Immer wieder geistern Verschwörungstheorien und Impfgegner-Mythen durch den gesellschaftlichen und politischen Diskurs, vor allem, wenn es sich um neue wissenschaftliche Errungenschaften handelt. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass mRNA-Impfungen Krebs und Fehlgeburten verursachen. Dem widersprechen jedoch wissenschaftliche Fakten und Daten. Foto: Tar – KI-generiert/stock.adobe.com

Panikmache, Impfgegner-Mythos oder Sensation: Verursachen mRNA-Impfungen Krebs und Fehlgeburten?

Die Behauptung klingt maximal beunruhigend: mRNA-Impfungen sollen Krebs auslösen, Fehlgeburten begünstigen und langfristig das Immunsystem aus dem Takt bringen. Genau solche Verdachtsmomente hat die AfD-Bundestagsfraktion Anfang Juni 2026 politisch aufgegriffen. Medizinisch sauber betrachtet ergibt sich aber ein anderes Bild: Es gibt Fragen, die man wissenschaftlich prüfen darf und muss. Aber es gibt bisher keinen belastbaren Nachweis, dass mRNA-Impfstoffe Krebs verursachen oder das Fehlgeburtsrisiko erhöhen. Der Unterschied zwischen einem Verdacht, einer Statistik und einem Beweis ist hier entscheidend.

Was die AfD Anfang Juni 2026 forderte

Am 6. Juni 2026 veröffentlichte die AfD-Bundestagsfraktion eine Mitteilung, dass mögliche Zusammenhänge zwischen mRNA-Impfungen und Krebserkrankungen untersucht werden müssten. Die Abgeordnete Christina Baum verwies dabei auf einen Bericht des Deutschen Ärzteblattes über steigende Krebsinzidenzen bei jüngeren Menschen. Die AfD forderte eine umfassende und unabhängige Untersuchung, die Auswertung von Krebsregisterdaten, die Offenlegung von Impfstatus und Krebsdiagnosen sowie eine wissenschaftliche Prüfung langfristiger Auswirkungen der mRNA-Technologie auf das Immunsystem.

Der zweite Vorstoß: Die AfD-Fraktion forderte Aufklärung über eine angebliche Gefahr von Fehlgeburten durch mRNA-Impfstoffe. Grundlage waren Aussagen des früheren Pfizer-Toxikologen Helmut Sterz, der auf präklinische Tierversuche mit Ratten verwies. Laut AfD sei dort eine erhöhte Fehlgeburtenrate nach Gabe eines mRNA-Impfstoffes beobachtet worden. Die Fraktion verlangte eine unabhängige Nachuntersuchung, einen Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung der Impfkampagne und sogar das Aussetzen weiterer mRNA-Impfungen.

Das klingt nach großer Enthüllung. Doch der Kern des Problems liegt schon in der Ausgangslogik: Aus einer zeitlichen Nähe, aus steigenden Krebszahlen oder aus einem auffälligen Tierversuchsparameter wird noch kein ursachlicher Zusammenhang. Genau hier trennt sich seriöse Medizin von politischer Dramaturgie.

Die Krebs-Behauptung: Woher kommt der Verdacht?

Die AfD bezog sich beim Thema mRNA-Impfung und Krebs unter anderem auf einen Artikel des Deutschen Ärzteblattes vom 3. Juni 2026. Dieser griff eine Studie aus BMJ Oncology auf. Darin wurden Daten aus England analysiert: Bei mehreren Krebsarten stiegen die Neuerkrankungen bei jüngeren Erwachsenen. Klassische Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel oder Ernährung konnten den Trend nur teilweise erklären. Das ist medizinisch interessant und tatsächlich ein wichtiges Forschungsthema.

Aber: Die Daten der BMJ-Oncology-Analyse umfassten die Jahre 2001 bis 2019. Damit liegen sie vollständig vor der Corona-Pandemie und vor der breiten Anwendung der mRNA-Impfstoffe. Wer ausgerechnet diese Studie als indirekten Hinweis auf mRNA-Impfungen deutet, verrutscht auf der Zeitachse. Eine Ursache kann nicht nach dem beobachteten Effekt auftreten. Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern Grundkurs Logik und Wissenschaft.

