
Da ist jetzt erst einmal die Luft raus. Wenn der neue Bundestrainer Jürgen Klopp das frühe Ausscheiden bei der Fußball-Weltmeisterschaft in einen neuen, positiven Impuls umwandeln will, muss ein souveräner Umgang mit der Niederlage die Basis für Akzeptanz, Analyse und lösungsorientiertes Handeln sein. Foto: JF/stock.adone.com
WM-Aus bedeutet Kopfarbeit für Klopp & Team – was wir daraus für den Alltag lernen können
Das Fußball-WM-Aus der deutschen Nationalelf gegen Paraguay hat Spuren hinterlassen. Die Mannschaft hat ihr großes Ziel verfehlt. Sofort begann von außen die kritische Analyse, alles wurde hinterfragt. Dann kamen der Rücktritt des Bundestrainers Julian Nagelsmann und die Zusage des Nachfolgers Jürgen Klopp. Diese DFB-Wunschlösung steht für Aufbruch, Energie und Hoffnung und verkörpert für viele die Ideallösung. Aus den nun anstehenden Aufgaben können nicht nur Freizeitsportler etwas lernen, sondern alle, die im Berufsleben oder im privaten Alltag Probleme damit haben, aus Niederlagen zu lernen und danach wieder neues Selbstvertrauen und neue Stärke aufzubauen.
Niederlage verarbeiten, Selbstvertrauen reparieren
Klopps Stärke liegt nicht nur darin, ein Team atmosphärisch mitzunehmen und systematisch weiterzuentwickeln. Er ist auch in der Lage, eine Mannschaft auf sehr hohem Niveau zu stabilisieren. Ein sportlicher Rückschlag lässt sich jedoch nicht allein über Personalfragen ausräumen. Stattdessen muss die Niederlage verarbeitet, das Selbstvertrauen repariert und die mentale Stärke der Spieler wieder aufgebaut werden. Entsprechend beginnt nach einem großen sportlichen Rückschlag die eigentliche Aufarbeitung nicht auf dem Trainingsplatz, sondern im Kopf mit Klarheit.
Und was jetzt hier beim DFB und der Nationalelf zu leisten ist, lässt sich auch auf viele andere Ebenen im Berufs- oder Alltagsleben übertragen.
Ein Trainerwechsel ist ein Impuls, aber keine Erfolgsgarantie
Bleibt der sportliche Erfolg aus, wechseln Fußballvereine oftmals den Trainer aus. Die Nationalelf bildet hier keine Ausnahme. Ein Tausch an der Spitze kann dabei kurzzeitig neue Impulse setzen. Werden mit der neuen Führungsperson Erfahrung, fachliche Autorität und Überzeugungskraft verbunden, kann sie gerade nach einem Rückschlag neue Zuversicht entfachen, Motivation freisetzen und den Druck nehmen. Um langfristig mit der Niederlage fertigzuwerden, genügt ein einfacher Personaltausch jedoch nicht – auch dann nicht, wenn der Wunschkandidat den Vertrag unterschreibt. Das belegen sogar zahllose Studien, wie etwa 2011 von der Universität Münster.
Der Grund: Der sogenannte Trainer-Effekt löst keine tieferliegenden, strukturellen Probleme im Team oder in der Organisation. Außerdem kann der Trainer das Geschehen auf dem Rasen vom Spielrand nach dem Anpfiff nur noch bedingt beeinflussen. Im entscheidenden Moment muss in erster Linie die Mannschaft in der Lage sein, ihr Leistungsvermögen abzurufen. Ist dies nicht der Fall, verlangt es nach strukturierter Aufarbeitung.
Nach der Niederlage: Akzeptanz, Analyse, Aktion
Der souveräne Umgang mit der Niederlage erfordert dabei eine Mischung aus Akzeptanz, objektiver Analyse und lösungsorientiertem Handeln. Das passiert vor allem im Kopf. Anstatt Verantwortung von sich zu weisen, in Frustration zu verharren oder sich in einen Sog aus Schuld und Selbstzweifeln ziehen zu lassen, braucht es innere Klarheit. Dazu müssen Spieler, Trainer und der gesamte DFB die Enttäuschung zulassen und verarbeiten, sodass sie nicht dauerhaft die Richtung vorgibt.
