
Drei Passagiere des Kreuzfahrtschiffs “MV Hondius” sterben an den Folgen einer Infektion mit dem durch Mäuse übertragenen Andes-Virus, einem südamerikanischen Hantavirus-Typ. Deutsche Hantaviren durch Rötelmäuse sind vergleichsweise harmlos. Zu über 90 Prozent tödlich, aber zum Glück sehr selten ist das durch Spitzmäuse (Foto) weitergegebene Borna Disease Virus 1. Foto: creativenature.nl/stock.adobe.com
Überall lauernde Gefahr: Welche schweren Krankheiten Mäuse und Ratten durch Kot und Urin übertragen
Drei Tote, mehrere Erkrankte und das Kreuzfahrtschiff “MV Hondius” unter medizinischer Beobachtung: Dieser Hantavirus-Ausbruch hat gezeigt, wie schnell eine seltene Zoonose zur internationalen Gesundheitslage werden kann. Nach WHO-Angaben reichten die Erkrankungen von Fieber und Magen-Darm-Beschwerden bis zu rasch fortschreitender Lungenentzündung, akutem Atemnotsyndrom und Schock. Labortests zeigten: Der Erreger ist der durch Mäuse übertragene Andes-Typ des Hantavirus. Aber kann so etwas auch mit deutschen Hantaviren von der Rötelmaus passieren? Extrem tödlich, aber zum Glück selten ist das Borna Disease Virus 1 von Spitzmäusen vor allem in Bayern. Und für welche Infektionen sind die Nager sonst noch verantwortlich?
Was bei Hantaviren in Deutschland anders ist
So gefährlich und tödlich wie das südamerikanische Andes-Virus sind die mindestens neun verschiedenen, in Deutschland vorkommenden Hantaviren nicht. Die meisten Erkrankungsfälle werden durch das Puumala-Orthonavirus (PUUV) verursacht, das am häufigsten von der Rötelmaus (Myodes glareolus) übertragen wird. Die Ansteckung erfolgt typischerweise nicht durch einen Biss, sondern durch eingeatmeten Staub aus getrocknetem Kot, Urin oder Speichel infizierter Tiere. Klassische Situationen sind das Ausfegen von Schuppen, Kellern, Gartenhäusern, Holzlagern oder Dachböden nach längerer Nichtbenutzung.
Die Erkrankung heißt in Europa häufig Nephropathia epidemica: plötzliches Fieber, Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen, Übelkeit, Sehstörungen und vor allem eine vorübergehende Nierenfunktionsstörung. Manchmal merken Infizierte aber auch gar nicht, dass sie das Virus in sich tragen. Schwere Verläufe benötigen Flüssigkeitsmanagement, Überwachung, selten Dialyse. Eine ursächliche antivirale Standardtherapie gibt es nicht; behandelt wird unterstützend. Die Letalität beim Puumala-Virus liegt nach ECDC typischerweise unter 0,1 bis 0,4 Prozent – sehr viel niedriger als bei amerikanischen Hantavirus-Lungensyndromen, wo 35 bis 40 Prozent der Infizierten sterben.
Baden-Württemberg gehört innerhalb Deutschlands zu den Hantavirus-Schwerpunktregionen. Das Risiko schwankt stark von Jahr zu Jahr, weil Buchenmastjahre die Rötelmausbestände ansteigen lassen. Besonders betroffen sind nach Angaben des Landes häufig Regionen mit Buchenwald und Schwerpunkte entlang der Schwäbischen Alb; ältere Landesauswertungen nennen Tübingen und Reutlingen als zentrale Endemiegebiete. Typisch für Baden-Württemberg ist also nicht die Ratte im Hafen, sondern die Rötelmaus in Waldnähe, Garten, Holzlager und Nebengebäude.
Leptospirose: Todesgefahr durch Tierurin
Medizinisch ebenfalls wichtig ist die Leptospirose. Leptospiren sind Bakterien, die mit dem Urin infizierter Tiere ausgeschieden werden; Ratten gelten weltweit als besonders relevante Reservoirtiere, aber auch Mäuse, Hunde, Nutz- und Wildtiere kommen infrage. Menschen infizieren sich über verletzte Haut, aufgeweichte Haut oder Schleimhäute, wenn sie mit kontaminiertem Wasser, Schlamm, Erde oder Tierurin in Kontakt kommen.
