
An Augengrippe Erkrankte tragen besonders viele Viren in der Tränenflüssigkeit – und bei einer Augenuntersuchung in Arztpraxen kommen Hände und Instrumente zwangsläufig sehr nahe an das infizierte Auge. Und so wird das Virus in Praxen an Patienten und Mitarbeiter weitergegeben. Foto: Kurtz – KI-generiert
Augengrippe in Baden-Württemberg: Plötzlich dreimal so viele Fälle wie im Vorjahr
Zwei Augengrippe-Ausbrüche in medizinischen Einrichtungen, 29 Meldungen in einer Woche und ein auffälliger Sprung der Jahresstatistik: Die hoch ansteckende Adenovirus-Keratokonjunktivitis sorgt im Südwesten erneut für Aufmerksamkeit. Doch die Zahlen erzählen eine kompliziertere Geschichte, als es zunächst aussieht.
Vor wenigen Wochen sah die Lage noch vergleichsweise unspektakulär aus. Zwar hatte Baden-Württemberg einen größeren Ausbruch der Augengrippe registriert. Landesweit lagen die Meldezahlen aber nicht über denen des Vorjahres. Das hat sich inzwischen gründlich geändert.
Zahl der Fälle in 2026 bislang dreimal so hoch wie im Vergleichszeitraum 2025
Nach der neuesten Statistik des Landesgesundheitsamts Baden-Württemberg wurden bis einschließlich Meldewoche 36 dieses Jahres 172 Fälle von Adenovirus-Keratokonjunktivitis registriert. Im gleichen Zeitraum 2025 waren es lediglich 58. Damit liegt die aktuelle Zahl bei fast dem Dreifachen des Vorjahreswertes. Allein für die Meldewoche 36 weist die Statistik 29 Fälle aus.
Und noch etwas fällt auf: Im Land laufen derzeit gleich zwei Ausbruchsgeschehen in ambulanten Behandlungseinrichtungen beziehungsweise Praxen. Ein Ausbruch umfasst 6 bis 19 Erkrankte, der andere mindestens 20. Das ist epidemiologisch besonders interessant. Denn ausgerechnet dort, wo Menschen mit Augenproblemen Hilfe suchen, kann ein hoch ansteckendes Augenvirus besonders günstige Bedingungen zur Weiterverbreitung vorfinden.
Aus 46 Infektionen werden plötzlich 172
Bevor aus den neuen Zahlen allerdings eine vermeintliche Explosion von Augengrippe-Fällen innerhalb weniger Tage gemacht wird, lohnt sich ein genauer Blick. In der Meldestatistik vom 3. September standen für das gesamte Jahr 2026 lediglich 46 Fälle. Für die Woche selbst war damals gar kein neuer Fall ausgewiesen. Außerdem meldete das Landesgesundheitsamt zu diesem Zeitpunkt einen aktuellen Praxisausbruch mit 6 bis 19 Fällen.
Nur eine Woche später lautet der Jahresstand plötzlich: 172 Fälle. Davon werden jedoch nur 29 der KW 36 zugerechnet. Rechnerisch bedeutet das: Der enorme Unterschied kann nicht dadurch erklärt werden, dass innerhalb einer Woche 126 Menschen neu erkrankten. Der aktuelle Datenbestand enthält vielmehr erheblich mehr Fälle aus zurückliegenden Zeiträumen als noch die Statistik der Vorwoche.
Das passt zu einem wichtigen Hinweis des Landesgesundheitsamtes: Seine wöchentlichen Angaben sind vorläufig. Nachmeldungen, Korrekturen und Streichungen können die Zahlen nachträglich verändern. Warum sich die Adenovirus-Zahl diesmal derart stark geändert hat, geht aus der veröffentlichten Statistik allein nicht hervor.

Trotzdem ist der Befund bemerkenswert
Der statistische Nachtrag macht das Geschehen nicht weniger interessant – eher im Gegenteil. Denn die inzwischen konsolidierten Daten zeigen, dass Adenovirus-Infektionen des Auges 2026 in Baden-Württemberg wesentlich häufiger erfasst wurden als im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres.
172 gegenüber 58 Fällen bedeutet: Der aktuelle Jahresstand ist nahezu dreimal so hoch. Dazu kommen zwei gleichzeitig registrierte Ausbrüche im medizinischen Umfeld. „Ambulante Behandlungseinrichtung, Praxis“ lautet lediglich die veröffentlichte Kategorie. Ebenso wenig lässt sich aus den Daten ableiten, dass beide Ausbrüche miteinander zusammenhängen.
