
Noch ist es nur ein Zukunftsszenario: eine Infektion mit der Amöbe Naegleria fowleri beim Schwimmen in einem baden-württembergischen Badesee während einer Hitzeperiode. Aber die Klimakrise erhöht die Gefahr, dass man sich in extrem erwärmten Gewässern beim Springen ins Wasser, beim Tauchen und Plantschen mit den tödlichen Amöben infiziert. Foto: Kurtz – KI-generiert
„Hirnfressende“ Amöbe tötet Kind: So kann Naegleria fowleri auch in Deutschland zuschlagen
Ein achtjähriges Mädchen geht in einem See schwimmen. Wenige Tage später bekommt es Kopfschmerzen, Fieber und Übelkeit. Dann verschlechtert sich sein Zustand dramatisch. Trotz intensivmedizinischer Behandlung stirbt das Kind. Was wie der Beginn eines medizinischen Horrorthrillers klingt, ist im August 2026 im US-Bundesstaat Louisiana geschehen. Die Achtjährige hatte vermutlich beim Schwimmen im Lake Claiborne einen winzigen Einzeller aufgenommen: Naegleria fowleri.
Am 19. August meldete die Gesundheitsbehörde die Infektion, am 22. August starb das Mädchen.
„Hirnfressend“ ist ungenau, aber letztlich treffend
Die Bezeichnung „hirnfressende Amöbe“ klingt reißerisch. Ganz falsch ist sie leider nicht. Naegleria fowleri kann tatsächlich ins Gehirn gelangen, dort Gewebe zerstören und eine primäre amöbische Meningoenzephalitis, kurz PAM, verursachen – eine rasend schnell fortschreitende Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten.
Die entscheidende Nachricht für Deutschland und Baden-Württemberg lautet allerdings: Die Krankheit ist extrem selten. Aus Deutschland sind bislang keine Erkrankungsfälle bekannt. Trotzdem ist der Erreger für uns nicht völlig irrelevant. Denn Naegleria fowleri liebt warmes Süßwasser – und heiße Sommer können auch mitteleuropäische Gewässer ungewöhnlich stark erwärmen. Das Robert Koch-Institut (RKI) weist ausdrücklich darauf hin, dass die Amöbe auch in natürlich oder künstlich erwärmten Süßgewässern gemäßigter Klimazonen vorkommen kann.
Was ist Naegleria fowleri überhaupt?
Naegleria fowleri ist weder Bakterium noch Virus, sondern ein freilebender einzelliger Organismus, eine Amöbe. Anders als klassische Parasiten benötigt sie keinen Menschen oder ein Tier, um ihren Lebenszyklus zu vollenden.
Ihr eigentliches Zuhause sind Umwelt und Wasser. Sie kommt in Böden sowie vor allem in warmem Süßwasser vor: in Seen, Flüssen, Teichen, heißen Quellen und unter bestimmten Bedingungen auch in künstlichen Wasseranlagen. In seltenen Fällen wurde sie zudem in unzureichend desinfizierten Schwimmbädern, Wasserspielplätzen und sogar in Leitungssystemen gefunden.
Der Mensch ist für die Amöbe gewissermaßen ein biologischer Irrweg. Doch wenn dieser Irrweg eingeschlagen wird, können die Folgen verheerend sein.
Das Entscheidende: Die Amöbe muss in die Nase
Wer einen Schluck Wasser mit Naegleria fowleri verschluckt, bekommt deshalb keine PAM. Auch von einem Erkrankten kann man sich nicht anstecken. Die gefährliche Eintrittspforte ist die Nase. Gelangt belastetes Wasser kräftig in die Nasenhöhle – beispielsweise beim Tauchen, Springen, Toben oder Wassersport –, können Amöben die Riechschleimhaut erreichen. Von dort wandern sie entlang des Riechnervs durch die Schädelbasis in Richtung Gehirn.
