Eine Nacht voller Kostüme, Kürbisse, Süßigkeiten und Horrorfilme ist für einen gesunden Menschen keine medizinische Katastrophe. Problematisch wird Halloween meist dort, wo aus dem Spiel eine Grenzüberschreitung wird, wo Challenges ausarten und bei Sonnenaufgang jeder mit schwerem Kopf im Auto nach Hause fahren will. Foto: Kurtz – KI-generiert

Horror, Hot Chips, Schlafmangel und Krötenlecken: So riskant und ungesund kann Halloween werden

Einmal im Jahr darf das Herz vor Angst schneller schlagen, Blut aus dem Mund laufen und ein Zombie neben uns an der Bushaltestelle stehen. Wir erschrecken andere, lassen uns freiwillig erschrecken, essen Berge von Süßigkeiten und bleiben viel länger wach, als es vernünftig wäre. Halloween ist für die meisten Menschen vor allem eines: Spaß. Doch hinter manchem Gruseleffekt steckt ein erstaunlich reales Gesundheitsrisiko.

Ausgerechnet die blutrote Kontaktlinse kann gefährlicher sein als das Gespenst. Eine extrem scharfe Mutprobe kann den Körper stärker beschäftigen als jeder Horrorfilm. Kerzen, Kostüme und Dunkelheit bilden eine ungünstige Kombination. Und wer bis tief in die Nacht Geister jagt, bekommt am nächsten Morgen zumindest einen wissenschaftlich gut erklärbaren Zombie-Zustand. Selbst das berühmte Lecken an einer Kröte besitzt einen realen toxikologischen Kern. Zeit also für einen medizinischen Rundgang durch die Nacht des Grauens.

Gruseln: Warum wir freiwillig Angst haben

Da steht jemand mit einer Kettensäge. Wir wissen, dass sie vermutlich nicht echt ist. Wir wissen auch, dass wir Eintritt dafür bezahlt haben, dass dieser Mensch uns verfolgt. Und trotzdem beschleunigt das Herz. Angst ist zunächst eine ausgesprochen sinnvolle Körperreaktion. Erkennt das Gehirn eine mögliche Gefahr, wird innerhalb kürzester Zeit ein ganzes Alarmprogramm aktiviert. Aufmerksamkeit und Wachheit steigen, Herz und Kreislauf reagieren, Muskeln werden auf Aktion vorbereitet.

Der Körper weiß dabei nicht automatisch, dass das Monster im „Haunted House“ nach Feierabend nach Hause fährt. Gerade dieser Widerspruch macht Freizeitgrusel wissenschaftlich interessant.

Forscher untersuchten 110 Besucher einer Horrorattraktion und zeichneten unter anderem deren Herzfrequenz auf. Das Vergnügen folgte dabei nicht einfach dem Prinzip „je mehr Angst, desto besser“. Vielmehr zeigte sich eine Art goldene Mitte: Zu wenig Angst langweilt, zu viel Angst kann unangenehm werden – dazwischen scheint ein Bereich zu liegen, in dem sich Furcht besonders gut genießen lässt.

Der entscheidende Unterschied zur wirklichen Bedrohung lautet: Wir können die Situation als grundsätzlich sicher einordnen. Das Monster darf also kommen. Solange unser Gehirn weiß, dass es ein Spiel ist.

Grafik: Kurtz – KI-generiert

Wenn der Horror nicht mehr lustig ist

Nicht jeder empfindet freiwilligen Grusel gleich. Ein drastischer Horrorfilm, eine Schreckattraktion oder ein besonders realistischer „Prank“ kann bei empfindlichen Menschen intensive Angst auslösen. Wer weiß, dass bestimmte Situationen Panik oder starke Angstreaktionen hervorrufen, muss deshalb nicht beweisen, dass er Halloween „aushält“. Vor allem sollte niemand gegen seinen Willen erschreckt oder in eine Situation gedrängt werden.

Denn genau an diesem Punkt verschwindet ein wesentlicher Bestandteil des angenehmen Gruselns: die Kontrolle.

Warum sich ein Glas nicht von Geisterhand bewegt

Das Ouija-Brett bewegt sich wirklich – nur anders als gedacht Ein Glas steht auf dem Tisch. Mehrere Finger berühren es. Jemand stellt eine Frage. Und plötzlich bewegt sich das Glas. Für einen Halloween-Abend ist kaum etwas wirkungsvoller. Dafür braucht man allerdings keinen Geist.