Warum gerade Praxen zum Problem werden können
Dass die Augengrippe medizinische Einrichtungen beschäftigt, ist keineswegs ein Zufall. Das Robert Koch-Institut (RKI) bezeichnet die epidemische Keratokonjunktivitis ausdrücklich als praktisch bedeutsame Infektion im medizinischen Bereich.
Der Grund liegt in einer ungünstigen Kombination: Erkrankte tragen besonders viele Viren in der Tränenflüssigkeit – und bei einer Augenuntersuchung kommen Hände und Instrumente zwangsläufig sehr nahe an das infizierte Auge.
Adenoviren können über kontaminierte Hände, Tropfpipetten, Augentropfen und medizinische Geräte weitergegeben werden. Das RKI nennt unter anderem augenärztliche Instrumente als mögliche Übertragungswege.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass medizinische Instrumente bei den derzeitigen baden-württembergischen Ausbrüchen als Ursache feststehen. Dazu hat das Landesgesundheitsamt bislang keine entsprechenden Informationen veröffentlicht. Aber aus früheren Ausbrüchen ist gut bekannt, dass Augenpraxen zu Knotenpunkten einer Übertragung werden können.
Ein Virus wartet auf den nächsten Patienten
Adenoviren sind für diesen Übertragungsweg besonders gut gerüstet. Anders als beispielsweise Influenzaviren besitzen sie keine empfindliche äußere Fetthülle. Dadurch sind sie vergleichsweise widerstandsfähig.
Das RKI weist darauf hin, dass Adenoviren auf kontaminierten Oberflächen für Tage infektionstüchtig bleiben können. Die US-Gesundheitsbehörde CDC beschreibt ebenfalls, dass sie gegenüber vielen üblichen Desinfektionsmitteln widerstandsfähig sind und auf Oberflächen und medizinischen Instrumenten infektiös bleiben können.
Das macht den entscheidenden Unterschied:
- Ein Patient reibt sich das tränende Auge.
- Viren gelangen auf die Hand.
- Die Hand berührt einen Gegenstand.
- Der nächste Mensch berührt dieselbe Stelle – und anschließend sein Auge.
- Oder ein Untersuchungsgerät kommt nacheinander mit mehreren Patienten in Kontakt und wird dazwischen nicht mit einem für Adenoviren wirksamen Verfahren aufbereitet.
Schon kann eine Infektionskette entstehen.

Die berüchtigte Augengrippe ist gar keine Grippe
Der populäre Name Augengrippe führt ein wenig in die Irre. Mit der echten Influenza, also der Grippe, hat die Erkrankung nichts zu tun. Auslöser sind bestimmte menschliche Adenoviren. Die medizinische Bezeichnung lautet epidemische Keratokonjunktivitis beziehungsweise Adenovirus-Keratokonjunktivitis. „Konjunktiva“ bezeichnet die Bindehaut. „Kerato“ verweist auf die Hornhaut. Und genau diese Hornhautbeteiligung unterscheidet die Erkrankung von mancher banalen Bindehautentzündung.
Adenoviren können übrigens sehr unterschiedliche Krankheiten hervorrufen. Manche Typen verursachen Atemwegsinfektionen, andere Magen-Darm-Erkrankungen. Bestimmte Typen haben eine besondere Vorliebe für das Auge.
Meist beginnt es plötzlich
Nach einer Ansteckung vergehen nach RKI-Angaben gewöhnlich fünf bis zwölf Tage, bevor Beschwerden auftreten. Dann kann es schnell gehen.
Typisch sind:
- ein stark gerötetes Auge,
- heftiger Tränenfluss,
- Fremdkörpergefühl,
- Brennen oder Schmerzen,
- geschwollene Lider,
- Lichtempfindlichkeit,
- mitunter verschwommenes Sehen,
- geschwollene Lymphknoten vor dem Ohr.
Häufig beginnt die Infektion an einem Auge. Wenig später kann auch das zweite betroffen sein.
Das Sekret ist typischerweise eher wässrig als dick und eitrig. Allein anhand dieses Merkmals lässt sich die Ursache jedoch nicht sicher bestimmen.
