
Zu lange galten die Krankheitssymptome des Mannes als Standard für die Medizin. Dem entsprechend fühlt sich mehr als die Hälfte der Frauen nicht ausreichend über geschlechtsspezifische Krankheitsbilder informiert, etwa zu Endometriose oder Unterschieden bei der Erkennung von Herzinfarkten. Foto: LIGHTFIELD STUDIOS/stock.adobe.com
Frauen leisten mehr für ihre Gesundheit, fühlen sich aber schlechter versorgt
Frauen kümmern sich intensiver um ihre Gesundheit als Männer: Sie greifen häufiger eigenverantwortlich zu rezeptfreien Medikamenten, sowie zu Nahrungsergänzungsmitteln. Gleichzeitig haben Frauen deutlich weniger Vertrauen in ärztliche Behandlungen und fühlen sich häufiger unzureichend versorgt, wie eine aktuelle Civey-Umfrage im Auftrag von Pharma Deutschland zeigt.
Vor diesem Hintergrund fordert Pharma Deutschland eine stärkere Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede in Forschung und Versorgung – unter anderem durch bessere Datengrundlagen und eine konsequentere Einbindung von Frauen in klinische Studien.
Mehr gesundheitliche Eigenverantwortung bei Frauen
In aktuellen Befragungen gaben 76 Prozent der Frauen an, sich Sorgen, um ihre Gesundheit zu machen, bei den Männern sind es mit 74,3 Prozent fast gleich viele. Nur rund die Hälfte der Frauen (51,4 Prozent) gaben an, mit ihrer gesundheitlichen Verfassung zufrieden zu sein, bei den Männern sind es 55,4 Prozent.
Zugleich zeigen die Umfrageergebnisse, dass Frauen sich stärker eigeninitiativ um ihre Gesundheit kümmern, so greifen sie beispielsweise deutlich häufiger zu rezeptfreien Arzneimitteln. 25,4 Prozent der Frauen tun dies mindestens einmal wöchentlich, dagegen sind es nur 19,3 Prozent der Männer. Auch Nahrungsergänzungsmittel werden von Frauen deutlich häufiger konsumiert als von Männern – 59,4 Prozent zu 43,0 Prozent.
Weniger Zufriedenheit mit gesundheitlicher Versorgung bei Frauen
Diese hohe Eigenverantwortung geht jedoch nicht mit einer höheren Zufriedenheit im Hinblick auf die medizinische Versorgung einher. Frauen sind mit ärztlichen Behandlungen wesentlich seltener zufrieden als Männer. So waren 62,2 Prozent der Frauen in den vergangenen zwölf Monaten mit ärztlichen Behandlungen insgesamt zufrieden, bei Männern waren es rund 70,6 Prozent. Weiterhin gaben nur 60,6 Prozent der Frauen an, großes Vertrauen in ihre Ärzte zu haben, bei den Männern waren es dagegen 71 Prozent.
Besonders deutlich wird diese Differenz beim Thema Kostendruck: Fast jede zweite Frau (44,5 Prozent) hat das Gefühl, dass ihnen Ärzte schon einmal Behandlungen aus Kostengründen vorenthalten wollten. Bei den Männern empfinden dies nur gut ein Drittel (36 Prozent).
Vernachlässigte Frauengesundheit
Hinzu kommen Informationsdefizite: Mehr als die Hälfte der Frauen (53,2 Prozent) fühlt sich nicht ausreichend über geschlechtsspezifische Krankheitsbilder informiert, etwa zu Endometriose oder Unterschieden bei der Erkennung von Herzinfarkten. Entsprechend bewerten Frauen auch die Informationslage insgesamt etwas kritischer: 55,6 Prozent sind mit Informationen zu Medikamenten aus Praxis und Apotheke zufrieden, bei Männern sind es 62,5 Prozent.
Nur 36 Prozent der befragten Frauen vertrauen darauf, im Krankheitsfall umfassend versorgt zu werden; bei Männern liegt dieser Wert bei 46 Prozent. Die Zufriedenheit mit der Qualität der Gesundheitsversorgung in Deutschland ist bei Frauen 47,2 Prozent, bei Männern 57,9 Prozent.
„Die Ergebnisse zeigen deutlich: Der Gender Health Gap ist nicht nur eine Frage individueller Wahrnehmung, sondern Ausdruck systematischer Unterschiede in Nutzung, Erfahrung und Bewertung der Gesundheitsversorgung. Wir erkennen deutlich, dass sich Frauen nachweislich mehr Sorgen um ihre Gesundheit machen. Wenn sie dann aber zugleich Defizite bei Information, Vertrauen und Versorgung erleben, führt das nachvollziehbar zu wachsender Unzufriedenheit“, sagt Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin Pharma Deutschland.
