Vier von fünf Frauen in Deutschland sagen, dass ihre Menstruationsbeschwerden ihren Arbeitsalltag beeinflussen. Die meisten wollen im Berufsumfeld lieber nicht darüber reden und versuchen, klaglos zu funktionieren. Foto: NFstock/stock.adobe.com

Menstruation beeinflusst Arbeitsleistung: Stilles Leiden und Durchhalten statt Tabubruch

Die Menstruation beeinflusst den beruflichen Alltag vieler Frauen in Deutschland. Viele Beschäftigte kompensieren die damit verbundenen Beschwerden durch zusätzlichen Einsatz, indem sie stillschweigend weiterarbeiten. Das zeigt eine aktuelle Studie im Auftrag von voiio, für die 1051 Frauen befragt wurden, die sich in einer Lebensphase befinden, in der sie ihren Zyklus erleben. Demnach geben mehr als drei Viertel (78 %) von ihnen an, dass Menstruationsbeschwerden ihren Joballtag beeinflussen.

Fast ein Drittel (30 %) der Befragten geben an, immer oder oft im Beruf mit diesen zu kämpfen. Weitere 48 % berichten von gelegentlichen Einschränkungen im Job. Unter denjenigen, die Beschwerden oder körperliche Schmerzen registrieren, sagt mehr als jede zweite Betroffene (53 %), dass diese ihre Arbeitsleistung beeinträchtigen.

Tabuthema, Erschöpfung, emotionale Belastung und Konzentrationsprobleme

45 % der befragten Frauen haben darüber hinaus das Gefühl, dass die Auswirkungen der Menstruation auf die Arbeit in ihrem Unternehmen ein Tabuthema ist – 31 % sehen das nicht so. Von ihnen wünschen sich 73 % ausdrücklich eine Enttabuisierung. Denn für viele Frauen bleibt die aktuelle Tabuisierung nicht folgenlos: Zwei Drittel finden, dass Frauen durch die Sprachlosigkeit zum Thema im Arbeitsalltag benachteiligt werden. 61 % haben zudem den Eindruck, dass Frauen ihre Leistungsfähigkeit stärker unter Beweis stellen müssen, wenn menstruationsbezogene Beschwerden im Job nicht offen thematisiert werden.

Neben diesen empfundenen Nachteilen haben Menstruationsbeschwerden auch konkrete Auswirkungen auf die berufliche Leistungsfähigkeit der weiblichen Beschäftigten. So geben genau zwei Drittel der Frauen an, während ihrer Menstruation im Arbeitsalltag schneller erschöpft zu sein als sonst. 61 % fühlen sich gereizter oder empfindlicher, 56 % emotional weniger belastbar und ebenfalls 56 % im Arbeitsalltag weniger ausgeglichen. Auch die eigentliche Arbeitsleistung bleibt nicht unbeeinflusst: 53 % berichten von stärkeren Schwankungen ihrer Leistungsfähigkeit, 48 % von Konzentrationsproblemen.

Viele Frauen arbeiten trotz Beschwerden still und klaglos weiter

Statt offen über Beschwerden zu sprechen, setzen viele Frauen im Arbeitsalltag auf stilles Funktionieren. 57 % der befragten Frauen sagen, sie sprächen nicht darüber und versuchten, normal weiterzuarbeiten. 36 % nehmen gar Medikamente, um still weiterarbeiten zu können.

Gerade einmal 5 % melden sich regelmäßig krank und nennen Menstruationsbeschwerden dabei auch ausdrücklich als Grund. Weitere 18 % haben das zwar schon einmal getan, tun das aber nicht regelmäßig. Die Folge: Für die große Mehrheit der Frauen bleibt das Thema im Krankheitsfall unausgesprochen oder wird mit einer anderen Begründung versehen.

