Mindestens 20 Erkrankte bei einem Augengrippe-Ausbruch in einer ambulanten Behandlungseinrichtung beziehungsweise Praxis im Südwesten listet das baden-württembergische Landesgesundheitsamt auf. Die Adenovirus-Infektion ist extrem ansteckend und kann auch die Hornhaut erfassen. Foto: Kurtz – KI-generiert

Augengrippe: Hoch ansteckende Adenoviren sorgen für lokalen Ausbruch im Südwesten

Mindestens 20 Menschen sind in Baden-Württemberg innerhalb kurzer Zeit bei einem Ausbruchsgeschehen an einer schweren, ansteckenden Augenentzündung erkrankt. Hinter dem Geschehen steckt offenbar eine sogenannte Adenovirus-Keratokonjunktivitis. Umgangssprachlich wird sie häufig als „Augengrippe“ bezeichnet. Der Name klingt zunächst beinahe harmlos. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine der ansteckendsten Infektionen des Auges.

Augengrippe-Ausbruch in ambulanter Behandlungseinrichtung oder Praxis

Der Ausbruch wurde nach Angaben des Landesgesundheitsamts einer ambulanten Behandlungseinrichtung beziehungsweise Praxis zugeordnet und für den Zeitraum 17. bis 30. Juli 2026 erfasst. In welchem Stadt- oder Landkreis sich die Einrichtung befindet, wurde bislang nicht veröffentlicht. Eine konkrete Übertragungsursache für diesen aktuellen Ausbruch wurde bislang nicht veröffentlicht. Landesweit liegt mit 46 Fällen seit Jahresbeginn allerdings kein allgemeiner Anstieg vor; im Vergleichszeitraum 2025 waren es 51.

Besonders heikel sind Ausbrüche in Arzt- und Augenarztpraxen. Die Viren können über Hände, Türgriffe, gemeinsam benutzte Gegenstände, Augentropfen oder nicht ausreichend desinfizierte Untersuchungsgeräte weitergegeben werden. Zu den bekannten möglichen Übertragungsquellen zählen Instrumente, mit denen beispielsweise der Augeninnendruck gemessen wird. Das Robert Koch-Institut (RKI) bezeichnet die epidemische Adenovirus-Keratokonjunktivitis als hoch ansteckend und weist ausdrücklich auf Ausbrüche in medizinischen Einrichtungen hin.

Adenoviren sind sehr ansteckend und können sich lange auf diversen Oberflächen halten. Ein kurzes Reiben an einem infizierten Auge und schon überträgt man die Viren auf andere Oberflächen. Grafik: Kurtz – KI-generiert
Wer diese Warnzeichen an seinen Augen feststellt, hat sich eventuell mit Adenoviren infiziert. Dann sollte ein Augenarzt eine genauere Diagnose treffen. Grafik: Kurtz – KI-generiert

Warum heißt die Krankheit „Augengrippe“?

Mit einer echten Grippe hat die Erkrankung nichts zu tun. Eine Grippe wird durch Influenzaviren ausgelöst. Die Augengrippe entsteht dagegen durch bestimmte Adenoviren. Die Bezeichnung Augengrippe kann deshalb irreführend sein: Es handelt sich weder um eine Grippe noch schützt eine Grippeimpfung vor dieser Augeninfektion. Und man kann eine Augengrippe mehrmals bekommen, weil es verschiedene Adenovirustypen gibt. Eine durchgemachte Infektion schützt nicht sicher vor allen weiteren Typen.

Der Begriff hat sich wahrscheinlich eingebürgert, weil die Krankheit plötzlich auftreten, sich explosionsartig verbreiten und zahlreiche Menschen gleichzeitig treffen kann. Manche Betroffene fühlen sich zudem krank und abgeschlagen oder haben leichte Erkältungsbeschwerden. Entscheidend sind jedoch die Beschwerden an Bindehaut und Hornhaut. Medizinisch genauer sind die Begriffe epidemische Keratokonjunktivitis, Keratoconjunctivitis epidemica oder Adenovirus-Keratokonjunktivitis. „Kerato“ steht für die Hornhaut, „Konjunktivitis“ für eine Entzündung der Bindehaut. 

Adenoviren sind ausgesprochen widerstandsfähig

Adenoviren sind weltweit verbreitet. Je nach Virustyp können sie Atemwegsinfektionen, Magen-Darm-Erkrankungen oder Augenentzündungen verursachen. Die besonders schwere Augenform befällt nicht nur die Bindehaut, sondern häufig auch die durchsichtige Hornhaut vor der Pupille.

