
Bei Erwachsenen sieht ADHS oft anders aus als bei Kindern – weniger zappelig, mehr innerlich getrieben oder chronisch überlastet. Erwachsenen ADHS-Patienten fällt es schwer, Dinge zu Ende zu bringen, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Foto: BillionPhotos.com/stock.adobe.com
ADHS bei Erwachsenen: viel mehr als nur zappeln und oft mit viel zu später Diagnose
Als der Schauspieler Simon Schwarz – vielen bekannt aus den Kinofilmen über die „Eberhofer-Krimis“ – zufällig einen Artikel über ADHS liest, laufen ihm Tränen übers Gesicht. Plötzlich ergibt vieles aus seiner Vergangenheit Sinn: die Probleme in der Schule, die ständigen Konflikte, die innere Unruhe. Erst mit über 50 bekommt er die Diagnose – und endlich auch Strategien, um mit schwierigen Situationen besser umzugehen. So wie ihm geht es vielen: ADHS ist keine Kinderkrankheit. Sie kann sich bis ins Erwachsenenalter ziehen oder erst dann richtig auffallen. Und wenn sie unentdeckt bleibt, hat das oft einen hohen Preis.
Was ist ADHS überhaupt?
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Typisch sind drei große Bereiche:
- Unaufmerksamkeit: Schwierigkeiten, sich zu organisieren, Dinge zu Ende zu bringen oder sich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren.
- Hyperaktivität: innere Unruhe, das Gefühl, ständig „unter Strom“ zu stehen.
- Impulsivität: vorschnelles Handeln, Unterbrechen, riskante Entscheidungen.
Bei Erwachsenen sieht das oft anders aus als bei Kindern – weniger zappelig, mehr innerlich getrieben oder chronisch überlastet. Viele haben gelernt, ihre Symptome zu überspielen („Masking“), zahlen dafür aber mit Stress, Selbstzweifeln oder Erschöpfung.
Meta-Analysen schätzen die weltweite Häufigkeit einer fortlaufenden ADHS im Erwachsenenalter auf etwa 2,6 % bis 3,1 %. Die Symptomlast nimmt zwar im Durchschnitt mit dem Alter ab, bleibt aber für viele Betroffene dennoch klinisch bedeutsam. ADHS geht häufig mit funktionellen Einschränkungen einher, etwa bei der Ausbildung, im Beruf oder in Beziehungen. Und sie wird oft von parallelen Störungen wie einer Angst, Depression oder Sucht begleitet.
Warum die Diagnose oft so spät kommt
Diagnostik und Therapie gehören in die Hände qualifizierter Fachärzte und Psychotherapeuten.
Viele Erwachsene mit ADHS bekommen ihre Diagnose erst, wenn
- ihre Kinder die Diagnose erhalten und sie sich selbst wiedererkennen,
- eine Krise im Beruf oder Privatleben den Druck erhöht,
- oder der Leidensdruck einfach zu groß wird.
Oft gibt es schon in der Kindheit Hinweise, die aber als Faulheit oder Eigenart abgetan werden. Und nicht selten wird ADHS bei Frauen übersehen, weil sie seltener hyperaktiv sind und eher still oder verträumt wirken.
Was können professionelle Helfer und was kann man selber tun?
Was hilft gegen ADHS? Wissenschaftlich dokumentiert und als erfolgreich belegt ist Psychoedukation, eine systematische, didaktisch-psychotherapeutische Intervention, die darauf abzielt, Patienten und ihre Angehörigen über psychische Erkrankungen und deren Behandlung aufzuklären. Das Ziel: Gefördert wird so ein besseres Krankheitsverständnis, was den selbstverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung unterstützen und die Krankheitsbewältigung erleichtern kann. Ebenfalls evidenzbasiert sind verhaltenstherapeutische Verfahren und – nach Indikationsstellung – Medikamente wie Stimulanzien oder Atomoxetin.
Eine Diagnose ist für Betroffene kein eventuell mit Makeln versehenes Etikett, sondern der Startpunkt, um zu verstehen, was im eigenen Kopf passiert – und wie man sich das Leben leichter machen kann.
