
Daten der DAK-Gesundheit zeigen: Jungen bekommen etwa doppelt so häufig eine ADHS-Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Mädchen mit einem Zuwachs von 21 Prozent stärker an als bei Jungen mit 14 Prozent. Foto: yavdat/stock.adobe.com
DAK-Studie zu ADHS: Neudiagnosen bei Kindern steigen um 16 Prozent
Immer mehr Kinder und Jugendliche erhalten in Deutschland eine ADHS-Neudiagnose. Im Vergleich zum Vorjahr gab es 2024 einen Anstieg um 16 Prozent. Hochgerechnet wurde somit bundesweit bei rund 202.000 jungen Menschen erstmals ADHS diagnostiziert. Das ist das Ergebnis des aktuellen Kinder- und Jugendreports der DAK-Gesundheit.
Besonders auffällig ist die Geschlechterverteilung: Jungen bekommen etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Gleichzeitig steigen die Neudiagnosen bei Mädchen mit einem Zuwachs von 21 Prozent stärker an als bei Jungen mit 14 Prozent. Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Die DAK-Daten zeigen, dass 5,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt wurden.

Stärkere Vernetzung bei Versorgung junger ADHS-Patienten gefordert
Vor dem Hintergrund der Ergebnisse betont DAK-Chef Andreas Storm, wie wichtig eine stärkere Vernetzung in der Versorgung junger Menschen ist. „Wir brauchen ein gut abgestimmtes Zusammenspiel aller, die Kinder begleiten und versorgen. Nur so können sie früh stabilisiert und gezielt unterstützt werden, bevor sich Belastungen verfestigen“, sagt DAK-Vorstandschef Andreas Storm. „Dafür sind ein offener Diskurs und konkrete Umsetzungspläne entscheidend, um die Resilienz junger Menschen zu steigern und Stressoren zu reduzieren. Ein großes Potenzial liegt hier in der Schule, wo wir alle Kinder erreichen können.“
Als erste Krankenkasse hat die DAK-Gesundheit ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf ADHS für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchte das Wissenschaftsteam von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 800.000 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit versichert sind. Analysiert wurden rund 42 Millionen Versorgungskontakte im Zeitfenster von 2019 bis 2024. Besonders auffällig sind die Jahre 2023 und 2024 – hier sind die stärksten Anstiege der ADHS-Neuerkrankungen erkennbar.
Grundschulkinder bekommen am häufigsten eine ADHS-Diagnose
2024 erhielten laut DAK-Kinder- und Jugendreport 17 von je 1000 Kindern und Jugendlichen eine ADHS-Neudiagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 202.000 jungen Menschen in Deutschland. 2024 zeigt sich im Vergleich zu 2023 ein Plus von 16 Prozent. Der Anstieg betrifft alle Altersgruppen, fällt aber bei Schulkindern im Alter zwischen 10 und 14 Jahren mit einem Zuwachs von 22 Prozent besonders deutlich aus. So erhielten 2024 18,3 von 1000 Schulkindern die Neudiagnose ADHS. Im Vorjahr waren es 14,9. Insgesamt bekommen Grundschulkinder am häufigsten eine ADHS-Erstdiagnose. 2024 waren es 23,8 von 1000 Kindern im Alter zwischen 5 und 9 Jahren.
Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt, dass 2024 etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen eine ADHS-Neudiagnose bekommen haben. So erhielten 22,4 Jungen und 11,3 Mädchen je 1000 Kinder und Jugendliche 2024 erstmals eine ADHS-Diagnose. Das entspricht hochgerechnet rund 136.500 Jungen und 65.000 Mädchen. Im Vergleich zum Vorjahr weisen Mädchen aber mit einem Zuwachs von rund 21 Prozent höhere Steigerungsraten auf als Jungen mit gut 14 Prozent. Im Vergleich zu 2020 steht bei Mädchen sogar ein Plus von rund 46 Prozent.
