
Unterschätzte Gefahr: Wer nach einem Hitzschlag ins Krankenhaus gebracht wird, muss damit rechnen, dass auch an diesem Ort die Temperaturen hoch sind. Es fehlt in deutschen Kliniken an Klimaanlagen und anderen Kühlungsmöglichkeiten. Hitze kann somit zum Killer für Menschen aus vulnerablen Gruppen werden. Foto: Mihajlo Maricic/stock.adobe.com
Tausende von Hitzetoten: Der stille Killer im Krankenhaus
Die aktuelle Hitzewelle belastet alle Menschen – ganz besonders aber jene, die in einem Krankenhaus liegen oder dort arbeiten. Ist die Hitze gar ein stiller Killer in unseren Kliniken? Welche Folgen die Hitze für die Krankenhäuser hat und was dort dringend in Sachen Hitze- und Klimaschutz getan werden muss, darüber klärt Prof. Dr. Henriette Neumeyer im Interview auf.
Das Gespräch mit Prof. Dr. Henriette Neumeyer, Stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und Präsidentin der Europäischen Krankenhausgesellschaft HOPE, führte Pharma-Fakten.de.
Wir stecken in der dritten großen Hitzewelle dieses Sommers. Was bedeutet das für Kliniken und ihre Patienten?
Prof. Dr. Henriette Neumeyer: Wir haben bei Hitzeperioden ein erhöhtes Patientenaufkommen in den Krankenhäusern und auch die Sterblichkeit steigt deutlich an. Wir gehen davon aus, dass wir im Jahr 2025, als es längst nicht so heiß war wie in diesem Jahr, rund 2500 Hitzetote in Deutschland hatten. Und das war nur die Spitze des Eisberges.
Wie meinen Sie das?
Neumeyer: Wir alle wissen, dass die so genannten vulnerablen Gruppen besonders unter der Hitze leiden – also Kinder, Schwangere, ältere Menschen. Was dabei häufig übersehen wird: Es gibt immer mehr Menschen mit chronischen Erkrankungen – und auch diese Menschen sind bei Hitze extrem gefährdet. Dazu zählen Patient:innen, die unter einer Vorerkrankung des Herzens leiden, unter Bluthochdruck oder unter einer Lungenerkrankung. Bei einigen dieser Erkrankungen, etwa bei Pneumonie oder Herzinsuffizienz, steigt die Sterblichkeit nach einer Hitzewelle ebenfalls deutlich, sie wird aber nicht mit der Hitze in Verbindung gebracht.
Wie ist das zu erklären?
Neumeyer: Bei vorerkrankten Patienten fällt es gar nicht auf, dass die Hitze der stille Killer ist. Aber eine Herzinsuffizienz, um nur ein Beispiel zu nennen, kann sich durch die Hitze stark verschlechtern, weil die Kreislaufbelastung von dem vorerkrankten Herzen nicht mehr mitgetragen werden kann. Dann ist der offizielle Aufnahmegrund die Herzinsuffizienz – dabei spielt es keine Rolle, dass diese sich vielleicht gar nicht verschlechtert hätte, wenn der Patient nicht vorher so starker Hitze ausgesetzt gewesen wäre.

Ab wann wird Hitze eigentlich gefährlich?
Neumeyer: In der Gefahrenzone sind wir schon bei 32 Grad gefühlter Temperatur tagsüber und zusätzlich geringer Abkühlung in der Nacht. Da spüren nicht nur die vulnerablen Gruppen gesundheitliche Belastungen, sondern größere Teile der Gesellschaft. Für die Krankenhäuser bedeutet das eine Doppelbelastung: Zum einen müssen mehr Patienten versorgt werden, auch in der Notaufnahme. Zum anderen ist auch die Belegschaft in den Krankenhäusern betroffen. Sie gehören ja eventuell selber zu einer gefährdeten Gruppe und müssen trotzdem unter erschwerten Bedingungen arbeiten.
Wie gehen die Kliniken mit der zunehmenden Hitzebelastung um?