Die Viren besitzen keine empfindliche Fetthülle. Dadurch sind sie außerhalb des Körpers vergleichsweise widerstandsfähig. Sie können auf Gegenständen und Oberflächen infektiös bleiben, wenn diese nicht mit geeigneten Mitteln gereinigt und desinfiziert werden.

Das erklärt, warum schon geringe Hygienefehler zu einer größeren Infektionskette führen können. Besonders gefährdet sind Augenarztpraxen, Kliniken, Schulen, Kindertagesstätten, Pflegeeinrichtungen und Haushalte, in denen viele Menschen engen Kontakt haben.

Auch Schwimmbadwasser kann bei bestimmten adenoviralen Augenentzündungen eine Rolle spielen. Voraussetzung für einen sicheren Badebetrieb sind unter anderem eine korrekte Wasseraufbereitung und ausreichende Desinfektion.

So gelangen die Viren ins Auge

Die wichtigste Rolle spielt die Kontakt- und Schmierinfektion. Erkrankte Menschen reiben sich das tränende Auge. Viren gelangen dabei an die Finger und von dort auf Handtücher, Waschlappen, Türklinken, Telefone, Tastaturen oder Untersuchungseinrichtungen.

Fasst eine andere Person anschließend dieselbe Fläche und danach das eigene Auge an, können die Erreger auf die Bindehaut gelangen.

Eine Übertragung ist außerdem möglich über:

  • direkten Kontakt mit Tränen oder Augensekret,
  • gemeinsam benutzte Handtücher und Kissen,
  • Kosmetik und Schminkutensilien,
  • gemeinsam benutzte Augentropfen,
  • Kontaktlinsen und Zubehör,
  • unzureichend aufbereitete medizinische Instrumente.

Häufig beginnt die Entzündung an einem Auge. Durch unbewusstes Reiben oder Berühren können Betroffene das Virus selbst auf das zweite Auge übertragen.

Symptome beginnen meist nach mehreren Tagen

Zwischen Ansteckung und den ersten Beschwerden liegen nach Angaben des Robert Koch-Instituts meistens fünf bis zwölf Tage. Die Erkrankung beginnt oft plötzlich. Zunächst ist häufig nur ein Auge betroffen, nach einigen Tagen kann das zweite folgen.

Typische Beschwerden sind:

  • deutlich gerötete Augen,
  • starkes Tränen,
  • Brennen oder Schmerzen,
  • Fremdkörpergefühl wie Sand im Auge,
  • geschwollene Augenlider,
  • Lichtempfindlichkeit,
  • verschwommenes Sehen,
  • vergrößerte Lymphknoten vor dem Ohr.

Ein eitriges, dickes Sekret spricht eher für eine bakterielle Infektion. Bei einer viralen Augengrippe ist das Sekret meist wässrig. Diese Unterscheidung ist jedoch nicht immer eindeutig.

Manche Betroffene haben zusätzlich Fieber, Halsschmerzen, Schnupfen oder ein allgemeines Krankheitsgefühl. Insbesondere beim sogenannten Pharyngokonjunktivalfieber treten Augenentzündung, Fieber und Rachenentzündung gemeinsam auf. Nicht jede adenovirale Augenentzündung ist jedoch eine epidemische Keratokonjunktivitis.

Um eine Diagnose gpu stellen, untersucht der Augenarzt Bindehaut und Hornhaut, meist mit einer Spaltlampe. Bei Bedarf kann ein Abstrich der Bindehaut auf Adenovirus-Erbgut untersucht werden.

Wenn die Hornhaut betroffen ist

Eine einfache Bindehautentzündung ist unangenehm, beeinträchtigt die Sehschärfe aber meist nur durch Tränen und Sekret. Bei der Augengrippe kann sich dagegen auch die Hornhaut entzünden. Dabei können kleine, punktförmige Trübungen entstehen. Später sind sogenannte subepitheliale Infiltrate möglich. Das sind entzündliche Einlagerungen unmittelbar unter der Oberfläche der Hornhaut.

Betroffene sehen dann unscharf, fühlen sich stark geblendet oder nehmen Lichtquellen mit Schleiern und Lichthöfen wahr. Die akute Entzündung klingt meistens innerhalb von zwei bis vier Wochen ab. Hornhauttrübungen können jedoch noch Wochen oder Monate bestehen bleiben. In einzelnen schweren Fällen können sie das Sehvermögen länger beeinträchtigen.

