
Während sich die Versorgung von Kindern mit ADHS verbessert hat, bleiben erwachsene Betroffene deutlich zurück. Ein erheblicher Anteil der Erwachsenen mit ADHS erhält trotz Problemen keine leitliniengerechte Behandlung. Foto: елена калиничева/stock.adobe.com
Versorgungslücke für Erwachsene mit ADHS: Diagnose gestellt, aber keine Behandlung in Sicht
Wer heute als Erwachsener in Deutschland eine fundierte ADHS-Diagnose erhält, steht danach häufig ohne verlässliche Anschlussversorgung da: Es fehlt an Behandlern, an klaren Zuständigkeiten und an strukturierten Behandlungspfaden. „Wir sehen immer öfter Menschen, die nach einer aufwendigen Diagnostik mit einem Befund in der Hand dastehen und dann monatelang niemanden finden, der eine leitliniengerechte Behandlung übernimmt“, sagt der Psychiater und ADHS-Experte Dr. med. Christian Konkol vom Expertenrat ADHS.
Während sich die Versorgung von Kindern mit ADHS in den vergangenen Jahren schrittweise verbessert hat, bleiben erwachsene Betroffene deutlich zurück. Studien zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Erwachsenen mit ADHS trotz relevanter Beeinträchtigungen keine leitliniengerechte Behandlung erhält. Gleichzeitig haben ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen in Europa in den letzten Jahren deutlich zugenommen – schneller als die Versorgungsstrukturen gewachsen sind.
Zwischen Diagnose und Therapie klafft eine Versorgungslücke
„Diagnostik ohne Behandlung ist ein Systemfehler“, so Konkol. „Wenn wir Menschen sagen: ‚Sie haben ADHS, das erklärt vieles in Ihrem Leben‘ und sie dann mit einem Befund nach Hause schicken, lassen wir sie genau in dem Moment allein, in dem sie Unterstützung brauchen.“ Unbehandelte ADHS im Erwachsenenalter ist mit einer erhöhten Rate an komorbiden psychischen Erkrankungen, beruflichen Problemen und einer deutlich eingeschränkten Lebensqualität verbunden.
Nach aktueller S3-Leitlinie soll die Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter multimodal erfolgen, also in der Regel eine Kombination aus Psychoedukation, gegebenenfalls medikamentöser Therapie sowie verhaltens- oder psychotherapeutischen Angeboten umfassen. „In der Realität sehen wir bei Erwachsenen häufig das Gegenteil: Entweder gar keine spezifische Therapie oder eine stark reduzierte Form, etwa Psychotherapie ohne ADHS-spezifischen Fokus oder eine Medikation ohne begleitende Aufklärung und Unterstützung“, kritisiert Konkol.
Mehrere Monate auf Therapie warten
Ein zusätzlicher Engpass liegt in den langen Wartezeiten: In Deutschland vergehen im Durchschnitt mehrere Monate bis zum Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung, häufig über 20 Wochen (König et al. 2024). Für viele Betroffene bedeutet das eine Phase anhaltender Instabilität – oft in ohnehin belasteten Lebenssituationen.
Hinzu kommt, dass Hausärzte in der Versorgungspraxis häufig die Rolle von Auffangbehandlern übernehmen. „Hausärztinnen und Hausärzte sind unverzichtbar, aber sie dürfen nicht allein gelassen werden“, so Konkol. „Wir brauchen klar definierte, gut erreichbare spezialisierte Ansprechpartner:innen, mit denen sie zusammenarbeiten können, statt ihnen die Verantwortung für eine komplexe Langzeitbehandlung stillschweigend zu übertragen – ohne dass dafür ausreichende strukturelle und zeitliche Ressourcen vorgesehen sind.“
Expertenrat ADHS fordert mehr spezialisierte ADHS-Ambulanzen für Erwachsene
Der Expertenrat ADHS fordert, das Versorgungsloch nach der Diagnose systematisch anzugehen. Dazu gehören aus Sicht des Gremiums mehr spezialisierte ADHS-Ambulanzen für Erwachsene, besser finanzierte strukturierte Behandlungsprogramme, klar definierte Verweiswege für Hausärzte sowie transparente regionale Informationsangebote für Betroffene. „Wir wissen aus der Forschung sehr gut, was wirksame Behandlung ausmacht. Das Problem liegt nicht im Erkenntnisstand, sondern in der Umsetzung“, fasst Konkol zusammen.