Die Wissenschaft kennt seit Langem den ideomotorischen Effekt. Gedanken, Erwartungen und Vorstellungen können winzige, unbewusste Muskelbewegungen auslösen. Mehrere Hände können diese Bewegungen verstärken, während die Beteiligten gleichzeitig überzeugt sein können, den Zeiger oder das Glas nicht bewusst bewegt zu haben.

Dieser Mechanismus wird ausdrücklich auch zur Erklärung der scheinbar selbstständigen Bewegung einer Ouija-Planchette herangezogen. Das Spannende daran: Die Bewegung ist nicht unbedingt vorgetäuscht. Menschen können tatsächlich das Gefühl haben, sie hätten nichts getan. Der Geist steckt dann allerdings eher in unserem Nervensystem.

Grafik: Kurtz – KI-generiert

Kröten lecken: Der bizarre Mythos hat einen giftigen Kern

Und dann wäre da noch die Kröte. Die Vorstellung, man müsse nur an einer bestimmten Kröte lecken, um einen psychedelischen Rausch zu erleben, gehört zu den hartnäckigen Kuriositäten der Popkultur. Als Halloween-Gag ist das eine ausgesprochen schlechte Idee.

Kröten besitzen Hautdrüsen, deren Sekrete der Abwehr von Fressfeinden dienen. Je nach Art enthalten sie biologisch hochaktive Substanzen. Manche Krötengifte können ähnlich wie bestimmte Herzglykoside wirken und insbesondere das Herz gefährden.

Vergiftungen mit Krötentoxinen sind medizinisch gut dokumentiert. In einer Fallserie aus Thailand traten besonders Magen-Darm-Beschwerden und verlangsamter Herzschlag auf; schwere Fälle entwickelten Schock oder Herzstillstand. Die untersuchten Vergiftungen entstanden überwiegend nach dem Verzehr von Krötenteilen und sind deshalb nicht mit einem kurzen Hautkontakt gleichzusetzen. Sie zeigen aber eindrucksvoll, dass „Krötengift“ keineswegs nur Folklore ist. Die einfache Halloween-Regel lautet daher:

  • Kröte anschauen – meinetwegen.
  • Kröte küssen – schon unnötig.
  • Kröte ablecken oder Sekrete konsumieren – lassen.

Chili-Challenge: Wenn „scharf“ zu einer medizinischen Mutprobe wird

Ein anderer Halloween-Dämon steckt nicht im Wald, sondern in der Chipstüte. Extrem scharfe Lebensmittel werden in sozialen Netzwerken seit Jahren für Mutproben eingesetzt. Verantwortlich für das Brennen von Chili ist vor allem Capsaicin. Der Stoff aktiviert Rezeptoren, die an der Wahrnehmung von Hitze und Schmerz beteiligt sind. Das Gehirn bekommt also ein ziemlich überzeugendes Feuersignal. Bei extremen Mengen kann es nicht beim brennenden Mund bleiben.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nennt unter anderem Reflux, Übelkeit, Erbrechen sowie Schmerzen in Bauch und Brust. Bei hohen Mengen können außerdem Kreislaufbeschwerden auftreten. Das BfR warnt deshalb ausdrücklich vor ungewöhnlich großen Mengen extrem scharfer Chilis und Produkte, wie sie bei Schärfewettbewerben vorkommen.

Besonders interessant: Die sieben deutschen Giftinformationszentren meldeten dem BfR für 2021 bis 2023 insgesamt 73 Anfragen mit 77 Betroffenen nach dem Verzehr capsaicinhaltiger Speisen. 37 standen im Zusammenhang mit der „Hot-Chip-Challenge“. Bis auf vier Erwachsene waren die Betroffenen Kinder oder Jugendliche. Das ist dann keine Halloween-Mutprobe mehr, sondern Toxikologie.

Info

Weitere Informationen auf der BfR-Website zum Thema Capsaicin: BfR-Stellungnahme von 2021 zu Capsaicin (PDF): Zu scharf ist nicht gesund – Lebensmittel mit sehr hohen Capsaicingehalten können der Gesundheit schaden

Grafik: Kurtz – KI-generiert

Vampiraugen mit Nebenwirkungen

Vielleicht eine der unterschätztesten Halloween-Gefahren sitzt direkt auf dem Auge. Rote Dämonenaugen. Katzenpupillen. Komplett schwarze Iris. Dekorative Kontaktlinsen können einen verblüffenden Effekt erzeugen. Aber eine Kontaktlinse bleibt eine Kontaktlinse – auch wenn sie nur zum Kostüm gehört.

