
Ein Leben mit Krücken – die Kinderlähmung hat ihren Schrecken verloren, auch dank der Schluckimpfung mit lebenden, abgeschwächten Polioviren, die in Deutschland seit 1998 nicht mehr routinemäßig verwendet wird. Heute wird der inaktivierte Poliovirus-Impfstoff (IPV) mit abgetöteten Viren meist als Kombinationsimpfung per Spritze verabreicht. Foto: Kurtz – KI-generiert
WHO führt Deutschland als „Polio-infiziert“: Kehrt die Kinderlähmung zurück?
Es klingt zunächst wie eine Nachricht aus einer anderen Zeit: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt Deutschland aktuell als einen Staat, der mit Polio-Wildvirus Typ 1 infiziert ist. In derselben Kategorie stehen Afghanistan und Pakistan – die beiden letzten Länder der Erde, in denen Wildpolioviren noch dauerhaft zirkulieren. Doch Deutschland steht nicht vor einer neuen Kinderlähmungs-Epidemie.
Polioviren im Hamburger Abwasser und Impflücken im Südwesten
Die ungewöhnliche Einstufung geht auf Polioviren zurück, die im Oktober 2025 im Hamburger Abwasser entdeckt wurden. Erkrankte Menschen wurden nicht gefunden. Auch danach gab es keine weiteren Nachweise dieses Wildvirus. Trotzdem bleibt Deutschland nach den formalen Regeln der WHO zunächst auf der Liste der betroffenen Staaten. Der jüngste Bericht des WHO-Notfallausschusses vom 25. August 2026 nennt als letzten deutschen Nachweis den 13. Oktober 2025.
Das Ganze ist dennoch mehr als epidemiologische Bürokratie. Denn Deutschland besitzt inzwischen erstaunlich große Impflücken – und Baden-Württemberg fällt dabei besonders auf. Bei den Einschulungskindern des Jahres 2024 waren im Südwesten nur 88,8 Prozent vollständig gegen Polio geimpft. In einzelnen Gemeinden liegt die Quote nach Angaben des Sozialministeriums sogar unter 70 Prozent.
Die Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland heute eine Polio-Epidemie hat. Die Frage lautet vielmehr: Könnte die Kinderlähmung zurückkommen, wenn das Virus auf die falsche Bevölkerung trifft? Die kurze Antwort: Ja. Aber dafür müsste einiges zusammenkommen.
Was ist Polio eigentlich?
Polio ist die Kurzform von Poliomyelitis. Der medizinische Name bedeutet ungefähr „Entzündung der grauen Substanz des Rückenmarks“. Umgangssprachlich heißt die Krankheit Kinderlähmung. Verursacht wird sie durch Polioviren. Menschen sind das einzige natürliche Reservoir – es gibt also weder ein dauerhaft infiziertes Tierreservoir noch eine Mücke oder Zecke als Zwischenwirt.
Das Virus gelangt meist über den Mund in den Körper, vermehrt sich zunächst im Rachen und vor allem im Darm und wird anschließend in riesigen Mengen über den Stuhl ausgeschieden. Das Robert Koch-Institut (RKI) nennt Größenordnungen von einer Million bis zu einer Milliarde infektiöser Viren pro Gramm Stuhl. Die Hauptübertragung erfolgt deshalb fäkal-oral – vereinfacht gesagt: winzige, unsichtbare Spuren von Stuhl gelangen über Hände, Gegenstände, Lebensmittel oder Wasser in den Mund eines anderen Menschen. Früh während einer Infektion ist auch eine Übertragung über Rachensekret und Tröpfchen möglich.
Das Virus ist hoch ansteckend. Und genau hier liegt das Tückische an Polio: Man sieht den meisten Infizierten überhaupt nicht an, dass sie das Virus verbreiten.
