In Baden-Württemberg ist die Rötelmaus der Hauptüberträger von Hantaviren. Eine Übertragung der Viren von Mensch zu Mensch ist bislang nicht dokumentiert worden. Anders sieht es bei Neuwelt-Hantaviren wie dem südamerikanischen Andes-Virus aus. Hier können Erreger von Mensch zu Mensch übertragen werden. Auch ist die Sterberate nach einer Infektion mit diesen Viren deutlich höher. Foto: phurinee – KI-generiert/stock.adobe.com

Von der Maus zum Menschen – und weiter? Deutsche und südamerikanische Hantaviren und ihr Pandemie-Potenzial

Hantaviren sind hierzulande keine neue Bedrohung, aber sie zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich Infektionen und Erkrankungen durch eng verwandte Erreger verlaufen können. Heftig diskutiert wird das Thema nachdem auf dem Kreuzfahrtschiff „MV Hondius“ im Südatlantik mutmaßlich sieben Menschen mit Hantaviren infiziert wurden und drei davon möglicherweise an den Folgen gestorben sind. Die hohe Sterberate deutet auf einen Neuwelt-Virustyp hin, der wohl von Mensch zu Mensch weitergegeben wurde.

Vergleichsweise harmlose Hantavirus-Infektionen in Deutschland

Mindestens neun verschiedene Hantaviren kommen hierzulande in verschiedenen Mäusearten vor, die meisten Erkrankungsfälle werden durch das Puumala-Orthonavirus (PUUV) verursacht. Als häufigste Überträgerin gilt die Rötelmaus (Myodes glareolus), deren Populationsdichte Schwankungen unterliegt, was das Infektionsrisiko für den Menschen beeinflusst. Das Puumala-Orthohantavirus wird etwa bei Arbeiten im Gartenschuppen oder beim Camping im Wald über aufgewirbelten, kontaminierten Staub übertragen und verursacht meist eine fieberhafte Erkrankung mit Nierenbeteiligung. Aber: Viele Menschen spüren die Folgen der Infektion gar nicht. In schweren Fällen jedoch kann es zu einem Nephropathia epidemica kommen, einer durch das Virus ausgelösten Nierenerkrankung mit Folgen wie Proteinurie, Niereninsuffizienz (in circa 10 Prozent der Fälle dialysepflichtig), Blutdruckanstieg und Flüssigkeitseinlagerungen.

Das südamerikanische Andes-Virus dagegen kann ein lebensbedrohliches pulmonales Syndrom auslösen – und gilt als Sonderfall unter den Hantaviren, weil Mensch-zu-Mensch-Übertragungen beschrieben sind. Und das könnte auf der „MV Hondius“ zu den Infektionen und Todesfällen geführt haben. Das aktuell nahe Kap Verde festgehaltene Schiff soll wohl zu den Kanarischen Inseln weiterfahren. Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO gehen aktuell offenbar nicht von einem hohen Risiko für andere Menschen aus. Ein Pandemie-Potenzial scheint also nicht vorzuliegen.

Was Hantaviren sind

Hantaviren – heute taxonomisch häufig als Orthohantaviren geführt – sind behüllte RNA-Viren. Ihr natürliches Reservoir sind in der Regel Nagetiere, die selbst meist nicht erkranken, das Virus aber über Urin, Kot und Speichel ausscheiden. Für Menschen wird die Gefahr nicht durch eine aggressive Maus, sondern durch unsichtbare Partikel im Staub konkret: Beim Fegen von Schuppen, beim Reinigen von Holzstapeln, beim Umräumen alter Kartons oder beim Arbeiten in schlecht gelüfteten, von Mäusen besiedelten Räumen können virushaltige Ausscheidungen aufgewirbelt und eingeatmet werden.

Medizinisch unterscheidet man grob zwischen den eher in Europa und Asien vorkommenden Hantaviren, die klassischerweise ein hämorrhagisches Fieber mit renalem Syndrom beziehungsweise die mildere Nephropathia epidemica verursachen können, und den Neuwelt-Hantaviren in Amerika, die ein Hantavirus-kardiopulmonales Syndrom auslösen können. Diese Trennung ist nicht absolut, hilft aber, Puumala und Andes richtig einzuordnen.