Tipps für den Alltag mit ADHS
Im Alltag können diese Punkte Betroffenen helfen:
- Psychoedukation: Wer sich Wissen über ADHS aneignet, kann selbst Verhaltensmuster erkennen und dagegensteuern.
- Alltagstricks: Wer die Zeit im Blick hat, hat sie oft auch im Griff. Dabei helfen bei vielen Tätigkeiten einfache Timer, realistisch geplante, also nicht überfordernde To-do-Listen und feste Routinen. Oft unterschätzt, aber sehr wichtig: Pausen müssen eingeplant und eingehalten werden.
- Therapie: Betroffene sollten sich um eine Therapie kümmern. Vor allem verhaltenstherapeutische Ansätze sind hilfreich. Diese werden oft ergänzt durch Medikamente, die man dann auch regelmäßig nehmen sollte.
- Austausch: Man ist nicht wirklich allein mit seiner ADHS-Diagnose. Das zeigen zum Beispiel Selbsthilfegruppen und Online-Communities. Das kann man auch bei Coachings erfahren. Aber hier gibt es Einschränkungen: Wie leider so üblich in manchen Online-Communities, wird in solchen offenen Online-Gruppen oft mehr Meinung, denn Fachwissen oder belegbare Fakten mitgeteilt. Gute Coaches erkennt man zum Beispiel an einem kostenlosen, intensiven Vorgespräch. Seriös sind sie unter anderem dann, wenn sie bei großen Problemen und schweren Krisen ihre Coaching-Teilnehmer auf die medizinische Hilfe von erfahrenen Psychotherapeuten verweisen.
Prominente mit ADHS: Offene Worte und starke Geschichten
ADHS im Erwachsenenalter kann nerven, frustrieren und belasten – aber mit der richtigen Unterstützung ist ein erfülltes, erfolgreiches Leben möglich. Die Geschichten von Prominenten zeigen: Offenheit hilft – sich selbst und anderen.
Simon Schwarz
Der aus zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen bekannte österreichische Schauspieler beschreibt seine späte ADHS-Diagnose als schicksalhaften Moment: Beim Lesen eines Artikels über ADHS kamen ihm die Tränen – endlich ergab seine lange Schulzeit voller Wechsel und Konflikte einen Sinn. Er berichtet, er habe „schnell ausgeflippt“ und fühlte sich jahrzehntelang sozial nicht integrierbar. Jetzt kann er seine Probleme ganz anders angehen.
Jan Ullrich
Jan Ullrich, der einstige Tour-de-France-Sieger von 1997, gab 2018 zu, an ADHS zu leiden. Doping, Alkohol, Drogen, Trennungen – Tiefpunkte gab es viele im Leben des Radsportlers. Zuerst Jubel und Ruhm, dann der medial begleitete Absturz vom Radsport-Olymp. Gegenüber dem Magazin „Bunte“ bekannte Ullrich damals: „Ich leide an einer hochgradigen Form von ADHS, der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.“ Er verband seine Diagnose mit starken Herausforderungen im Alltag. Seine ADHS-bedingte Rastlosigkeit habe sich auch auf die soziale und familiäre Ebene übertragen. 2018 erklärte er, dass er s ADHS-Medikament „Elvanse“ nehme, allerdings nur sporadisch.
Warum Promis über ADHS sprechen
Vorbilderfunktion: Wer erfolgreich ist und dennoch offen über seine Schwierigkeiten spricht, macht deutlich, dass ADHS kein Karriere- oder Lebenshindernis sein muss.
Entstigmatisierung: Wenn bekannte Persönlichkeiten offen über ADHS reden, zeigen sie: Die Störung ist nichts, wofür man sich schämen muss. Das hilft, Vorurteile abzubauen.
Wiedererkennungseffekt: Viele Betroffene erkennen sich in den Erzählungen wieder – das kann der erste Schritt sein, selbst Hilfe zu suchen.
Aufklärung: Prominente erreichen ein breites Publikum und können Fakten von Mythen trennen – etwa, dass ADHS nicht nur Kinder betrifft.
Mutmacher: Öffentliche Geschichten zeigen, dass sich mit Diagnose und richtiger Unterstützung sich ein erfülltes Leben führen lässt – auch mit Herausforderungen.
