Etwa 6 von 100 KKH-Versicherten leiden an einer Erkrankung, die mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit oder -allergie zusammenhängt. Das kann die Lebensqualität massiv einschränken und im Falle einer Allergie sogar bedrohliche Symptome provozieren. Foto: Studio Romantic/stock.adobe.com

Wenn Essen krank macht: So verschieden sind Unverträglichkeit, Intoleranz und Allergie

Ein Stück Apfel sorgt für Bauchkrämpfe. Ein Milchkaffee endet mit Durchfall. Eine Handvoll Erdnüsse kann sogar lebensgefährlich werden. Was viele umgangssprachlich als „Lebensmittelallergie“ bezeichnen, sind in Wahrheit ganz unterschiedliche Erkrankungen. Für Betroffene macht das einen gewaltigen Unterschied, denn Ursache, Behandlung und Risiko unterscheiden sich teilweise erheblich.

Nach Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse leiden bundesweit etwa 6 von 100 Versicherten an einer Erkrankung, die mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit oder -allergie zusammenhängt. Hochgerechnet entspricht das rund 4,6 Millionen Menschen in Deutschland. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen, weil viele Beschwerden nie eindeutig abgeklärt werden.

„Solche Unverträglichkeiten können die Lebensqualität massiv einschränken. Deshalb ist es umso wichtiger, den Ursachen möglichst schnell auf die Spur zu kommen. So können unnötige Diäten und eine Mangelernährung vermieden werden“, sagt Vijitha Sanjivkumar vom Kompetenzteam Medizin der KKH.

Ein Problem mit der Nahrung und drei verschiedene Erkrankungen

Der Sammelbegriff Nahrungsmittelunverträglichkeit beschreibt zunächst alle gesundheitlichen Beschwerden, die nach dem Verzehr bestimmter Lebensmittel auftreten. Dahinter können jedoch völlig unterschiedliche Mechanismen stecken.

Am häufigsten sind Nahrungsmittelintoleranzen. Hier arbeitet der Stoffwechsel nicht richtig. Bestimmte Bestandteile der Nahrung können nicht ausreichend verarbeitet werden. Klassisches Beispiel ist die Laktoseintoleranz. Dem Körper fehlt das Enzym Laktase, das Milchzucker spaltet. Ähnlich verhält es sich bei Fruktose- oder Sorbitintoleranzen.

Ganz anders funktioniert eine Nahrungsmittelallergie. Hier greift das Immunsystem harmlose Eiweiße an und hält sie fälschlicherweise für gefährliche Eindringlinge. Die Folge ist eine allergische Sofortreaktion, bei der Histamin und andere Botenstoffe freigesetzt werden.

Daneben existieren noch sogenannte nicht-allergische Unverträglichkeiten, etwa Reaktionen auf Histamin oder Lebensmittelzusatzstoffe. Sie ähneln Allergien, ohne dass das Immunsystem beteiligt ist.

MerkmalIntoleranzLebensmittelallergie
UrsacheStoffwechselstörung, EnzymmangelFehlreaktion des Immunsystems
AuslöserLaktose, Fruktose, Sorbit, HistaminEiweiße in Lebensmitteln
Menge entscheidendJaOft genügen schon kleinste Mengen
SymptomeBauchbeschwerden, Blähungen, DurchfallHaut, Atemwege, Kreislauf, Magen-Darm
LebensgefahrSehr seltenMöglich (Anaphylaxie)
BehandlungErnährungsanpassungAllergen meiden, Notfallmedikamente

Warum nehmen die Fälle zu?

Ob tatsächlich immer mehr Menschen betroffen sind, ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Sicher ist jedoch, dass heute deutlich häufiger diagnostiziert wird als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Fachgesellschaften nennen mehrere mögliche Ursachen für den Zuwachs an Menschen mit Intoleranzen oder Allergien:

  • bessere Diagnostik
  • größere Aufmerksamkeit in Bevölkerung und Medizin
  • Veränderungen des Mikrobioms (Darmflora)
  • veränderte Ernährungsgewohnheiten
  • Umweltfaktoren
  • zunehmende Allergieneigung in westlichen Industrieländern

Besonders bei Kindern haben echte Lebensmittelallergien in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Viele verschwinden allerdings im Schulalter wieder, etwa Allergien gegen Kuhmilch oder Hühnerei. Erdnuss- oder Baumnuss-Allergien bleiben dagegen häufig lebenslang bestehen.

Gut zu wissen…

Rund 90 Prozent aller Lebensmittelallergien werden durch wenige Hauptallergene verursacht.

Die häufigste Unverträglichkeit in Europa ist die Laktoseintoleranz.

Weltweit können etwa zwei Drittel aller Erwachsenen Milchzucker nach dem Abstillen schlechter verdauen.

Kinder wachsen erstaunlich häufig aus einer Kuhmilch- oder Hühnerei-Allergie heraus.

Bereits winzige Mengen Erdnuss können bei empfindlichen Menschen schwere allergische Reaktionen auslösen.