Menstruation bleibt im Unternehmen für viele ein Tabuthema

Auch im konkreten Austausch am Arbeitsplatz zeigt sich große Zurückhaltung – und eine auffällige Leerstelle bei den offiziellen Ansprechstrukturen im Unternehmen. Während 67 % zwar mit einer engen weiblichen Kollegin über Menstruation sprechen können, tun dies gegenüber der HR-Abteilung nur 8 %. Selbst gegenüber männlichen Kollegen ist die Offenheit zum Thema mit 20 % deutlich größer.

Gegenüber einer männlichen Führungskraft sprechen aber nur 9 % über das Thema. Insgesamt sagen 69 %, dass sie mit männlichen Kollegen nicht über ihre Menstruation sprechen, und 75 %, dass das Thema im Austausch mit diesen kaum oder gar nicht zur Sprache kommt. Gleichzeitig erleben 54 % der Frauen Männer im Umgang mit dem Thema als unsicher.

Menstruation beeinflusst das Arbeitsleben, der Umgang damit ist unterentwickelt

Die voiio-Umfrage zeigt damit: Menstruation wird im Arbeitsleben zwar häufig als privates Thema behandelt, ihre Auswirkungen reichen jedoch klar in den Berufsalltag hinein. Umso größer ist der Wunsch nach einem professionelleren Umgang. 56 % der Befragten wünschen sich mehr Aufmerksamkeit für das Thema von Führungskräften, 59 % einen offeneren Umgang seitens der Personalabteilung.

„Menstruationsbeschwerden sind für viele Frauen kein Ausnahmefall, sondern Teil ihres Arbeitsalltags. Umso wichtiger ist ein Arbeitsumfeld, in dem gesundheitliche Belastungen weder tabuisiert noch bagatellisiert werden. Unternehmen müssen das Thema nicht emotional aufladen, aber sie sollten es professionell, respektvoll und lösungsorientiert behandeln. Gerade Personalabteilungen und Führungskräfte sollten hier stärker als bisher ihrer Verantwortung gerecht werden und Rahmenbedingungen schaffen, die betroffene Frauen entlasten, ohne sie zusätzlich unter Rechtfertigungsdruck zu setzen“, sagt Kerstin Michels, Geschäftsführerin von voiio.

Arbeitgeberleistungen zum Thema: Fehlanzeige

Auffällig ist in diesem Kontext, dass betriebliche Unterstützung für Frauen bislang die Ausnahme bleibt. Nur 5 % der befragten Frauen geben an, dass ihr Arbeitgeber Maßnahmen zur Unterstützung bei Menstruationsbeschwerden anbietet. 80 % sagen, dass es in ihrem Unternehmen keine entsprechenden Angebote gibt.

Wenn Maßnahmen fehlen, wünschen sich die Befragten vor allem pragmatische Unterstützung: Am häufigsten genannt werden flexiblere, weil zyklische Arbeitszeit- und Arbeitsortregelungen (24 %) sowie eine gesundheitstauglichere Arbeitsumgebung, etwa mit Hygieneprodukten oder Wärmemöglichkeiten (20 %). Die Möglichkeit eines „Menstrual Leave“ würden 19 % der Befragten präferieren.

Info

Für die Studie zum Thema Menstruation im Arbeitsalltag wurden 1051 Frauen befragt, für die Menstruation zum Zeitpunkt der Befragung Teil ihrer aktuellen Lebensrealität war. Das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen lag bei 36,3 Jahren. voiio ist eine Plattform zur Verbesserung von Vereinbarkeit und mentaler Gesundheit in Unternehmen. Das 2018 in Berlin gegründete Unternehmen vereint Employee Assistance Program (EAP), Familienservice und Präventionsangebote auf einer zentralen Plattform. Dort bündelt voiio mehr als 3000 qualitätsgeprüfte Angebote aus den Bereichen Gesundheit, Familie und Arbeit – personalisiert und passgenau auf die individuelle Lebenslage der Mitarbeitenden abgestimmt.   pm