Natürlich verfügt der FC Bayern München über sehr viel individuelle Qualität bei den hochklassigen Spitzenspielern, aber der 4:3-Champions-League-Heimsieg gegen Real Madrid in der Allianz Arena (Bild) zeigt, dass Flow keineswegs Perfektion bedeutet, aber trotzdem zum Erfolg führen kann. Foto: uslatar/stock.adobe.com

Im Flow zum Sieg: Wie die mentale Stärke beim FC Bayern München zum Vorbild fürs eigene Leben wird

Dieser Champions-League-Abend lieferte die perfekte Steilvorlage. Spektakulär gewann der FC Bayern München mit 4:3 gegen Real Madrid. Ein Spiel voller Tempo, Wendungen und Emotionen. Immer wieder mussten die Münchener einem Rückstand hinterherlaufen – und triumphierten am Ende dennoch. Was dabei auf dem Platz sichtbar wurde: Diese Mannschaft spielt aktuell nicht nur guten Fußball. Sie wirkt, als wäre sie im Flow. Ein Zustand, in dem Spieler Entscheidungen schneller fällen, Abläufe intuitiv greifen und selbst Rückschläge den Rhythmus nicht brechen.

Flow – was ist das eigentlich?

Sind Spieler im Flow, agieren sie voll im Moment, denken weniger nach, handeln intuitiver und reagieren schneller. Flow beschreibt einen Zustand maximaler Fokussierung. Aktionen wirken leicht, obwohl sie auf höchstem Niveau stattfinden. Bemerkenswert ist dabei, dass dieser Zustand längst nicht mehr nur individuell auftritt. Beim FC Bayern scheint er sich aktuell auf die gesamte Mannschaft zu übertragen. Pässe kommen im richtigen Moment, Abstimmungen funktionieren, Entscheidungen wirken kollektiv getragen. Genau hier beginnt der Unterschied zwischen guten und sehr stabilen Teams.

Einer, der sich mit dem sogenannten Flow auskennt, ist Michael von Kunhardt. Als Mentalcoach und ehemaliger Deutscher Meister im Hockey weiß er, welche Hemmer dem Flow entgegenwirken und welche Voraussetzungen sich bewusst schaffen lassen, um ihn zu erleben. „Ein solcher Moment entsteht am ehesten dann, wenn die Leistungsgrenze erreicht und sich voll und ganz auf die auszuführende Handlung fokussiert wird“, erklärt er. „Zwar lässt sich dieser Zustand nicht erzwingen, dennoch gibt es bestimmte Faktoren, die ihn begünstigen.“

Michael von Kunhardt ist Speaker, Mentalcoach und Experte für Spitzenleistungen und mentale Stärke. Der Gründer der von Kunhardt Akademie am Schloss in Dehrn ist diplomierter Wirtschaftswissenschaftler mit zusätzlichem Studium in Sport und Soziologie. Den Flow kennt er aus seiner langjährigen Erfahrung im Leistungssport: 15 Jahre Hockey-Bundesliga, mehrfacher Deutscher Meister sowie Spieler des Senioren-Hockeynationalteams. Mehr unter: https://www.vonkunhardt.de/

Rückschläge als Teil des Spiels

Natürlich verfügt der FC Bayern über außergewöhnlich viel individuelle Qualität und ist mit hochklassigen Spitzenspielern besetzt. Doch auch eine solche Mannschaft spielt nicht fehlerfrei. Ein Spiel wie das 4:3 gegen Real Madrid zeigt, dass Flow keineswegs Perfektion bedeutet. Im Gegenteil. Gerade in intensiven Partien auf höchstem Niveau gehören Gegentore, Ballverluste und Druckphasen ganz selbstverständlich dazu.

„Der entscheidende Punkt ist die Reaktion darauf“, weiß der Mentalcoach. „Teams im Flow bewerten Rückschläge anders. Ein Gegentor führt nicht automatisch zu Verunsicherung, sondern wird schneller verarbeitet. Die Aufmerksamkeit bleibt auf der nächsten Aktion, nicht auf dem, was gerade schiefgelaufen ist.“ Diese Fähigkeit sorgt dafür, dass der Rhythmus erhalten bleibt. Der „Lauf“ wird nicht durch einzelne Ereignisse unterbrochen, sondern trägt über sie hinweg.

