstands- und Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes nachhaltig gestärkt. Gerade in alternden Gesellschaften ist das wichtig. pm-pharma-fakten/tok