Dort beginnt die eigentliche Katastrophe: Die Erreger vermehren sich, lösen eine massive Entzündungsreaktion aus und zerstören Nervengewebe. Gleichzeitig schwillt das Gehirn an. Der Infektionsweg lässt sich deshalb auf eine ungewöhnlich klare Formel bringen: Warmes Süßwasser → Wasser gelangt in die Nase → Riechschleimhaut → Riechnerv → Gehirn. Trinken ist nicht der entscheidende Weg. Hautkontakt ebenfalls nicht.

Warum erkranken so wenige Menschen?
Das ist eine der erstaunlichsten Seiten dieser Krankheit. Millionen Menschen baden jedes Jahr in Gewässern, in denen Naeglerien vorkommen können. Dennoch gibt es nur einzelne Erkrankungen. In den USA registriert die US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC – etwa vergleichbar mit dem RKI) von 1937 bis einschließlich 2025 insgesamt 180 PAM-Fälle. In einzelnen Jahren waren es 0, maximal 8. Eine internationale Auswertung von 2025 identifizierte weltweit 488 dokumentierte PAM-Fälle seit 1962. Die tatsächliche Zahl dürfte höher sein, unter anderem weil die Krankheit mit einer bakteriellen Hirnhautentzündung verwechselt werden kann und in manchen Ländern diagnostische Möglichkeiten fehlen.
Mit anderen Worten: Der Kontakt mit Naegleria fowleri ist nicht gleichbedeutend mit einer Infektion. Warum ausgerechnet einzelne Menschen erkranken, ist nicht vollständig geklärt. Auffällig ist allerdings die Alters- und Geschlechtsverteilung. In den USA erkrankten besonders häufig Jungen und männliche Jugendliche. Die größte Einzelgruppe bilden Jungen zwischen 10 und 14 Jahren. Eine plausible Erklärung ist weniger eine besondere biologische Empfindlichkeit als ihr Verhalten: Tauchen, Springen, Toben und Aufwühlen des Bodens können dazu führen, dass Wasser mit Druck in die Nase gelangt. Bewiesen ist diese Erklärung allerdings nicht.
Welche Symptome macht die Infektion?
Das Tückische: Zunächst sieht PAM nicht besonders exotisch aus. Typische erste Beschwerden sind:
- starke Kopfschmerzen,
- Fieber,
- Übelkeit,
- Erbrechen.
Danach kann sich der Zustand sehr schnell verschlechtern. Möglich sind:
- Nackensteifigkeit,
- Verwirrtheit,
- Konzentrations- und Bewusstseinsstörungen,
- Gleichgewichtsstörungen,
- Halluzinationen,
- Krampfanfälle,
- Koma.
Die Krankheit kann einer schweren bakteriellen Meningitis ähneln. Genau das erschwert die frühe Diagnose.
Die Inkubationszeit – also die Zeit von der Infektion bis zu den ersten Beschwerden – liegt typischerweise im Bereich weniger Tage. Danach zählt praktisch jede Stunde. Die CDC geben an, dass die meisten Erkrankten innerhalb von 1 bis 18 Tagen nach Symptombeginn sterben; häufig tritt der Tod bereits nach etwa 5 Tagen ein.
Warum ist PAM so tödlich?
Die CDC beziffern die Sterblichkeit auf mehr als 97 Prozent. Mehrere ungünstige Dinge kommen zusammen.
- Erstens schreitet die Erkrankung extrem schnell voran.
- Zweitens ist sie so selten, dass Ärztinnen und Ärzte bei Fieber, Kopfschmerzen und Nackensteifigkeit verständlicherweise zunächst wesentlich häufigere Ursachen vermuten.
- Drittens können die Befunde im Nervenwasser einer bakteriellen Meningitis ähneln.
- Viertens gibt es bislang keine durch große klinische Studien abgesicherte Standardtherapie, mit der sich PAM zuverlässig heilen ließe.
Gibt es überhaupt Überlebende?
Ja, es gibt eine wenige Überlebende – und das ist medizinisch wichtig. Die CDC dokumentieren derzeit fünf gut belegte Überlebende in Nordamerika: Fälle aus den Jahren 1978, 2003, zweimal 2013 und 2016. Sie erhielten unterschiedliche Kombinationen mehrerer Medikamente.