Umso wichtiger ist es, die strukturellen Ursachen anzugehen. „Dafür muss mehr Datenerhebung zur Frauengesundheit stattfinden und gleichzeitig müssen Frauen in klinischen Studien stärker berücksichtigt werden“, so Brakmann. Pharma Deutschland blickt regelmäßig auf aktuelle Entwicklungen zu Fragen im Bereich Frauengesundheit und setzt sich für die Förderung geschlechtsspezifischer Ansätze in Forschung, Entwicklung und Prävention ein. Dazu zählt auch die Entwicklung passender Präventions- und Versorgungsangebote.
Gender-Gap: So unterschiedlich sind Diagnose und Behandlung unter den Geschlechtern
Der Gender-Gap ist besonders gefährlich, wenn Symptome anders aussehen, Diagnosen später gestellt werden oder evidenzbasierte Behandlung seltener ankommt. Das gilt akut vor allem bei Herzinfarkt und Schlaganfall; langfristig auch bei Lupus, Osteoporose und Depression/Suizidalität.
Nicht jeder Unterschied ist Biologie. Ein Teil ist sex-basiert (Hormone, Gene, Gefäßgröße, Pharmakokinetik), ein Teil aber auch gender-basiert (Hilfesuchverhalten, Rollenbilder, Vorurteile insbesondere gegenüber Frauen im Gesundheitssystem). Deutlich ist das bei Herzinfarkt und Schlaganfall zu erleben, weil sich hier die Symptome je nach Geschlecgt stark unterscheiden und so eine Verzögerung bei der Diagnose und beim Therapie-Zugang einstellen kann, was unmittelbar über Überleben und Behinderung entscheidet.
Dabei muss man ganz klar zur Kenntnis nehmen, dass Frauen nicht einfach „atypisch“ sind. Man ging nur viel zu lange einfach davon aus, dass die Symptome beim Mann „typisch“ sind.Also typisch männliche Überheblichkeit.Bei Herzinfarkt und Schlaganfall haben Frauen häufig zusätzlich zu klassischen Symptomen weitere Warnzeichen. Weibliche Symptome sind also kein Randfall, sondern schlicht und einfach eine lange vernachlässigte Realität.
Männer können aber auch gelegentlich eine „unterversorgte Minderheit“ sein.Bei Osteoporose und Lupus sind sie seltener betroffen, weshalb sie gerade in Studien, Diagnostik und Versorgungsroutinen leichter übersehen warden.
| Krankheit | Typische Unterschiede bei Symptomen | Therapie/Medikamente: Was ist anders? | Outcomes / Letalität / Behandlungserfolg |
| Akutes Koronarsyndrom / Herzinfarkt | Männer: häufiger klassischer Druck/Enge hinter dem Brustbein, Ausstrahlung in linken Arm/Kiefer, kalter Schweiß. Frauen: ebenfalls Brustschmerz möglich, aber häufiger Atemnot, Übelkeit/Erbrechen, Rücken-, Oberbauch- oder Kieferschmerz, ungewöhnliche Müdigkeit; dadurch höheres Risiko für Fehlinterpretation. | Leitlinien empfehlen geschlechtsneutral schnelle EKG-/Troponin-Diagnostik, Reperfusion, ASS/P2Y12-Hemmer, Antikoagulation, Statin, Betablocker/ACE-Hemmer nach Indikation. In der Praxis erhalten Frauen nach ACS teils seltener invasive Diagnostik, Reperfusion und Sekundärprävention; Troponin-Grenzwerte und MINOCA/SCAD müssen bewusst mitgedacht werden. | Frauen sind bei ACS oft älter, haben andere Plaque- und Gefäßmuster und werden häufiger verzögert diagnostiziert. Reviews berichten höhere Kurzzeitmortalität, Komplikationen und Readmission, besonders bei jüngeren Frauen; Unterschiede schrumpfen, wenn Diagnose und leitliniengerechte Therapie gleich schnell erfolgen. |
| Schlaganfall | Männer: klassische FAST-Symptome wie einseitige Lähmung, Sprach-/Sehstörung, Gesichtslähmung. Frauen: ebenfalls diese Warnzeichen, zusätzlich häufiger unspezifische oder atypische Zeichen wie Bewusstseinsstörung, Schwindel, Kopfschmerz, Verwirrtheit, allgemeine Schwäche; Schwangerschaft, Präeklampsie, Migräne mit Aura und Vorhofflimmern spielen je nach Lebensphase stärker hinein. | Akuttherapie prinzipiell gleich: Stroke Unit, Bildgebung, Thrombolyse, Thrombektomie im Zeitfenster, Antithrombotika, Blutdruck- und Risikofaktorkontrolle. Studien zeigen aber Unterschiede beim Zugang zu evidenzbasierter Versorgung. Prävention muss frauenspezifische Risiken und Antikoagulation bei Vorhofflimmern konsequent berücksichtigen. | Frauen tragen global viel Schlaganfallsterblichkeit und Behinderung. Registerdaten zeigen: Frauen erhalten manche Qualitätsindikatoren seltener, haben trotz teils besserem Überleben häufiger schlechtere funktionelle Outcomes; höheres Alter und Vorschäden erklären einen Teil, aber nicht alles. |