In Deutschland meldet das RKI seit 2000 jährlich 37 bis 166 Fälle, oft im Inland erworben. Nach einer Inkubationszeit von meist etwa einer bis zwei Wochen treten Fieber, Schüttelfrost, starke Kopf- und Muskelschmerzen auf; schwere Formen können Leber- und Nierenversagen, Hirnhautentzündung, Lungenblutungen und Schock verursachen.
Die Erkrankung ist antibiotisch behandelbar, vor allem bei frühem Beginn. Doxycyclin, Penicilline oder Cephalosporine werden je nach Schweregrad eingesetzt. Schwere Verläufe brauchen Intensivmedizin. Unbehandelt kann die Letalität deutlich steigen, bei schwerer Weil-Krankheit werden international ein- bis zweistellige Prozentwerte beschrieben, bei Lungenblutung ist die Sterberate höher.
Tularämie (Hasenpest): Früher Therapiebeginn erspart viel Leid
Tularämie, die sogenannte Hasenpest, wird in Deutschland meist mit Hasen und Kaninchen verbunden, kann aber auch über andere Nagetiere, Zecken, Bremsen, kontaminiertes Wasser, Lebensmittel oder Aerosole übertragen werden. Der Erreger Francisella tularensis ist hochinfektiös. Nach Kontakt mit einem infizierten Tier entstehen häufig Fieber, ein lokales Geschwür und schmerzhafte Lymphknotenschwellungen; nach Einatmen kann eine schwere Lungenform auftreten. Mensch-zu-Mensch-Übertragungen spielen praktisch keine Rolle.
Die Erkrankung ist mit geeigneten Antibiotika behandelbar; wichtig ist der frühe Therapiebeginn. Ohne Behandlung können Verläufe langwierig und gefährlich sein, je nach Unterart und Infektionsweg.
LCMV: Besonders für Schwangere gefährlich
Das Lymphozytäre-Choriomeningitis-Virus ist seltener, aber für Schwangere besonders relevant. Natürlicher Wirt ist die Hausmaus; auch Heimnager können eine Rolle spielen, wenn sie infiziert sind. Die Übertragung erfolgt über Ausscheidungen, Speichel oder Aerosole.
Viele Infektionen bleiben mild oder grippeähnlich, möglich ist aber eine aseptische Meningitis. In der Schwangerschaft kann eine fetale Infektion schwere Fehlbildungen, Augen- und Hirnschäden oder Fehlgeburten verursachen. Eine spezifische antivirale Therapie oder Impfung gibt es nicht; behandelt wird unterstützend.
Borna Disease Virus 1: Selten, aber über 90 Prozent der Infizierten sterben
Das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) ein zoonotischer Erreger, der beim Menschen eine schwere, meist tödlich verlaufende Gehirnentzündung (Enzephalitis) verursachen kann. Früherkennung und Impfung? Fehlanzeige. Therapie? Nicht spezifisch. Besonders betroffen sind ländliche Regionen in Bayern, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und benachbarten Landesteilen, in denen das Virus endemisch vorkommt. Die Letalität liegt bei über 90 bis 100 Prozent! Jährlich sterben fünf bis zehn Menschen in Deutschland an einer Bornavirus-Infektion.
Das Hauptreservoir von BoDV-1 ist die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon), die das Virus über Urin, Kot und Speichel ausscheidet, selbst jedoch keine Krankheitssymptome zeigt. Die Übertragung auf den Menschen erfolgt vermutlich durch indirekten Kontakt mit kontaminierten Materialien oder Aerosolen, beispielsweise beim Reinigen von Schuppen oder Gartenhütten. Ein direkter Kontakt mit den Tieren ist nicht erforderlich. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung wurde bisher nicht nachgewiesen. Es können auch andere Tiere infiziert werden. Bei Igeln, Schafen und Pferden zum Beispiel endet die Infektion ebenfalls oft tödlich. Katzenhalter sind in der Vergangenheit immer wieder an den Folgen der Bornavirus-Attacken erkrankt und verstorben. Aber hier ist wohl nicht die Katze selbst der Überträger, sondern die tote Spitzmaus, die der Schmusetiger ins Haus geschleppt hat.