Mehr als 95 Prozent der Infizierten merken nichts
Nach Angaben des RKI verlaufen mehr als 95 Prozent der Infektionen ohne erkennbare Krankheitszeichen. Das Immunsystem bekämpft das Virus – der Infizierte fühlt sich gesund, kann den Erreger aber trotzdem ausscheiden. Bei einem kleineren Teil treten zunächst eher unspektakuläre Beschwerden auf: Fieber, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Halsweh, Muskel- und Gliederschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden. Die Inkubationszeit – also die Zeit zwischen Infektion und Krankheitsbeginn – beträgt je nach Verlaufsform meist einige Tage bis etwa zwei Wochen; insgesamt sind ungefähr 3 bis 35 Tage möglich.
Bei einem sehr kleinen Teil der Infizierten erreicht das Virus jedoch das zentrale Nervensystem, also Gehirn und Rückenmark. Dann wird aus einer meist unsichtbaren Infektion jene Krankheit, die Generationen von Eltern gefürchtet und Kindern ein Leben an Krücken oder in der „Eisernen Lunge“ beschert haben.

Wenn plötzlich ein Bein nicht mehr funktioniert
Polioviren können Nervenzellen zerstören, die unsere Muskeln steuern. Die Folge ist eine sogenannte akute schlaffe Lähmung: Ein Arm oder Bein verliert plötzlich Kraft und Muskelspannung. Besonders häufig sind die Beine betroffen. Die Lähmung ist oft asymmetrisch – also beispielsweise auf einer Körperseite stärker ausgeprägt als auf der anderen.
Die Weltgesundheitsorganisation rechnet grob damit, dass etwa eine von 200 Poliovirus-Infektionen zu einer irreversiblen, also nicht mehr rückgängig zu machenden Lähmung führen kann. Von den Menschen mit Lähmungen sterben wiederum etwa 5 bis 10 Prozent, wenn die Atemmuskulatur betroffen ist.
In besonders schweren Fällen können auch Schluckmuskeln und Atemmuskulatur gelähmt werden. Aus dieser Zeit stammen die berühmten Bilder der sogenannten „Eisernen Lunge“ – großen Beatmungsapparaten, in denen Polio-Patienten teilweise monate- oder jahrelang leben mussten.
Gibt es Medikamente gegen Polio?
Es gibt keine antivirale Therapie, die Polioviren aus dem Körper entfernt oder zerstörte Nervenzellen wiederherstellt. Die Medizin kann lediglich unterstützen. Dazu gehören Schmerzbehandlung, Flüssigkeitsversorgung, Atemunterstützung beziehungsweise Beatmung, Physiotherapie, orthopädische Hilfsmittel und später Rehabilitation. Entstandene Nervenschäden können dauerhaft bleiben.
Hinzu kommt eine mögliche Spätfolge: das Post-Polio-Syndrom. Jahrzehnte nach einer früheren Erkrankung können erneut Muskelschwäche, extreme Müdigkeit, Schmerzen oder Atemprobleme auftreten. Ursache ist vermutlich eine zunehmende Überlastung jener Nervenzellen, die nach der ursprünglichen Erkrankung zusätzliche Aufgaben übernommen hatten.
Das macht Polio zu einer ungewöhnlichen Infektionskrankheit: Heilen kann man sie nicht, behandeln kann man nur ihre Folgen – verhindern kann man sie vor allem durch Impfen.
Wie Deutschland die Kinderlähmung besiegte
Noch Anfang der 1960er-Jahre gehörte Polio in Deutschland zu den gefürchtetsten Infektionskrankheiten überhaupt. 1961 bei der letzten großen Epidemie in der damaligen Bundesrepublik erkrankten 4594 Menschen sichtbar an Poliomyelitis; 306 starben.