Wichtig ist es in diesem Moment, die Opferrolle zu verlassen. Erfolg oder Misserfolg im Sport hängt schließlich von vielen Faktoren ab. So entscheiden etwa Momentum, Spielverlauf und die Leistung des Gegners auf dem Platz mit. Wer aber nur äußere Umstände verantwortlich macht, verliert den Zugang zur eigenen Wirksamkeit. In der Ursachenanalyse gilt es also den eigenen Anteil ehrlich zu betrachten, ohne in Selbstabwertung zu verfallen.
Dabei muss klar werden, dass der eigene Wert eines jeden Spielers oder des Trainers nicht vom Ergebnis abhängt – egal wie die mediale Öffentlichkeit dazu steht. Eine der wichtigsten mentalen Fähigkeiten im Profisport ist es, zwischen Person und Sache zu unterscheiden. Nur auf diese Weise lässt sich der Wettkampf konstruktiv analysieren, um herauszufinden, was genau schiefgelaufen ist. Es kann schließlich sein, dass ein Spieler etwa aus taktischen Gründen auf dem Platz schlecht performt hat, ohne ein schlechter Spieler zu sein. Dabei kann Unterstützung von außen diesen Prozess stabilisieren.
Zurück zur eigenen Stärke
Selbstvertrauen lässt sich nach einer Niederlage nicht einfach verordnen. Es muss behutsam und schrittweise wieder aufgebaut werden. Dazu braucht es Momente, in denen die Betroffenen erleben, dass sie handlungsfähig sind. Selbst ein kleiner Win gibt dem Gehirn die Bestätigung zurück, dass Dinge bewältigt werden können. Wer spürt, dass trotz Enttäuschung ein nächster Schritt möglich ist, gewinnt nach und nach Zutrauen zurück. Die Grundlage dafür bilden Optimismus und Lösungsorientiertheit.
Der Glaube an Entwicklungsmöglichkeiten ist der erste Schritt hin zu konkreten Verbesserungen. Für die Nationalmannschaft beginnt das mit überschaubaren Aufgaben. Es braucht Situationen, in denen Abläufe wieder gelingen, Verantwortung übernommen wird und offene Gespräche möglich sind. Auch Dankbarkeit kann dabei helfen, den Blick nach vorne zu richten: auf unterstützende Menschen, wertschätzendes Feedback und die Möglichkeit, Learnings aus dem Scheitern zu ziehen. So ergibt sich Schritt für Schritt ein konkreter Pfad, neues Selbstvertrauen zu fassen und zur eigenen Stärke zurückzufinden.
Was sich aus Niederlagen mitnehmen lässt
Aus der Niederlage der Nationalelf lassen sich für den Alltag Impulse zur Bewältigung von Rückschlägen ableiten. Nach einer Enttäuschung hilft es, zunächst Abstand zur ersten Emotion zu gewinnen. Wut oder Traurigkeit dürfen da sein, sollten aber nicht dauerhaft die Richtung vorgeben. Hilfreich ist faire Sprache sich selbst gegenüber. Statt einen Rückschlag als persönliches Scheitern zu bewerten, lohnt sich die Trennung von Selbstwert und Ereignis. „Diese Sache ist nicht gelungen“ befreit von mentalen Blockaden viel eher als „Ich habe versagt“. Ein solches Vorgehen schafft analytische Distanz und ermöglicht dabei, das Ergebnis objektiv zu hinterfragen, um im nächsten Schritt neue Lösungswege zu suchen und zu experimentieren.
Ebenso wichtig ist ein stabiles Umfeld. Gespräche mit vertrauten Menschen helfen, Enttäuschungen einzuordnen und neue Perspektiven zu entwickeln. Ein Netzwerk kann Halt geben, wenn der Blick nach vorn schwerfällt. Wer Unterstützung annimmt, verliert nicht an Stärke. Oft entsteht daraus die Kraft für den nächsten Schritt. Michael von Kunhardt
Info
Michael von Kunhardt ist Speaker, Mentalcoach und Experte für Spitzenleistungen und mentale Stärke. Der Hockey-Bundesliga- und Nationalmannschaftsspieler arbeitet mit Profisportlern, Nationalmannschaften und Olympiasiegern ebenso wie mit internationalen Top-Unternehmen und DAX-40-Konzernen. Als Gründer der von Kunhardt Akademie am Schloss in Dehrn begleitet er Führungskräfte, angehende Speaker, Coaches und Buchautoren sowie Privatmenschen in ihrer persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung. pm
Weitere Informationen unter https://www.vonkunhardt.de/