Rattenbissfieber und Wundinfektionen: Hier wird der Tetanusschutz wichtig
Nach Rattenbissen oder -kratzern drohen bakterielle Wundinfektionen und das Rattenbissfieber, meist durch Streptobacillus moniliformis. Typisch sind Fieber, Ausschlag, Gelenkschmerzen und manchmal wiederkehrende Beschwerden.
Die Infektion ist antibiotisch gut behandelbar, kann unbehandelt aber schwere Komplikationen verursachen. Jeder Rattenbiss sollte deshalb gründlich gereinigt, ärztlich beurteilt und der Tetanusschutz geprüft werden.
Weitere und teils tödliche Erreger bedrohen vor allem Immungeschwächte
Mäuse und Ratten können außerdem Lebensmittel oder Oberflächen mit Salmonellen, Campylobacter oder anderen Darmkeimen verunreinigen. Typisch sind Durchfall, Bauchkrämpfe, Übelkeit und Fieber; gefährdet sind Säuglinge, ältere Menschen, Schwangere und Immungeschwächte. Auch Kuhpockenviren wurden in Europa wiederholt über Heimratten beschrieben: meist entstehen lokale Hautläsionen, bei Immunschwäche können schwere Verläufe auftreten.
Die historische Pest ist zwar klassisch mit Ratten und Flöhen verbunden, kommt in Deutschland aber nicht endemisch vor; sie ist vor allem eine Reise- und Importdiagnose und bei schneller Behandlung antibiotisch therapierbar.
So können uns Mäuse krank machen
| Erreger/Krankheit | Reservoir/Überträger | Übertragungsweg | Symptome/Schwere | Therapie/Impfung |
|---|---|---|---|---|
| Puumala-Hantavirus / Nephropathia epidemica | Rötelmaus; in Deutschland wichtigster Hantavirus-Träger | Aerosole aus Kot, Urin, Speichel; Staub in Schuppen/Kellern/Holzlagern | Fieber, Kopf-/Rückenschmerz, Übelkeit, Nierenschaden; schwere Verläufe mit Klinik/Dialyse selten | Keine spezifische antivirale Therapie; keine Routineimpfung; supportive Behandlung |
| Leptospirose / Weil-Krankheit | Ratten, Mäuse, Hunde, Nutz- und Wildtiere | Urin in Wasser/Schlamm; Eintritt über Wunden, aufgeweichte Haut, Schleimhäute | Fieber, Myalgien; schwer: Leber, Niere, Meningitis, Lungenblutung, Schock | Antibiotika früh; keine Human-Routineimpfung in Deutschland |
| Tularämie | Hasen/Kaninchen, Nagetiere; auch Zecken/Bremsen | Tierkontakt, Biss/Stich, kontaminiertes Wasser/Lebensmittel, Staub/Aerosole | Fieber, Ulkus, Lymphknoten; pneumonische/septische Formen möglich | Antibiotika; keine allgemeine Impfung verfügbar |
| LCMV | Hausmaus; selten Heimnager | Ausscheidungen/Speichel/Aerosole, Biss möglich | Meist mild; aseptische Meningitis; hohes Risiko für Fetus bei Schwangerschaft | Keine spezifische Therapie/Impfung; supportive Behandlung |
| Rattenbissfieber | Ratten, seltener Mäuse | Biss/Kratzer, Speichelkontakt | Fieber, Exanthem, Gelenkschmerzen; unbehandelt Komplikationen | Antibiotika, Tetanusschutz prüfen; keine Impfung |
| Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) | Feldspitzmaus | Urin, Kot und Speichel, vermutlich indirekter Kontakt mit kontaminierten Materialien oder Aerosolen | Über 90 Prozent der Infektionen in Deutschland verlaufen tödlich (jährlich sterben fünf bis zehn Menschen), anfangs Symptome wie Fieber und Kopfschmerzen, dann neurologische Symptome wie Sprach- und Gangstörungen, Gehirnentzündung (Enzephalitis) und Koma | Antivirale und immunsuppressive Therapien, deren Wirksamkeit jedoch nicht belegt ist: keine Impfung |