Eine dauerhafte schwere Sehschädigung ist selten. Sie ist aber einer der Gründe, weshalb ausgeprägte Beschwerden augenärztlich kontrolliert werden sollten.

Wer an einer Augengrippe erkrankt ist, sollte diese Hygieneregeln besonders konsequent einhalten. Das Adenovirus ist hochansteckend. Grafik: Kurtz – KI-generiert
Rote Augen müssen nicht gleich etwas Schlimmes bedeuten. Aber es gibt Warnzeichen, bei denen man möglichst schnell einen Augenarzt ansprechen sollte. Grafik: Kurtz – KI-generiert

Wie lange ist die Augengrippe ansteckend?

Besonders ansteckend sind Erkrankte in der frühen Phase, wenn die Augen stark gerötet sind und viel Tränenflüssigkeit absondern. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts kann das Virus im Augensekret gewöhnlich während der ersten zwei bis drei Wochen nachweisbar sein. Solange kann grundsätzlich eine Übertragung möglich sein.

Ein großes Problem: Betroffene können die Erreger bereits weitergeben, bevor ihnen bewusst ist, dass sie an einer hoch ansteckenden Infektion leiden. Zudem reichen wenige Viruspartikel möglicherweise für eine Übertragung aus.

Ob und wie lange Erkrankte zu Hause bleiben sollten, hängt vom Beruf, vom Ausmaß der Beschwerden, vom Kontakt zu besonders gefährdeten Menschen und von den Vorgaben des Gesundheitsamts ab. Für Beschäftigte in Augenarztpraxen, Kliniken, Pflegeeinrichtungen oder Gemeinschaftseinrichtungen gelten besonders hohe Anforderungen an die Hygiene.

Gibt es ein Medikament gegen Augengrippe?

Eine allgemein etablierte Therapie, die Adenoviren im Auge zuverlässig beseitigt, gibt es bislang nicht. Antibiotika helfen gegen Viren nicht. Antibiotische Augentropfen sind daher bei einer reinen Adenovirus-Infektion wirkungslos.

Die Behandlung soll vor allem die Beschwerden lindern. Möglich sind nach ärztlicher Rücksprache:

  • kühle Kompressen,
  • Tränenersatzmittel ohne Konservierungsstoffe,
  • Schonung der Augen,
  • Verzicht auf Kontaktlinsen,
  • gedämpftes Licht bei starker Lichtempfindlichkeit.

Kortisonhaltige Augentropfen können in ausgewählten schweren Fällen notwendig sein, etwa bei ausgeprägten Hornhauttrübungen oder bedrohlicher Entzündung. Sie gehören jedoch ausschließlich in augenärztliche Hände. Kortison kann den Augeninnendruck erhöhen, andere Infektionen verschlimmern und möglicherweise die Ausscheidung von Adenoviren verlängern.

Auch gefäßverengende „Weißmacher“-Augentropfen sollten nicht unkritisch verwendet werden. Sie behandeln die Ursache nicht und können bei längerem Gebrauch die Augen zusätzlich reizen.

Mehrere Wirkstoffe und Kombinationen, darunter antiseptische Substanzen und immunmodulierende Behandlungen, werden wissenschaftlich untersucht. Die vorhandene Studienlage reicht jedoch bislang nicht für eine einfache Standardtherapie, die allen Erkrankten empfohlen werden könnte.

Wann muss man zum Arzt?

Ein rotes Auge ist nicht automatisch eine harmlose Bindehautentzündung. Starke Schmerzen, deutliche Lichtscheu oder eine nachlassende Sehschärfe können auf eine Beteiligung der Hornhaut oder auf eine andere ernsthafte Augenerkrankung hinweisen.

Rasch augenärztlich untersucht werden sollten:

  • starke Augenschmerzen,
  • plötzlich schlechteres Sehen,
  • ausgeprägte Lichtempfindlichkeit,
  • Verletzungen oder Fremdkörper im Auge,
  • Beschwerden nach einer Augenoperation,
  • starke einseitige Kopfschmerzen mit Übelkeit,
  • auffällig veränderte Pupillen,
  • Bläschen an Lid oder Gesicht,
  • Beschwerden bei Neugeborenen,
  • schwere Symptome bei geschwächter Immunabwehr.

