Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist eine angeborene neurologische Entwicklungsstörung, die sich durch tiefgreifende Unterschiede in der sozialen Kommunikation, eingeschränkte Interessen und stereotype Verhaltensweisen äußert. Mehr Jungen als Mädchen erhalten eine Autismus-Diagnose. Foto: alphaspirit – KI-generiert/stock.adobe.com

Mehr Kinder und Jugendliche mit Autismus – Mädchen oft später diagnostiziert

Immer mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland erhalten die Diagnose Autismus. Das zeigt eine aktuelle Datenanalyse der hkk Krankenkasse: Im Jahr 2024 lag die Betroffenenquote von Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) bei den 0- bis 24-Jährigen bei 1,0 Prozent. Damit zeigt sich im Vergleich zu den Vorjahren ein moderater, aber kontinuierlicher Anstieg: 2023 lag die Prävalenz noch bei 0,9 Prozent, 2022 bei 0,8 Prozent.

Diese Entwicklung fügt sich in einen längerfristigen Trend ein. Bereits zwischen 2013 und 2022 hatte sich der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit einer ASS-Diagnose verdoppelt – von 0,4 Prozent im Jahr 2013 auf 0,8 Prozent im Jahr 2022.

Jungen sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen

Auffällig bleiben die Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Jungen und junge Männer sind mit 1,4 Prozent weiterhin mehr als doppelt so häufig betroffen wie Mädchen und junge Frauen (0,6 Prozent). „Die Zahlen zeigen, dass Autismus längst kein Randthema mehr ist“, sagt Dr. Anas Nashef, Autismustherapeut und Leiter mehrerer Autismus-Therapiezentren im Land Bremen und in Niedersachsen. „Gleichzeitig müssen wir davon ausgehen, dass insbesondere Mädchen und Frauen noch immer zu spät oder gar nicht diagnostiziert werden.“

Es zeigt sich, dass im Kindesalter eine deutlich höhere Prävalenz bei Jungen besteht. Im Verlauf der Adoleszenz holen Mädchen jedoch auf: Bei den 15- bis 19-Jährigen liegt die Prävalenz bei Mädchen bereits bei 1,1 Prozent, bei Jungen bei 1,6 Prozent.

Grafik: hkk / Quelle: hkk-Abrechnungsdaten, 2024

Mädchen werden viel später diagnostiziert

Diese Zahlen sprechen dafür, dass Diagnosen bei Mädchen häufig später gestellt werden. „Ein zentraler Grund ist das sogenannte Masking“, erklärt Dr. Anas Nashef. „Viele Mädchen mit Autismus lernen früh, soziale Auffälligkeiten zu überspielen oder sich stark anzupassen. Dadurch fallen ihre Schwierigkeiten im Alltag weniger auf – und die Diagnose erfolgt oft erst später. Deshalb ist es wichtig, geschlechtsspezifische Unterschiede stärker zu berücksichtigen.“

Nach Einschätzung von Dr. Anas Nashef ist der Anstieg nicht allein auf eine tatsächliche Zunahme von Autismus zurückzuführen. Eine verbesserte Diagnostik, eine höhere Sensibilität im medizinischen und pädagogischen Bereich sowie eine breitere Definition des Autismus-Spektrums tragen wesentlich dazu bei.

Aufklärung für das Umfeld und frühe Unterstützung für Familien

Für das Gesundheitssystem gewinnt das Thema weiter an Bedeutung. „Wichtig ist, betroffene Kinder und ihre Familien frühzeitig zu unterstützen“, so Dr. Cornelius Erbe, Leiter des hkk-Versorgungsmanagements. „Dazu gehören passgenaue Therapieangebote ebenso wie eine bessere Aufklärung im sozialen Umfeld, etwa in Kitas und Schulen.“

Autismus gilt als neurologische Entwicklungsbesonderheit mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Umso wichtiger sind eine frühzeitige Diagnose und individuell zugeschnittene Unterstützungsangebote.  