Dann kam eine der erfolgreichsten Impfkampagnen der deutschen Medizingeschichte. Ab 1962 wurde flächendeckend der von Albert Sabin entwickelte orale Lebendimpfstoff eingesetzt. Viele ältere Menschen erinnern sich noch an den Würfelzucker mit einigen Tropfen Impfstoff. Der Werbespruch ist bis heute bekannt: „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam.“
Die Kampagne funktionierte spektakulär. Die Fallzahlen brachen ein. In den 1980er-Jahren war Polio in Deutschland bereits zur Rarität geworden. Die letzte in Deutschland erworbene Erkrankung durch ein Wildpoliovirus wurde 1990 registriert. Zwei letzte importierte Fälle folgten 1992 – einer aus Ägypten, einer aus Indien. Seitdem wurde in Deutschland keine durch ein Polio-Wildvirus verursachte Kinderlähmung mehr festgestellt. Die WHO erklärte ihre gesamte europäische Region 2002 für poliofrei.

Warum wurde die berühmte Schluckimpfung abgeschafft?
Die Schluckimpfung hatte einen großen Vorteil: Die darin enthaltenen abgeschwächten Viren vermehrten sich im Darm. Dadurch entstand nicht nur ein sehr guter Schutz vor Erkrankung, sondern auch eine starke Immunität direkt an der Eintrittspforte des Virus. Das erschwerte seine Weitergabe. Doch der Lebendimpfstoff hatte einen extrem seltenen Nachteil.
Die abgeschwächten Viren konnten in seltensten Fällen selbst eine Lähmung verursachen. Das RKI nennt dafür ungefähr einen Fall pro 2,7 Millionen verabreichte Dosen. In Deutschland wurden nach dem Verschwinden der Wildviren noch jährlich bis zu drei solcher impfassoziierten Erkrankungen beobachtet.
Deshalb stellte Deutschland 1998 vollständig auf den inaktivierten Poliovirus-Impfstoff (IPV) um. „Inaktiviert“ bedeutet: Die enthaltenen Viren sind abgetötet und können sich nicht vermehren. Dieser Impfstoff kann selbst keine Kinderlähmung auslösen. Heute steckt die Polio-Komponente bei kleinen Kindern meistens in der Sechsfachimpfung gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Polio, Haemophilus influenzae Typ b und Hepatitis B. Etwa 98 Prozent der Polio-Impfungen bei kleinen Kindern werden in dieser Kombination gegeben.

Warum sind die Impfquoten so niedrig?
Hier lohnt sich ein genauer Blick, denn die einfache Erklärung „immer mehr Impfgegner“ greift zu kurz. Das RKI sieht vor allem ein Problem mit zu spät abgeschlossenen Impfserien. Seit 2020 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) für reifgeborene Säuglinge ein sogenanntes 2+1-Schema. Die Sechsfachimpfung soll im Alter von zwei, vier und elf Monaten erfolgen. Besonders wichtig ist die dritte Dosis, weil zwischen der zweiten und dritten Impfung mindestens sechs Monate liegen sollen. Doch genau diese dritte Impfung wird häufig verspätet gegeben.
Bei Kindern des Geburtsjahrgangs 2021 hatten bundesweit im Alter von 12 Monaten nur 21 Prozent einen nach den festgelegten Zeitabständen vollständigen Polioschutz. Mit 15 Monaten waren es 57 Prozent, mit zwei Jahren 77 Prozent und mit sechs Jahren 88 Prozent. Das RKI errechnete, dass allein beim Geburtsjahrgang 2021 mehr als 180.000 Zweijährige noch nicht vollständig geschützt waren. Bei Sechsjährigen waren es mehr als 90.000 Kinder.
Dabei hatten die allermeisten Kinder die Impfserie durchaus begonnen: Mit zwei Jahren hatten jeweils rund 96 beziehungsweise 94 Prozent die erste und zweite Dosis erhalten. Die Lücke entsteht vor allem beim rechtzeitigen Abschluss. Das spricht dafür, dass Terminverschiebungen, verpasste Vorsorgeuntersuchungen, verspätete Nachholimpfungen und die Umsetzung des veränderten Impfschemas einen erheblichen Anteil am Problem haben.