| Systemischer Lupus erythematodes (SLE) | Frauen: deutlich häufiger betroffen; typische Zeichen sind Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Haut-/Photosensitivität, Schmetterlingserythem, Schleimhautulzera, Raynaud. Männer: seltener betroffen, aber häufiger schwerere Organmanifestationen, insbesondere Niere, Herz-Kreislauf und teils neurologische Beteiligung. | Basis: Hydroxychloroquin, Sonnenschutz, Glukokortikoide möglichst sparsam, Immunsuppressiva, Biologika nach Organbefall. Keine einfache „Frauen-/Männertherapie“, aber Männer brauchen wegen schwererer Organverläufe oft engere Nieren- und kardiovaskuläre Überwachung; Schwangerschaftsplanung betrifft vor allem Frauen. | Männer mit SLE sind in Studien unterrepräsentiert, zeigen aber häufiger renale und kardiovaskuläre Schäden und teils ungünstigere Langzeitverläufe. Bei Frauen ist die Krankheitslast wegen der hohen Prävalenz und reproduktions-medizinischer Aspekte besonders hoch. |
| Osteoporose und Hüftfraktur | Frauen: nach Menopause beschleunigter Knochenverlust, häufig Wirbel-, Unterarm- und Hüftfrakturen; Rückenschmerz, Größenverlust, Rundrücken oft Warnzeichen. Männer: häufiger sekundäre Ursachen wie Hypogonadismus, Alkohol, Rauchen, Glukokortikoide; Diagnose oft erst nach Fraktur. | Frauen: DXA, Kalzium/Vitamin D bei Bedarf, Kraft-/Sturzprävention, Bisphosphonate/Denosumab/anabole Therapien je nach Risiko, ggf. menopausale Hormontherapie nach strenger Abwägung. Männer: gezielte Suche nach Sekundärursachen; Leitlinien empfehlen DXA ab 70 bzw. früher bei Risikofaktoren und Pharmakotherapie bei hohem Frakturrisiko. | Frauen sind häufiger betroffen; Männer werden aber häufig übersehen und haben nach Hüftfraktur eine hohe Mortalität. Der Gap ist daher doppelt: Unterdiagnose bei Männern, starke Prävalenz- und Präventionslast bei Frauen. |
| Depression / Suizidalität | Frauen: häufiger depressive Diagnose, Grübeln, Schlaf-/Appetitstörungen, Schuldgefühle, Angst, somatische Beschwerden. Männer: Depression kann sich öfter als Reizbarkeit, Aggressivität, Risikoverhalten, Substanzkonsum, sozialer Rückzug oder Arbeitssucht tarnen; dadurch Unterdiagnose möglich. | Psychotherapie und Antidepressiva sind grundsätzlich nicht nach Geschlecht getrennt, aber Nebenwirkungsprofil, Schwangerschaft/Stillzeit, hormonelle Phasen, Substanzkonsum, Suizidrisiko und Hilfesuchverhalten müssen individuell berücksichtigt werden. Männer brauchen oft aktivere Ansprache und niedrigschwellige Zugänge. | Meta-Analysen zeigen höhere Depressionsdiagnosen bei Frauen, besonders ab der Adoleszenz. Gleichzeitig liegen Suizidraten bei Männern in Europa über alle Altersgruppen hinweg deutlich höher, teils 3- bis 8-fach; das macht Früherkennung atypischer männlicher Symptomprofile entscheidend. |
Info
Im Auftrag von Pharma Deutschland führt das Meinungsforschungsinstitut Civey seit Januar 2025 ein kontinuierliches Live-Monitoring zur individuellen medizinischen Versorgungssituation sowie zu Erfahrungen im Kontext pharmazeutischer Themen durch. Die Anzahl der Antworten, die stellvertretend für die Grundgesamtheit in der Stichprobe zur Berechnung des repräsentativen Ergebnisses berücksichtigt werden, liegt bei 5000 Befragten. Weitere Informationen und Ergebnisse finden Sie auf dieser Pharma-Deutschland-Webseite.
Der Pharma Deutschland e.V. ist der mitgliederstärkste Branchenverband der Pharmaindustrie in Deutschland. Er vertritt die Interessen von rund 400 Mitgliedsunternehmen, die in Deutschland rund 80.000 Mitarbeiter beschäftigen. Die in Pharma Deutschland e.V. organisierten Unternehmen stellen fast 80 Prozent der in Apotheken verkauften rezeptfreien und fast zwei Drittel der rezeptpflichtigen Arzneimittel sowie einen Großteil der stofflichen und dentalen Medizinprodukte für die Patienten bereit. Mehr dazu unter www.pharmadeutschland.de. pm/tok