
Für Frauen ist es eine jahrzehntelange Realität: Jeden Monat bringt die Menstruation eine oft mit Unwohlsein und Schmerzen verbundene Blutung. Ein normaler körperlicher Vorgang und trotzdem spricht kaum jemand darüber. Kein Wunder, dass die Periode für die meisten Männer immer noch ein Rätsel mit vielen Fragezeichen ist. Foto: Evgeniya Sheydt/stock.adobe.com
Menstruation und ahnungslose Männer: Zehn Mythen und was jeden Monat im Frauenkörper passiert
Frauen verlieren dabei „schlechtes Blut“, während der Periode kann man nicht schwanger werden und heftige Schmerzen gehören nun einmal dazu: Rund um die Menstruation halten sich erstaunlich viele Irrtümer. Und ausgerechnet Männer wissen häufig nur wenig darüber, was im weiblichen Körper Monat für Monat tatsächlich geschieht. Zeit für eine kleine Nachhilfestunde – für beide Geschlechter.
Für ungefähr die Hälfte der Menschheit gehört sie über Jahrzehnte zum Leben. Trotzdem wird über kaum einen normalen körperlichen Vorgang so verschämt gesprochen wie über die Menstruation.
Männer und Menstruation: Da ist noch Luft nach oben
Mehr als zwei Milliarden Frauen und Mädchen weltweit menstruieren. Die Weltgesundheitsorganisation WHO weist dennoch darauf hin, dass die Menstruation vergleichsweise schlecht erforscht ist und falsche Vorstellungen und Tabus weiterhin verbreitet sind. Besonders auffällig: Wer selbst keine Periode bekommt, hat häufig erhebliche Wissenslücken. Und da reden wir von der anderen Hälfte der Menschheit.
Wie groß dieses Wissensdefizit sein kann, zeigte eine repräsentativ gewichtete US-Umfrage des Instituts YouGov unter 1091 erwachsenen Männern. Nur 41 Prozent konnten korrekt angeben, was Menstruation überhaupt ist. Lediglich 20 Prozent erkannten die richtige Größenordnung für die Länge eines Menstruationszyklus. 52 Prozent hielten dagegen einen Zeitraum von ein bis sechs Tagen für den Menstruationszyklus – verwechselten also offenbar die Blutungsdauer mit dem gesamten Zyklus.
Und 42 Prozent glaubten, dass eine Frau während ihrer Periode nicht schwanger werden könne. 65 Prozent wussten nicht, was eine Menstruationstasse ist beziehungsweise wie sie funktioniert. Immerhin hielten 78 Prozent der Befragten es für wichtig, Jungen über Menstruation und Menstruationszyklus aufzuklären. Die Erhebung wurde von einem Hersteller von Menstruationsprodukten in Auftrag gegeben; durchgeführt wurde sie von YouGov. Das sollte bei der Einordnung berücksichtigt werden.
Dass die Wissenslücke nicht nur ein amerikanisches Phänomen sein dürfte, legt auch wissenschaftliche Forschung nahe. In einer 2024 veröffentlichten Befragung von 676 Menschen beantworteten weibliche Teilnehmer bei 88,9 Prozent der abgefragten Themen die Fragen häufiger richtig als männliche und nichtbinäre Teilnehmer. Selbst in der insgesamt überwiegend gut gebildeten Stichprobe wussten nur rund 55 Prozent aller Befragten, was als erster Tag eines neuen Menstruationszyklus gilt, und nur 56 Prozent kannten die durchschnittliche Dauer der Monatsblutung.

Aber was passiert bei der Menstruation eigentlich?
Vereinfacht gesagt bereitet sich der weibliche Körper während jedes natürlichen Zyklus auf eine mögliche Schwangerschaft vor. Dabei arbeiten Gehirn, Eierstöcke und Gebärmutter über ein fein abgestimmtes Hormonsystem zusammen. In einem Eierstock entwickelt sich normalerweise ein Eibläschen, ein sogenannter Follikel. Gleichzeitig sorgen Hormone dafür, dass sich die Schleimhaut im Inneren der Gebärmutter – das Endometrium – aufbaut. Diese Schleimhaut ist gut durchblutet. Sie soll im Fall einer Befruchtung optimale Bedingungen für die Einnistung eines frühen Embryos schaffen.