Schlecht passende oder unsachgemäß verwendete Linsen können die Hornhaut verletzen. Hinzu kommen Infektionen und Hornhautgeschwüre. Die US-Gesundheitsbehörde FDA warnt bei unsachgemäß verwendeten dekorativen Kontaktlinsen ausdrücklich vor vermindertem Sehvermögen bis hin zur Erblindung.

Besonders unsinnig ist das Teilen der Linsen mit anderen Partygästen. Die CDC rät ausdrücklich davon ab. Ebenso wenig gehören Kontaktlinsen in Leitungswasser oder Speichel. Das rote Vampirauge soll schließlich nach der Party wieder verschwinden.

Schminke: Das Monster bekommt Ausschlag

Auch Kunstblut, Gesichtsschminke, Klebstoffe und andere Effektprodukte bleiben stundenlang auf der Haut. Problematisch können Inhaltsstoffe sein, auf die die Haut mit Reizung oder Allergie reagiert. Gerade die empfindliche Augenpartie verdient besondere Vorsicht. Die FDA empfiehlt bei Halloween-Make-up sogar einen kleinen Vorabtest auf der Haut 24 bis 48 Stunden vor der eigentlichen Verwendung. Treten Rötung, Schwellung oder andere Reaktionen auf, sollte das Produkt nicht ins Gesicht.

Und Kosmetik sollte man ebenso wenig teilen wie Kontaktlinsen. Über gemeinsam benutzte Augenprodukte können Keime übertragen werden.

Grafik: Kurtz – KI-generiert

Der Kürbis kann gefährlicher sein als der Geist

Der geschnitzte Kürbis gehört zu Halloween. Traditionell gehört eine Kerze hinein. Und damit kommt eine offene Flamme in eine Umgebung voller Perücken, Umhänge, Kunstfasern, Papierdekorationen und aufgeregter Kinder.

Die US-Verbraucherschutzbehörde CPSC warnt ausdrücklich vor Verbrennungen durch Kostüme, die mit offenen Flammen in Kontakt kommen. Weite Ärmel, lange Röcke und flatternde Umhänge erhöhen das Problem. Empfohlen werden deshalb unter anderem flammenhemmende Materialien und batteriebetriebene Beleuchtung statt Kerzen.

Hinzu kommen ganz banale Stürze. Ein bodenlanger Vampirumhang sieht großartig aus – bis sein Besitzer auf der Treppe darauftritt.

Die unterschätzte Gefahr wartet auf der Straße

Ausgerechnet das vollkommen ungruselige Auto gehört zu den ernstesten Halloween-Risiken. Eine Analyse US-amerikanischer Verkehrsdaten aus vier Jahrzehnten verglich Halloween-Abende mit Kontrollabenden jeweils eine Woche davor und danach. Zwischen 17 Uhr und Mitternacht lag das relative Risiko eines tödlichen Fußgängerunfalls an Halloween insgesamt 43 Prozent höher. Besonders ausgeprägt war der Unterschied bei Kindern im Alter von vier bis acht Jahren.

Die Zahlen stammen aus den USA und lassen sich nicht einfach auf Deutschland übertragen. Der Mechanismus ist jedoch plausibel: viele Kinder gleichzeitig draußen, Dunkelheit, dunkle Kostüme, eingeschränktes Sichtfeld durch Masken und Straßenüberquerungen zwischen parkenden Autos. Manchmal ist der gefährlichste Teil eines Hexenkostüms deshalb seine Farbe.

Apfeltauchen: Halloween-Spaß im Gemeinschaftsspeichel

Beim traditionellen „Bobbing for Apples“ schwimmen Äpfel in einem Wasserbehälter. Die Hände bleiben auf dem Rücken, der Apfel muss mit dem Mund herausgefischt werden. Nach Teilnehmer Nummer zehn muss man kein Mikrobiologe sein, um über das Wasser nachzudenken. Münder, Nasen und Gesichter kommen nacheinander mit demselben Wasser in Kontakt. Wer hygienisch auf Nummer sicher gehen möchte, kann jedem Teilnehmer einen eigenen Behälter geben oder das Spiel schlicht modernisieren.

Die FDA empfiehlt zumindest, die Äpfel vorher gründlich unter fließendem Wasser zu reinigen. Manche Tradition darf man vielleicht auch deshalb ändern, weil wir inzwischen wissen, was Mikroorganismen sind.

Süßigkeiten: Eine Nacht macht noch keine Ernährungskatastrophe

Dann kommt das, worauf viele Kinder den ganzen Abend gewartet haben. Schokolade. Bonbons. Gummibärchen. Noch mehr Schokolade. Ernährungsphysiologisch muss daraus kein Weltuntergang konstruiert werden. Ein einzelner Abend entscheidet nicht darüber, ob sich jemand dauerhaft gesund ernährt.

