
Adipositas findet in unseren Gehirnen statt und ist in unseren Genen verankert. Denn dort befindet sich die Schaltzentrale für die Appetit- und Sättigungsregulation. Foto: Berit Kessler – KI-generiert/stock.adobe.com
Kein Lifestyle-Problem, sondern komplexe Erkrankung: Adipositas endlich ernst nehmen
Sie ist eine der „drängendsten Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit in diesem Jahrhundert und bedeutet für die Bevölkerung und Gesundheitssysteme Europas eine große Last“: Adipositas, so der Pharmaverband EFPIA, betrifft immer mehr Menschen. Daher sei es dringend notwendig, „in evidenzbasierte und umfassende Prävention und Behandlung“ zu investieren. Was genau passieren muss – das hat EFPIA in einem Bericht zusammengetragen.
Ein bisschen Lifestyle-Umstellung hilft nicht
Nein, Adipositas ist kein Lifestyle-Problem: Ein bisschen Sport und Ernährungsumstellung reichen in der Regel nicht aus. Eigentlich logisch, denn das Gehirn steuert die Nahrungsaufnahme – und nicht alles davon lässt sich bewusst kontrollieren. „Die Menschheit ist evolutionär darauf konditioniert, auf Reserve zu essen“, erklärte Professor Dr. Matthias Laudes vom Uniklinikum Schleswig-Holstein im Herbst 2025 auf dem Europäischen Gesundheitskongress München. Ein Gehirn, das verzögert auf Sättigungssignale reagiert, konnte in größeren Hungerphasen, wie es sie in der Menschheitsgeschichte immer wieder gab, ein Überlebensvorteil sein. Bis heute ist das in unseren Genen verankert – bei den einen mehr, bei den anderen weniger.
Schon deshalb ist Adipositas eine komplexe Erkrankung. Neben genetischer Veranlagung können unter anderem biologische, sozioökonomische, psychologische und umgebungsbedingte Faktoren eine Rolle dabei spielen, ob, wann und wie diese Erkrankung entsteht.
Immer mehr Adipöse und immer höhere Folgekosten
In der EU sind rund 15 Prozent der 18- bis 64-Jährigen betroffen; unter den 65- bis 74-Jährigen sind es sogar 20 Prozent, also jeder Fünfte. Bis 2030 könnten mehr als 30 Prozent aller Menschen in Europa mit Adipositas leben. Die Krankheit gilt längst als „eine der größten gesundheitlichen und gesundheitspolitischen Erkrankungen weltweit“, wie Helena Kühnemund erklärt. Sie ist Direktorin für Corporate Affairs beim forschenden Unternehmen Lilly. „Weltweit sind etwa eine Milliarde Menschen betroffen. In Deutschland sind es circa 17 Millionen.“ Die Zahl der Betroffenen nimmt stark zu; die Prävalenz stieg von 12,2 Prozent (2003) auf 19,7 Prozent zehn Jahre später. Weltweit Spitzenreiter sind die USA (34 Prozent).
Die Adipositas kostet gesamtgesellschaftlich schon heute sehr viel Geld. „Die direkten und indirekten Kosten für die Gesundheitssysteme werden dann auf bis zu 1,597 Milliarden Euro geschätzt – falls keine holistischen Gegenmaßnahmen ergriffen werden“, schreibt EFPIA in „A Blueprint for Action to address Obesity in the European Union“. Der Grund: Adipositas kann zahlreiche, schwere und teuer zu behandelnde Folgeerkrankungen nach sich ziehen. Professorin Dr. Amelie Wuppermann von der Universität Bayreuth schätzt auf Basis verschiedener Studien, dass die direkten und indirekten Kosten im zweistelligen Milliardenbereich liegen.

Adipositas: Gesundheitskompetenz verbessern
„Trotz der umfassenden wissenschaftlichen Anerkennung von Adipositas als multifaktorielle chronische Erkrankung und trotz der Evidenz zu ihren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen wird sie weiterhin als individuelle Verantwortung heruntergespielt, anstatt als Herausforderung für die öffentliche Gesundheit und das System verstanden zu werden“, kritisiert EFPIA.
„Gewichtsbezogene Vorurteile, Stigma und Diskriminierung tragen außerdem zu schlechterer mentaler Verfassung von Menschen mit Adipositas bei“. Langfristig ist Stigmatisierung potenziell mit einem 60 Prozent höheren Sterblichkeitsrisiko verbunden, heißt es. Aus Sicht von EFPIA ist es dringend notwendig, die Gesundheitskompetenz zu erhöhen, also mehr über die Erkrankung aufzuklären, mehr Wissen, mehr Daten zu generieren. Der Pharmaverband rät der Europäischen Kommission zum Beispiel zu einem EU-geförderten Projekt, das Best Practices entwickelt. So sollen Wege gefunden werden, um das Wissen über die vielschichtigen Ursachen und Auswirkungen der Erkrankung zu den Menschen in ganz Europa zu bringen.
Adipositas-Prävention größer denken
Luft nach oben ist auch im Bereich Prävention: Programme zur allgemeinen Gesundheitsförderung seien weiterhin wichtig, aber sie allein reichen nicht aus, betont EFPIA. Im Gegenteil: Gerade, weil die Erkrankung durch vielfältige Faktoren verursacht wird, die weit über individuellen Lebensstil, gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung hinausgehen, könnte es sogar stigmatisierend sein, wenn Prävention nicht weitergedacht wird. Dazu braucht es mehr Forschung.