Zudem handelt es sich bei solchen Registeranalysen um Beobachtungsstudien. Sie zeigen Trends, aber sie beweisen keine Ursache. Wenn mehr junge Menschen an bestimmten Krebsarten erkranken, können viele Faktoren eine Rolle spielen: Veränderungen bei Ernährung und Körpergewicht, Umweltfaktoren, Infektionen, Diagnostik, Screening, soziale Faktoren, zufällige Schwankungen oder bisher unbekannte Einflüsse. Gute Forschung sucht solche Ursachen geduldig. Schlechte Debatten füllen Lücken mit Verdacht.

Grafik: Kurtz – KI-generiert

Was wissenschaftlich grundsätzlich gegen die Krebs-These spricht

mRNA-Impfstoffe funktionieren nicht wie ein dauerhafter Umbau des Körpers. Sie liefern eine kurzlebige Bauanleitung: Zellen im Bereich der Injektionsstelle und in regionalen Immunstrukturen stellen vorübergehend ein Virusprotein her, beim Covid-Impfstoff das Spike-Protein. Das Immunsystem erkennt dieses Protein und bildet Antikörper und T-Zellen. Die mRNA wird danach abgebaut.

Wichtig ist: Die Impf-mRNA gelangt nach dem aktuellen Wissensstand nicht in den Zellkern, sie wird nicht in das Erbgut eingebaut und sie ist nicht dafür konstruiert, Gene zu verändern. Krebs entsteht meist durch eine Abfolge genetischer und epigenetischer Veränderungen, die Wachstumskontrollen aushebeln. Dafür braucht es in der Regel Zeit, Zellteilung, Mutationsdruck und biologische Mechanismen, die dauerhaft wirken. Eine kurzlebige mRNA-Bauanleitung passt dazu nicht gut.

Natürlich heiß fehlende Plausibilität nicht automatisch, dass man nie hinschauen muss. Medizinische Sicherheit entsteht durch beides: biologische Plausibilität und reale Beobachtungsdaten. Bei mRNA-Covid-Impfstoffen gibt es inzwischen beispiellos große Datenmengen aus Zulassungsstudien, Registerdaten, Krankenkassendaten, Pharmakovigilanz (fortlaufende und systematische Überwachung der Sicherheit von Arzneimitteln) und internationalen Kohorten (große Gruppe von Menschen, die über viele Jahre beobachtet wird). Das Gesamtbild zeigt keine Krebswelle nach den Impfkampagnen.

Was sagen Statistiken und Studien?

Eine häufig zitierte Studie aus Südkorea, veröffentlicht 2025 in Biomarker Research, fand in einem Datensatz aus Seoul statistische Assoziationen zwischen Covid-19-Impfung und mehreren Krebsdiagnosen innerhalb eines Jahres. Genannt wurden unter anderem Schilddrüsen-, Magen-, Darm-, Lungen-, Brust- und Prostatakrebs. Das klingt zunächst spektakulär. Aber die Studie selbst beschreibt nur Assoziationen, also gedankliche Verknüpfungen von Dingen und Ereignissen, die nicht zwangsläufig zusammenpassen müssen. In der Studie ist nicht von einer Kausalität die Rede, also nicht die wissenschaftlich exakte Darstellung von Ursache und Wirkung. Später wurde von der medizinischen Fachzeitzeitschrift ein Hinweis veröffentlicht, dass Bedenken gegen den Artikel geprüft werden.

Warum ist das wichtig? Weil Krebsdiagnosen innerhalb eines Jahres nach einer Impfung sehr wahrscheinlich häufig bereits vorher biologisch angelegt waren. Viele Tumoren wachsen über Jahre hinweg. Eine Diagnose ist nicht der Beginn des Krebses, sondern der Moment, in dem man ihn entdeckt. Wenn Geimpfte häufiger ärztlichen Kontakt hatten, älter waren, mehr Vorerkrankungen hatten oder diagnostisch anders erfasst wurden, kann das scheinbare Risiken erzeugen. Genau solche Verzerrungen sind in Beobachtungsstudien schwer zu kontrollieren. Und deshalb taugen solche Erkenntnisse allenfalls für Verschwörungstheorien und Panikmache.