Hinweis für Betroffene
Betroffene, die nach einer ADHS-Diagnose keinen Behandlungsplatz finden, sollten mehrere Wege parallel nutzen: über Hausärzte, regionale ADHS-Ambulanzen, die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen (Telefon 116117), Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie spezialisierte Psychotherapeuten. Ergänzend können strukturierte Selbsthilfeangebote, evidenzbasierte Patientenleitlinien und – als zeitlich begrenzte Überbrückung – digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) sinnvoll sein. pm
Info
Weitere Informationen unter https://www.expertenrat-adhs.de/
Prominente mit ADHS: Offene Worte und starke Geschichten
ADHS im Erwachsenenalter kann nerven, frustrieren und belasten – aber mit der richtigen Unterstützung ist ein erfülltes, erfolgreiches Leben möglich. Die Geschichten von Prominenten zeigen: Offenheit hilft – sich selbst und anderen.
Simon Schwarz
Der aus zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen bekannte österreichische Schauspieler beschreibt seine späte ADHS-Diagnose als schicksalhaften Moment: Beim Lesen eines Artikels über ADHS kamen ihm die Tränen – endlich ergab seine lange Schulzeit voller Wechsel und Konflikte einen Sinn. Er berichtet, er habe „schnell ausgeflippt“ und fühlte sich jahrzehntelang sozial nicht integrierbar. Jetzt kann er seine Probleme ganz anders angehen.
Jan Ullrich
Jan Ullrich, der einstige Tour-de-France-Sieger von 1997, gab 2018 zu, an ADHS zu leiden. Doping, Alkohol, Drogen, Trennungen – Tiefpunkte gab es viele im Leben des Radsportlers. Zuerst Jubel und Ruhm, dann der medial begleitete Absturz vom Radsport-Olymp. Gegenüber dem Magazin „Bunte“ bekannte Ullrich damals: „Ich leide an einer hochgradigen Form von ADHS, der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.“ Er verband seine Diagnose mit starken Herausforderungen im Alltag. Seine ADHS-bedingte Rastlosigkeit habe sich auch auf die soziale und familiäre Ebene übertragen. 2018 erklärte er, dass er s ADHS-Medikament „Elvanse“ nehme, allerdings nur sporadisch.
Warum Promis über ADHS sprechen
Vorbilderfunktion: Wer erfolgreich ist und dennoch offen über seine Schwierigkeiten spricht, macht deutlich, dass ADHS kein Karriere- oder Lebenshindernis sein muss.
Entstigmatisierung: Wenn bekannte Persönlichkeiten offen über ADHS reden, zeigen sie: Die Störung ist nichts, wofür man sich schämen muss. Das hilft, Vorurteile abzubauen.
Wiedererkennungseffekt: Viele Betroffene erkennen sich in den Erzählungen wieder – das kann der erste Schritt sein, selbst Hilfe zu suchen.
Aufklärung: Prominente erreichen ein breites Publikum und können Fakten von Mythen trennen – etwa, dass ADHS nicht nur Kinder betrifft.
Mutmacher: Öffentliche Geschichten zeigen, dass sich mit Diagnose und richtiger Unterstützung sich ein erfülltes Leben führen lässt – auch mit Herausforderungen.