Das zeigt: Eine PAM ist nicht absolut unheilbar. Aber die Chancen sind ausgesprochen schlecht.
Wie wird behandelt?
Weil es keine einzelne bewährte Wunderwaffe gibt, wird aggressiv mit einer Kombination mehrerer Medikamente behandelt. Die aktuellen Empfehlungen der CDC umfassen unter anderem Amphotericin B, Azithromycin, Posaconazol, Rifampicin, Miltefosin und Dexamethason. Auch das Antibiotikum Nitroxolin wird als experimentelle Option untersucht. Gleichzeitig muss intensivmedizinisch vor allem die gefährliche Hirnschwellung kontrolliert werden.
Dabei ist wichtig: Die Medikamente sind nicht aufgrund großer randomisierter Studien als sicher wirksam etabliert. Dafür gibt es schlicht zu wenige Erkrankte. Die Empfehlungen stützen sich unter anderem auf Laboruntersuchungen, Tiermodelle und die wenigen bekannten Überlebenden. Der wichtigste therapeutische Faktor dürfte deshalb neben der Medikamentenkombination die Zeit sein.
Wann sollten Ärzte an Naegleria denken?
Ein entscheidender Hinweis ist die Kombination aus zwei Dingen: schwere, rasch fortschreitende Hirnhaut- oder Gehirnentzündung und kürzliches Baden, Tauchen oder Wasserkontakt in sehr warmem Süßwasser. Dann sollte eine PAM zumindest differenzialdiagnostisch bedacht werden. Der Erreger kann unter anderem mikroskopisch und mit molekularbiologischen Verfahren wie der PCR (Polymerase-Kettenreaktion) im Nervenwasser nachgewiesen werden. Das RKI beschreibt hierfür spezielle diagnostische Verfahren.
Ein 2026 publizierter Fall eines sechsjährigen Mädchens zeigt das Problem drastisch: Das Kind hatte 6 Tage vor Symptombeginn in natürlichem Süßwasser gespielt. Die Krankheit entwickelte sich anschließend derart schnell, dass es etwa 11 Stunden nach der Krankenhauseinweisung starb. Erst nach dem Tod bestätigte eine moderne Erbgutanalyse Naegleria fowleri.
Könnte so etwas auch in Deutschland passieren?
Kann eine Infektion mit Naegleria fowleri auch in Deutschland geschehen? Biologisch: ja. Epidemiologisch: derzeit extrem unwahrscheinlich. Und genau diese Unterscheidung ist wichtig.
Naegleria fowleri ist wärmeliebend. Das RKI nennt insbesondere ungechlortes Süßwasser mit Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius als Situation, in der mit Naeglerien gerechnet werden sollte. Der Organismus kann sich bei Temperaturen oberhalb von 30 Grad besonders gut vermehren und Temperaturen bis ungefähr 45 Grad tolerieren.
Deutschland liegt damit klimatisch deutlich ungünstiger für Naegleria als beispielsweise der Süden der USA, Pakistan oder Indien. Aber „zu kalt für Naegleria“ wäre ebenfalls zu einfach. Denn Fälle sind bereits in gemäßigten Regionen Europas aufgetreten. Historisch wurden Erkrankungen unter anderem in der damaligen Tschechoslowakei beziehungsweise Tschechien, Belgien und Großbritannien beschrieben. 2003 starb in Norditalien ein neunjähriger Junge nach dem Baden in einem ungewöhnlich warmen Sommer in einem Badebereich am Po. Dieser Fall ist für Süddeutschland vermutlich der interessantere Vergleich als Louisiana.
Bislang kein Fall in Baden-Württemberg bekannt
Auch in Baden-Württemberg gilt: Es ist kein Anlass vorhanden, heimische Badeseen plötzlich als „Amöben-Gefahr“ zu betrachten. Ein dokumentierter deutscher PAM-Fall durch Naegleria fowleri ist bislang nicht bekannt. Millionen Badevorgänge stehen damit keinem bekannten heimisch erworbenen Erkrankungsfall gegenüber.
