
Rund 407.000 Menschen mit Adipositas sind bei der AOK Baden-Württemberg versichert. In den vergangenen Jahren hat die Erkrankung kontinuierlich zugenommen. Jetzt hat die AOK einen wissenschaftlich fundierten Online-Coach für Menschen mit Adipositas freigeschaltet. Foto: Kanjana/stock.adobe.com
Schrittweise Lebensstil ändernn: AOK startet kostenlosen Online-Coach für Menschen mit Adipositas
Die AOK Baden-Württemberg hat im Vorfeld des Welt-Adipositas-Tages am 4. März einen wissenschaftlich fundierten Online-Coach für Menschen mit Adipositas freigeschaltet. Er informiert in elf Modulen über die Hintergründe der Erkrankung und vermittelt Strategien, wie Betroffene ihren Lebensstil schrittweise verändern und ihr Körpergewicht langfristig senken können.
Interaktive Lernelemente und praktische Übungen
Der neue Online-Coach bietet neben leicht verständlichen Informationen praktische Übungen zur Selbstreflexion und interaktive Lernelemente zu den Themen Ernährung, Bewegung, Verhaltensänderung, Motivation, Stressmanagement und Entspannung. Das Programm kann eine ärztliche oder therapeutische Beratung nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen.
„Moderne Adipositas-Therapie ist mehr als Gewichtsreduktion. Das spiegelt sich auch im Online-Coach der AOK wider“, sagt Prof. Dr. Claudia Luck-Sikorski, Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie am Campus Gera der SRH University. „Das Programm hilft den Nutzerinnen und Nutzern, kleine Schritte in Richtung von mehr Lebensqualität und Wohlbefinden zu machen“, betont die an der Entwicklung des Coaches beteiligte Expertin.
Die Nutzer werden von fünf Menschen mit Adipositas durch das Programm begleitet, die von ihren Erfahrungen mit der Erkrankung berichten. Zudem kommt in dem Programm die von der Hamburger Psychologieprofessorin Gabriele Oettingen entwickelte WOOP-Methode zur Selbstmotivation bei Änderungen des Lebensstils zum Einsatz, die sich in Studien als wirksam erwiesen hat. Alltagstaugliche Empfehlungen zu Ernährung und Bewegung helfen den Betroffenen, realistische Ziele zu entwickeln und diese Ziele Schritt für Schritt zu erreichen.
Was ist Adipositas?
Der medizinische Fachbegriff für krankhaftes Übergewicht lautet Adipositas. Dabei lagert der Körper über das normale Maß hinaus Fettgewebe ein. Adipositas ist eine komplexe Erkrankung. Sie resultiert nicht ausschließlich aus einer Schwäche oder Unfähigkeit, sich beim Essen zurückzuhalten oder sich ausreichend zu bewegen. Es handelt sich um eine chronische Krankheit, die aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren entsteht, die Sie in diesem Online-Coach schrittweise kennenlernen.
Adipositas entsteht in den allermeisten Fällen nicht aufgrund einer einzigen Ursache, sondern durch eine Kombination verschiedener Faktoren. Grundsätzlich spielt bei der Entstehung von Adipositas ein Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch eine Rolle: Wer dauerhaft mehr Kalorien zu sich nimmt, als er verbraucht, nimmt zu. Der Körper speichert diesen Energieüberschuss in Form von Fett, wodurch das Gewicht ansteigt.
Ob man als übergewichtig oder adipös eingestuft wird, kann man mit Hilfe des Body-Mass-Index (BMI) berechnen. Grundsätzlich gilt: Liegt der BMI bei 30 oder darüber, spricht man von Adipositas.
Interaktive Lernelemente und praktische Übungen
Der neue Online-Coach bietet neben leicht verständlichen Informationen praktische Übungen zur Selbstreflexion und interaktive Lernelemente zu den Themen Ernährung, Bewegung, Verhaltensänderung, Motivation, Stressmanagement und Entspannung. Das Programm kann eine ärztliche oder therapeutische Beratung nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen. „Moderne Adipositas-Therapie ist mehr als Gewichtsreduktion. Das spiegelt sich auch im Online-Coach der AOK wider“, sagt Prof. Dr. Claudia Luck-Sikorski, Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie am Campus Gera der SRH University. „Das Programm hilft den Nutzerinnen und Nutzern, kleine Schritte in Richtung von mehr Lebensqualität und Wohlbefinden zu machen“, betont die an der Entwicklung des Coaches beteiligte Expertin.
Die Nutzer werden von fünf Menschen mit Adipositas durch das Programm begleitet, die von ihren Erfahrungen mit der Erkrankung berichten. Zudem kommt in dem Programm die von der Hamburger Psychologieprofessorin Gabriele Oettingen entwickelte WOOP-Methode zur Selbstmotivation bei Änderungen des Lebensstils zum Einsatz, die sich in Studien als wirksam erwiesen hat. Alltagstaugliche Empfehlungen zu Ernährung und Bewegung helfen den Betroffenen, realistische Ziele zu entwickeln und diese Ziele Schritt für Schritt zu erreichen.
Rund 407.000 AOK-Versicherte im Südwesten mit Adipositas-Diagnose
Die Diagnose Adipositas wird bei starkem Übergewicht und einem Body-Mass- Index von mindestens 30 kg/m² gestellt. Auch in Baden-Württemberg ist Adipositas weit verbreitet: Bei den AOK-Versicherten im Südwesten lag die Prävalenz im Jahr 2024 bei 8,97 Prozent – das entspricht rund 407.000 Betroffenen. In den vergangenen Jahren hat die Erkrankung kontinuierlich zugenommen: Von 2020 bis 2024 stieg die Prävalenz um durchschnittlich 1,46 Prozent pro Jahr.