Neumeyer: Es gibt Hitzeschutzbeauftragte, zum Teil auch ganze Task Forces. Sie identifizieren unter anderem heiße und kühlere Zonen im Krankenhaus und verlagern dann bestimmte Aktivitäten, wo das möglich ist. So können zum Beispiel Kühl- und Erholungszonen geschaffen werden. Es können auch einfache Sonnenschutzmaßnahmen umgesetzt werden wie Folien an den Fenstern, Vorhänge oder Lüften am frühen Morgen. In vielen Häusern gibt es auch Hitzevisiten – und Patient:innen und Mitarbeitende werden dazu angehalten, genügend zu trinken.


Das klingt ein bisschen, als würden da Tropfen auf einen heißen Stein fallen.
Neumeyer: Die großen Hebel liegen tatsächlich woanders. Das Problem: Es sind Investitionen notwendig, um die Temperaturen niedrig und den Patientenschutz hoch zu halten. Dabei geht es auch, aber nicht nur, um die Klimatisierung, also die Kühlung der Räume. Darüber hinaus brauchen wir aber vor allem Konzepte zur Dämmung der Gebäudehüllen und zur Verschattung, insbesondere zur Begrünung von Flächen rund um die Krankhaus-Standorte. Neubauten müssen so geplant werden, dass Fensterflächen reduziert und die Patientenzimmer nicht komplett nach Süden ausgerichtet werden. Kurzum: Krankenhäuser sollten in der Lage sein, mit wiederkehrenden, längeren und intensiven Hitzeperioden klarzukommen. Daran fehlt es derzeit noch extrem.
Wie ließe sich das ändern?
Neumeyer: Zunächst wäre es wichtig, die Ausgaben für eine klimaresiliente Klinik nicht als Kostenfaktor zu betrachten, sondern als Investition. Eine Anlage für Photovoltaik kann zum Beispiel nicht nur für klimagerechte Kühlsysteme genutzt werden, sondern sie führt langfristig auch zu ökonomischer Nachhaltigkeit. Unser Appell ist deshalb, solche Maßnahmen nicht nur als zusätzlichen Kostenblock zu sehen, sondern auch die langfristigen Einsparperspektiven mit zu würdigen. Konkret bräuchten wir ein Förderprogramm, das Hitzeschutz in den Blick nimmt und Gebäudedämmung, Verschattung, Lüftungssysteme, klimagerechte Kühlsysteme finanziert.
Was würde das kosten?
Neumeyer: Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat ein Gutachten erstellen lassen, das sich mit dieser Frage beschäftigt. Das Ergebnis: Für die Allgemeinkrankenhäuser in Deutschland besteht ein Investitionsbedarf von rund 36,6 Milliarden Euro. Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit 1647 Allgemeinkrankenhäuser, das wären also 22,2 Millionen Euro pro Haus.
Kühlung beim Klinikbau
als Must-have mitdenken
„Die Auswirkungen des Klimawandels stellen auch das Gesundheitswesen vor neue Herausforderungen. Umso wichtiger ist es, dass wir heute bereits in Lösungen investieren, die langfristig funktionieren“, betont der Calwer Landrat Helmut Riegger. Mit den neuen Kliniken in Calw und den aktuell im Bau befindlichen Bereichen der Kliniken Nagold habe der Landkreis Calw als Bauträger und der Klinikverbund Südwest bereits vor Jahren die richtigen Weichen gestellt.
Durch den Einsatz innovativer Heiz- und Kühldecken verfügen die Häuser über eine Technologie, die gerade in Zeiten zunehmender Hitzeperioden ihre besonderen Stärken zeigt. Während Kühldecken im Krankenhausbau bislang nur vereinzelt eingesetzt werden, wurde ihre Integration im Landkreis Calw bereits frühzeitig und bewusst als freiwillige Mehrleistung des Bauträgers beschlossen. Mehr dazu lesen Sie hier.
Und wer soll das bezahlen? Die Krankenhäuser selbst?
