Löcher im Zahn und schwindendes Zahnfleisch – schädliche Bakterien finden im Mund ideale Lebensbedingungen, wenn die Mundhygiene nicht ernsthaft und gründlich mindestens zweimal am Tag betrieben wird. Das Problem dabei: Diese Entzündungs- und Infektionskrankehiten im Mundraum können das Risikio für Schlaganfälle und Herz-Kreislauf-Probleme steigen. Foto: Artem – KI-generiert/stock.adobe.com

Parodontitis und Karies können Schlaganfälle und Herz-Kreislauf-Ereignisse begünstigen

Zähne putzen? Banales Zeug. Kann man schon mal auslassen. Oder? Parodontitis und Karies gehören weltweit zu den häufigsten chronischen Entzündungs- und Infektionskrankheiten im Mundraum. Beide Erkrankungen stehen im Verdacht, systemische Entzündungsprozesse zu fördern und damit das Risiko für Herz‑Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle zu erhöhen. Eine Studie zeigt nun auf einen Zusammenhang von diesen Erkrankungen und einer schlechten Mundhygiene hin.

Diese große US‑Kohortenstudie untersuchte, ob die Kombination aus Parodontitis und Karies ein besonders hohes Risiko für ischämische Schlaganfälle und kardiovaskuläre Ereignisse mit sich bringt. Die Ergebnisse, so das DeutschesGesundheitsPortal (DGP), sprechen für einen deutlichen Zusammenhang – auch wenn ein kausaler (ursächlicher) Effekt nicht abschließend belegt werden kann.

Paradontitis ist eine Volkskrankheit

Zusammen mit ihrer Vorstufe Gingivitis, auch Zahnfleischentzündung genannt, ist Parodontitis die häufigste Krankheit überhaupt. Übeltäter sind Bakterien, die sich auf den Zähnen ablagern. Sie lösen die Befestigung des Zahnfleisches am Zahn und führen zum Abbau des Kieferknochens, bis sich die Zähne lockern und schließlich ausfallen. Auslöser kann beispielsweise schlechte Mundhygiene sein, aber auch Rauchen, Diabetes und Veranlagung erhöhen das Risiko. Werden die Beläge nicht entfernt, gelangen Bakterien und ihre Produkte ins Gewebe. Bei anfälligen Personen wird die Entzündung chronisch, das Zahnfleisch löst sich vom Zahn und bildet Taschen.

Die Mehrheit der Erwachsenen ist von Parodontitis betroffen. Rund 14 Millionen Menschen in Deutschland haben sogar eine schwere Parodontalerkrankung. Die chronische Entzündung belastet Körper und Organe. Diabetes und Parodontitis beeinflussen sich bidirektional, verstärken sich gegenseitig. Die chronische Entzündung des Zahnfleisches kann die Blutzuckerkontrolle beeinträchtigen und somit die Diabetes-Symptome verschlimmern. Die Bakterien, die Parodontitis verursachen, können über die Atemwege in die Lunge gelangen und dort Infektionen auslösen oder bestehende Atemwegserkrankungen verschlimmern. Besonders bei älteren Menschen und Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen wie COPD kann dies zu schwerwiegenden Komplikationen führen.

Über die Zahnfleischtaschen gelangen Mundbakterien und Entzündungsstoffe in den Blutkreislauf und können so auch Probleme in anderen Regionen des Körpers auslösen. Es gibt Hinweise darauf, dass Parodontitis das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen kann. Insbesondere Mundhöhlen- und Rachenkrebs sind mit schlechter Zahngesundheit assoziiert. Studien deuten darauf hin, dass die durch Parodontitis verursachten Entzündungsmediatoren die Krebsentstehung und -progression begünstigen können.