Caro Daur
Die deutsche Influencerin, Unternehmerin und Schauspielerin Caro Daur erhielt ihre ADHS-Diagnose erst vor etwa drei Jahren – die Störung begleitete sie aber schon seit Kindheit an. Wie bremst sie ADHS aus? „Ich brauche feste Anker. Sport ist eine wichtige Säule für mich und hilft mir für den Ausgleich – außerdem hilft Musik mir tatsächlich, mich zu konzentrieren. Und ich baue mir gern kleine ,Rituale’ in den Alltag ein: Ich lasse mir zum Beispiel mithilfe von Alexa Timer setzen, um fokussiert zu arbeiten, lege mein Handy weg und arbeite dann 25 Minuten ganz bewusst an einer Sache. Diese Mini-Inseln im Alltag geben mir Struktur. Und wenn’s gar nicht läuft, mache ich kurz Pause“, sagte sie in einem Interview mit „Glamour“.
Christopher Lauer
Als Berliner Abgeordneter der Piratenpartei machte Christopher Laue 2012 öffentlich, dass bei ihm ADHS diagnostiziert wurde. „Die landläufige Meinung, dass es sich bei ADHS um eine Kinderkrankheit handelt, ist falsch. ADHS ist nichts, was auf einen Schlag mit dem 18. Lebensjahr aufhört, es ist ein Wahrnehmungszustand, der einen das ganze Leben lang begleitet“, sagte er in einem Gespräch mit der „ÄrzteZeitung“. Er nehme Methylphenidat „wegen und nicht gegen ADHS“ und empfinde es als großes Glück, durch das Medikament für ein paar Stunden „in eine Welt eintauchen zu können, die mir vorher verschlossen war.“ Er will anderen Betroffenen Mut machen, offen und selbstbewusst mit dem Thema umzugehen.
Felix Lobrecht
Der bekannte Berliner Comedian Felix Lobrecht hat eine ADHS-Diagnose sowie eine Angststörung und wiederkehrende Depressionen öffentlich gemacht. Er erzählt offen, wie das seine Schulzeit, sein Studium und sein Leben insgesamt beeinflusst hat. Geahnt hat er die Diagnose schon länger. Das Wissen über seine ADHS-Erkrankung hat den Blick von Lobrecht auf sein Leben verändert. „Ich verstehe jetzt besser, warum mir manche Sachen so schwergefallen sind“, sagte der 34-Jährige dem „Stern“. In einem YouTube-Video sagte Lobrecht, dass seine ADHS-Krankheit ein Grund für seine Rastlosigkeit sie. Diese führe zwar zu beruflichem Erfolg, aber schade seinem Privatleben.
Lisa Vogel
Lisa Vogel, die mit 27 Jahren ihre ADHS-Diagnose erhielt, schildert ihr Leben lange geprägt von Ängsten, Depressionen und Suchterfahrung. In ihrem Buch „Hirngespinste“ spricht sie über Masking, Erschöpfung und auch über kreative Potenziale, die ADHS mit sich bringen kann. Und sie erzählt davon, wie es ist, als erwachsene Frau mit ADHS zu leben, welchen Vorurteilen man ausgesetzt ist und was im Alltag hilft. Ihre Lebensgeschichte spiegelt auch das Problem, dass ADHS bei Frauen oft übersehen wird, weil sie seltener hyperaktiv sind und eher still oder verträumt wirken. Mit ihrer späten Diagnose habe, so wird ihr Buch beworben, ihre Reise zu sich selbst begonnen. Daraus sei der Wunsch erwachsen, andere auf dieser Reise zu begleiten, ihnen Verständnis zu schenken und sie vor Selbstzweifeln zu schützen.
Jan Philipp Zymny
Der Poetry-Slammer und Autor Jan Philipp Zymny thematisiert sowohl Autismus als auch ADHS in seinen Performances – er verarbeitet seine Erfahrungen bewusst kreativ und öffentlich. Er spricht unter anderem in Videos darüber, mit welchen Barrieren und Vorurteilen er im Alltag zu kämpfen hat und wieviel Kraft und Vorbereitung es ihn kostet, seinen Alltag zu meistern und das zu tun was er liebt: Auf der Bühne stehen und Menschen zum Lachen zu bringen. tok