Neumeyer: Die meisten Krankenhäuser verfügen nicht über eine ausreichende Ertragskraft, um die erforderlichen Investitionen selbst zu erwirtschaften. Viele befinden sich in einer prekären Lage, die sich jetzt unter dem Beitragsstabilisierungsgesetz noch einmal verschärft. Zwar gibt es vereinzelt Sonderförderungen der Länder und branchenübergreifende staatliche Beihilfen und Förderprogramme für Investitionen in den Klimaschutz – aber das reicht bei weitem nicht aus.
Was also tun?
Neumeyer: Wir empfehlen, einen Krankenhaus-Klimafonds einzurichten, der die erforderlichen Finanzmittel in einem einzigen Verfahren bereitstellt. Diese Mittel sollten Bund und Länder gemeinsam in den Klimafonds einzahlen.
Finanzminister Klingbeil würde Sie jetzt fragen, woher er das Geld dafür nehmen soll?
Neumeyer: Man könnte durchaus Teile des 500-Milliarden-Sondervermögens in klimaresiliente Krankenhäuser investieren. Denn das wäre eine wirklich nachhaltige Maßnahme, die Investitionscharakter hat. Was wir in den Hitzeschutz investieren, erspart uns langfristige Folgekosten.
Die kostengünstigste Maßnahme, das sagen alle Klimaforscher, wäre es gewesen, den Klimawandel zu stoppen. Jetzt sind wir aber schon bei den Klimafolgen-Anpassungen. Die sind teurer. Das ändert aber nichts an der Grundidee des Sondervermögens: Es soll für Investitionen genutzt werden, die in die Zukunft reichen – Hitzeperioden, wie wir jetzt wieder eine erleben, sind Teil dieser Zukunft.
RKI: Rekordwert bei den Hitze-Todesfällen in Baden-Württemberg
Laut einem Bericht auf PZ-news.de sind in Baden-Württemberg in diesem Sommer so viele Menschen an den Folgen extremer Hitze gestorben wie in den vergangenen zehn Jahren nicht. Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) gab es bis zum 19. Juli 1870 Hitzetote im Südwesten. Auf 100.000 Einwohner gerechnet, starben in Baden-Württemberg 16,6 Menschen an den Folgen von Hitze. Bundesweit geht das RKI von bislang 9800 hitzebedingten Sterbefällen in diesem Jahr aus.
Was kostet mehr Geld: Klimaschutz oder die Folgen von fehlendem Klimaschutz in den Krankenhäusern?
Neumeyer: Auch hier kommt unser Gutachten zu einem klaren Ergebnis: Die Klimafolgeanpassungen sind ein Vielfaches teurer als wenn wir eine weitere Verschärfung des Klimawandels verhindern. Dementsprechend denken wir nicht nur darüber nach, wie wir Patienten und Mitarbeitende in Krankenhäusern vor Hitze schützen können, sondern auch über die Frage: Wie können wir schädliche Einflüsse eindämmen, die die Krankenhäuser als Hochenergieverbraucher haben? Die Möglichkeiten dafür reichen vom energiesparenden LED-Licht bis zum Verzicht auf schädliche Narkosegase. Aber auch hier gilt: Zwei Drittel der klimaschädlichen Emissionen gehen im Krankenhaus auf die fehlende Sanierung der baulichen Infrastruktur zurück. Deswegen ist es so wichtig, dort anzusetzen, nur dann können wir den klimatischen Fußabdruck der Krankenhäuser signifikant senken.
Mit welchen Worten würden Sie den neuen Gesundheitsminister begrüßen?
Neumeyer: Jetzt muss ein Umdenken kommen. Wenn wir langfristig und zukunftsorientiert die Krankenhaus-Landschaft umbauen wollen, dann brauchen wir Investitionen in Klimaschutz und Klimafolgenanpassung – damit Krankenhäuser weiterhin schützende Orte sind und Potenziale für Einsparungen im energetischen Bereich gehoben werden. pm/pharma-fakten.de/tok