Kontaktlinsenträger sollten besonders vorsichtig sein. Ein schmerzhaft gerötetes Auge kann bei ihnen auch durch eine bakterielle Hornhautentzündung verursacht werden. Diese kann sich rasch verschlechtern und muss umgehend behandelt werden.

Vor dem Praxisbesuch unbedingt anrufen

Wer eine Augengrippe vermutet, sollte eine Augenarztpraxis nicht unangekündigt betreten. Sinnvoll ist ein vorheriger Anruf mit dem Hinweis, dass beide oder eines der Augen plötzlich stark gerötet sind und eine ansteckende Bindehautentzündung möglich ist.

Die Praxis kann den Besuch dann so organisieren, dass andere Patienten möglichst nicht angesteckt werden. Möglich sind getrennte Wartebereiche, ein Termin am Ende der Sprechstunde oder eine direkte Aufnahme in einen Behandlungsraum.

Gerade der aktuelle Ausbruch in Baden-Württemberg zeigt, weshalb diese Vorsicht wichtig ist: Medizinische Einrichtungen können zu einem Knotenpunkt der Übertragung werden, wenn Erkrankte, Personal, Räume und Instrumente nicht konsequent getrennt beziehungsweise desinfiziert werden.

Die wichtigsten Hygieneregeln

Die Viren verbreiten sich vor allem über Hände und Gegenstände. Deshalb ist gründliches Händewaschen besonders wichtig. Betroffene sollten ihre Augen möglichst nicht berühren und nach jedem unvermeidbaren Kontakt sofort die Hände reinigen.

Handtücher, Waschlappen, Kissen, Kosmetik, Augentropfen und Kontaktlinsenzubehör dürfen nicht gemeinsam benutzt werden. Häufig berührte Flächen sollten mit einem gegen unbehüllte Viren wirksamen Mittel gereinigt beziehungsweise desinfiziert werden.

Kontaktlinsen sollten während der Erkrankung nicht getragen werden. Bereits verwendete Einmallinsen müssen entsorgt werden. Auch Behälter und möglicherweise verunreinigtes Zubehör sollten ersetzt oder fachgerecht aufbereitet werden.

Augen-Make-up, das während der akuten Erkrankung benutzt wurde, kann ebenfalls verunreinigt sein und sollte nicht weiterverwendet werden.

Meldepflicht gilt für den Erregernachweis

In Deutschland ist nicht jedes gerötete Auge meldepflichtig. Nach dem Infektionsschutzgesetz muss jedoch der direkte Nachweis von Adenoviren aus einem Abstrich der Bindehaut namentlich an das Gesundheitsamt gemeldet werden, wenn er auf eine akute Infektion hinweist.

Das bedeutet zugleich: Die offiziellen Fallzahlen bilden nicht jede tatsächliche Erkrankung ab. Viele Menschen mit leichteren Beschwerden werden nicht getestet. Die Zahl der Infektionen kann daher höher liegen als die Zahl der gemeldeten Labornachweise.

Augengrippe und ähnliche Augenkrankheiten im Vergleich

ErkrankungTypische HinweiseSekretJuckreizSchmerzen und LichtscheuAnsteckend?
Adenovirus-KeratokonjunktivitisPlötzlicher Beginn, oft zuerst ein Auge, später das zweite; starkes Tränen; möglicherweise HornhauttrübungenWässrigEher geringHäufig, besonders bei HornhautbeteiligungSehr stark
Bakterielle BindehautentzündungVerklebte Lider, gelbliches oder grünliches SekretEitrig-dickMeist geringMeist eher mildJe nach Erreger
Allergische BindehautentzündungMeist beide Augen gleichzeitig; oft zusammen mit HeuschnupfenWässrigSehr starkMeist geringNein
Trockene AugenBrennen, wechselnde Sehschärfe, Beschwerden bei BildschirmarbeitKein infektiöses SekretMöglichMeist geringNein
Herpes-KeratitisHäufig einseitig; Schmerzen, Lichtscheu, Sehverschlechterung; eventuell BläschenWässrigUngewöhnlichHäufigDirekte Übertragung möglich, aber kein typischer Massenausbruch
Bakterielle HornhautentzündungStarke Schmerzen, Lichtscheu, rasche Sehverschlechterung; besonders bei KontaktlinsenUnterschiedlichUngewöhnlichStark – NotfallverdachtJe nach Ursache

Wichtig: Die Tabelle ermöglicht keine sichere Selbstdiagnose. Ein stark schmerzendes, lichtempfindliches oder schlechter sehendes Auge muss ärztlich untersucht werden. tok