| Salmonellen/Campylobacter u.a. | Nager als Kontaminationsquelle | Verunreinigte Lebensmittel, Küchenflächen, Futter | Durchfall, Fieber; Risiko bei vulnerablen Gruppen | Flüssigkeit; Antibiotika nur selektiv; keine Nager-spezifische Impfung |
Keine zugelassenen Impfungen
Gegen die in Deutschland direkt durch Mäuse oder Ratten typischerweise relevanten Infektionen gibt es für die Allgemeinbevölkerung praktisch keine Standardimpfung: keine zugelassene Routineimpfung gegen Hantavirus, Leptospirose, LCMV, Rattenbissfieber oder Tularämie. Eine Ausnahme im weiteren Nagetier-Ökosystem ist FSME: Nagetiere sind wichtige Wirte im Naturkreislauf, übertragen wird das Virus aber durch Zecken. Gegen FSME empfiehlt die STIKO die Impfung für Personen in Risikogebieten mit Zeckenexposition – Baden-Württemberg ist hierbei besonders relevant. Wichtig: Diese Impfung schützt nicht vor dem Hantavirus.
Stark eingeschränkte Therapierbarkeit bei Vireninfektionen
Bakterielle Erkrankungen wie Leptospirose, Tularämie und Rattenbissfieber sind grundsätzlich antibiotisch behandelbar, benötigen aber frühe Diagnostik.
Virale Erkrankungen wie Puumala-Hantavirus und LCMV sind dagegen nicht ursächlich heilbar; hier stehen Überwachung, Flüssigkeitshaushalt, Schmerz- und Fieberkontrolle, Nieren- beziehungsweise Atemunterstützung und Komplikationsmanagement im Vordergrund. Auch bei Hantavirus-Fällen gilt: Nicht „aussitzen“, sondern bei Fieber plus möglicher Nagerexposition ärztlich abklären lassen, insbesondere bei Rückenschmerz, vermindertem Urin, Atemnot oder Kreislaufproblemen.
Prävention beginnt mit der Sauberkeit
Der wichtigste Schutz vor Infektionen durch Mäuse und Ratten und andere Überträger ist Sauberkeit und beginnt schon vor dem Putzen. Räume mit möglichem Mäuse- oder Rattenbefall erst lüften, dann Kot, Nester und Staub nicht trocken aufwirbeln. Kein Staubsauger, kein Besen, kein Laubbläser. Stattdessen Einmalhandschuhe, möglichst FFP2-Maske, lange Kleidung und bei viel Material Schutzbrille tragen. Ausscheidungen mit Desinfektionsmittel oder Haushaltsreiniger anfeuchten, einwirken lassen und mit feuchten Tüchern aufnehmen.
Tote Tiere nur mit Handschuhen oder Werkzeug aufnehmen, in doppelten Beuteln entsorgen und Hände gründlich waschen. Lebensmittel und Tierfutter gehören in dicht schließende Behälter; Mülltonnen sollten geschlossen sein.
Eintrittsstellen abdichten: Spalten an Türen, Rohrdurchführungen, Lüftungen und Fundamentfugen, bei Mäusen reichen sehr kleine Öffnungen. Holzstapel, Gerümpel und dichte Vegetation direkt am Haus fördern Verstecke. Bei starkem Befall sollte professionelle Schädlingsbekämpfung hinzugezogen werden.
Wie erkennt man Spuren von Mäusen und Ratten?
Hinweise auf Mäuse oder Ratten sind schwarze Kotkügelchen, Uringeruch, schmierige Laufspuren an Wänden, Nagespuren an Kabeln, Verpackungen oder Holz, raschelnde Geräusche in Wänden oder Decken, Nester aus Papier, Dämmmaterial oder Stoff sowie Pfotenabdrücke im Staub. Mäusekot ist meist klein und spindelförmig, Rattenkot größer und stumpfer. Besonders riskant sind geschlossene Räume, in denen Kot austrocknen und beim Reinigen als Staub aufgewirbelt werden kann. tok