Dennoch könnte sich das ökologische Fenster theoretisch verändern.Für ein erhöhtes Risiko müssten mehrere Faktoren zusammenkommen:
- 1. Ein geeignetes Gewässer: Süßwasser, nicht Meerwasser.
- 2. Sehr warmes Wasser: Besonders günstig für Naegleria sind länger anhaltend hohe Wassertemperaturen.
- 3. Zeit: Eine einzelne heiße Mittagsstunde reicht nicht. Interessanter sind länger dauernde Hitzeperioden, in denen flache oder stehende Gewässer stark aufheizen.
- 4. Geeignete Mikrobedingungen: Flache, warme Bereiche und Sedimente spielen eine Rolle.
- 5. Der Erreger muss tatsächlich vorhanden sein.
- 6. Wasser muss schließlich in die Nase eines Menschen gelangen.
Erst diese Kette macht aus einem theoretischen Vorkommen ein Infektionsrisiko.
Macht der Klimawandel Naegleria zur deutschen Gefahr?
Von einer bevorstehenden Naegleria-Welle in Deutschland zu sprechen, wäre wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Aber der grundsätzliche Zusammenhang ist plausibel: Ein wärmeliebender Wasserorganismus findet bei höheren Wassertemperaturen häufiger günstige Bedingungen. Auch die CDC beobachten, dass PAM zwar vor allem in warmen US-Bundesstaaten vorkommt, inzwischen aber auch Infektionen nach Hitzeperioden weiter nördlich registriert wurden.
Für Deutschland ist der größere Zusammenhang bereits sichtbar: Klimatische Veränderungen beeinflussen verschiedene Infektionserreger. Das RKI und das Umweltbundesamt rechnen bei mehreren klimaabhängigen Infektionskrankheiten mit Veränderungen der geografischen Verbreitung oder Saison. Für Naegleria fowleri speziell gibt es derzeit aber keinen Beleg für ein wachsendes Erkrankungsgeschehen in Deutschland. Das sollte man sauber auseinanderhalten.
Kann man einen Badesee auf Naegleria testen?
Grundsätzlich lässt sich der Erreger in Umweltproben nachweisen. Ein negatives Ergebnis wäre aber kein dauerhafter Freifahrtschein. Die Konzentration kann räumlich und zeitlich schwanken. Deshalb lässt sich das individuelle Infektionsrisiko in einem natürlichen Gewässer nicht so einfach mit einer einzelnen Wasserprobe bestimmen wie beispielsweise eine chemische Konzentration.
Auch die CDC weisen darauf hin, dass derzeit nicht bekannt ist, wie sich Naegleria fowleri in natürlichen Seen und Flüssen zuverlässig beseitigen lässt.

Wie kann man sich schützen?
Für Deutschland wäre eine generelle Warnung vor dem Baden in Seen völlig unverhältnismäßig. In Situationen mit ungewöhnlich warmem, ungechlortem Süßwasser kann man das ohnehin winzige Risiko jedoch weiter reduzieren:
- bei sehr warmem Wasser nicht tauchen oder springen,
- verhindern, dass Wasser kräftig in die Nase gelangt,
- gegebenenfalls Nasenklammer verwenden,
- den Kopf in heißen Quellen nicht untertauchen,
- in flachen, sehr warmen Bereichen Sediment möglichst nicht aufwühlen.
- Die sicherste Prävention wäre, auf Aktivitäten in sehr warmem Süßwasser vollständig zu verzichten. Die CDC formulieren aber bewusst auch Maßnahmen zur Risikoreduktion für Menschen, die trotzdem baden möchten.
Eine unterschätzte Gefahr: die Nasendusche
Naegleria fowleri ist nicht ausschließlich ein Badeproblem. Einige Erkrankungen entstanden, nachdem Menschen nicht ausreichend sicheres Wasser zur Nasenspülung verwendet hatten. 2024 wurde beispielsweise in Texas eine tödliche PAM nach Nasenspülungen mit Wasser aus dem Versorgungssystem eines Wohnmobils untersucht.