Nicht jeder, der Weizen schlecht verträgt, hat Zöliakie. Es gibt diverse Formen der Weizenunverträglichkeit.

Welche Lebensmittel verursachen die meisten Probleme?

Bei Intoleranzen stehen Zuckerarten im Vordergrund. Dazu gehören:

  • Milchzucker (Laktose)
  • Fruchtzucker (Fruktose)
  • Sorbit
  • Histaminhaltige Lebensmittel
  • Gluten bei Zöliakie (eine Autoimmunerkrankung und keine klassische Intoleranz)

Die häufigsten Auslöser echter Lebensmittelallergien in Deutschland sind:

  • Erdnüsse
  • Hasel- und Walnüsse
  • Kuhmilch
  • Hühnerei
  • Fisch
  • Krebstiere und Schalentiere
  • Weizen
  • Soja
  • Sellerie
  • Sesam

Bei Erwachsenen mit Heuschnupfen spielen außerdem pollenassoziierte Kreuzallergien eine große Rolle. Menschen mit Birkenpollenallergie reagieren zum Beispiel häufig zusätzlich auf Äpfel, Birnen, Kirschen oder Haselnüsse.

Typische Beschwerden

Die Symptome zwischen Intoleranz und Allergie unterscheiden sich deutlich – was die Körperregionen und die Heftigkeit der Reaktionen betrifft.

Eine Intoleranz verursacht meist:

  • Blähungen
  • Bauchschmerzen
  • Völlegefühl
  • Durchfall
  • Übelkeit
  • gelegentlich Kopfschmerzen oder Müdigkeit

Diese Beschwerden treten häufig erst Stunden nach dem Essen auf und hängen meist von der aufgenommenen Menge ab.

Bei einer Lebensmittelallergie können bereits kleinste Mengen ausreichen, um eine heftige, selten auch lebensbedrohliche Reaktion hervorzurufen. Typisch sind:

  • Juckreiz im Mund
  • Nesselsucht
  • Hautausschläge
  • Schwellungen von Lippen oder Zunge
  • Atemnot
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Kreislaufprobleme

Wann wird es lebensgefährlich?

Während Intoleranzen zwar äußerst unangenehm, aber meist nicht lebensbedrohlich sind, kann eine Allergie in seltenen Fällen innerhalb weniger Minuten zu einer Anaphylaxie führen.

Dabei kommt es zu:

  • massiver Atemnot
  • Schwellung der Atemwege
  • Blutdruckabfall
  • Herzrasen
  • Bewusstlosigkeit
  • Kreislaufstillstand

Menschen mit bekannter schwerer Allergie sollten deshalb stets ein ärztlich verordnetes Notfallset mit Adrenalin-Autoinjektor, Antihistaminikum und Kortison bei sich tragen.

Grafik: Kurtz – KI-generiert

Können die Erkrankungen geheilt werden?

Eine echte Heilung gibt es bislang nur selten. Bei Laktoseintoleranz helfen häufig laktosefreie Produkte oder Laktasepräparate. Fruktose- oder Sorbitintoleranzen lassen sich meist durch eine individuell angepasste Ernährung deutlich bessern. Bei Histaminintoleranz profitieren viele Betroffene von einer histaminarmen Ernährung. Die Zöliakie erfordert lebenslang eine strikt glutenfreie Ernährung.

Bei Lebensmittelallergien gilt weiterhin: konsequente Allergenvermeidung. Für einzelne Allergien – etwa gegen Erdnüsse – stehen inzwischen orale Immuntherapien zur Verfügung. Sie können das Risiko schwerer Reaktionen senken, ersetzen aber keine vollständige Heilung.

So gelingt die richtige Diagnose

  • Ernährungstagebuch führen
  • ärztliche Abklärung
  • gezielte Blut- und Hauttests bei Allergieverdacht
  • Atemtests bei Laktose- oder Fruktoseintoleranz
  • nur wissenschaftlich anerkannte Diagnostik nutzen

Nicht empfohlen werden zahlreiche frei verkäufliche IgG-Tests, Haaranalysen oder Bioresonanzverfahren. Für sie existiert keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz.

Vorbeugen – geht das?

Nicht jede Erkrankung lässt sich verhindern. Einige Empfehlungen gelten jedoch als gut belegt:

  • abwechslungsreiche Ernährung
  • normale Einführung von Beikost im Säuglingsalter
  • Stillen, wenn möglich
  • unnötige Diäten vermeiden
  • bekannte Allergene konsequent meiden
  • Zutatenlisten sorgfältig lesen
  • bei Beschwerden frühzeitig ärztliche Hilfe suchen

Gerade wer über Monate unter ungeklärten Magen-Darm-Beschwerden leidet, sollte die Ursache professionell abklären lassen. Denn oft steckt hinter vermeintlich harmlosen Bauchschmerzen eine gut behandelbare Intoleranz – manchmal aber auch eine ernst zu nehmende Allergie.   tok/pm