
Medikamente wie Tirzepatid wurden ursprünglich als Diabetes-Medikamente zugelassen. Nun kommen sie auch als „Abnehmspritzen“ gegen Adipositas zum Einsatz. TUM-Forscher fanden heraus: Eine Tirzepatid-Therapie kann Risiken für Herzinfarkte und Krankenhauseinweisungen infolge von Infektionen deutlich verringern. Foto: bierwirm/stock.adobe.com
Adipositas-Medikament senkt Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Infektionen deutlich
Menschen mit Typ-2-Diabetes und Adipositas können von einer Behandlung mit dem Medikament Tirzepatid profitieren. Im Vergleich zu einem klassischen Diabetes-Medikament kann Tirzepatid, das unter dem Namen Mounjaro vertrieben wird, Risiken für Herzinfarkte und Krankenhauseinweisungen infolge von Infektionen um jeweils rund ein Drittel verringern. Das haben Forschende der Technischen Universität München (TUM) und der Harvard Medical School anhand von Versichertendaten nachgewiesen.
Große Datenmenge, eindeutige Datenlage
Für ihre im Fachmagazin The BMJ veröffentlichte Studie arbeiteten die Forschenden mit einem großen Satz an Daten von US-amerikanischen Krankenversicherungen. Dabei verglichen sie Patienten, die mit Tirzepatid behandelt wurden, mit solchen, die mit Sitagliptin, einem Diabetes-Medikament ohne nachgewiesene kardioprotektive Wirkung, behandelt wurden.
Dabei zeigten sich deutliche Vorteile des GLP-1-Medikaments, das in den vergangenen Jahren als sogenannte Abnehmspritze auch in Publikumsmedien diskutiert wurde. Während nach einem Jahr 4,4 Prozent der Personen, die mit dem Vergleichsmedikament behandelt wurden, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hatten oder verstorben waren, waren es in der Tirzepatid-Gruppe nur 2,9 Prozent. Das entspricht einem um rund ein Drittel verringerten relativen Risiko.
Krankenhauseinweisungen wegen Infektionen deutlich verringert
Zudem mussten deutlich weniger Patienten wegen Infektionen im Krankenhaus behandelt werden: Das entsprechende Risiko war um 36 Prozent reduziert. Das Risiko, infolge einer Infektion zu sterben, war sogar um 60 Prozent reduziert.
„Die Daten zu Infektionen haben uns in dieser Deutlichkeit auch überrascht“, sagt Dr. Nils Krüger, Erstautor der Studie und Assistenzarzt in der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen des TUM Klinikums Deutsches Herzzentrum. „Frühere Studien haben bereits Hinweise darauf geliefert, dass Menschen, die mit GLP-1-Agonisten behandelt werden, seltener wegen Infektionen ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen und seltener an diesen sterben.“
Die Gründe dafür seien Krüger zufolge noch nicht restlos aufgeklärt. „Es gibt aber Hinweise darauf, dass Fettleibigkeit Entzündungsprozesse im Körper fördert, die wiederum die Immunabwehr einschränken. Was dabei genau im Körper geschieht und ob der positive Effekt auch ohne eine Gewichtsabnahme auftreten würde, muss jetzt untersucht werden.“
Datenbasierte Studien ergänzen klassische klinische Studien
Studien, die anhand von klinischen Routinedaten Auswirkungen von Medikamenten vergleichen, sind aus Sicht von Krüger eine wichtige Ergänzung zu klassischen klinischen Studien. Gerade bei den GLP-1-Agonisten, wie Tirzepatid oder Semaglutid (Wegovy und Ozempic), gibt es meist wenige groß angelegte Studien, die die vielfältigen Effekte dieser Medikamentenklasse untersuchen, da die Medikamente erst seit relativ kurzer Zeit auf dem Markt sind. Genau diese benötigen die medizinischen Fachgesellschaften und Zulassungsbehörden aber als Grundlage für ihre Empfehlungen.
„Dazu kommt, dass bei klinischen Studien immer häufiger zwei verwandte Wirkstoffe miteinander verglichen werden“, sagt Krüger. Zulassungsbehörden bräuchten aber häufig auch einen Vergleich bei dem kein Vergleichsmedikament gegen wird und mit der bereits etablierten Standardbehandlung verglichen wird. „Datenbankstudien, die an verwandten Ergebnissen einer klassischen klinischen Studie gemessen sind, können diese Lücke schließen, ohne tatsächlich Probandinnen und Probanden eine möglicherweise vorteilhafte Therapie mit modernen Medikamenten wie GLP1-Agonisten vorzuenthalten.“
Indem die Studie einen Vergleich mit der Standard-Diabetes-Behandlung ermöglicht, hofft Krüger, eine weitere Entscheidungshilfe für Betroffene und die behandelnden Ärzte zu schaffen.
