
Fußballexperten gibt es in Deutschland wie Sand am Meer. Aber reicht die geballte Expertise, um den Zufall auszutricksen und sich bei Sportwetten das schnelle Geld zu holen? Während sich das Konto von Wettsüchtigen schnell leert, sahnen die Wettanbieter dagegen zuverlässig ab. Foto: Monika Wisniewska/stock.adobe.com
Die gefährliche Faszination der Sportwetten: Vom Fußballfan zum süchtigen Problemspieler
Bei Fußballgroßereignissen wie Welt- oder Europameisterschaften zeigt sich vor den Fernsehgeräten und Großleinwänden auf Public Viewings oder in Sports Bars mit schöner Regelmäßigkeit, dass Deutschland ein Volk der besonders kenntnisreichen Fußballtrainer ist. Fast jeder weiß es besser als Nagelsmann und all die TV-Experten und Kommentatoren zusammen. Mit so viel geballter Fachkenntnis müsste es doch eigentlich ein Kinderspiel sein, Sportwetten zu gewinnen. Die wahren Gewinner aber sind die, die für jede Sportwette vorab kassieren.
Eine Sucht in Zahlen
In Deutschland leiden etwa 1,3 Millionen Menschen im Alter von 18 bis 70 Jahren an einer diagnostizierten und behandlungsbedürftigen Glücksspielstörung.
Weitere rund 3 Millionen Risikospieler in der gleichen Altersspanne (etwa 5,5 % der Bevölkerung) zeigen ein problematisches Spielverhalten wie etwa regelmäßige, hohe Einsätze oder erste Kontrollverluste.
Insgesamt gelten damit deutlich über 4 Millionen Erwachsene als glücksspielsüchtig oder akut gefährdet. Männer sind dabei weitaus häufiger betroffen als Frauen.
In Deutschland sind schätzungsweise etwa 270.000 bis 300.000 Menschen gezielt von einer Sportwetten-Sucht (problematisches oder pathologisches Wettverhalten) betroffen.
27,0 % aller Live-Sportwetter erfüllen die medizinischen Kriterien einer echten Glücksspielstörung. Neben Online-Automaten gehören Sportwetten (vor allem in Echtzeit) damit zu den riskantesten Glücksspielformen überhaupt.
Etwa 23 % aller Glücksspielprobleme in Deutschland lassen sich laut Suchtstudien rein rechnerisch auf Sportwetten zurückführen.
9,7 % der Klienten in deutschen Suchtberatungsstellen, die wegen einer Hauptdiagnose zur Spielsucht Hilfe suchen, sind dort wegen reiner Sportwetten gemeldet.
Junge Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren stellen die mit Abstand größte Risikogruppe dar. Die Kombination aus hoher Sportbegeisterung und starker Wettwerbung im Umfeld von Fußballübertragungen begünstigt die Suchtentwicklung massiv.
Sportwetten mit großem Suchtrisiko
„Bei Sportwetten ist das Risiko, süchtig zu werden, besonders groß“, hatte einst der frühere baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha gesagt. Seine Erklärung: „Viele glauben, dass hier das eigene Sportwissen über die Gewinne entscheidet. Doch auch Sportwetten sind Glücksspiele, und letztlich ist der Zufall entscheidend. Auch wenn ich mich noch so gut beim Fußball oder anderen Sportarten auskenne: Den Ausgang eines Spiels kann ich nicht mit Sicherheit voraussagen.“
Fußball ist immer noch omnipräsent im deutschen Alltag. Viele kicken schon als Kinder regelmäßig, lesen Spielberichte und anderes mehr in der Tageszeitung oder auf Onlineplattformen, diskutieren darüber in Social Media und gewinnen so ein mit Insiderkenntnissen gespicktes Fachwissen. Aber reicht das, um dem Zufall zuverlässig ein Schnippchen zu schlagen, um mehr Sportwetten zu gewinnen als zu verlieren?
Es reicht auf jeden Fall für die Wettanbieter, die gefühlt täglich mehr werden. Würden diese Unternehmen nämlich mehr verlieren als gewinnen, wären sie schon längst vom Markt verschwunden. Sie versprechen schnelles Glück und schnelles Geld, verraten aber nicht, dass das exklusiv für den Wettanbieter gilt. Für die Tipper mit der großen Expertise steht am Ende der Rechnung immer ein Minusbetrag.
Es drohen Verlust von Karriere und Familie
Wer es nicht schafft, sich aus diesem Kreis von Gewinn und Verlust und Hoffnung auf noch mehr Gewinn und Hoffnung auf den nächsten Großeinsatz, der den Verlust ausgleichen soll, zu befreien, den kann die Glückspielsucht um seine eigene Zukunft bringen. Der könnte seine Sucht mit dem Verlust von Karriere und Familie bezahlen.
Die gute Nachricht lautet: Glücksspiel- und Sportwettensucht sind behandelbar. Je früher Betroffene Hilfe suchen, desto größer sind die Erfolgsaussichten. Fachleute betrachten die Glücksspielstörung heute als chronische, aber gut therapierbare Suchterkrankung. Ziel der Behandlung ist nicht nur der Verzicht auf Wetten, sondern auch die Wiederherstellung von Kontrolle, Lebensqualität und psychischer Gesundheit.