Wenn aus dem roten Auge ein Hornhautproblem wird
Besonders unangenehm wird die Erkrankung, wenn nicht nur die Bindehaut, sondern auch die Hornhaut betroffen ist. Nach ungefähr einer Woche können dort kleine entzündliche Veränderungen entstehen. Später können sich sogenannte subepitheliale Infiltrate bilden – feine entzündliche Einlagerungen in den oberen Hornhautschichten.
Dann sehen Betroffene möglicherweise verschwommen, reagieren stark auf Licht oder nehmen Lichtquellen mit Schleiern und Lichthöfen wahr.
Die akute Bindehautentzündung klingt nach Angaben des RKI gewöhnlich innerhalb von zwei bis vier Wochen ab. Hornhauttrübungen können jedoch wesentlich länger bestehen.
Neuere Übersichtsarbeiten bestätigen, dass solche Hornhautinfiltrate zu den wichtigen möglichen Komplikationen adenoviraler Augeninfektionen gehören und Beschwerden sowie Sehbeeinträchtigungen länger anhalten können. Eine dauerhafte schwere Sehschädigung ist allerdings nicht der typische Verlauf.
Bis zu mehreren Wochen ansteckend
Das nächste Problem ist die lange Infektionsphase. Das Virus lässt sich nach RKI-Angaben gewöhnlich während der ersten zwei Wochen der Erkrankung in Sekreten nachweisen; in der Literatur werden auch Zeiträume von bis zu drei Wochen beschrieben. Damit können Erkrankte über längere Zeit andere Menschen anstecken.
Und weil die Symptome anfangs leicht mit einer anderen Bindehautentzündung verwechselt werden können, weiß möglicherweise nicht jeder Betroffene sofort, wie infektiös er gerade ist. Das ist insbesondere in Wartezimmern ein Problem.


Warum „einfach zum Augenarzt gehen“ ausgerechnet falsch sein kann
Wer morgens mit einem massiv geröteten, tränenden Auge aufwacht, macht normalerweise etwas Vernünftiges: Er fährt zum Augenarzt. Bei Verdacht auf Augengrippe sollte allerdings ein Schritt davor liegen: erst anrufen.
Der Grund ist nicht, dass Betroffene keinen Arzt aufsuchen sollen. Im Gegenteil – insbesondere Schmerzen, Lichtscheu oder eine Sehverschlechterung sollten augenärztlich abgeklärt werden. Aber nach einem Anruf kann sich die Praxis vorbereiten. Patienten mit Verdacht auf hoch ansteckende Keratokonjunktivitis können beispielsweise von anderen Patienten getrennt, direkt in einen Untersuchungsraum geführt oder organisatorisch zu einem geeigneten Zeitpunkt einbestellt werden.
Bei früheren Ausbrüchen in medizinischen Einrichtungen gehörten eine räumliche Trennung Verdächtiger, konsequente Händehygiene und die Desinfektion beziehungsweise Verwendung geeigneter Einmalinstrumente zu den zentralen Kontrollmaßnahmen.
Die beiden aktuellen Ausbrüche in Baden-Württemberg zeigen, warum genau dieses Thema weiterhin aktuell ist.

Widerstandsfähiges Virus: Nicht jedes Desinfektionsmittel hilft
Ein weiterer Unterschied zu vielen anderen Viren wird im Alltag leicht übersehen. Weil Adenoviren unbehüllt sind, wirken nicht automatisch alle Desinfektionsmittel ausreichend gegen sie. Das CDC weist ausdrücklich darauf hin, dass für Oberflächen und Geräte Präparate verwendet werden müssen, deren Wirksamkeit gegen Adenoviren nachgewiesen ist. Das ist vor allem ein Thema für medizinische Einrichtungen.
Für Privathaushalte bleiben die klassischen Maßnahmen entscheidend: Hände sorgfältig reinigen, Augen möglichst nicht berühren und persönliche Gegenstände nicht gemeinsam verwenden. Besonders Handtücher, Waschlappen, Augenkosmetik, Kontaktlinsenzubehör und Augentropfen sollten nicht geteilt werden.


Eine Pille gegen Augengrippe gibt es nicht
So leicht das Virus übertragen wird, so begrenzt sind bislang die Möglichkeiten, es gezielt zu behandeln. Der klassische RKI-Ratgeber nennt keine spezifische antivirale Standardtherapie. Behandelt werden vor allem die Beschwerden.