Impfablehnung kann in einzelnen Gruppen selbstverständlich ebenfalls eine Rolle spielen. Die verfügbaren bundesweiten Daten belegen aber nicht, dass sie allein die niedrige Gesamtquote erklärt. Hinzu kommt ein statistisches Problem: Veränderungen des Impfschemas und unterschiedliche Dokumentationen können die bei Schuleingangsuntersuchungen ermittelten Quoten teilweise unterschätzen.

Baden-Württemberg fällt besonders negativ auf
Beim RKI-Vergleich für Kinder des Geburtsjahrgangs 2021 hatte Baden-Württemberg im Alter von zwei Jahren mit 69 Prozent die niedrigste Quote aller Bundesländer. Bundesweit waren es 77 Prozent. Niedersachsen kam auf 82 Prozent, Schleswig-Holstein und Hamburg jeweils auf 81 Prozent.
Neuere Schuleingangsdaten fallen günstiger aus, sind aber ebenfalls nicht beruhigend: Bei den Einschulungskindern 2024 waren in Baden-Württemberg 88,8 Prozent vollständig gegen Polio geschützt. Das Sozialministerium verweist auf Gemeinden mit Quoten von weniger als 70 Prozent. Genau solche lokalen Impfinseln sind epidemiologisch wichtiger als ein guter Landesdurchschnitt. Denn Viren interessieren sich nicht für Durchschnittswerte.
Was wurde tatsächlich im deutschen Abwasser gefunden?
Seit Ende 2024 wurden zunächst sogenannte zirkulierende impfstoffabgeleitete Polioviren Typ 2 (cVDPV2) in deutschen Abwasserproben gefunden. In einigen Teilen der Welt wird weiterhin die Schluckimpfung mit vermehrungsfähigen, stark abgeschwächten Viren benutzt. Diese Impfviren werden nach der Impfung eine Zeit lang ausgeschieden. Treffen sie über längere Zeit auf eine Bevölkerung mit großen Impflücken, können sie von Mensch zu Mensch weitergegeben werden und sich genetisch verändern.
Sehr selten können daraus Viruslinien entstehen, die wieder die Fähigkeit besitzen, Lähmungen zu verursachen. Das ist aber kein Problem des heute in Deutschland verwendeten Totimpfstoffs. IPV kann sich nicht vermehren und kann deshalb auch kein solches Virus erzeugen.
2024 und 2025 fand das RKI cVDPV2 unter anderem im Abwasser von Berlin, Bonn, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, Mainz, München und Stuttgart. Klinische Polio-Erkrankungen wurden dabei nicht entdeckt. Dann kam im Oktober 2025 der überraschendere Fund: In Hamburg wurde erstmals echtes Polio-Wildvirus Typ 1 nachgewiesen. Genomanalysen zeigten eine sehr starke Ähnlichkeit mit einer Viruslinie aus Afghanistan.
Mindestens ein infizierter Mensch muss das Virus also ausgeschieden haben. Wer diese Person war, ist unbekannt.
Warum gilt Deutschland deshalb 2026 noch als „infiziert“?
Die Einstufung als „infiziert“ kommt von der WHO nicht wegen einer akuten Gefahr, sondern wegen einer technischen Definition. Wird ein Polio-Wildvirus im Abwasser eines Landes gefunden, gilt dieses Land zunächst als betroffen. Bei einem reinen Umweltfund ohne Erkrankten muss normalerweise mindestens zwölf Monate plus zusätzliche Melde- und Auswertungszeit ohne weiteren Virusnachweis vergehen, bevor der Status aufgehoben werden kann. Danach folgt nochmals eine Beobachtungsphase.
Die Bezeichnung bedeutet daher ausdrücklich nicht, dass sich derzeit in Deutschland Menschen massenhaft mit Polio anstecken. Die WHO schreibt sogar, dass nach der ersten Oktoberhälfte 2025 keine weiteren deutschen Wildvirusnachweisegemeldet wurden.
Wie leicht könnte daraus eine Polio-Welle werden?