Karies – mehr als nur ein Loch im Zahn

Karies gilt vielen als lästiges, aber harmloses Alltagsproblem. Medizinisch betrachtet ist Karies jedoch mehr als eine lokale Zahnerkrankung. Sie ist eine chronische bakterielle Infektion, die – unbehandelt – Auswirkungen auf den gesamten Körper haben kann. Karies entsteht durch ein Ungleichgewicht im Mund: Bestimmte Bakterien bauen Zucker ab und produzieren dabei Säuren, die den Zahnschmelz angreifen. Wird dieser Prozess nicht gestoppt, dringen die Bakterien immer tiefer vor – bis ins Zahninnere. Spätestens dann bleibt es nicht mehr bei Zahnschmerzen.

Unbehandelte Karies kann zu Entzündungen des Zahnmarks, zu Abszessen oder sogar zu Infektionen des Kieferknochens führen. Solche Komplikationen sind medizinisch ernst zu nehmen und erfordern oft Antibiotika oder chirurgische Eingriffe. In seltenen Fällen können sich Infektionen auch auf umliegende Weichteile ausbreiten. Ist ein Zahn stark entzündet, können Bakterien aus dem Mund zeitweise in die Blutbahn gelangen. Mediziner sprechen von einer Bakteriämie. Der Körper reagiert darauf mit einer Immunantwort – ein Prozess, der die allgemeine Entzündungsbelastung erhöht. Gerade bei Menschen mit Vorerkrankungen kann das relevant werden. So gelten orale Bakterien als mögliche Mitspieler bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie wurden in Ablagerungen an Gefäßwänden nachgewiesen. Karies allein ist zwar kein direkter Auslöser für Herzinfarkt oder Schlaganfall, kann aber zur chronischen Entzündungslast beitragen.

Besonders klar ist der Zusammenhang bei der infektiösen Endokarditis, einer seltenen, aber gefährlichen Entzündung der Herzinnenhaut. Bei Risikopatienten – etwa mit künstlichen Herzklappen – kann eine unbehandelte Zahninfektion das Risiko erhöhen. Deshalb legen Ärzte hier großen Wert auf gesunde Zähne.

Auch bei Diabetes spielt die Mundgesundheit eine Rolle. Chronische Entzündungen können die Blutzuckerkontrolle erschweren. Und bei älteren oder pflegebedürftigen Menschen können orale Keime das Risiko für Atemwegsinfektionen erhöhen, etwa durch Einatmen von Bakterien.

US-Studie vertieft frühere Erkenntnisse

Parodontitis und Karies sind zwei unterschiedliche, aber häufig gemeinsam auftretende Erkrankungen. Beide können chronische Entzündungsreaktionen auslösen, die systemisch wirksam werden. Frühere Studien zeigten bereits Zusammenhänge zwischen Parodontitis beziehungsweise Karies und Schlaganfällen. Die vorliegende Analyse der Atherosclerosis Risk in Communities (ARIC)-Studie untersuchte erstmals umfassend, ob die Kombination aus Parodontitis und Karies das Risiko für

  • ischämische Schlaganfälle,
  • Schlaganfall-Subtypen (thrombotisch, kardioembolisch) und
  • schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (Herzinfarkt, kardiovaskulär bedingter Tod) erhöht.

Zudem wurde geprüft, ob regelmäßige Zahnarztbesuche mit besserer Mundgesundheit und geringerem Risiko einhergehen.

Die Studie schloss 5986 Erwachsene (Durchschnittsalter 63 Jahre, 52 % weiblich) ein, die zwischen 1996 und 1998 eine umfassende zahnmedizinische Untersuchung erhielten. Die Nachbeobachtung dauerte bis 2019 (an einem Standort bis 2017). Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen eingeteilt:

  • Gute Mundgesundheit: 1640 Personen
  • Nur Parodontitis: 3151 Personen
  • Parodontitis und Karies: 1195 Personen

Parodontitis und Karies erzeugen fast verdoppeltes Schlaganfallrisiko

Die Ergebnisse zeigen statistisch signifikante Assoziationen zwischen schlechter Mundgesundheit und einem erhöhten Schlaganfallrisiko: Die Inzidenz ischämischer Schlaganfälle lag bei Personen mit guter Mundgesundheit bei 4,1 %, stieg bei Parodontitis auf 6,9 % und erreichte bei gleichzeitiger Parodontitis und Karies 10,0 %.