Kühle Kompressen und Tränenersatzmittel können angenehm sein. Antibiotika helfen gegen Adenoviren nicht. Sie haben nur dann einen Sinn, wenn zusätzlich eine bakterielle Infektion vorliegt oder ein Arzt aus einem anderen konkreten Grund dazu rät. Auch augenärztliche Leitlinien warnen vor unnötiger antibiotischer Behandlung viraler Bindehautentzündungen.
Bei schweren Entzündungen oder ausgeprägten Hornhautveränderungen können Augenärzte in ausgewählten Fällen entzündungshemmende Tropfen einsetzen. Kortison ist dabei allerdings keine Selbstmedikation: Es kann zwar die Entzündung reduzieren, möglicherweise aber zugleich die Viruselimination verzögern.
Neuere Forschungsarbeiten untersuchen unter anderem Povidon-Iod und Kombinationstherapien. Einige Ergebnisse sind vielversprechend, doch daraus ist bislang keine simple frei verfügbare Standardbehandlung geworden, die jeder Betroffene selbst anwenden sollte.
Warum die tatsächliche Zahl höher sein könnte
Auch die jetzt gemeldeten 172 Fälle zeigen nicht zwangsläufig, wie viele Menschen tatsächlich eine Augengrippe hatten. In Deutschland besteht eine besondere Meldepflicht: Gemeldet wird der direkte Nachweis von Adenoviren aus einem Konjunktivalabstrich, also einem Abstrich der Bindehaut, sofern er auf eine akute Infektion hinweist. Nicht jedes rote Auge wird jedoch abgestrichen.
Viele Bindehautentzündungen werden lediglich anhand des klinischen Bildes behandelt, und manche Erkrankten gehen überhaupt nicht zum Arzt. Schon der RKI-Ratgeber weist deshalb darauf hin, dass die gemeldeten laborbestätigten Fälle nur einen Teil der tatsächlichen Erkrankungen erfassen.
Im ersten Augengrippe-Artikel auf Vital-Region.de war das Infektionsgeschehen noch ein anderes. Die aktuelle Zahl von 172 Fällen ist also keine vollständige Zählung sämtlicher entzündeter Augen im Südwesten. Sie ist vielmehr ein Surveillance-Signal. Und genau dieses Signal hat sich innerhalb weniger Wochen auffällig verändert. Noch fehlen allerdings entscheidende Details und Antworten auf verschiedene Fragen. Die Antworten darauf könnten darüber entscheiden, ob Baden-Württemberg derzeit lediglich mehrere statistisch nachgemeldete lokale Ereignisse sieht – oder ein größeres Ausbruchsgeschehen, dessen Dimension erst jetzt sichtbar wird. tok
Augengrippe und ähnliche Augenkrankheiten im Vergleich
| Erkrankung | Typische Hinweise | Sekret | Juckreiz | Schmerzen und Lichtscheu | Ansteckend? |
|---|---|---|---|---|---|
| Adenovirus-Keratokonjunktivitis | Plötzlicher Beginn, oft zuerst ein Auge, später das zweite; starkes Tränen; möglicherweise Hornhauttrübungen | Wässrig | Eher gering | Häufig, besonders bei Hornhautbeteiligung | Sehr stark |
| Bakterielle Bindehautentzündung | Verklebte Lider, gelbliches oder grünliches Sekret | Eitrig-dick | Meist gering | Meist eher mild | Je nach Erreger |
| Allergische Bindehautentzündung | Meist beide Augen gleichzeitig; oft zusammen mit Heuschnupfen | Wässrig | Sehr stark | Meist gering | Nein |
| Trockene Augen | Brennen, wechselnde Sehschärfe, Beschwerden bei Bildschirmarbeit | Kein infektiöses Sekret | Möglich | Meist gering | Nein |
| Herpes-Keratitis | Häufig einseitig; Schmerzen, Lichtscheu, Sehverschlechterung; eventuell Bläschen | Wässrig | Ungewöhnlich | Häufig | Direkte Übertragung möglich, aber kein typischer Massenausbruch |
| Bakterielle Hornhautentzündung | Starke Schmerzen, Lichtscheu, rasche Sehverschlechterung; besonders bei Kontaktlinsen | Unterschiedlich | Ungewöhnlich | Stark – Notfallverdacht | Je nach Ursache |
Wichtig: Die Tabelle ermöglicht keine sichere Selbstdiagnose. Ein stark schmerzendes, lichtempfindliches oder schlechter sehendes Auge muss ärztlich untersucht werden.