Der Virenvergleich: Puumala ist heimisch, Andes ist tödlicher

Puumala-Virus (Europa/Deutschland)
Andes-Virus (Südamerika)
Reservoir: vor allem Rötelmaus (Myodes glareolus). In Deutschland besonders relevant im Westen und Südwesten, darunter Baden-Württemberg.Reservoir: Langschwanz-Zwergreisratte bzw. long-tailed pygmy rice rat (Oligoryzomys longicaudatus), vor allem in Chile und Argentinien.
Übertragung: Einatmen von Staub/Aerosolen aus getrocknetem Urin, Kot oder Speichel infizierter Nagetiere; seltener Biss oder kontaminierte Lebensmittel.Übertragung: ebenfalls Kontakt zu kontaminierten Nagetierausscheidungen; zusätzlich sind beim Andes-Virus Mensch-zu-Mensch-Übertragungen beschrieben.
Inkubationszeit: meist 2 bis 3 Wochen, möglich bis etwa 6 Wochen; RKI nennt in älteren Übersichten 2 bis 4 Wochen mit Spannweite von 5 bis 60 Tagen.Inkubationszeit bei Mensch-zu-Mensch-Clustern: etwa 9 bis 40 Tage; in der Praxis häufig mehrere Wochen.
Krankheitsbild: abruptes Fieber, Kopf-, Rücken- und Bauchschmerzen, Übelkeit; typisch sind Thrombozytopenie und Nierenbeteiligung bis zum akuten Nierenversagen.Krankheitsbild: zunächst grippeähnlich, dann rasch pulmonale und kardiovaskuläre Verschlechterung mit Atemnot, Lungenödem, Schock und Intensivpflichtigkeit.
Letalität: ECDC nennt für Puumala weniger als 0,1 bis 0,4 Prozent. Das entspricht unter 1 bis 4 Todesfällen pro 1000 Erkrankten.Letalität: Für Hantavirus-pulmonales Syndrom werden häufig rund 35 bis 40 Prozent genannt; je nach Ausbruch/Versorgung entspricht das etwa 350 bis 400 Todesfällen pro 1000 Erkrankten.
Mensch zu Mensch: Für die in Europa prävalenten Typen wird eine solche Übertragung nicht beobachtet.Mensch zu Mensch: Beim Andes-Virus gut dokumentiert, vor allem bei engem Kontakt in Familie, Pflege oder medizinischer Versorgung während der Frühphase der Erkrankung.
Therapie: keine spezifisch zugelassene antivirale Standardtherapie; supportive Behandlung, Flüssigkeitsbilanz, Kontrolle der Nierenfunktion, ggf. Dialyse.Therapie: keine spezifische Standardtherapie; frühzeitige Intensivmedizin, Sauerstoff/Beatmung, Kreislaufunterstützung, ggf. ECMO in spezialisierten Zentren.

Warum Baden-Württemberg immer wieder Hantavirus-Land ist

Baden-Württemberg gehört zu den deutschen Regionen, in denen Puumala-Infektionen besonders ins Gewicht fallen können. Der ökologische Grund ist unspektakulär, aber wirksam: Rötelmäuse profitieren nach sogenannten Buchenmastjahren von einem reich gedeckten Nahrungsangebot. Wachsen im Folgejahr viele Rötelmäuse heran, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen beim Arbeiten im Wald, Garten, Schuppen, Keller oder Holzlager mit kontaminiertem Staub in Kontakt kommen. Die Fallzahlen schwanken deshalb stark von Jahr zu Jahr.

Das Umweltbundesamt veröffentlicht inzwischen eine jährliche Hantavirusprognose für Puumala-Erkrankungen. Sie modelliert vor allem für den Westen und Südwesten Deutschlands das erwartete Risiko. Die > Risikokarte < wird jährlich im Herbst für das Folgejahr aktualisiert. Das ist für die medizinische Praxis und für Gesundheitsämter relevant, weil Hantavirus bei Fieber, starken Kopf- oder Rückenschmerzen, auffälligen Blutplättchenwerten und Nierenwerten in Risikogebieten früh mitgedacht werden sollte.

Wie eine Infektion in Deutschland typischerweise entsteht

Das typische Szenario ist nicht der direkte Mäusekontakt, sondern eine Staubexposition. Wer trockene Mäuseköttel wegfegt, alte Nester entfernt, Holz umschichtet, Gartenhäuser ausräumt oder in Scheunen arbeitet, kann virushaltige Partikel einatmen. Auch der direkte Kontakt kontaminierter Hände mit Mund oder Nase ist möglich. Bisse sind beschrieben, spielen aber im Alltag eine geringere Rolle. Haustiere gelten nicht als eigentliche Reservoirwirte; sie können aber tote oder lebende Mäuse in die Nähe des Menschen bringen.