Die medizinischen Grundlagen sowie die didaktische Gestaltung des Online-Coaches wurden vonE xperten aus den Bereichen Verhaltens- und Moti-vationspsychologie, Medizin, Sport- und Ernährungswissenschaft in Zusammenarbeit mit einem interdisziplinär besetzten Team der AOK entwickelt. Dabei sind auch die relevanten Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften berücksichtigt worden.
Marsic: Neben individueller Hilfe auch Verhältnisprävention stärken
„Wir wollen an Adipositas erkrankte Menschen durch ein wissenschaftlich fundiertes Programm unterstützen“, betont Gordana Marsic, Mitglied des Vorstands bei der AOK Baden-Württemberg. Neben der individuellen Hilfe für betroffene Patienten brauche es aber auch ein stärkeres Engagement der Politik zur Stärkung der Verhältnisprävention, um die weitere Ausbreitung von Adipositas zu verhindern.
„Der Schlüssel zur Eindämmung von Adipositas sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die eine gesunde Ernährung fördern und die gesunde Wahl zur einfacheren Wahl machen“, so Marsic. Der Public Health Index habe erst kürzlich gezeigt, dass Deutschland beim Thema Präventionspolitik noch viel Nachholbedarf habe.
Adipositas-Onlinecoach für alle kostenlos nutzbar
Der Online-Coach Adipositas ist für alle Interessierten kostenlos nutzbar. Auf Wunsch können sich die Nutzer registrieren, damit ihre Fortschritte und Eingaben, zum Beispiel bei Übungen oder Wissenstests, im Coach gespeichert werden. Mit dem neuen Programm ergänzt die AOK ihr bereits be-stehendes Angebot von Online-Coaches.
So gibt es bereits Programme zu den Indikationen Diabetes und Bluthochdruck. Außerdem bietet die AOK mit den Familiencoaches praktische Hilfe zur Selbsthilfe, um betroffene Angehörige optimal zu unterstützen. Die Familiencoaches gibt es zu den Themen Krebs, ADHS, Kinderängste, Depression und Pflege. pm
Info
Hier gelangen Sie zum AOK-Online-Coach Adipositas: aok.de/online-coach-adipositas
Hier gibt es eine Übersicht der Online-Coaches der AOK: aok.de/einfachehilfe
Informationen zur AOK Baden-Württemberg unter www.aok.de/bw

Ursachen und Anerkennung von Adipositas als Krankheit
Für Adipositas lassen sich mehrere Ursachen identifizieren. Dazu zählen unter anderem:
- Ungesunde Ernährung, zum Beispiel viel Fast Food, stark verarbeitete Lebensmittel sowie zuckerhaltige Getränke und Snacks
- Ungesundes Essverhalten, zum Beispiel. ständige Verfügbarkeit von Nahrung mit vielen Mahlzeiten und oftmals zu großen Portionen
- Bewegungsmangel
- Sozioökonomische Risikofaktoren und Umweltfaktoren, zum Beispiel Armut, Schichtarbeit
- Familiäre genetische Veranlagung
- Psychische Belastungen, Schlafmangel und Stress
- Psychische Erkrankungen, zum Beispiel Essstörungen und Depressionen
- Medikamente, zum Beispiel Antidepressiva, Insulin, Betablocker und Kortison
- Vorliegen von Adipositas-fördernden Erkrankungen, zum Beispiel Schilddrüsenunterfunktion oder Cushing-Syndrom (selten)
- Selten: Genetische Erkrankungen, zum Beispiel Prader-Willi‑, Bardet-Biedl- und Alström-Syndrom
- Bewegungseinschränkungen (Immobilisierung)
- übermäßige Gewichtszunahme bei Schwangerschaft
Die genetische Veranlagung kann man nicht beeinflussen, wohl aber das Ernährungs-, Schlaf- und Bewegungsverhalten. Entscheidend ist deshalb, dass man die veränderbaren Faktoren schrittweise angeht und dort aktiv wird, wo es möglich ist.
Lange Zeit wurde Adipositas nicht als eigenständige Erkrankung, sondern lediglich als Risikofaktor für andere Krankheiten, angesehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Adipositas jedoch bereits im Jahr 2000 offiziell als Krankheit anerkannt. In Deutschland erfolgte diese Anerkennung erst zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2020. Diese Einstufung war ein wichtiger Schritt für die gezielte Prävention und Behandlung von Adipositas.
Folgeerkrankungen oft unterschätzt
Wer Adipositas als kosmetisches oder Lifestyle-Problem abtut, verkennt die Gefahren, die die zahlreichen Folge- und Begleiterkrankungen dieser komplexen Krankheit für die Betroffenen mitbringen. Zuallererst ist Adipositas für Betroffene jeden Alters der stärkste und wichtigste Risikofaktor für Typ-2-Diabetes, da überschüssiges Fett die Insulinwirkung beeinflusst, zu Insulinresistenz führt und damit die Blutzuckerregulation beeinträchtigt. Dieses Risiko steigt mit jedem Kilogramm Übergewicht: Etwa 80 bis 90 Prozent aller neu diagnostizierten Typ-2-Diabetes-Fälle treten bei Menschen mit Übergewicht auf.
Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen zählen ebenfalls zu den möglichen Folgen der Adipositas, was wiederum das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten wie koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Schlaganfall erhöht. Auch die obstruktive Schlafapnoe ist oft eine Folge des Übergewichts. Sie tritt bei Adipositas mehr als dreimal häufiger auf als bei Menschen mit Normalgewicht. pm/tok