Info
Originalpublikation: Nils Krüger, Sebastian Schneeweiss, Shirley V Wang. „Tirzepatide and the risk of atherosclerotic cardiovascular events: population based cohort study“. The BMJ (2026). DOI: 10.1136/bmj-2026‑100011. pm/TUM
Wer bekommt Mounjaro von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt?
Hier ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Tirzepatid (Mounjaro) kann in Deutschland grundsätzlich zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zur Behandlung des Typ-2-Diabetes verordnet werden – nicht jedoch zur Gewichtsregulierung beziehungsweise allein zum Abnehmen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat Tirzepatid für die Indikation Gewichtsregulierung ausdrücklich als sogenanntes Lifestyle-Arzneimittel in Anlage II der Arzneimittel-Richtlinie aufgenommen. Dieser Ausschluss ist seit Dezember 2024 in Kraft. Für die Behandlung des Typ-2-Diabetes gilt dieser Ausschluss dagegen nicht.
Mounjaro ist für Erwachsene mit unzureichend eingestelltem Typ-2-Diabetes zusätzlich zu Ernährung und Bewegung zugelassen – allein, wenn Metformin wegen Unverträglichkeit oder Kontraindikationen nicht infrage kommt, oder zusätzlich zu anderen Diabetesmedikamenten. Mittlerweile umfasst die Zulassung auch Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren mit Typ-2-Diabetes.
Ein Mensch mit Adipositas bekommt Mounjaro also nicht automatisch auf Kassenrezept, selbst wenn die Gewichtsabnahme medizinisch sinnvoll wäre. Wird es zur Gewichtsregulierung eingesetzt, muss es in der Regel selbst bezahlt werden. Hat dieselbe Person einen behandlungsbedürftigen Typ-2-Diabetes und wird Tirzepatid dafür indikationsgerecht verordnet, kann die GKV die Kosten tragen.
Für wen eignet sich eine Tirzepatid-Therapie?
Für die Gewichtsregulierung bei Erwachsenen ist Mounjaro zugelassen bei einem anfänglichen Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 30 kg/m² (Adipositas) oder von mindestens 27 bis unter 30 kg/m² (Übergewicht), wenn mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung besteht. Als solche Begleiterkrankungen nennt die Fachinformation beispielsweise Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, obstruktive Schlafapnoe, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes. Die Therapie soll zusätzlich zu kalorienreduzierter Ernährung und erhöhter körperlicher Aktivität erfolgen.
Damit ist Tirzepatid medizinisch kein Medikament für Menschen mit Normalgewicht, die lediglich einige kosmetisch störende Kilogramm verlieren möchten.
Ob die Behandlung im individuellen Fall geeignet ist, muss ärztlich beurteilt werden. Besondere Vorsicht ist unter anderem bei einer Vorgeschichte einer Pankreatitis und bei Erkrankungen erforderlich, die mit einer schweren Verzögerung der Magenentleerung einhergehen. In Schwangerschaft und Stillzeit beziehungsweise bei Kinderwunsch gelten ebenfalls besondere Einschränkungen. Zudem muss beispielsweise bei gleichzeitiger Behandlung mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen das Risiko einer Unterzuckerung berücksichtigt werden.
Was kann Tirzepatid leisten?
Tirzepatid aktiviert zwei hormonelle Signalwege: die Rezeptoren des glukoseabhängigen insulinotropen Polypeptids (GIP) und des Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1). Unter anderem verbessert es dadurch die Blutzuckerregulation, vermindert den Appetit und die Energieaufnahme und kann eine erhebliche Gewichtsabnahme bewirken.
Wie ausgeprägt diese sein kann, zeigt die große SURMOUNT-1-Studie mit 2539 Erwachsenen mit Adipositas beziehungsweise Übergewicht und mindestens einer Begleiterkrankung, jedoch ohne Diabetes. Nach 72 Wochen betrug die durchschnittliche Gewichtsreduktion je nach Dosierung etwa 15,0 Prozent mit 5 mg, 19,5 Prozent mit 10 mg und 20,9 Prozent mit 15 mg Tirzepatid. In der Placebogruppe waren es 3,1 Prozent. Bei den beiden höheren Dosierungen verloren 50 beziehungsweise 57 Prozent der Teilnehmer mindestens 20 Prozent ihres Ausgangsgewichts. Das sind allerdings Studienmittelwerte und keine Gewichtsabnahme-Garantie. Die individuelle Wirkung kann deutlich stärker oder schwächer ausfallen.
Bei Typ-2-Diabetes ist Tirzepatid zugleich ein sehr wirksames blutzuckersenkendes Medikament. Der Nutzen beschränkt sich also nicht auf die Waage.
Welche Nebenwirkungen gibt es?