Die Krebsregister sprechen ebenfalls nicht für einen auffälligen mRNA-Effekt. In Deutschland blieben die Neuerkrankungsraten in den Jahren nach Beginn der Impfkampagne auf einem Niveau, das nicht zu der These einer abrupten impfbedingten Krebswelle passt. Auch das koreanische Krebsregister zeigte nach Beginn der Impfkampagne keinen dramatischen Sonderausschlag. Und eine große französische Untersuchung mit mehr als 28 Millionen Erwachsenen im Alter von 18 bis 59 Jahren fand über vier Jahre kein erhöhtes Sterberisiko bei mRNA-Geimpften. Im Gegenteil: Die Gesamtsterblichkeit war sogar niedriger, was allerdings ebenfalls vorsichtig interpretiert werden muss, weil Geimpfte und Ungeimpfte sich in vielen Merkmalen unterscheiden können.

Kurz gesagt: Einzelne statistische Signale können Hypothesen erzeugen. Sie sind kein Schuldspruch. Wer aus einer auffälligen Hazard Ratio (das relative Risiko für das Eintreten einer bestimmten Krankheit und ihren Komplikationen) sofort eine Krebsursache macht, verwechselt wissenschaftliche Epidemiologie mit schnell zusammengeschriebenen reißerischen Thriller.

Was ist mit „Turbokrebs“?

Der Begriff „Turbokrebs“ ist kein anerkannter medizinischer Fachbegriff. Er suggeriert, es gebe plötzlich extrem schnell wachsende Tumoren durch die Impfung. In der Onkologie gibt es aggressive Krebsarten, Rezidive, rasche Progressionen und seltene Verläufe. Aber die Deutung, eine mRNA-Impfung mache daraus massenhaft „Turbokrebs“, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Gerade bei Krebs ist die Versuchung groß, Muster zu sehen. Fast jeder kennt jemanden, der nach der Pandemie eine Krebsdiagnose erhalten hat. Bei Millionen Impfungen und Millionen Krebsfällen weltweit müssen viele Diagnosen zeitlich nach Impfungen auftreten. Das allein beweist nichts. Nachher ist nicht deshalb. Dieser Satz klingt banal, ist aber in der Medizin überlebenswichtig, wenn man den wahren Ursachen auf den Grund gehen will, ohne dass diese in polemische Panikmache-Mythen passen müssen.

Die Fehlgeburts-Behauptung: Was steckt dahinter?

Der zweite mRNA-Schuldverdacht betrifft Fehlgeburten. Die AfD bezog sich auf Helmut Sterz und präklinische Daten zu Ratten. In den EMA-Unterlagen zu Comirnaty ist tatsächlich beschrieben, dass es in einer Entwicklungs- und Reproduktionstoxizitätsstudie bei geimpften Ratten zu einer etwa doppelt so hohen Rate an Präimplantationsverlusten kam: 9,77 Prozent gegenüber 4,09 Prozent in der Kontrollgruppe. Das ist der Rohstoff, aus dem später Schlagzeilen gebaut wurden.

Aber genau hier kommt der entscheidende zweite Satz: Die EMA bewertete diese Werte als innerhalb der historischen Kontrollspanne von 5,1 bis 11,5 Prozent. Anders gesagt: Der beobachtete Wert war höher als in der konkreten Kontrollgruppe, lag aber noch in dem Bereich, der aus vergleichbaren Tierversuchen auch ohne Impfstoff bekannt ist. Die EMA schrieb zudem, die Daten zeigten keine klaren nachteiligen Hinweise auf Fertilität (Fruchtbarkeit) und frühe Embryonalentwicklung. Auch Effekte auf Fertilität, Trächtigkeit, Embryo-Fetal-Entwicklung oder Entwicklung der Nachkommen bis zum Absetzen wurden nicht als impfbedingt problematisch bewertet.