Interessanter ist, was danach geschieht. Wer die Halloween-Beute über viele Tage ständig zwischendurch isst, setzt seine Zähne immer wieder neuen Zuckerimpulsen aus. Und bei kleinen Kindern können harte Süßigkeiten zusätzlich ein Verschluckrisiko darstellen.

Halloween muss deshalb nicht zuckerfrei werden. Die Beute muss nur nicht bis Weihnachten im Dauerbetrieb gegessen werden.

Eine Nacht ohne Schlaf: Am Morgen kommt der echte Zombie

Der Horrorfilm-Marathon beginnt um 22 Uhr. „Nur noch einen.“ Um 3 Uhr läuft Film Nummer vier. Und am nächsten Morgen zeigt sich eine der am besten belegten Halloween-Folgen: Schlafmangel. Zu wenig Schlaf beeinträchtigt Aufmerksamkeit, Entscheidungsfähigkeit, Gedächtnis und Emotionsregulation. Die Reaktionszeit verlängert sich und Fehler werden häufiger. Das US-amerikanische National Heart, Lung, and Blood Institute weist darauf hin, dass bereits mehrere Nächte mit jeweils ein bis zwei Stunden Schlafverlust die Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen können.

Besonders ungünstig wird die Kombination aus Halloween-Party, wenig Schlaf und anschließender Autofahrt. Wer morgens wie ein Zombie reagiert, braucht also keine Schminke mehr. Er bringt aber sich und andere damit unnötig in Gefahr.

Können Horrorfilme Albträume machen?

Natürlich kann ein erschreckendes Erlebnis im Kopf nachhallen. Aber die simple Gleichung „Horrorfilm rein – Albtraum raus“ wäre wissenschaftlich zu grob. Albträume entstehen durch viele Einflüsse, und zwischen Schlafproblemen und häufigen beziehungsweise belastenden Albträumen bestehen wechselseitige Zusammenhänge. Entscheidend ist deshalb wieder die individuelle Reaktion.

Wer nach Horrorfilmen hervorragend schläft, muss sie aus medizinischer Sicht nicht aus dem Abendprogramm verbannen. Wer anschließend regelmäßig wachliegt, Angst bekommt oder von den Bildern verfolgt wird, hat dagegen einen ziemlich guten persönlichen Grund, sich einen anderen Film auszusuchen.

Grafik: Kurtz – KI-generiert

Glowsticks: Leuchten ja, trinken nein

Noch eine typische Halloween-Kuriosität: Ein Leuchtstab bricht auf und plötzlich befindet sich die Flüssigkeit auf Haut, Kleidung oder im Mund. Das sieht dramatischer aus, als es meistens ist. Nach Angaben von Poison Control gelten die Inhaltsstoffe von Glowsticks nicht als hochgiftig. Die Flüssigkeit kann jedoch Mund, Haut und insbesondere die Augen reizen. Wird sie verschluckt, sind Magenbeschwerden möglich.

Das ist eine schöne Halloween-Lektion: Nicht alles, was chemisch leuchtet, ist tödlich. Aber man muss es deshalb noch lange nicht essen oder trinken.

Also: Ist Halloween ungesund?

Nein. Zumindest nicht zwangsläufig. Eine Nacht voller Kostüme, Kürbisse, Süßigkeiten und Horrorfilme ist für einen gesunden Menschen keine medizinische Katastrophe. Und freiwilliges Gruseln kann gerade deshalb reizvoll sein, weil unser Körper Alarm schlägt, während unser Verstand gleichzeitig weiß: Eigentlich bin ich sicher.

Problematisch wird Halloween meist dort, wo aus dem Spiel eine Grenzüberschreitung wird. Extrem scharfe Mutproben müssen nicht sein. Giftige Tiersekrete gehören nicht in den Mund. Kontaktlinsen sind Medizinprodukte und kein beliebiges Kostümzubehör. Offene Flammen und flatternde Kostüme vertragen sich schlecht. Schlafentzug verschlechtert tatsächlich unsere Leistungsfähigkeit. Und niemand muss beweisen, wie viel Angst er aushält.

Das vielleicht schönste Halloween-Paradox lautet deshalb: Wir dürfen uns fürchten – solange wir dabei ziemlich genau wissen, wovor wir uns nicht fürchten müssen. tok

Grafik: Kurtz – KI-generiert