Für Nasenduschen sollte deshalb kein mikrobiologisch unsicheres Wasser verwendet werden. Die CDC empfehlen destilliertes oder steriles Wasser beziehungsweise zuvor abgekochtes und wieder abgekühltes Wasser. Das ist eine Präventionsmaßnahme, die auch in Deutschland sinnvoll ist – unabhängig davon, wie klein das Naegleria-Risiko hier derzeit ist.
Hätte sich der Tod des Mädchens in Louisiana verhindern lassen?
Diese Frage ist verständlich, lässt sich im konkreten Fall aber nicht seriös mit Ja beantworten. Natürliche Seen lassen sich nicht steril halten. Naegleria fowleri ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen, und ein Gewässer, in dem die Amöbe vorkommt, muss weder auffällig aussehen noch riechen. Theoretisch wäre die Infektion verhindert worden, wenn kein belastetes Wasser in die Nase gelangt wäre. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Eltern oder Kind eine konkrete Gefahr hätten erkennen müssen. Mögliche Schutzmaßnahmen wären gewesen:
- auf das Baden beziehungsweise Tauchen in sehr warmem Süßwasser zu verzichten,
- den Kopf über Wasser zu halten,
- nicht zu springen oder tief zu tauchen,
- eine Nasenklammer zu tragen,
- Sediment in flachem, warmem Wasser nicht aufzuwühlen.
Doch selbst in Regionen der USA, in denen Naegleria vorkommt, sind Infektionen außerordentlich selten. Eine individuelle Erkrankung im Voraus vorherzusagen, ist praktisch unmöglich.
Wann nach dem Baden sofort zum Arzt?
Nicht jeder Kopfschmerz nach einem Badesee-Besuch ist ein medizinischer Notfall.
# Aber wer innerhalb weniger Tage nach Schwimmen, Tauchen oder Springen in ungewöhnlich warmem Süßwasserplötzlich starke Kopfschmerzen, Fieber, Übelkeit, Erbrechen oder Nackensteifigkeit entwickelt, sollte rasch ärztlich untersucht werden.
# Dabei sollte unbedingt erwähnt werden: „Ich war vor wenigen Tagen in sehr warmem Süßwasser und hatte Wasser in der Nase.“
# Bei Bewusstseinsstörungen, Krampfanfällen, ausgeprägter Verwirrtheit oder anderen schweren neurologischen Symptomen handelt es sich unabhängig von der Ursache um einen Notfall.
Was bedeutet das für einen heißen Sommertag am Badesee in Baden-Württemberg?
Ein 35-Grad-Tag bedeutet nicht, dass ein Badesee plötzlich voller „hirnfressender Amöben“ steckt. Entscheidend ist die Wassertemperatur, nicht die Lufttemperatur. Besonders aufmerksam zu beobachten wäre aus mikrobiologischer Sicht eine ungewöhnliche Kombination: lange Hitzeperiode + sehr warmes Süßwasser + flacher oder stehender Bereich + viel Kontakt mit Sediment + Tauchen/Springen und Wasser in der Nase. Selbst dann folgt daraus nicht automatisch eine Naegleria-Gefahr. Es wären lediglich Bedingungen vorhanden, unter denen der wärmeliebende Organismus grundsätzlich bessere Chancen hätte.
Für Badegäste in Baden-Württemberg bleiben andere Gefahren derzeit um Größenordnungen relevanter – etwa Ertrinken, Badeunfälle, Blaualgen oder bestimmte andere wasserassoziierte Infektionen.


Gibt es bei uns etwas ähnlich Unheimliches?
Leider ja – wobei „unheimlich“ nicht mit „häufig“ verwechselt werden darf. Deutschland besitzt einige extrem seltene Erreger, die schwere oder sogar tödliche Erkrankungen verursachen können.