Etwa in der Zyklusmitte findet bei vielen Frauen der Eisprung statt. Die reife Eizelle verlässt den Eierstock und gelangt in den Eileiter. Der genaue Zeitpunkt schwankt jedoch erheblich – die populäre Vorstellung, der Eisprung finde grundsätzlich am 14. Tag statt, ist deshalb zu simpel.
Wird die Eizelle nicht befruchtet beziehungsweise kommt es nicht zur erfolgreichen Einnistung, bildet sich der sogenannte Gelbkörper zurück. Die Spiegel von Progesteron und Östrogen sinken. Das ist für die Gebärmutter das Signal: Die vorbereitete Schleimhaut wird nicht mehr benötigt. Sie wird teilweise abgestoßen. Das ist die Menstruation.
Mit Blut werden Schleimhautgewebe und Sekrete über den Gebärmutterhals und die Scheide ausgeschieden. Mit dem ersten Blutungstag beginnt definitionsgemäß zugleich ein neuer Menstruationszyklus. Die Bundeszentrale beziehungsweise das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit nennt für den Zyklus meist etwa 25 bis 32 Tage – individuelle Abweichungen sind normal.

Warum kann das so wehtun?
Die Gebärmutterschleimhaut löst sich nicht einfach ab. Die Muskulatur der Gebärmutter zieht sich zusammen. Dabei spielen sogenannte Prostaglandine eine wichtige Rolle. Diese hormonähnlichen Botenstoffe fördern die Kontraktionen der Gebärmutter und helfen damit, Schleimhaut und Blut auszuscheiden.
Das kann als Ziehen oder Krampf im Unterbauch wahrgenommen werden. Schmerzen können außerdem in Rücken und Beine ausstrahlen. Übelkeit, Durchfall, Kopfschmerzen oder allgemeines Unwohlsein können hinzukommen. Und damit sind wir bereits bei einem der problematischsten Menstruationsmythen.
Mythos 1: „Regelschmerzen muss eine Frau eben aushalten“
Falsch. Leichte oder mäßige Beschwerden sind häufig. Starke Schmerzen, die regelmäßig Schule, Beruf oder Alltag unmöglich machen, sollte man dagegen nicht einfach als weibliches Schicksal akzeptieren. Nach Angaben des Bundesgesundheitsportals sind die Beschwerden bei ungefähr einer von zehn Frauen so stark, dass sie monatlich ein bis drei Tage ihren normalen Alltag nicht bewältigen kann.
Hinter außergewöhnlich starken oder zunehmenden Schmerzen können beispielsweise Endometriose, Adenomyose oder Myome stecken. Der entscheidende Unterschied lautet deshalb: Regelschmerzen sind häufig. Extrem starke Regelschmerzen sind nicht etwas, das man kommentarlos hinnehmen sollte.
Wann sollte die Periode ärztlich abgeklärt werden? Eine Abklärung ist insbesondere sinnvoll, wenn Schmerzen sehr stark sind, neu auftreten oder zunehmen, wenn die Blutung außergewöhnlich stark oder lang ist, wenn Blutungen zwischen den Perioden auftreten oder wenn Beschwerden den Alltag regelmäßig erheblich beeinträchtigen.

Mythos 2: „Menstruationsblut ist schmutziges Blut“
Nein. Der Körper führt mit der Menstruation weder Giftstoffe noch „verbrauchtes“ oder verdorbenes Blut ab. Menstruationsflüssigkeit besteht unter anderem aus Blut, abgestoßenem Gebärmutterschleimhautgewebe und Sekreten. Die Vorstellung von der menstruierenden Frau als „unrein“ hat in zahlreichen Kulturen eine lange Tradition.
Medizinisch gibt es dafür keine Grundlage. Die WHO zählt solche Vorstellungen ausdrücklich zu den Stigmata, die die Menstruationsgesundheit beeinträchtigen können.
Mythos 3: „Während der Periode kann eine Frau nicht schwanger werden“
Doch, das ist möglich. Aber: Die Wahrscheinlichkeit ist bei vielen Frauen geringer. Ausgeschlossen ist eine Schwangerschaft aber keineswegs. Der Grund: Eisprünge halten sich nicht zuverlässig an den Kalender. Vor allem bei kurzen oder unregelmäßigen Zyklen kann der Eisprung relativ früh erfolgen. Spermien wiederum können im weiblichen Genitaltrakt mehrere Tage befruchtungsfähig bleiben.
