
Wer als Mann gelegentlich schlecht schläft, gereizt oder erschöpft ist oder weniger Lust verspürt, sich unverstanden fühlt oder den großen Weltschmerz verspürt, braucht deshalb nicht gleich seinen persönlichen „Männerzyklus“ auszurechnen. Die männliche Biologie kennt bislang nur Tages-, aber keine Monatsrhythmen. Foto: natacia – KI-generiert/stock.adobe.com
Haben Männer auch ihre Tage? Was hinter dem „männlichen Zyklus“ steckt
Schlechte Laune, müde, gereizt, weniger Lust – und einige Wochen später beginnt das Ganze wieder von vorne? Immer wieder ist zu lesen, auch Männer hätten eine Art Periode. Zwar ohne Blutung, aber mit regelmäßig wiederkehrenden körperlichen und seelischen Veränderungen. Doch gibt es diesen ominösen „Männerzyklus“ tatsächlich? Die Wissenschaft liefert eine überraschende Antwort.
Einen männlichen Menstruationszyklus gibt es nicht. Rhythmische Veränderungen im männlichen Körper dagegen sehr wohl.
Frauen kennen ihren Zyklus meist ziemlich genau. Hormone verändern sich in einer charakteristischen Abfolge, es kommt zum Eisprung, die Gebärmutterschleimhaut wird auf eine mögliche Schwangerschaft vorbereitet und schließlich – sofern keine Schwangerschaft eingetreten ist – abgestoßen.
Beim Mann fehlt ein vergleichbarer biologischer Ablauf. Trotzdem wird im Internet gerne von einer „Männerperiode“, „Man Period“ oder einem männlichen 28-Tage-Zyklus gesprochen. Ganz aus der Luft gegriffen ist die Idee rhythmischer Veränderungen nicht. Aber sie wirft verschiedene biologische Vorgänge durcheinander.
Der Mann hat eine innere Uhr
Der menschliche Körper läuft nicht rund um die Uhr im selben Betriebszustand. Körpertemperatur, Blutdruck, Schlafbereitschaft, Aufmerksamkeit und zahlreiche Hormone verändern sich abhängig von der Tageszeit. Das gilt für Frauen ebenso wie für Männer. Fachleute sprechen von zirkadianen Rhythmen. Gemeint sind biologische Vorgänge mit einem Rhythmus von ungefähr 24 Stunden. Gesteuert werden sie wesentlich von einer Art Hauptuhr im Gehirn, die wiederum stark auf den Wechsel zwischen Licht und Dunkelheit reagiert.
Auch die männliche Fortpflanzungsbiologie steht mit diesem System in Verbindung. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die innere Uhr unter anderem hormonelle Abläufe und wahrscheinlich auch Teile der Fortpflanzungsfunktion beeinflusst. Beim Mann ist deshalb ausgerechnet der Tagesrhythmus wesentlich besser belegt als ein Monatsrhythmus.
Morgens ist der Körper anders als abends
Bestimmte männliche Sexualhormone weisen im Tagesverlauf deutliche Schwankungen auf. Ihre Konzentrationen sind typischerweise morgens höher und später am Tag niedriger. Das ist medizinisch durchaus relevant. Bestimmte Hormonuntersuchungen werden deshalb bevorzugt am Morgen durchgeführt. Ein einzelner Messwert kann zudem täuschen, weil die Werte von Tag zu Tag und sogar innerhalb eines Tages schwanken können.
Der männliche Körper besitzt also tatsächlich hormonelle Hochs und Tiefs. Nur passen diese nicht in das populäre Bild einer Periode alle vier Wochen.
Hormone kommen sogar in Wellen
Es wird noch komplizierter: Manche Hormone werden nicht kontinuierlich in derselben Menge ausgeschüttet. Die Steuerzentren im Gehirn und die beteiligten Drüsen kommunizieren vielmehr teilweise über wiederkehrende Hormonsignale. Solche Schwankungen innerhalb eines Tages werden als ultradiane Rhythmen bezeichnet.
Der männliche Hormonhaushalt ist deshalb alles andere als eine gerade Linie. Auf kurze Ausschüttungswellen legen sich Veränderungen zwischen Tag und Nacht. Hinzu kommen Einflüsse durch Schlaf, Stress, Ernährung, körperliche Belastung, Krankheiten und Alter. Was daraus jedoch nicht automatisch entsteht, ist ein männlicher Monatszyklus.
Und was ist mit den berühmten 28 Tagen?