Multifaktorielle Erkrankung mit teilweise genetischer Veranlagung
Bei ADHS handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung mit nachgewiesen starker biologischer Grundlage. Wenn eine genetische Veranlagung besteht, können aber auch sogenannte Stressoren dazu führen, dass eine psychische Erkrankung eher zum Tragen kommt“, so Prof. Dr. med. Christoph U. Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité. „In den Daten des DAK-Kinder- und Jugendreports sehen wir, dass ADHS häufiger diagnostiziert wird – unter anderem eventuell auch, weil der Druck und Stress für Kinder und Jugendliche zugenommen haben. Wir beobachten wahrscheinlich zum Teil auch Spätfolgen der Pandemie, weil wichtige Lernschritte eventuell unterbrochen oder verzögert wurden.“
Zudem nehme der negative Einfluss sozialer Medien zu: „Der erhöhte Medienkonsum kann die Konzentrationsfähigkeit mindern, das Stresslevel erhöhen und durch unrealistische Idealbilder den Selbstoptimierungsdruck verstärken“, ergänzt Correll. Sicherlich sei das Thema ADHS in der Öffentlichkeit auch präsenter geworden. Ärzte, Eltern und Lehrkräfte seien heute besser über die Symptome informiert. „Die Krankheit kann dadurch schneller und früher diagnostiziert und gegebenenfalls behandelt werden – genau das ist wichtig, um jungen Menschen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Von einer Modediagnose oder Überdiagnostik kann jedoch im Allgemeinen keine Rede sein.“
ADHS bei Mädchen lange unterdiagnostiziert
„Besonders bemerkenswert ist der starke Anstieg bei Mädchen“, sagt Dr. Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen e. V. (BVKJ). Das zeige, dass ADHS bei ihnen lange unterdiagnostiziert gewesen sei, da sich die Symptomatik oft weniger externalisierend äußere. ADHS sei kein reines „Jungen-Thema“, sondern ein häufig übersehenes Störungsbild, das bei Mädchen oft erst spät und dann mit zusätzlichen Belastungen sichtbar werde. „Die Konsequenz daraus kann aus meiner Sicht nur sein, Versorgung neu zu denken: Wir brauchen strukturierte, multiprofessionelle Settings in der ambulanten Pädiatrie, klare diagnostische Pfade und ausreichend Zeitressourcen für Gespräche mit Familien und Schulen.“
Der DAK-Kinder- und Jugendreport macht deutlich, dass die Krankheitshäufigkeit von ADHS bei Kindern auf einem hohen Niveau liegt: 5,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren wurden 2024 mit einer ADHS-Diagnose medizinisch versorgt. Das entspricht hochgerechnet rund 617.000 jungen Menschen in Deutschland – davon waren knapp ein Drittel in diesem Zeitraum erstmalig in Behandlung. Die Hälfte von ihnen erhielt eine Verschreibung von Medikamenten. Auch hier zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Während rund 52 Prozent der Jungen 2024 ADHS-Medikamente verschrieben bekamen, waren es bei Mädchen gut 44 Prozent. Die Steigerungsraten von 2023 zu 2024 sind bei beiden Geschlechtern mit einem Zuwachs von 5 Prozent identisch.
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine Störung der neuronalen Entwicklung eines Kindes. Die Störung kann im Nervensystem, im Gehirn oder ganz allgemein auf der Interaktionsebene auftreten. Tritt sie im Nervensystem auf, ist dort der Stoffwechsel von sogenannten Neurotransmittern („Botschafter zwischen den Nerven“) gestört. Startet die Krankheit im Gehirn, können Betroffene sich selbst schwer steuern oder kontrollieren. Tritt ADHS auf der Interaktionsebene auf, haben die Betroffenen Schwierigkeiten mit Bezugspersonen und mit sozialen Bindungen. Weitere Informationen: dak.de/adhs -pm
ADHS bei Erwachsenen: Wenn die Unruhe erwachsen wird
ADHS gilt häufig noch als Störung des Kindes- und Jugendalters. Tatsächlich können die Symptome jedoch bis ins Erwachsenenleben fortbestehen. Dabei verändert sich oft ihr Erscheinungsbild: Auffällige motorische Unruhe kann weniger im Vordergrund stehen, während Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität, Organisation und Selbststeuerung den Alltag bestimmen.
Was bei Kindern etwa durch Herumlaufen, impulsives Dazwischenreden oder Schwierigkeiten im Unterricht auffällt, kann sich bei Erwachsenen vor allem bei der Bewältigung komplexer Alltagsanforderungen bemerkbar machen. Termine und Fristen einzuhalten, Aufgaben zu strukturieren, Prioritäten zu setzen oder längerfristige Projekte konsequent zu Ende zu bringen, kann erhebliche Schwierigkeiten bereiten.
Die Folgen zeigen sich deshalb häufig dort, wo Erwachsene funktionieren müssen: im Beruf, in Ausbildung oder Studium, in Partnerschaften, Familie und Alltagsorganisation. Für die medizinische Beurteilung ist nicht allein entscheidend, ob einzelne ADHS-Symptome vorhanden sind. Sie müssen anhaltend sein und zu relevanten Beeinträchtigungen in wichtigen Lebensbereichen führen.
ADHS-Diagnose bei Erwachsenen ist Detektivarbeit
Eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter lässt sich nicht mit einem einzelnen Test oder Fragebogen stellen. Zur fachgerechten Abklärung gehören eine ausführliche klinische und psychosoziale Untersuchung sowie die Entwicklungs- und psychiatrische Vorgeschichte. Wichtig ist insbesondere die Frage, ob typische Symptome bereits in der Kindheit bestanden haben. Gleichzeitig müssen andere mögliche Erklärungen für die Beschwerden berücksichtigt werden.
Gerade darin liegt eine Besonderheit der Erwachsenenmedizin: Konzentrationsprobleme, innere Unruhe oder Schwierigkeiten bei der Organisation können auch bei anderen psychischen Erkrankungen auftreten. Zudem können weitere Erkrankungen gleichzeitig mit ADHS bestehen. Eine sorgfältige Differentialdiagnostik ist deshalb unverzichtbar.

ADHS wächst sich nicht einfach aus
Langzeitstudien zeigen, dass ADHS-Symptome bei einem Teil der bereits im Kindesalter Betroffenen bis ins Erwachsenenleben fortbestehen. Wie häufig das vollständige Störungsbild erhalten bleibt, hängt allerdings erheblich davon ab, welche diagnostischen Kriterien und Untersuchungsmethoden verwendet werden.
Der entscheidende Unterschied: Beim Kind fällt ADHS häufig in Schule und Familie auf. Beim Erwachsenen zeigt sich die Störung oft dort, wo Selbstorganisation, Zeitmanagement, berufliche Leistungsfähigkeit und stabile soziale Beziehungen gefragt sind. Kurz gesagt: ADHS verändert mit dem Lebensalter häufig sein Gesicht – medizinisch relevant kann die Störung trotzdem bleiben. tok