Bornavirus: der deutsche Kandidat für die Kategorie „extrem selten, extrem gefährlich“
Das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) ist für einen solchen Vergleich besonders interessant. Sein natürliches Reservoir ist die Feldspitzmaus. Sie kann das Virus unter anderem über Speichel, Urin und Kot ausscheiden. Wie Menschen sich im Einzelfall infizieren, ist noch nicht abschließend geklärt. Beim Menschen kann BoDV-1 eine schwere Gehirnentzündung auslösen.
Mittlerweile sind in Deutschland mehr als 40 menschliche Infektionen bekannt, die weit überwiegend tödlich verliefen. Die meisten Fälle wurden in Bayern diagnostiziert. Eine große deutsche Fallserie untersuchte 21 bestätigte BoDV-1-Enzephalitiden und 4 Erkrankungen durch das verwandte VSBV-1. Die Erkrankungen entwickelten sich schwer, führten zu Koma und in dieser untersuchten Serie letztlich zum Tod.
Und hier wird es für Baden-Württemberg interessant: Das bekannte tierische Endemiegebiet reicht von Bayern auch in angrenzende Gebiete Baden-Württembergs hinein. Eine süddeutsche Studie fand zudem bei einer Tierärztin aus Baden-Württemberg nahe der bayerischen Grenze Antikörper gegen BoDV-1. Das ist kein Beweis für eine durchgemachte schwere Borna-Enzephalitis, zeigt aber, dass der Erreger regional durchaus relevant ist.
Naegleria und Bornavirus haben also eine Gemeinsamkeit: Eine Infektion ist extrem selten – wenn aber eine schwere Gehirnentzündung entsteht, kann sie katastrophal verlaufen.Und es gibt tatsächlich noch weitere gefährliche Amöben.
Naegleria fowleri ist nicht allein: Acanthamoeba und Balamuthia mandrillaris
Als gefährliche Amöben nennt das RKI insbesondere Acanthamoeba und Balamuthia mandrillaris. Beide gehören ebenfalls zu den freilebenden Amöben und können selten schwere Gehirnentzündungen verursachen. Der Infektionsweg unterscheidet sich allerdings von Naegleria.
Acanthamoeba und Balamuthia gelangen vermutlich eher über Lunge oder verletzte Haut in den Körper und können sich anschließend über das Blut verbreiten. Sie verursachen eine sogenannte granulomatöse Amöbenenzephalitis (GAE), die meist langsamer verläuft als PAM, aber ebenfalls eine sehr hohe Sterblichkeit besitzt.
Acanthamoeba hat noch eine zweite medizinisch wichtige Seite: Die Amöbe kann eine schwere Hornhautentzündung des Auges verursachen, insbesondere bei Kontaktlinsenträgern. Damit sind freilebende Amöben auch in Mitteleuropa keineswegs nur Stoff für amerikanische Horrormeldungen.
Noch mehr „tödliches Zeug“ vor unserer Haustür?
Ja, da gibt es noch einige Viren, Bakterien, Einzeller und Amöben, aber die Risiken unterscheiden sich stark.
FSME-Virus:
Das Virus wird durch Zecken übertragen und kann Gehirn und Hirnhäute entzünden. Baden-Württemberg gehört zu den deutschen Schwerpunktregionen. Schwere Verläufe sind möglich, Todesfälle aber selten. Gegen FSME gibt es eine wirksame Impfung.
Bornavirus BoDV-1:
Extrem selten, aber bei klinisch manifester Gehirnentzündung sehr gefährlich. Natürliches Reservoir ist die Feldspitzmaus. Auch Teile Süddeutschlands gehören zum bekannten Verbreitungsgebiet.
Acanthamoeba und Balamuthia:
Freilebende Amöben, die in seltenen Fällen schwere bis tödliche Gehirnentzündungen verursachen können. Acanthamoeba ist außerdem als Erreger schwerer Hornhautinfektionen bekannt.