Genau hier wird es wissenschaftlich interessant: Schon vor Jahrzehnten untersuchten Forscher, ob sich bei Männern längerfristige periodische Schwankungen nachweisen lassen. In einer kleinen Untersuchung mit 20 Männern wurden tatsächlich bei einem Teil der Teilnehmer wiederkehrende Schwankungen gefunden. Ihre Dauer war jedoch keineswegs einheitlich: Sie reichte ungefähr von 8 bis 30 Tagen und häufte sich eher um 20 bis 22 Tage. Eine weitere kleine Studie untersuchte 27 Männer über 90 Tage. Auch dort fanden sich interessante individuelle Muster. Ein regelmäßiger universeller 28-Tage-Rhythmus aller Männer ließ sich daraus jedoch gerade nicht ableiten.
Solche Untersuchungen sind interessant, reichen aber nicht aus, um daraus einen biologischen „Männerzyklus“ analog zum Menstruationszyklus zu machen. Dafür müsste ein solcher Rhythmus zuverlässig bei Männern nachweisbar sein, charakteristische Phasen besitzen und sich reproduzierbar mit bestimmten körperlichen Veränderungen verbinden lassen. Diesen Nachweis gibt es bislang nicht.
Warum fühlt es sich trotzdem manchmal zyklisch an?
„Ich habe aber tatsächlich alle paar Wochen solche Tage“ – dieser Eindruck muss keineswegs eingebildet sein. Nur muss die Ursache kein Monatszyklus sein. Der Alltag selbst besitzt schließlich Rhythmen: Arbeitswoche und Wochenende wechseln sich ab, Schlafzeiten verändern sich, Stressphasen kommen und gehen, Training kann sich wiederholen und auch Sexualität, Ernährung und Alkoholkonsum folgen bei manchen Menschen bestimmten Mustern.
Hinzu kommt ein entscheidender Faktor: Schlaf. Die innere Uhr und der Schlaf-Wach-Rhythmus stehen in enger Beziehung zur männlichen Fortpflanzungsbiologie. Studien bringen Schlafmangel, schlechte Schlafqualität und Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus mit Veränderungen verschiedener Fortpflanzungsparameter in Verbindung.
Wer mehrere Nächte schlecht schläft, viel Stress hat oder körperlich stark belastet ist, kann sich daher durchaus anders fühlen: erschöpfter, reizbarer, weniger leistungsfähig oder sexuell weniger interessiert. Das ist real – aber noch keine Periode.
Gibt es eine „PMS-Version“ beim Mann?
Auch hier ist Vorsicht angebracht: Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder weniger sexuelles Verlangen können selbstverständlich auch bei Männern auftreten. Solche unspezifischen Beschwerden können jedoch unzählige Ursachen haben. Stress, Schlafmangel, Alkohol, psychische Belastungen, Medikamente, Erkrankungen oder starke Veränderungen von Gewicht und körperlicher Aktivität kommen beispielsweise infrage.
Bei Frauen lässt sich das prämenstruelle Syndrom (PMS) zeitlich mit einer bestimmten Phase des Menstruationszyklus verbinden. Eine entsprechend klar definierte und medizinisch etablierte monatliche Phase gibt es beim Mann nicht. Bezeichnungen wie „Männer-PMS“ vermitteln deshalb mehr biologische Ähnlichkeit, als wissenschaftlich belegt ist.
Synchronisieren sich Männer mit ihren Partnerinnen?
Auch die faszinierende Frage nach einer möglichen Synchronisation von Mann und Frau in einer engen Verbindung wurde tatsächlich untersucht. In einer kleinen Studie fanden Forscher bei einigen Männern Hinweise auf längerfristige hormonelle Muster, die möglicherweise mit sozialen beziehungsweise partnerschaftlichen Faktoren zusammenhingen. Besonders interessant: Bestimmte ungefähr 28-tägige Veränderungen fanden sich nicht bei sämtlichen Männern. Die Studien-Autoren interpretierten ihre Ergebnisse daher ausdrücklich nicht als Beweis für einen allgemeinen männlichen Monatsrhythmus.
Die Vorstellung, der Körper eines Mannes synchronisiere sich einfach mit dem Menstruationszyklus seiner Partnerin und entwickle dadurch eine eigene „Periode“, geht nach heutigem Wissensstand deutlich zu weit.
Welchen Einfluss haben die Jahreszeiten?