Eine Corona-ähnliche Welle mit Millionen Erkrankten innerhalb weniger Wochen ist unter deutschen Bedingungen sehr unwahrscheinlich. Aber eine unbemerkte Infektionskette ist durchaus vorstellbar. Das liegt paradoxerweise gerade daran, dass Polio bei fast allen Infizierten keine typischen Symptome verursacht. Ein Virus könnte sich über Wochen verbreiten, bevor der erste Patient mit einer Lähmung auftaucht.
Der in Deutschland verwendete Totimpfstoff schützt ausgezeichnet vor der Erkrankung und insbesondere vor Lähmungen. Er verhindert aber eine Infektion des Darms und die Ausscheidung des Virus weniger zuverlässig als die frühere Schluckimpfung. Auch ein geimpfter Mensch kann sich deshalb unter Umständen vorübergehend infizieren und Viren weitergeben, ohne selbst schwer krank zu werden. Entscheidend wären deshalb lokale Gruppen mit vielen ungeimpften oder unvollständig geimpften Menschen.
Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) bewertet das Polio-Risiko für vollständig Geimpfte selbst in Regionen mit niedriger Impfquote als sehr gering. Für ungeimpfte oder unvollständig Geimpfte in Gebieten mit niedriger Impfquote stuft die Behörde das Risiko dagegen als moderat ein.
Mit anderen Worten: Nicht ganz Deutschland wäre gleichermaßen gefährdet. Problematisch wären einzelne Gemeinden, Familien, religiöse oder soziale Gemeinschaften oder andere Gruppen, in denen besonders viele Menschen keinen ausreichenden Impfschutz besitzen.
Dass so etwas passieren kann, zeigen die USA. Die Vereinigten Staaten hatten Polio ebenfalls längst unter Kontrolle. Trotzdem erkrankte 2022 im Bundesstaat New York ein ungeimpfter junger Erwachsener an paralytischer Polio. Ursache war ein impfstoffabgeleitetes Poliovirus Typ 2. Anschließend wurden genetisch verwandte Viren monatelang im Abwasser mehrerer Bezirke gefunden – der Beweis für eine unbemerkte Übertragung in der Bevölkerung.
Auch Israel erlebte 2022 einen ähnlichen Fall: Ein ungeimpftes Mädchen im Alter von drei Jahren und neun Monaten entwickelte eine akute schlaffe Lähmung. Das verantwortliche impfstoffabgeleitete Poliovirus war zuvor bereits im Abwasser entdeckt worden.
Das sind wichtige Warnbeispiele für Deutschland. Polio benötigt kein zusammengebrochenes Gesundheitssystem, um zurückzukehren. Eine ausreichend große lokale Impflücke kann reichen.

In welchen Ländern gibt es heute noch Polio?
Hier muss zwischen Wildpoliovirus und impfstoffabgeleiteten Polioviren unterschieden werden. Das ursprüngliche Wildpoliovirus kommt dauerhaft nur noch in Afghanistan und Pakistan vor. Von ehemals drei Wildvirus-Typen sind Typ 2 und Typ 3 weltweit ausgerottet. Übrig ist Typ 1.
Daneben verursachen impfstoffabgeleitete Viruslinien weiterhin Ausbrüche vor allem in Teilen Afrikas und Asiens. Die WHO führte zum Datenstand Ende April 2026 entsprechende Infektionen oder Viruszirkulation unter anderem in Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo, Süd-Sudan, Algerien, Angola und weiteren Staaten auf.
Auch wohlhabende beziehungsweise hoch entwickelte Staaten sind vor Einschleppungen nicht geschützt. In den vergangenen Jahren wurden Polioviren im Abwasser unter anderem in Deutschland, Finnland, Polen, Spanien und Großbritannien nachgewiesen. In den USA und Israel kam es sogar zu klinischen Lähmungsfällen. Eine Polio-Erkrankung in einem Industrieland wäre deshalb heute außergewöhnlich – aber keineswegs biologisch unmöglich.