Vibrionen:
In warmem Küstenwasser können bestimmte Vibrio-Arten gefährliche Wundinfektionen oder Blutvergiftungen verursachen. Besonders gefährdet sind Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Mit steigenden Wassertemperaturen werden solche wärmeliebenden Erreger für Europa relevanter.
Hantaviren:
In Deutschland werden sie vor allem über Ausscheidungen infizierter Nagetiere übertragen. Die hier vorherrschenden Varianten verursachen meist Nierenerkrankungen; schwere Verläufe sind möglich. Das Risiko ist erheblich realer als eine Naegleria-Infektion, die Letalität der typischen deutschen Hantavirus-Erkrankung ist aber erheblich niedriger.
Die wichtigste Einordnung lautet deshalb: Die spektakulärsten Erreger sind nicht automatisch die gefährlichsten für die Bevölkerung. Ein Erreger mit einer Sterblichkeit von mehr als 95 Prozent kann für den einzelnen Patienten entsetzlich sein und trotzdem für die Gesamtbevölkerung ein winziges Risiko darstellen, wenn Infektionen nur einmal unter Millionen Expositionen auftreten. Genau das ist bei Naegleria fowleri der Fall. tok
Gefahrenquellen im Wasser
| Gefahr | Vorkommen | Übertragung | Typische Beschwerden | Schwere Verläufe | Therapie | Risiko für Gesunde |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Vibrionen | Nord- & Ostsee | offene Wunde | entzündete Wunde | Blutvergiftung | Antibiotika, Operation | gering |
| Blaualgen / Cyanobakterien | Seen | Hautkontakt, Verschlucken | Hautreizung, Übelkeit | selten Leber- oder Nervenschäden | Symptome behandeln | mittel |
| Zerkarien | Seen | Hautkontakt | starker Juckreiz | praktisch nie | Salben | gering |
| Leptospiren | Seen, Flüsse | kleine Hautverletzung | Fieber | Organversagen möglich | Antibiotika | gering |
| E. coli / Enterokokken | Seen, Flüsse | Wasser schlucken | Durchfall | selten schwer | Flüssigkeit, Antibiotika | gering bis mittel |
| Campylobacter | Seen | Wasser schlucken | Durchfall | selten Nerven-Entzündung | meist keine Antibiotika | gering |
| Salmonellen | Seen | Wasser schlucken | Durchfall | selten Blutvergiftung | Symptome behandeln | gering |
| Noroviren | einzelne Gewässer | Wasser schlucken | Erbrechen | Austrocknung | Flüssigkeit | gering |
| Pseudomonas | Seen | Wunden | Entzündung an Ohr und Haut | selten | Antibiotika | gering |
| Keime mit Resistenz gegen Antibiotika | einzelne Gewässer | Wunden | Infizierte Wunde | abhängig von Resistenz | Spezielle Antibiotika | gering |
| Petermännchen | Nordsee, westliche Ostsee | Stich | starke Schmerzen | selten Kreislauf-Probleme | Hitze, Arzt | gering |
| Feuerquallen | Nord- & Ostsee | Nesselkontakt | Brennen | Allergie selten | Symptome behandeln | gering |
| Hechte | Seen | Biss | kleine Wunden | praktisch nie | Versorgung der Wunde | sehr gering |
| Welse | Seen | Biss | kleine Wunden | extrem selten | Versorgung der Wunde | sehr gering |
| Flusskrebse | Flüsse | Kneifen | kleine Verletzung | keine | keine | minimal |
| Muschelgifte | Nord- & Ostsee | Verzehr von Muscheln | Übelkeit | neurologische Störungen | Symptome behandeln | Baden: keine |
| PFAS | Gewässer | langfristige Aufnahme | keine akuten Symptome | Langzeit-Risiken | keine | Baden: sehr gering |
| Mikroplastik | nahezu überall | Haut/Wasser | unbekannt | bislang unklar | – | vermutlich gering |
| Naegleria fowleri | In Deutschland praktisch noch keine Bedeutung | Nase | Gehirn-Entzündung | fast immer tödlich | experimentell | extrem gering |