Caro Daur
Die deutsche Influencerin, Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur erhielt ihre ADHS-Diagnose erst vor etwa drei Jahren – die Störung begleitete sie aber schon seit Kindheit an. Wie bremst sie ADHS aus? „Ich brauche feste Anker. Sport ist eine wichtige Säule für mich und hilft mir für den Ausgleich – außerdem hilft Musik mir tatsächlich, mich zu konzentrieren. Und ich baue mir gern kleine ,Rituale’ in den Alltag ein: Ich lasse mir zum Beispiel mithilfe von Alexa Timer setzen, um fokussiert zu arbeiten, lege mein Handy weg und arbeite dann 25 Minuten ganz bewusst an einer Sache. Diese Mini-Inseln im Alltag geben mir Struktur. Und wenn’s gar nicht läuft, mache ich kurz Pause“, sagte sie in einem Interview mit „Glamour“.
Christopher Lauer
Als Berliner Abgeordneter der Piratenpartei machte Christopher Laue 2012 öffentlich, dass bei ihm ADHS diagnostiziert wurde. „Die landläufige Meinung, dass es sich bei ADHS um eine Kinderkrankheit handelt, ist falsch. ADHS ist nichts, was auf einen Schlag mit dem 18. Lebensjahr aufhört, es ist ein Wahrnehmungszustand, der einen das ganze Leben lang begleitet“, sagte er in einem Gespräch mit der „ÄrzteZeitung“. Er nehme Methylphenidat „wegen und nicht gegen ADHS“ und empfinde es als großes Glück, durch das Medikament für ein paar Stunden „in eine Welt eintauchen zu können, die mir vorher verschlossen war.“ Er will anderen Betroffenen Mut machen, offen und selbstbewusst mit dem Thema umzugehen.
Felix Lobrecht
Der bekannte Berliner Comedian Felix Lobrecht hat eine ADHS-Diagnose sowie eine Angststörung und wiederkehrende Depressionen öffentlich gemacht. Er erzählt offen, wie das seine Schulzeit, sein Studium und sein Leben insgesamt beeinflusst hat. Geahnt hat er die Diagnose schon länger. Das Wissen über seine ADHS-Erkrankung hat den Blick von Lobrecht auf sein Leben verändert. „Ich verstehe jetzt besser, warum mir manche Sachen so schwergefallen sind“, sagte der 34-Jährige dem „Stern“. In einem YouTube-Video sagte Lobrecht, dass seine ADHS-Krankheit ein Grund für seine Rastlosigkeit sie. Diese führe zwar zu beruflichem Erfolg, aber schade seinem Privatleben.
Lisa Vogel
Lisa Vogel, die mit 27 Jahren ihre ADHS-Diagnose erhielt, schildert ihr Leben lange geprägt von Ängsten, Depressionen und Suchterfahrung. In ihrem Buch „Hirngespinste“ spricht sie über Masking, Erschöpfung und auch über kreative Potenziale, die ADHS mit sich bringen kann. Und sie erzählt davon, wie es ist, als erwachsene Frau mit ADHS zu leben, welchen Vorurteilen man ausgesetzt ist und was im Alltag hilft. Ihre Lebensgeschichte spiegelt auch das Problem, dass ADHS bei Frauen oft übersehen wird, weil sie seltener hyperaktiv sind und eher still oder verträumt wirken. Mit ihrer späten Diagnose habe, so wird ihr Buch beworben, ihre Reise zu sich selbst begonnen. Daraus sei der Wunsch erwachsen, andere auf dieser Reise zu begleiten, ihnen Verständnis zu schenken und sie vor Selbstzweifeln zu schützen.
Jan Philipp Zymny
Der Poetry-Slammer und Autor Jan Philipp Zymny thematisiert sowohl Autismus als auch ADHS in seinen Performances – er verarbeitet seine Erfahrungen bewusst kreativ und öffentlich. Er spricht unter anderem in Videos darüber, mit welchen Barrieren und Vorurteilen er im Alltag zu kämpfen hat und wieviel Kraft und Vorbereitung es ihn kostet, seinen Alltag zu meistern und das zu tun was er liebt: Auf der Bühne stehen und Menschen zum Lachen zu bringen. tok