Vertrauen, Klarheit, Kommunikation

Damit ein solcher Zustand entstehen kann, braucht es mehr als individuelle Klasse. Drei Faktoren spielen eine zentrale Rolle: Vertrauen, klare Rollen und Kommunikation. Vertrauen sorgt dafür, dass Spieler mutig bleiben, auch nach Fehlern. Klare Rollen geben Orientierung, gerade in hektischen Phasen. Und Kommunikation hält das Team im Austausch, selbst unter Druck. „Wenn diese Elemente zusammenkommen, entsteht eine Stabilität, die sich im Spielverlauf widerspiegelt“, resümiert der Mentalcoach. „Vor allem erfahrene Führungsspieler und Trainer prägen diesen Rahmen. Sie geben Sicherheit, setzen Impulse und sorgen dafür, dass die Mannschaft auch in kritischen Momenten strukturiert bleibt.“

Flow ist kein Zufall

Der Eindruck eines „Laufs“ wirkt oft wie etwas, das einfach passiert. „Tatsächlich ist Flow jedoch kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis von guter Vorbereitung“, erläutert Michael von Kunhardt. „Mentale Routinen, klare Abläufe und wiederkehrende Muster helfen dabei, auch unter Stress handlungsfähig zu bleiben. Dazu gehört etwa, sich nach Fehlern schnell neu auszurichten, den Fokus bewusst auf die nächste Aktion zu legen oder sich auf eingeübte Abläufe zu verlassen. Teams, die das verinnerlicht haben, wirken stabiler, selbst wenn ein Spiel kippt.“

Der Sieg des FC Bayern ist deshalb mehr als ein spektakuläres Ergebnis. Er zeigt, wie wichtig mentale Stärke im modernen Teamsport geworden ist. „Entscheidend ist nicht, ob Rückschläge passieren, sondern wie mit ihnen umgegangen wird“, so Michael von Kunhardt. „Flow bedeutet nicht Perfektion. Er bedeutet, im entscheidenden Moment präsent zu bleiben und als Team weiter zu funktionieren. Genau darin liegt die Stärke von Mannschaften, die nicht nur einzelne Spiele gewinnen, sondern über längere Zeit konstant erfolgreich sind.“ pm

Im Buch „Die Magie des Flows“ geben Michael von Kunhardt und Ex-Profiskirennläuferin Lizz Görgl Einblicke in die Welt von Top-Performern und Leistungsspitzen. Zahlreiche Erfahrungsberichte lassen den Flow erlebbar werden und werden wissenschaftlich vertieft. „Die Magie des Flows: Wie Sie über sich selbst hinauswachsen“, Michael von Kunhardt und Lizz Görgl, Campus Verlag, 224 Seiten.

Wie wir in den mentalen Tunnel kommen – und was uns dabei im Weg steht

Man kennt das Gefühl: Die Zeit vergeht wie im Flug, die Gedanken sind klar, jede Handlung sitzt. Ob beim Sport, Schreiben oder Programmieren – alles scheint mühelos zu funktionieren. Psychologen nennen diesen Zustand „Flow“. Geprägt wurde der Begriff vom ungarisch-amerikanischen Psychologen Mihály Csíkszentmihályi, der ihn als einen Zustand völliger Vertiefung und optimaler Leistungsfähigkeit beschreibt. Musiker berichten, dass sie im Flow Fehler gar nicht wahrnehmen. Menschen im Flow sind nachweislich glücklicher und erleben teilweise sogar eine reduziertes Schmerzempfinden.

Doch Flow ist kein Zufall. Neurowissenschaftliche Studien zeigen: Bestimmte Bedingungen im Gehirn und im Verhalten begünstigen ihn – und ebenso klar lässt sich sagen, was ihn verhindert.

Was passiert im Gehirn?

Im Flow-Zustand verändert sich die Aktivität im Gehirn messbar:

  • Der präfrontale Cortex (zuständig für Selbstzweifel und Kontrolle) wird heruntergefahren
  • Das Belohnungssystem (Dopamin) ist aktiv → Motivation steigt
  • Stresshormone sinken, Fokus und Kreativität steigen

Forscher sprechen von „transienter Hypofrontalität“ – das Denken wird effizienter, störende Selbstreflexion tritt in den Hintergrund.