Geschlechtsverkehr gegen Ende einer Blutung und ein früher Eisprung können sich deshalb zeitlich überschneiden. Die Periode ist keine Verhütungsmethode.
Mythos 4: „Ein normaler Zyklus dauert immer 28 Tage“
Nein. Die berühmten 28 Tage sind ein statistisches Lehrbuchmodell und keine biologische Vorschrift. Zyklen unterscheiden sich von Frau zu Frau – und selbst bei derselben Frau können sie schwanken. Alter, Stress, Erkrankungen, Gewicht, Medikamente und zahlreiche weitere Faktoren können Einfluss nehmen. Entscheidend ist deshalb nicht, ob der Zyklus exakt 28 Tage dauert, sondern unter anderem, ob sein individuelles Muster plausibel und einigermaßen stabil ist und ob ungewöhnliche Veränderungen auftreten.
Mythos 5: „Frauen haben den Eisprung immer am 14. Tag“
Falsch. Diese Faustregel ergibt sich aus dem idealisierten 28-Tage-Zyklus. Der Zeitpunkt des Eisprungs kann jedoch variieren. Deshalb sind simple Kalenderberechnungen zur Verhütung problematisch.
Auch eine weitere beliebte Vorstellung ist falsch: Der erste Tag des Zyklus ist nicht der Tag nach Ende der Blutung. Tag 1 ist der erste Tag der Menstruationsblutung.
Mythos 6: „Frauen, die zusammenleben, bekommen irgendwann gleichzeitig ihre Periode“
Wissenschaftlich nicht überzeugend belegt. Berühmt wurde die Hypothese durch eine 1971 veröffentlichte Untersuchung von Studentinnen in einem Wohnheim. Spätere Untersuchungen konnten eine solche biologische Synchronisation jedoch nicht zuverlässig bestätigen.
Da Menstruationszyklen unterschiedlich lang sind, überschneiden sich Blutungen zweier Frauen zwangsläufig immer wieder. Danach laufen die Zyklen wieder auseinander. Dadurch kann subjektiv der Eindruck entstehen, sie hätten sich synchronisiert.
Mythos 7: „Sport während der Periode ist ungesund“
Nein. Eine Frau muss während ihrer Menstruation nicht auf Sport verzichten, sofern sie sich wohlfühlt. Bewegung kann bei manchen Frauen Beschwerden sogar lindern. Wer starke Schmerzen, Kreislaufprobleme oder außergewöhnlich starke Blutungen hat, sollte die Belastung natürlich entsprechend reduzieren und ausgeprägte Beschwerden gegebenenfalls medizinisch abklären lassen.
Eine allgemeine medizinische Schonpflicht während der Periode gibt es nicht.
Mythos 8: „Während der Menstruation darf man nicht schwimmen“
Doch, das ist möglich. Für diese Behauptung gibt es keinen medizinischen Grund. Tampons oder Menstruationstassen können beim Schwimmen verwendet werden. Entscheidend sind Wohlbefinden und normale Hygiene – nicht die Menstruation selbst.
Mythos 9: „Tampons oder Menstruationstassen nehmen die Jungfräulichkeit“
Nein. „Jungfräulichkeit“ ist ohnehin kein medizinisch feststellbarer körperlicher Zustand. Insbesondere lässt sich aus dem Aussehen des sogenannten Jungfernhäutchens – medizinisch Hymen – nicht zuverlässig ableiten, ob jemand Geschlechtsverkehr hatte. Ein Tampon oder eine Menstruationstasse verändert deshalb nicht den sexuellen Status eines Menschen.
Mythos 10: „PMS bedeutet einfach, dass Frauen vor ihrer Periode schlecht gelaunt sind“
Zu vereinfacht dargestellt. Diese Vorstellung verharmlost ein komplexes Phänomen. Das prämenstruelle Syndrom (PMS) kann körperliche und psychische Beschwerden verursachen. Dazu gehören unter anderem Brustspannen, Wassereinlagerungen, Kopf-, Rücken- oder Unterleibsschmerzen, Schlafprobleme, Erschöpfung, Heißhunger, Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen oder depressive Verstimmung.
Nach Angaben des Bundesgesundheitsportals erleben etwa 20 bis 40 Prozent der Mädchen und Frauen stärkere PMS-Beschwerden, durch die sie sich im Alltag beeinträchtigt fühlen. Rund 3 bis 8 Prozent haben eine schwere Form, die prämenstruelle dysphorische Störung, kurz PMDS. Bei ihr stehen erhebliche psychische Beschwerden im Vordergrund.