Das bedeutet nicht, dass die Daten wertlos sind. Sie wurden ja gerade veröffentlicht und bewertet. Aber es bedeutet: Aus diesem Tierversuchsdetail lässt sich nicht seriös ableiten, mRNA-Impfstoffe verursachten Fehlgeburten beim Menschen.

Was sagen Studien bei Menschen?

Bei Schwangerschaften ist die Datenlage inzwischen deutlich weiter als im Dezember 2020. Damals waren Schwangere in den Zulassungsstudien kaum vertreten, weshalb Schwangerschaft als „missing information“ im Risikomanagement auftauchte. Danach folgten große Kohortenstudien, Registeranalysen und Meta-Analysen.

Eine systematische Übersicht und Meta-Analyse in Human Reproduction aus dem Jahr 2023 kam zu dem Ergebnis, dass Covid-19-Impfungen nicht mit einem erhöhten Fehlgeburtsrisiko verbunden waren. Weitere Reviews und Kohortenstudien, unter anderem in Nature Communications, JAMA Pediatrics, Human Reproduction und Drug Safety, fanden ebenfalls kein Signal, das eine erhöhte Fehlgeburtsrate durch Covid-19-Impfung belegt. Studien zur Impfung vor der Schwangerschaft fanden keine Hinweise auf geringere Fruchtbarkeit oder mehr Fehlgeburten. Eine schwedische Auswertung berichtete 2026 zudem keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Geburtenraten.

Dazu kommt: Covid-19 selbst kann in der Schwangerschaft gefährlich sein. Infektionen können das Risiko schwerer Verläufe bei Schwangeren erhöhen und auch Mutter und Kind belasten. Der Nutzen einer Impfung hängt heute stärker von Alter, Vorerkrankungen, Infektionswelle, Virusvariante und individueller Situation ab als 2021. Aber die pauschale Behauptung „mRNA-Impfung gleich Fehlgeburtsgefahr“ wird von den Humanstudien nicht getragen.

Warum sind solche Mythen so hartnäckig?

mRNA-Impfstoffe sind kompliziert zu erklären. Sie kamen in der Pandemie unter enormem Zeitdruck in die breite Anwendung. Viele Menschen hatten Nebenwirkungen wie Fieber, Schmerzen oder Erschöpfung. Manche erlebten seltene ernste Nebenwirkungen, etwa Myokarditis vor allem bei jüngeren Männern nach mRNA-Impfung. Gleichzeitig wurden die politischen Debatten über Impfpflicht, 2G-Regeln und Vertrauen in Institutionen emotional geführt. Das ist ein idealer Nährboden für Misstrauen.

Daraus entstanden mehrere Mythen. 

  • mRNA verändere das Erbgut. Das ist nach dem Wirkprinzip falsch, weil mRNA nicht in DNA umgeschrieben und ins Genom eingebaut wird.
  • Impfstoffe machten unfruchtbar. Diese Behauptung wurde früh mit angeblichen Ähnlichkeiten zwischen Spike-Protein und Plazenta-Proteinen begründet, hielt aber der Datenlage nicht stand. 
  • Impfstoffe enthielten Mikrochips oder dienten der Bevölkerungskontrolle. Für diesen aberwitzigen Mix aus Science-Fiction und Rassismus gibt es keinerlei technischen oder medizinischen Beleg. 
  • Impfstoffe würden das Immunsystem dauerhaft schwächen. Tatsächlich trainieren sie eine spezifische Immunantwort; seltene Nebenwirkungen sind möglich, eine massenhafte Immunschwächung ist nicht belegt. 
  • Meldedatenbanken für Nebenwirkungen bewiesen Millionen Tote. Solche Datenbanken sammeln Verdachtsmeldungen, nicht bewiesene Ursachen. Sie sind ein Frühwarnsystem, kein Todesursachenregister.

Seriös ist: Impfstoffe haben Nebenwirkungen und Risiken.

Unseriös ist: Jedes spätere Leiden nach einer Impfung zur negativen Impffolge zu erklären.