Wie kommt man in den Flow?

Die Forschung ist erstaunlich eindeutig: Es gibt mehrere zentrale Voraussetzungen, die den Flow begünstigen.

1. Die richtige Balance: Herausforderung vs. Fähigkeit

Flow entsteht genau dann, wenn:

  • die Aufgabe fordernd, aber machbar ist
  • weder Langeweile noch Überforderung dominieren

Faustregel: Die Aufgabe sollte etwa 4 % bis 10 % über dem aktuellen Können liegen.

2. Klare Ziele und unmittelbares Feedback

Das Gehirn braucht Orientierung:

  • Klare Aufgabenstellung („Was genau mache ich jetzt?“)
  • Schnelle Rückmeldung („Funktioniert das?“)

Ohne Feedback kein Flow.

3. Ununterbrochene Konzentration

Studien zeigen: Nach einer Unterbrechung dauert es im Schnitt 10  bis 20 Minuten, bis man wieder in tiefe Konzentration kommt.

4. Intrinsische Motivation

Flow entsteht leichter, wenn:

  • die Tätigkeit interessiert oder Sinn macht
  • nicht nur äußere Belohnung (Geld, Druck) im Vordergrund steht

So kann man den Flow gezielt auslösen

Diese Techniken sind wissenschaftlich untersucht und alltagstauglich:

🔹 1. Die „90-Minuten-Flow-Session“

So funktioniert’s:

  1. 90 Minuten Zeit blocken (kein Handy, keine Mails)
  2. Klare Aufgabe definieren
  3. Timer starten
  4. Erst nach Ablauf pausieren

Warum das wirkt: Der Körper arbeitet in Ultradian-Rhythmen (etwa 90 Minuten), in denen maximale Leistungsfähigkeit möglich ist.

🔹 2. Die 5-Minuten-Einstiegsregel

Wenn die Motivation fehlt:

  • Starte bewusst nur für 5 Minuten
  • Fokus: „Ich fange einfach an“

Effekt: Das Gehirn überwindet die Einstiegshürde – Flow folgt oft automatisch.

🔹 3. Reizreduktion („Monotasking-Setup“)

  • Handy weg (nicht nur stumm!)
  • Browser-Tabs minimieren
  • ruhige Umgebung oder gleichmäßige Musik

Studien zeigen: Multitasking reduziert Produktivität um bis zu 40 %.

🔹 4. Ritualisierte Startsignale

Flow liebt Gewohnheiten:

  • gleiche Musik
  • gleicher Arbeitsplatz
  • kurzer Spaziergang vorher

Das Gehirn lernt: „Jetzt beginnt Fokuszeit.“

🔹 5. Körper aktivieren

Leichte Bewegung vor der Aufgabe:

  • 5–10 Minuten gehen
  • Dehnen oder kurze Übungen

Das verbessert die Durchblutung und die kognitive Leistungsfähigkeit.

🔹 6. Schwierigkeit bewusst justieren

Wenn kein Flow entsteht:

  • Aufgabe zu leicht? → anspruchsvoller machen
  • Aufgabe zu schwer? → in kleinere Schritte teilen

Was verhindert Flow?

Genauso wichtig wie das „Wie geht‘s“ ist das „Was geht nicht“.

1. Ständige Unterbrechungen

  • Smartphone
  • E-Mails
  • Kollegen

Jede Unterbrechung zerstört den mentalen Tunnel.

2. Multitasking

Das Gehirn kann nicht wirklich multitasken – es schaltet nur schnell um.

Folge:

  • mehr Fehler
  • weniger Tiefe
  • kein Flow

3. Unklare Aufgaben

„Ich arbeite mal ein bisschen…“

Das reicht nicht. Ohne Ziel kein Flow.

4. Perfektionismus

Zu viel Selbstkontrolle aktiviert den präfrontalen Cortex – genau das Gegenteil von Flow

5. Überforderung oder Unterforderung

  • Zu schwer → Stress
  • Zu leicht → Langeweile

Beides blockiert Flow. tok

FaktorBedeutung
Herausforderungleicht über dem eigenen Niveau
Klarheiteindeutige Aufgabe
Feedbacksofortige Rückmeldung
Fokuskeine Ablenkung
Motivationinnerer Antrieb
Zeitblockausreichend lange Konzentrationsphase