Steigt Polio weltweit wieder an?
Die Antwort lautet derzeit: Polio steigt nicht insgesamt an – aber die Eradikation, also die dauerhafte globale Ausrottung, ist weiterhin gefährdet. 1988 wurden weltweit noch geschätzt 350.000 Erkrankungen durch Polio-Wildviren in mehr als 125 endemischen Ländern registriert. Die Zahl wurde seither um mehr als 99 Prozent reduziert.
2024 gab es allerdings wieder 99 Fälle durch Wildpoliovirus Typ 1. Für 2025 nennt die WHO nach inzwischen aufgearbeiteten Daten 52 Fälle – 21 in Afghanistan und 31 in Pakistan.
2026 ist die Lage kompliziert. Der WHO-Notfallausschuss arbeitete bei seiner Sitzung noch mit teilweise älteren Daten. Die wöchentlich aktualisierte Globale Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis (GPEI) meldete zum 19. August für Afghanistan bereits 19 Wildvirus-Fälle im Jahr 2026. Gleichzeitig beschreibt die WHO die langfristige Entwicklung der Virusnachweise insgesamt weiterhin als rückläufig.
Das Ziel ist also näher als jemals zuvor – aber noch nicht erreicht. Die letzten Prozentpunkte sind die schwierigsten. Krieg, politische Instabilität, schlecht erreichbare Regionen, mobile Bevölkerungsgruppen, Misstrauen gegenüber Impfkampagnen und Angriffe auf Impfhelfer erschweren die vollständige Ausrottung. Gleichzeitig können Viren durch internationale Reisen innerhalb weniger Stunden von Afghanistan nach Europa gelangen. Hamburg hat gezeigt, dass dies keine theoretische Möglichkeit ist.
Muss sich jetzt jeder Erwachsene erneut impfen lassen?
Die STIKO empfiehlt keine zusätzliche Polio-Impfung für sämtliche Erwachsenen nur wegen der Abwasserfunde in Deutschland. Entscheidend ist zunächst, ob eine vollständige Grundimmunisierung dokumentiert ist. Fehlende Impfungen sollen nachgeholt werden. Bei bestimmten erhöhten Expositionsrisiken – beispielsweise Reisen in betroffene Regionen oder bestimmten beruflichen Tätigkeiten – können zusätzliche Auffrischungen empfohlen sein. Wer seinen Impfstatus nicht kennt, sollte deshalb seinen Impfpass beim nächsten Arztbesuch überprüfen lassen.
Bei Kindern ist die Botschaft noch einfacher: Die Impfserie sollte nicht irgendwann, sondern möglichst zu den empfohlenen Zeitpunkten abgeschlossen werden.
Besiegt – aber noch nicht verschwunden
Deutschland hat die Kinderlähmung durch eine der erfolgreichsten Impfkampagnen seiner Geschichte praktisch besiegt. Aus Tausenden Erkrankungen und Hunderten Todesfällen pro Jahr wurde eine Krankheit, die viele junge Ärzte heute nur noch aus Lehrbüchern kennen. Doch genau dieser Erfolg erzeugt ein neues Problem: Die Angst vor Polio ist verschwunden – und damit teilweise auch das Bewusstsein dafür, warum weiterhin geimpft werden muss.
Der Fund eines Wildpoliovirus im Hamburger Abwasser bedeutet keine neue Epidemie. Er beweist jedoch, dass ein Erreger, der noch in Afghanistan und Pakistan zirkuliert, jederzeit wieder nach Deutschland gelangen kann. Solange genügend Menschen geschützt sind, wird daraus sehr wahrscheinlich kein größeres Gesundheitsproblem.
Trifft das Virus jedoch auf eine Gemeinde mit großen Impflücken, kann es sich unbemerkt verbreiten. Und dann reicht statistisch irgendwann ein einziger Mensch, bei dem aus einer unsichtbaren Darminfektion wieder das wird, was Generationen früher Kinderlähmung nannten. tok