Autismus-Lüge: Warum so viele gefährliche Unwahrheiten kursieren

Eine einzige, betrügerische Gesundheitsstudie von 1998 hat einen Mythos erzeugt, der jahrzehntelang Menschenleben gekostet hat. Der irrlichternde US-amerikanischer Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. hat diese seit vielen Jahren widerlegte Fake-News-Studie allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz noch einmal zur Prüfung vorgeschlagen. Die Autismus-Lüge, dass die MMR-Impfung (Masern, Mumps, Röteln) Autismus verursachen kann, hält sich leider weiter in der Welt und war jüngst in den USA mitverantwortlich für eine Masernepidemie mit mehreren Todesfällen.

Anti-Impf-Bewegungen instrumentalisierten die Falschinformationen: Selbst nach der Retraktion der Wakefield-Studie, also dem wissenschaftlichen Widerruf aufgrund schwerwiegender Fehler, Datenmanipulation und fehlender Reproduzierbarkeit, dienten die Lügen weiterhin als Grundlage für Impfverweigerungen. Mit fatalen Konsequenzen, denn wiederkehrende Ausbrüche von Masern, Mumps, Röteln hinterließen bleibende Schäden und unnötige Todesfälle vor allem bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei ungeimpften Erwachsenen. 

Angeborene Entwicklungsstörung und kein Paracetamol-Problem

US-Präsident Donald Trump und US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. hatten 2025 öffentlich behauptet, dass die Einnahme von Paracetamol (in den USA: Acetaminophen oder Tylenol) während der Schwangerschaft das Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) beim Kind deutlich erhöhe. Unabhängige Mediziner und Wissenschaftler reagierten mit heftiger Kritik auf diese Fake-News. Denn: Solche Behauptungen der beiden bekennenden Impfgegner muten medizinisch schwer nachvollziehbar an – sie stimmen nicht mit dem derzeitigen wissenschaftlichen Konsens überein und erinnern an die Autismus-Impf-Lüge von Andrew Wakefield.  

Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist eine angeborene neurologische Entwicklungsstörung, die sich durch tiefgreifende Unterschiede in der sozialen Kommunikation, eingeschränkte Interessen und stereotype Verhaltensweisen äußert. Die Abweichungen im Gehirn entstehen schon vor der Geburt – nachträglich erworbener Autismus im Kindesalter ist ausgeschlossen.  

Obwohl Autismus genetisch angelegt ist, können Umweltfaktoren das Risiko zusätzlich beeinflussen, vor allem während der Schwangerschaft in der pränatalen und perinatalen Phase. Autismus entsteht also durch ein komplexes Zusammenspiel von starker genetischer Prädisposition und modulierenden Umweltfaktoren, die jedoch allein keinen Autismus verursachen können.

Heilbarkeit und Stigma

Heilbar ist Autismus nicht. Therapien umfassen Frühförderung, Verhaltenstherapie und unterstützende Interventionen. Medikamente helfen nur bei Begleiterkrankungen, wenn Autisten zum Beispiel auch noch mit ADHS oder Angststörungen kämpfen müssen. Letztlich wird mit den Therapien versucht, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, ihnen ein hohes Maß an Selbstständigkeit zu verleihen und ihnen die Teilhabe am öffentlichen Leben, am sozialen Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen.

Für Betroffene und Angehörige stellt die Autismus-Lüge eine zusätzliche Belastung dar. Sie fühlen sich dadurch stigmatisiert. Dabei benötigen sie eine wirksame Unterstützung im Alltag und keine völlig irrealen Falschmeldungen über Ursachen und Impfungen.   pm/tok

Info

Die hkk Krankenkasse (Handelskrankenkasse) bietet in ihrem Onlineprotal einen Elternratgeber mit vielen Tipps zur körperlichen und psychischen Gesundheit von Kindern.