Der wichtigste Schritt: Das Problem erkennen
Viele Betroffene benötigen Monate oder sogar Jahre, bis sie sich ihre Sucht eingestehen. Häufig werden Verluste heruntergespielt oder als Pechserie erklärt. Experten sehen deshalb die Krankheitseinsicht als entscheidenden Wendepunkt. Typische Aussagen in dieser Phase sind:
• „Ich habe die Kontrolle verloren.“
• „Ich denke ständig an Wetten.“
• „Ich komme finanziell nicht mehr heraus.“
• „Meine Familie leidet darunter.“
Erst wenn Betroffene akzeptieren, dass sie die Situation allein nicht mehr beherrschen, beginnt oft eine erfolgreiche Behandlung.
Psychotherapie gilt als wirksamste Behandlung
Als wissenschaftlich am besten untersuchte Therapieform gilt die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei lernen Betroffene:
• Auslöser für ihr Wettverhalten zu erkennen
• Risikosituationen zu vermeiden
• falsche Denkmuster zu hinterfragen
• Impulse besser zu kontrollieren
• alternative Strategien zur Stressbewältigung aufzubauen
Ein häufiges Thema ist die sogenannte „Illusion der Kontrolle“. Viele Spieler glauben, sie könnten durch Fachwissen oder besondere Strategien dauerhaft gewinnen. In der Therapie wird vermittelt, dass Glücksspiele letztlich vom Zufall bestimmt werden.
Studien zeigen, dass verhaltenstherapeutische Ansätze die Rückfallquote deutlich senken können.

Selbstsperre und technische Schutzmaßnahmen
Eine wichtige Hilfe ist die konsequente Unterbrechung des Zugangs zu Wettangeboten. In Deutschland können sich Betroffene über das bundesweite Sperrsystem OASIS selbst sperren lassen. Nach der Registrierung dürfen lizenzierte Wettanbieter und Spielhallen keine Teilnahme mehr ermöglichen. Zusätzlich empfehlen Suchtexperten:
• Wett-Apps löschen
• Wettanbieter blockieren
• Werbemails abbestellen
• Kreditkartenlimits einrichten
• Online-Zahlungsmöglichkeiten einschränken
Je schwerer der Zugang zum Glücksspiel wird, desto geringer ist die Rückfallgefahr.
Schuldenberatung gehört oft zur Therapie
Finanzielle Probleme sind bei vielen Betroffenen ein zentraler Belastungsfaktor. Schulden erzeugen Stress, und Stress erhöht wiederum das Risiko neuer Wetten. Deshalb arbeiten Suchthilfeeinrichtungen häufig mit Schuldnerberatungen zusammen. Wichtige Maßnahmen sind:
• Überblick über Schulden schaffen
• Zahlungspläne entwickeln
• Gläubiger kontaktieren
• finanzielle Kontrolle teilweise an Angehörige übertragen
Viele Betroffene berichten, dass sich ihre psychische Belastung deutlich verringert, sobald die finanzielle Situation geordnet wird.
Angehörige spielen eine wichtige Rolle
Partner, Eltern oder Freunde bemerken oft früher als die Betroffenen selbst, dass ein Problem entstanden ist. Suchtexperten empfehlen Angehörigen:
• offen und sachlich über das Verhalten zu sprechen
• keine Schulden heimlich auszugleichen
• Unterstützung bei der Suche nach Hilfe anzubieten
• klare Grenzen zu setzen
Studien zeigen, dass stabile soziale Beziehungen die Erfolgschancen einer Therapie deutlich verbessern.
Selbsthilfegruppen helfen gegen Rückfälle
Viele ehemalige Wettsüchtige profitieren von Selbsthilfegruppen. Dort treffen sie Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und erhalten Unterstützung bei Rückschlägen. Der Austausch kann helfen, Schamgefühle abzubauen und neue Strategien für den Alltag zu entwickeln. Zu den bekannten Angeboten gehören:
• Anonyme Spieler
• regionale Suchtselbsthilfegruppen
• Online-Selbsthilfeangebote
Gibt es Medikamente?
Für die Behandlung der Glücksspielstörung existiert bislang kein speziell zugelassenes Medikament. In bestimmten Fällen können Ärzte jedoch Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Schlafstörungen medikamentös behandeln.
Einige Studien untersuchen zudem Medikamente, die das Verlangen nach Glücksspiel reduzieren könnten. Diese Ansätze befinden sich jedoch noch in der wissenschaftlichen Bewertung und gehören bislang nicht zur Standardtherapie.
Wie hoch sind die Heilungschancen?
Die Prognose auf eine Heilung von der Glückspielsucht ist deutlich besser, als viele Betroffene glauben. Viele Menschen schaffen es mit professioneller Hilfe, dauerhaft abstinent zu bleiben oder die Kontrolle über ihr Verhalten zurückzugewinnen. Rückfälle können vorkommen und gelten bei Suchterkrankungen nicht als Scheitern, sondern als Teil des Heilungsprozesses. Entscheidend sind:
• frühe Hilfe
• therapeutische Unterstützung
• soziale Stabilität
• finanzielle Ordnung
• konsequente Vermeidung von Risikosituationen
Mit einer Therapie und der Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld kann der Ausstieg aus der Sucht gelingen. Eine Sportwettensucht ist keine Charakterschwäche und kein Mangel an Willenskraft, sondern eine anerkannte Suchterkrankung. Die gleichen Hirnregionen, die bei Alkohol- oder Drogensucht verändert sind, spielen auch beim problematischen Glücksspiel eine Rolle. Wer rechtzeitig professionelle Hilfe sucht, hat heute sehr gute Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung. Der wichtigste Schritt besteht darin, die Kontrolle zurückzugewinnen – nicht über das Spiel, sondern über das eigene Leben. tok