Für Deutschland ist entscheidend: Erkrankte Personen mit Puumala-Infektion gelten nach aktuellem Wissensstand nicht als ansteckend. Wenn mehrere Menschen im gleichen Haushalt oder Betrieb erkranken, spricht das eher für eine gemeinsame Exposition – etwa denselben kontaminierten Schuppen – als für eine Weitergabe von Mensch zu Mensch.

Das Andes-Virus: der gefährliche Sonderfall

Das Andes-Virus ist ein südamerikanisches Neuwelt-Hantavirus. Es kommt vor allem in Argentinien und Chile vor und ist mit dem Hantavirus-kardiopulmonalen Syndrom verbunden. Die Erkrankung beginnt häufig unspezifisch mit Fieber, Muskel- und Kopfschmerzen, Übelkeit oder Bauchbeschwerden. Kritisch wird die kardiopulmonale Phase: Flüssigkeit tritt in die Lunge aus, die Sauerstoffversorgung bricht ein, der Kreislauf kann versagen. Ohne rasche intensivmedizinische Versorgung ist die Prognose schlecht.

Der entscheidende Unterschied zu Puumala liegt nicht nur in der Schwere, sondern im Übertragungsmuster. Wie andere Hantaviren wird Andes primär über infizierte Nagetiere übertragen. Anders als Puumala kann Andes aber unter bestimmten Bedingungen auch direkt zwischen Menschen übertragen werden. Genomische Untersuchungen argentinischer Cluster stützen, dass enge Kontakte in der Frühphase der Erkrankung eine Rolle spielen können. Das macht Andes aus infektiologischer Sicht besonders relevant, auch wenn solche Ereignisse selten bleiben.

Behandlung: frühes Erkennen ist wichtiger als ein Wundermittel

Für Puumala wie Andes gibt es keine breit etablierte, spezifisch zugelassene antivirale Therapie, die eine Infektion zuverlässig stoppt. Die Behandlung ist deshalb vor allem unterstützend – aber keineswegs passiv. Bei Puumala stehen Flüssigkeitssteuerung, Blutdruck, Elektrolyte und Nierenfunktion im Vordergrund; schwere Verläufe können Dialyse erfordern. Beim Andes-Virus zählt jede Stunde: Patienten mit beginnender Atemnot oder Kreislaufinstabilität gehören in erfahrene intensivmedizinische Behandlung. In schweren Fällen können Beatmung, vasoaktive Medikamente und extrakorporale Verfahren notwendig werden.

Für die Praxis heißt das: Der wichtigste therapeutische Schritt ist oft die rechtzeitige Verdachtsdiagnose. Wer nach relevanter Nagetierexposition Fieber, starke Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen, Sehstörungen, Blutungszeichen, Luftnot oder auffällige Nierenwerte entwickelt, sollte ärztlich abgeklärt werden und die Exposition aktiv erwähnen.

Hier können Sie ein RKI-Merkblatt mit Informationen zur Vermeidung von Hantavirus-Infektionen (PDF-Datei mit 0,5 MB) herunterladen.

So lässt sich das Risiko in Deutschland senken

  • Räume mit möglichem Mäusebefall zunächst mindestens 30 Minuten lüften und währenddessen verlassen.
  • Nicht trocken fegen oder saugen: Staub vorher mit Wasser und handelsüblichem Reinigungs- oder Desinfektionsmittel anfeuchten.
  • Einmalhandschuhe tragen; bei starker Staubbelastung gut sitzende Atemschutzmaske nutzen.
  • Mäusekot, Nistmaterial und tote Tiere feucht aufnehmen und in dicht verschlossenen Beuteln entsorgen.
  • Hände danach gründlich waschen; kontaminierte Kleidung waschen.
  • Lebensmittel und Tierfutter nagersicher lagern; Müll, Kompost und Futterstellen so sichern, dass Mäuse nicht angezogen werden.
  • Spaltmaße an Türen, Kellerfenstern und Leitungsdurchführungen schließen; Holzstapel möglichst nicht direkt am Haus lagern.
  • Bei starkem Befall professionelle Schädlingsbekämpfung einbeziehen.