Am häufigsten sind Magen-Darm-Beschwerden. Nach der aktuellen Fachinformation gehören insbesondere Übelkeit, Durchfall und Erbrechen dazu. Auch Verstopfung, Bauchschmerzen beziehungsweise Verdauungsbeschwerden, Blähungen und Aufstoßen können auftreten. Die Beschwerden treten besonders häufig während der schrittweisen Dosissteigerung auf und nehmen bei vielen Patienten anschließend wieder ab.
Medizinisch bedeutsamer, aber wesentlich seltener sind beispielsweise akute Bauchspeicheldrüsenentzündungen (Pankreatitis). Durch starkes Erbrechen oder Durchfall kann es außerdem zu Flüssigkeitsmangel kommen, der wiederum die Nierenfunktion beeinträchtigen kann. Auch Erkrankungen der Gallenblase beziehungsweise Gallensteine kommen vor.
Eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) ist insbesondere relevant, wenn Tirzepatid zusammen mit Insulin oder bestimmten anderen blutzuckersenkenden Medikamenten wie Sulfonylharnstoffen angewendet wird.
Deshalb sollte Tirzepatid nicht als harmlose „Abnehmspritze“, sondern als wirksames verschreibungspflichtiges Arzneimittel mit entsprechend notwendiger ärztlicher Begleitung betrachtet werden.
Was kostet eine Tirzepatid-Therapie pro Monat?
Für Selbstzahler ist das ein erheblicher Kostenfaktor. Ein Mounjaro-KwikPen enthält vier wöchentliche Dosen und entspricht damit ungefähr einem Behandlungsmonat. Die Preise hängen von der Dosierungsstärke ab. Je nach Dosierung muss ein Selbstzahler derzeit grob mit etwa 200 bis knapp 500 Euro pro vier Wochen rechnen, gegebenenfalls zuzüglich Kosten für privatärztliche Leistungen beziehungsweise Rezeptausstellung.
Lohnt sich Mounjaro für nur einen Monat und den schnellen Abnehmerfolg?
Für eine nachhaltige Gewichtsreduktion ist eine einmonatige Behandlung in aller Regel nicht sinnvoll. Das ergibt sich schon aus dem zugelassenen Dosierungsschema: Begonnen wird mit 2,5 mg einmal wöchentlich. Erst nach vier Wochen wird auf 5 mg erhöht. Weitere Erhöhungen erfolgen frühestens nach jeweils weiteren vier Wochen. Die empfohlenen Erhaltungsdosen für Erwachsene liegen bei 5, 10 oder 15 mg. Der erste Monat ist somit im Wesentlichen eine Einstiegs- und Gewöhnungsphase und nicht die eigentliche Langzeittherapie.
Noch wichtiger ist ein zweiter Punkt: Adipositas wird heute als chronische Erkrankung verstanden. Tirzepatid beseitigt die biologischen Mechanismen, die eine Gewichtszunahme begünstigen, nicht dauerhaft. Wird das Medikament abgesetzt, können Hunger und Energieaufnahme wieder zunehmen.
Sehr deutlich zeigte das die randomisierte SURMOUNT-4-Studie. Die Teilnehmer hatten während einer zunächst 36-wöchigen Tirzepatid-Behandlung durchschnittlich 20,9 Prozent ihres Körpergewichts verloren. Anschließend wurde ein Teil auf Placebo umgestellt. Während diejenigen, die Tirzepatid weiter erhielten, in den folgenden 52 Wochen weitere 5,5 Prozent Gewicht verloren, kam es nach dem Absetzen zu einer erheblichen Wiederzunahme: Die Placebogruppe nahm gegenüber dem Zeitpunkt der Randomisierung durchschnittlich rund 14 Prozent wieder zu.
Mounjaro ist also keine Vier-Wochen-Kur. Wer damit wegen Adipositas behandelt wird, sollte eher in Kategorien einer längerfristigen Therapie denken – ähnlich wie bei anderen chronischen Erkrankungen. Wie lange eine einzelne Person Tirzepatid benötigt und ob irgendwann reduziert oder abgesetzt werden kann, lässt sich derzeit nicht pauschal beantworten. Die Entscheidung hängt von Wirkung, Nebenwirkungen, Begleiterkrankungen, Gewichtsentwicklung und den langfristig etablierten Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten ab.
Die bisherige Evidenz spricht jedoch deutlich dagegen, Tirzepatid nur kurzfristig einzusetzen, um möglichst schnell einige Kilogramm abzunehmen. Die großen Zulassungsstudien untersuchten die Gewichtsreduktion über viele Monate; SURMOUNT-1 beispielsweise über 72 Wochen. Und die Absetzstudie zeigt, dass ein erheblicher Teil des verlorenen Gewichts nach Beendigung der Behandlung wieder zurückkommen kann. tok