Selbst über wesentlich längere Zeiträume wurden hormonelle Veränderungen untersucht. Einige Studien fanden Hinweise auf saisonale Schwankungen. Andere kamen zu weniger eindeutigen Ergebnissen. Licht, Schlaf, körperliche Aktivität, Körpergewicht und weitere Faktoren erschweren die Interpretation.
Auch hier gilt deshalb: Biologische Rhythmen existieren – daraus lässt sich aber kein einfacher Kalender für den männlichen Körper ableiten.
Frau und Mann: Der entscheidende Unterschied
Beim weiblichen Menstruationszyklus laufen verschiedene biologische Vorgänge koordiniert auf ein mögliches gemeinsames Ereignis hinaus: eine Schwangerschaft. Dazu gehören unter anderem die Reifung einer Eizelle, der Eisprung und Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut.
Beim Mann gibt es keine entsprechende monatlich wiederkehrende Abfolge. Spermien werden vielmehr fortlaufend produziert. Auch die hormonelle Regulation der männlichen Fortpflanzungsfunktion arbeitet kontinuierlich und mit verschiedenen kürzeren und längeren Schwankungen. Deshalb wäre es wissenschaftlich falsch, Menstruationszyklus und männliche Hormonschwankungen einfach gleichzusetzen.
Die bessere Frage lautet: Welchen Zyklus haben Männer? Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Der männliche Körper besitzt zahlreiche biologische Rhythmen gleichzeitig:
- Innerhalb von Stunden: Hormone können pulsartig ausgeschüttet werden.
- Innerhalb von 24 Stunden: Die innere Uhr sorgt für ausgeprägte Tag-Nacht-Unterschiede.
- Von Tag zu Tag: Schlaf, Stress, Bewegung, Ernährung, Krankheiten und andere Einflüsse können Werte und Befinden verändern.
- Über Jahreszeiten: Für einzelne biologische Größen wurden saisonale Veränderungen beschrieben, deren Bedeutung teilweise noch unklar ist.
- Alle 28 Tage: Ein universeller männlicher Zyklus entsprechend dem Menstruationszyklus ist wissenschaftlich nicht belegt.
Wann sollte man Beschwerden ernst nehmen?
Wer gelegentlich schlecht schläft, gereizt oder erschöpft ist oder weniger Lust verspürt, braucht deshalb nicht gleich seinen persönlichen „Männerzyklus“ auszurechnen. Anders sieht es aus, wenn solche Veränderungen ausgeprägt sind oder länger anhalten. Anhaltende starke Müdigkeit, deutlicher Leistungsabfall, depressive Stimmung, sexuelle Funktionsstörungen oder eine längerfristig deutlich verminderte sexuelle Lust können zahlreiche körperliche oder psychische Ursachen haben.
Dann ist eine ärztliche Abklärung sinnvoller als ein Zykluskalender.
| Behauptung | Wissenschaftlicher Stand |
| Männer haben alle 28 Tage ihre „Periode“ | Nicht belegt |
| Auch Männer haben Hormonschwankungen | Ja |
| Es gibt einen deutlichen Tagesrhythmus | Ja, gut belegt |
| Hormone können innerhalb eines Tages in Wellen schwanken | Ja |
| Jeder Mann hat einen festen Monatszyklus | Nein, nicht nachgewiesen |
| Stimmung und Lust können schwanken | Ja – aber aus vielen möglichen Gründen |
| Männer synchronisieren ihren Zyklus mit Frauen | Nicht überzeugend belegt |
| Jahreszeitliche Schwankungen sind möglich | Hinweise vorhanden, aber nicht eindeutig |
Männer haben Rhythmen – aber keine Periode
Die Vorstellung einer männlichen Periode enthält also einen kleinen wahren Kern und einen großen begrifflichen Irrtum.
Ja: Auch beim Mann schwanken Hormone, Leistungsfähigkeit und andere Körperfunktionen. Die männliche Biologie kennt Tagesrhythmen, kurze hormonelle Ausschüttungswellen und wahrscheinlich noch weitere zeitliche Muster.
Nein: Für einen universellen männlichen Zyklus von ungefähr 28 Tagen, der biologisch dem Menstruationszyklus entspricht, gibt es keinen überzeugenden Nachweis.
Vielleicht ist gerade das die interessanteste Erkenntnis: Der männliche Körper funktioniert keineswegs jeden Tag gleich. Seine wichtigste biologische Uhr hat aber eher 24 Stunden auf dem Zifferblatt als 28 Tage im Kalender. tok