Was Hormone mit der Psyche machen können
Der Zyklus findet nicht isoliert in Eierstöcken und Gebärmutter statt. Geschlechtshormone wirken an vielen Stellen des Körpers und auch im Gehirn. Das bedeutet allerdings nicht, dass Frauen zwangsläufig jeden Monat emotional instabil werden. Die individuellen Unterschiede sind enorm.
Bei PMS scheinen nicht einfach zu viele oder zu wenige weibliche Hormone verantwortlich zu sein. Vielmehr reagieren manche Frauen offenbar empfindlicher auf die normalen hormonellen Veränderungen und unter anderem auf Stoffwechselprodukte des Progesterons. Auch Wechselwirkungen mit Botenstoffsystemen des Gehirns – beispielsweise Serotonin – werden diskutiert.
Eine 2026 veröffentlichte Analyse von Daten von 2816 Nutzerinnen einer Gesundheits-App fand zyklusabhängige Zusammenhänge unter anderem bei Schlaf, Migräne beziehungsweise Kopfschmerzen, Stimmung und Energie. Solche Daten zeigen aber zugleich, warum pauschale Aussagen wie „Frauen sind während ihrer Periode psychisch anders“ wissenschaftlich zu grob sind: Durchschnittliche Gruppeneffekte sagen wenig darüber aus, wie eine einzelne Frau einen bestimmten Zyklus erlebt.
Die Periode selbst ist nicht dasselbe wie PMS. Auch das wird häufig durcheinandergebracht. Menstruation bezeichnet die Blutung. PMS bezeichnet Beschwerden, die typischerweise vor der Menstruation auftreten – in der zweiten Zyklushälfte nach dem Eisprung. Sie bessern sich gewöhnlich mit Beginn der Regelblutung und verschwinden anschließend wieder. Wer sagt „Sie hat ihre Tage, deshalb ist sie gereizt“, kann also zeitlich danebenliegen.
Wie viel Blut verliert eine Frau eigentlich?
Auch hier täuscht die Wahrnehmung. Menstruationsflüssigkeit besteht nicht ausschließlich aus Blut. Dennoch können Blutungsverluste medizinisch relevant werden. Besonders starke oder lang anhaltende Regelblutungen können zu Eisenmangel und schließlich Eisenmangelanämie führen. Die WHO nennt starke Menstruationsblutungen ausdrücklich als mögliche Ursache einer Eisenmangelanämie.
Müdigkeit, Leistungsknick, Blässe, Kurzatmigkeit bei Belastung oder Konzentrationsprobleme können Hinweise darauf sein.
Die Menstruation ist normal – extremes Leiden nicht
Vielleicht ist dies der wichtigste Mythos überhaupt: Weil die Menstruation ein natürlicher Vorgang ist, seien automatisch auch alle damit verbundenen Beschwerden normal. Das stimmt nicht. Eine normale Menstruation kann unangenehm sein. Sie darf ziehen, vorübergehend müde machen oder die Leistungsfähigkeit beeinflussen. Doch extreme Schmerzen, ungewöhnlich starke Blutungen oder erhebliche psychische Beschwerden verdienen medizinische Aufmerksamkeit.
Genau an dieser Stelle kann mangelndes Wissen gefährlich werden. Wenn Mädchen schon früh lernen, dass „Regelschmerzen eben dazugehören“, besteht die Gefahr, dass Erkrankungen wie Endometriose lange unerkannt bleiben. Die WHO warnt ausdrücklich davor, dass fehlende oder falsche Menstruationsaufklärung dazu führen kann, ernst zu nehmende Beschwerden zu akzeptieren und medizinische Hilfe verspätet zu suchen. Und deshalb ist Menstruationswissen keineswegs nur Frauensache.
Partner, Väter, Brüder, Lehrer, Kollegen und nicht zuletzt Ärzte begegnen menstruierenden Menschen jeden Tag. Zu verstehen, warum eine Gebärmutter blutet, warum das wehtun kann und warum eine Frau deswegen weder unrein noch automatisch schlecht gelaunt ist, gehört letztlich zum biologischen Grundwissen. Dass bei diesem Grundwissen noch Nachholbedarf besteht, zeigen die Studien ziemlich deutlich. tok