In vollständig angepassten Modellen war die Kombination aus Parodontitis und Karies mit einem erhöhten Risiko für ischämischen Schlaganfall sowie für schwerwiegende unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse verbunden. Besonders ausgeprägt war das erhöhte Risiko für thrombotische und kardioembolische Schlaganfälle.

Regelmäßige Zahnpflege verringert Risiken

Eine regelmäßige Zahnpflege war mit einem reduzierten Risiko für Parodontitis sowie für die Kombination aus Parodontitis und Karies assoziiert. Dieser Zusammenhang könnte sowohl biologische Mechanismen als auch Verhaltens- und Lebensstilfaktoren widerspiegeln: Eine bessere Mundhygiene geht in der Regelm mit geringeren Entzündungen einher, was die systemische Immunaktivierung reduzieren kann. Zudem zeigen Personen mit guter Mundgesundheit häufiger ein präventiv ausgerichtetes Gesundheitsverhalten: Sie nehmen regelmäßig Zahnarztkontrollen wahr, führen einen gesünderen Lebensstil und haben oft einen besseren Zugang zu medizinischer Versorgung.

Ergebnisse zeigen Assoziationen – Kausalität muss weiter untersucht werden

Trotz Adjustierung für zahlreiche kardiovaskuläre und sozioökonomische Einflussfaktoren kann ein verbleibender Einfluss des allgemeinen Gesundheitsverhaltens nicht ausgeschlossen werden. Ob die Mundgesundheit das Schlaganfallrisiko kausal beeinflusst, sollte in weiteren Studien untersucht werden – insbesondere mithilfe kausaler Inferenzmethoden beziehungsweise randomisierter kontrollierter Studien zur Parodontalbehandlung.    DGP/HealthCom/tok


🦷 Merkblatt: Parodontitis – Ursachen & Therapie


🔍 Was ist Parodontitis?

Parodontitis ist eine chronische, entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates (Zahnfleisch, Fasern, Wurzelzement, Kieferknochen), die unbehandelt zum Zahnverlust führen kann.


⚠️ Ursachen:

UrsacheBeschreibung
Plaque / BiofilmBakterienbelag, Hauptauslöser der Entzündung
ZahnsteinVerhärtete Plaque, fördert Bakterienwachstum
RauchenReduziert Durchblutung und Immunabwehr
GenetikVeranlagung zu stärkerem Knochenabbau
Diabetes mellitusSchlechtere Wundheilung, erhöhte Entzündungsneigung
StressSchwächt Immunsystem, steigert Entzündungsrisiko
Mangelnde MundhygieneUnzureichende Entfernung von Plaque und Bakterien
Fehlbelastung der ZähneFalscher Biss, schlecht sitzende Füllungen/Kronen

🛠️ Therapie:

PhaseMaßnahme
DiagnoseParodontalstatus, Röntgen, Messung der Sondierungstiefen
InitialbehandlungAufklärung, Mundhygieneinstruktion, professionelle Zahnreinigung (PZR)
Subgingivale ReinigungEntfernung von Belägen unter dem Zahnfleisch (Scaling & Root Planing)
AntibiotikatherapieNur bei schwerer oder aggressiver Parodontitis
Chirurgische MaßnahmenBei tiefen Taschen: offene Kürettage, ggf. regenerativer Knochenaufbau
ErhaltungstherapieLangfristige Nachsorge mit regelmäßiger PZR alle 3–6 Monate

✅ Wichtig für den Therapieerfolg:

  • Gründliche tägliche Mundhygiene (Zahnbürste, Zwischenraumbürsten)
  • Rauchstopp
  • Gute Einstellung von Grunderkrankungen (z. B. Diabetes)
  • Teilnahme an der unterstützenden Parodontitistherapie (UPT)