Wenn Tier-Mensch-Infektionen plötzlich Menschenketten bilden

Die Medizingeschichte kennt mehrere Beispiele, in denen ein Erreger zwar aus einem Tierreservoir stammt, nach dem Sprung auf den Menschen aber auch direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. SARS-CoV-1 wurde 2002/03 als zoonotisches Coronavirus erkannt und verbreitete sich anschließend vor allem über respiratorische Übertragung zwischen Menschen. MERS-CoV hat sein wichtiges Reservoir im Dromedar, verursacht aber immer wieder Krankenhauscluster. Ebola-Viren stammen aus einem tierischen Reservoir, breiten sich in Ausbrüchen aber durch direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten Erkrankter aus. Nipah-Virus springt über Fledermäuse, kontaminierte Lebensmittel oder Zwischenwirte wie Schweine auf Menschen und kann in Bangladesh und Indien auch in Familien oder Kliniken weitergegeben werden. SARS-CoV-2 ist das prominenteste Beispiel dafür, wie aus einem mutmaßlich zoonotischen Ereignis eine effiziente Mensch-zu-Mensch-Pandemie entstehen kann.

Wichtig ist die biologische Unterscheidung: Nicht jeder Spillover (das Überschwappen bei der Virenübertragung von Tier-Mensch zu Mensch-Mensch) wird automatisch zur Epidemie. Dafür muss ein Erreger im Menschen ausreichend replizieren, in geeigneter Form ausgeschieden werden und Kontakte finden, über die er weitergegeben wird. Manche Viren schaffen nur Sackgasseninfektionen; andere verursachen kurze Cluster; wenige entwickeln eine stabile Übertragungskette.

Werden solche Ausweitungen häufiger?

Viele Fachgremien halten steigende Spillover-Risiken für plausibel. Die Gründe liegen weniger in einem einzelnen Faktor als in ihrer Kombination: Landnutzungsänderungen, Entwaldung, landwirtschaftliche Expansion, intensive Tierhaltung, Wildtierhandel, Mobilität, Klimawandel und wachsende Siedlungsräume bringen Menschen, Nutztiere, Wildtiere und deren Erreger häufiger zusammen. Die WHO betont, dass ein großer Teil neu auftretender Erreger zoonotischer Natur ist; IPBES sieht dieselben globalen Veränderungen, die Biodiversität und Klima belasten, auch als Treiber künftiger Pandemierisiken.

Das bedeutet nicht, dass jedes Hantavirus künftig plötzlich von Mensch zu Mensch übertragbar wird. Bei Puumala gibt es dafür in Europa keine Hinweise. Aber die allgemeine Lehre ist deutlich: Je häufiger Menschen mit Reservoirwirten, Zwischenwirten und kontaminierten Umgebungen in Kontakt kommen, desto mehr Gelegenheiten entstehen für Erreger, neue Übertragungswege auszuprobieren. Prävention heißt daher nicht nur Maske im Schuppen, sondern auch One Health: Humanmedizin, Veterinärmedizin, Naturschutz, Landwirtschaft und öffentliche Gesundheit müssen Risiken gemeinsam betrachten. tok

Info

Das Bundesumweltamt veröffentlicht jedes Jahr eine interaktive Deutschland-Karte mit Hantavirus-Prognosewerten, die man für jeden Stadt- und Landkreis abrufen kann. Die Prognosekarte zeigt das erwartete Risiko für Hantavirus-Infektionen im Jahr 2025 auf Landkreis- und Stadtkreisebene. Diese Einschätzungen basieren auf einem Modell, das Wetter- und Phänologiedaten berücksichtigt, um das Infektionsrisiko einzuschätzen. Die Karte finden Sie > hier <.

Eine detaillierte Übersicht der gemeldeten Hantavirus-Fälle auf Landkreisebene bietet die interaktive Karte von Proplanta. Diese ermöglicht es, die Verteilung der Fälle regional einzuordnen und zeigt, in welchen Gebieten erhöhte Infektionszahlen auftreten. Die Karte finden Sie > hier <.

Aktuelles zur Hantavirus-Situation in Deutschland lesen Sie auf der Webseite des Friedrich-Loeffler-Instituts (Bundesinstitut für Tiergesundheit). Zur FLI-Seite (in Suche auf der Startseite Hanta-Virus eingeben) gelangen Sie > hier <.

Für weitere Informationen und aktuelle Daten empfiehlt sich ein regelmäßiger Blick auf die Seiten des Robert Koch-Instituts. Zur Hantavirus-Seite des RKI gelangen Sie > hier <. tok