Liegt eine Adipositas bereits vor, gilt es, sie möglichst früh zu diagnostizieren, um Folgeerkrankungen und frühzeitige Sterblichkeit zu verhindern. „Regelmäßige Gesundheitschecks und Beratungsangebote bei qualifiziertem und gut ausgestattetem Gesundheitsfachpersonal“ könnten dazu beitragen. Stigma und Vorurteile verhindern das jedoch zu oft. Problematisch ist auch, wenn der Fokus in der Diagnostik vor allem auf dem Body-Mass-Index (BMI) liegt: Längst weiß die Wissenschaft, dass er nur in Verbindung mit anderen Maßstäben, wie Körperzusammensetzung, genetische und metabolische Faktoren und weitere chronische Erkrankungen, wirklich aussagekräftig ist. Denn erst so lässt sich ein umfassenderes Bild vom Zustand und den gesundheitlichen Risiken der Patienten ableiten. EFPIA rät den EU-Mitgliedsstaaten, in ihrer Primärversorgung zielgerichtete Gesundheitschecks für Hochrisikogruppen zu Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu implementieren.
Menschen mit Adipositas: Chronisch unterversorgt
Adipositas werde „chronisch unzureichend behandelt und schlecht gemanagt“, stellt EFPIA fest. Zu oft werden Betroffene nicht beziehungsweise erst spät im Krankheitsverlauf an die entsprechenden Fachpersonen überwiesen. Primärversorger seien häufig „nicht ausreichend ausgestattet“, um „Adipositas einschätzen, vorbeugen und managen zu können“, heißt es im Bericht.
Was es braucht: klare Patientenpfade die eine moderne, multidisziplinäre Versorgung ermöglichen, angefangen bei der Prävention über die Therapie bis hin zur Nachsorge. Dazu gehört laut EFPIA der Auf- und Ausbau von Zentren, in denen Experten aus Primärversorgung, Ernährungswissenschaft, Ergo- und Physiotherapie, Psychologie, Endokrinologie, Chirurgie, Kardiologie, Orthopäde und Gastroenterologie zusammenarbeiten. Auch für eine Standardisierung der medizinischen Leitlinien über alle EU-Mitgliedsstaaten hinweg spricht sich der Pharmaverband aus; außerdem müsse sichergestellt werden, dass evidenzbasierte Therapien und andere Angebote für die Betroffenen auch tatsächlich verfügbar sind.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Dezember 2025 eine erste Leitlinie mit Empfehlungen zum Einsatz von sogenannten Inkretin-Agonisten bei Adipositas veröffentlicht. Sie erkenne an, „dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist, die mit einer umfassenden und lebenslangen Versorgung behandelt werden kann“, sagt WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. Die medikamentöse Behandlung werde „diese globale Gesundheitskrise zwar nicht allein lösen können“, aber sie könne Millionen Betroffenen helfen, die Erkrankung zu bewältigen und Folgeschäden zu reduzieren.
Die Fakten sind eindeutig, resümiert EFPIA: „Rapide steigende Adipositas-Raten zeigen, dass der derzeitige Ansatz versagt und Millionen von EU-Bürger:innen im Stich lässt.“ Die Zeit drängt, das zu ändern – für eine „gesündere und gerechtere Zukunft“ aller. Europa muss Adipositas endlich ernst nehmen. Pharma-Fakten.de/tok
Erbe der Evolution: Wenn unsere Gene und unser Gehirn uns dick machen
Für Professorin Dr. Katharina Timper von der Technischen Universität München, steht fest: „Adipositas ist eine meist polygenetische, selten monogenetische, chronische neurobiologische Erkrankung.“ Das bedeutet: Sie findet in unseren Gehirnen statt und ist in unseren Genen verankert. Denn dort befindet sich die Schaltzentrale für die Appetit- und Sättigungsregulation.
Bis heute schleppen wir in unseren Genen die Frühgeschichte der Menschheit mit: „Es gab vor 100.000 Jahren längere Hungerphasen“, so Professor Dr. Matthias Laudes vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. „Das hat dazu geführt, dass bis heute unser Gehirn nicht schnell genug auf Sättigungssignale hört“ – ein Überlebensvorteil, wenn es mal wieder länger nichts zu essen gab. „Die Menschheit ist evolutionär darauf konditioniert, auf Reserve zu essen. Das ist der Grund für Adipositas.“ Oder, so Katharina Timper:
„Adipositas ist nicht die Folge von zu viel essen. Zu viel essen ist die Folge von Adipositas.“
Das ändert alles. Und macht deutlich, warum manchmal vielleicht sogar gut gemeinte Ratschläge (á la „mache mal Sport“ oder „iss mal weniger“) gar nicht helfen. Das Hirn ist die Schaltzentrale, die die Nahrungsaufnahme steuert. Schlimmer noch: Der Prozess ist im Hypothalamus verankert, dem Steuerungszentrum für vegetative Prozesse. Die meisten Funktionen in dieser Hirnregion laufen automatisch und ohne willentliche Kontrolle ab. Das ist auch der Grund, warum Arzneimittelinnovationen wie die GLP-1-Hemmer, die hochwirksam das Gewicht reduzieren können und als so genannte Abnehmspritzen bekannt sind, genau auf diese Prozesse im Gehirn einwirken. Pharma-Fakten.de/tok