Grafik: Kurtz – KI-generiert

Was sind mRNA-Impfungen eigentlich?

mRNA steht für messenger RNA, also Boten-RNA. Sie ist in jeder Zelle ein natürlicher Informationsträger. Im Alltag der Zelle ist sie eine Abschrift von Geninformationen, die als Bauanleitung für Proteine dient. mRNA-Impfstoffe nutzen dieses Prinzip: Sie bringen eine künstlich hergestellte, genau definierte mRNA in den Körper. Diese mRNA codiert für ein Antigen, also ein Merkmal, das das Immunsystem erkennen soll.

Damit die mRNA nicht sofort zerfällt, wird sie in Lipid-Nanopartikel verpackt. Diese Fettpartikel helfen beim Transport in Zellen. Dort wird das Antigen vorübergehend hergestellt. Das Immunsystem lernt, dieses Antigen zu erkennen. Danach wird die mRNA abgebaut.

An mRNA wird seit Jahrzehnten gearbeitet. Schon in den 1990er-Jahren wurde die Idee verfolgt, RNA für Impfstoffe und Therapien zu nutzen. Ein Durchbruch war die Forschung von Katalin Kariko und Drew Weissman zur modifizierten RNA, die besser verträglich und kontrollierbarer eingesetzt werden konnte. 2023 erhielten sie dafür den Nobelpreis für Medizin. Besonders intensiv wurde mRNA anfangs in der Krebsmedizin erforscht: Die Hoffnung war, das Immunsystem mit individuellen Tumormerkmalen gegen Krebszellen zu schulen.

Wie mRNA die Corona-Pandemie veränderte

Als SARS-CoV-2 auftauchte, war die mRNA-Plattform zwar für die breite Öffentlichkeit neu, aber wissenschaftlich nicht aus dem Nichts entstanden. Ihr großer Vorteil: Ist die genetische Sequenz eines Virus bekannt, kann ein passender Impfstoff-Kandidat sehr schnell entworfen werden. Herstellung und Anpassung sind flexibler als bei vielen klassischen Impfstoff-Plattformen.

Großbritannien genehmigte den Pfizer/BioNTech-Impfstoff am 2. Dezember 2020, die EU folgte mit der Empfehlung der EMA am 21. Dezember 2020. Die EMA berichtete in der Zulassungsbewertung von etwa 95 Prozent Wirksamkeit gegen die symptomatische Covid-19-Erkrankung in der klinischen Studie. Später ließ der Schutz vor Infektion durch neue Varianten und nachlassende Immunität nach, doch der Schutz vor schwerer Erkrankung blieb in vielen Phasen relevant, vor allem für Risikogruppen.

mRNA-Impfstoffe haben die Pandemie nicht allein beendet. Auch Infektionswellen, Varianten, Immunität nach Infektionen, Tests, Medikamente und gesellschaftliches Verhalten spielten eine Rolle. Aber sie haben einen historischen Beitrag geleistet: Sie senkten schwere Verläufe und Todesfälle, entlasteten Gesundheitssysteme und zeigten, dass eine neue Impfstoff-Plattform im globalen Maßstab funktionieren kann.

Ein neues Kapitel der Primärprävention haben die mRNA-Impfstoffe aufgeschlagen, deren erste Vertreter im Zuge der Corona-Pandemie entwickelt und zugelassen wurden und zu Recht als pandemische Game-Changer gelten. Sie eröffnen neue Chancen für die Vermeidung von Krankheiten. Quelle: Pfizer/Grafik: Pharma-Fakten.de

mRNA gegen Krebs: Was geht schon, was ist Zukunftsmusik?

Hier wird es spannend: Die Technologie, die in der Pandemie bekannt wurde, stammt in Teilen aus der Krebsforschung und kehrt nun dorthin zurück. Der Unterschied ist aber riesig. Bei Covid-19 impft man vorbeugend gegen ein Virus. Bei Krebs will man meist therapeutisch impfen, also ein bereits vorhandenes Tumorleiden behandeln oder einen Rückfall verhindern.

Das Prinzip: Tumorzellen tragen Veränderungen, sogenannte Antigene oder Neoantigene. Bei personalisierten Impfstoffen wird der Tumor eines Patienten genetisch analysiert. Dann wird eine mRNA hergestellt, die mehrere dieser individuellen Tumormerkmale codiert. Das Immunsystem soll dadurch lernen: Diese Zellen sehen fremd aus, greif sie an.

Erste Studien sind ermutigend. Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs zeigte eine personalisierte RNA-Neoantigen-Impfung T-Zell-Antworten bei einem Teil der Behandelten. Bei Melanomen wird die Kombination aus personalisierter mRNA-Impfung und Checkpoint-Inhibitoren intensiv untersucht. Auch bei Lungenkrebs, Darmkrebs und weiteren Tumorarten laufen Studien. 2025 erschienen Arbeiten, die darauf hindeuten, dass mRNA-Impfungen Tumoren für Immuncheckpoint-Therapien sensibler machen könnten, wahrscheinlich über frühe Typ-I-Interferon-Antworten und ein breiteres Erkennen von Tumorantigenen.

Aber: Krebs ist kein einzelner Gegner. Manche Tumoren sind für das Immunsystem gut sichtbar, andere tarnen sich meisterhaft. Tumoren verändern sich, unterdrücken Immunzellen in ihrer Mikroumgebung und bestehen oft aus unterschiedlichen Zellklonen. Eine mRNA-Impfung allein wird deshalb vermutlich nicht für alle Krebsarten reichen. Wahrscheinlicher sind Kombinationen mit Operation, Chemo-, Strahlen-, Antikörper- oder Checkpoint-Therapien. Der große Traum ist eine maßgeschneiderte Rückfallprophylaxe nach einer Operation: Winzige verbliebene Krebszellen sollen vom Immunsystem erkannt werden, bevor sie wieder wachsen.

Was ist heute belastbar? mRNA-Krebsimpfstoffe sind vielversprechend, aber noch nicht als breite Standardtherapie angekommen. Viele Projekte befinden sich in klinischen Studien, teils in späteren Phasen. Was noch Zukunftsmusik ist: eine einfache Spritze, die Krebs allgemein besiegt. Es wird nicht die eine Krebsimpfung geben, sondern viele Strategien für bestimmte Tumorarten, Stadien und Patientengruppen.

Was wäre ein echtes Warnsignal für jenes Anti-mRNA-Gerede?

Ein echtes Warnsignal wäre nicht ein einzelner Fallbericht, nicht ein virales Video und nicht eine politische Pressemitteilung. Ein echtes Warnsignal wäre ein wiederholbares Muster in mehreren unabhängigen Datenquellen: zum Beispiel ein spezifischer Tumortyp, der nach Impfung in verschiedenen Ländern, Altersgruppen und Analysen konsistent zunimmt; ein zeitlicher Verlauf, der biologisch plausibel ist; eine Dosis-Wirkungs-Beziehung; und ein nachvollziehbarer Mechanismus. Genau das sieht man derzeit nicht.

Bei Fehlgeburten wäre ein echtes Signal ebenfalls konsistent: mehr Fehlgeburten in mehreren großen Kohorten, nach sauberer Berücksichtigung von Alter, Vorerkrankungen, Schwangerschaftswoche, Infektionen und anderen Faktoren. Auch das zeigen die bisherigen Meta-Analysen nicht.

Die AfD hat Anfang Juni 2026 zwei schwere Verdachtsmomente gegen mRNA-Impfungen politisch und polemisch zugespitzt. Die wissenschaftlich saubere Antwort lautet: mRNA-Impfungen sind nicht risikofrei, aber der Vorwurf, sie verursachten Krebs oder Fehlgeburten, ist nach aktueller Evidenz nicht belegt. Wer Sicherheit ernst nimmt, darf Fragen stellen. Wer Angst ernst nimmt, muss aber auch gute Antworten akzeptieren, wenn die Daten sie liefern. Wer weder Sicherheit noch Angst ernst nimmt, verliert sich in Verschwörungsmythen und sorgt für unnötige, für Einzelne sogar riskante Panikmache.    tok