
„Riechstörungen sind ein häufiges, aber oft übersehenes Symptom der chronischen Rhinosinusitis mit Nasenpolypen. Entscheidend ist, Beschwerden frühzeitig abzuklären, denn mit einer gezielten Behandlung lässt sich die Lebensqualität vieler Betroffener deutlich verbessern“, sagt Prof. Thomas Hummel (Pharmakologie und Toxikologie). Foto: DimaBerlin/stock.adobe.com
Welt-Duft-Tag: Leben ohne Gerüche – warum Riechstörungen zu Unrecht unterschätzt werden
Frisch gebackenes Brot, der Duft von Blumen oder der einer geliebten Person: Gerüche sind eng mit Erinnerungen, Emotionen und Lebensqualität verknüpft. Der Welt-Duft-Tag am 27. Juni erinnert an die Bedeutung des Geruchssinns. Für viele Menschen ist Riechen jedoch keine Selbstverständlichkeit. Der teilweise oder vollständige Verlust des Riechvermögens kann ein Symptom von Erkrankungen wie einer chronischen Rhinosinusitis mit Nasenpolypen (CRSwNP) sein – einer chronischen Erkrankung der oberen Atemwege, die häufig unterschätzt wird und mit einem hohen Leidensdruck einhergeht.
Enge Verbindung von Gerüchen und Emotionen
Seh- und Hörtests sind Routine, während der Geruchssinn hingegen selten überprüft wird. Dabei gehört Riechen evolutionär zu unseren ältesten Sinnen und wirkt tief in unser Gefühlsleben hinein. Gerüche warnen uns nicht nur vor Gefahren wie Rauch oder verdorbenem Essen, sie beeinflussen auch, was wir mögen, wem wir vertrauen und zu wem wir uns hingezogen fühlen. Über feine Geruchssignale tauschen Menschen unbewusst Informationen über Gesundheit, Emotionen und Bindungen aus.
Weil der Geruchssinn im Gehirn besonders eng mit den Emotionszentren verknüpft ist, können Gerüche Erinnerungen und Gefühle unmittelbar auslösen. Ist dieser Sinn beeinträchtigt oder geht sogar gänzlich verloren, hat das oft weitreichende Folgen: für den Genuss von Nahrung, für soziale Beziehungen, für Intimität und damit nicht zuletzt für die Lebensqualität und die seelische Gesundheit.
Erkrankung CRSwNP: häufig, unsichtbar, chronisch
Schätzungen zufolge sind etwa 2 bis 4 Prozent der europäischen Bevölkerung von einer CRSwNP betroffen. Häufig tritt die Erkrankung erstmals im mittleren Lebensalter auf und ist definiert als chronische Entzündung der Nasenschleimhaut und der Nasennebenhöhlen, die mindestens zwölf Wochen anhält und mit der Bildung von Nasenpolypen einhergeht. „Bei der chronischen Rhinosinusitis mit Nasenpolypen handelt es sich nicht um ein lokales Problem der Nase, sondern sie ist Teil einer systemischen Entzündung im ganzen Körper“, sagt Prof. Boris Haxel, Direktor der HNO-Klinik, Schwarzwald-Baar Klinikum, Villingen-Schwenningen. Deshalb müssen nicht nur die Symptome in der Nase behandelt, sondern die zugrunde liegende Entzündung systemisch berücksichtigt werden.
Typische Beschwerden sind eine dauerhaft verstopfte oder laufende Nase, Druck- oder Schmerzgefühle im Gesicht sowie Riechstörungen bis hin zum vollständigen Verlust des Riechvermögens. Die Ursache dafür ist eine anhaltende Entzündung der Nasen- und Nebenhöhlenschleimhaut, bei der das Immunsystem überreagiert und es dadurch zu Schleimhautschwellungen und Polypenbildung kommt.

Deutlich eingeschränkte Lebensqualität
Diese Form der chronischen Nasennebenhöhlenentzündung ist von außen nicht sichtbar – die Auswirkungen sind dennoch tiefgreifend. Viele Betroffene berichten, dass sie gesellschaftliche Situationen meiden, weil Unsicherheiten im Umgang mit Gerüchen entstehen. Auch Schlafstörungen, Ängste und Depressionen sind keine Seltenheit.
Studien zeigen, dass die Lebensqualität von Menschen mit CRSwNP deutlich eingeschränkt sein kann. Hinzu kommt: Die Erkrankung tritt häufig gemeinsam mit anderen Erkrankungen der Atemwege auf, insbesondere mit Asthma. Treffen mehrere Erkrankungen zusammen, können sich die Beschwerden verstärken.
Riechstörungen ernst nehmen und früh erkennen
Der Welt-Duft-Tag bietet einen wichtigen Anlass, um sich den Wert des Riechvermögens bewusst und gleichzeitig auf Erkrankungen aufmerksam zu machen, bei denen es verloren gehen kann. Denn auch wenn nicht jeder Schnupfen Anlass zur Sorge ist: Lässt das Riechvermögen nach und halten die Beschwerden über Wochen an, sollte dies nicht als Bagatelle abgetan werden. Der Verlust des Riechvermögens ist besonders einschneidend, da es im Gegensatz zu anderen Sinnen kaum kompensiert werden kann. Viele Betroffene gewöhnen sich mit der Zeit daran, schlechter oder gar nicht mehr zu riechen, oft ohne zu wissen, dass dies ein behandelbares Symptom sein kann.
Mehr Bewusstsein bedeutet auch mehr Verständnis dafür, wie sehr der Verlust des Riechvermögens das Leben beeinflussen kann, erläutert auch Prof. Thomas Hummel, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden: „Riechstörungen sind ein häufiges, aber oft übersehenes Symptom der chronischen Rhinosinusitis mit Nasenpolypen. Entscheidend ist, Beschwerden frühzeitig abzuklären, denn mit einer gezielten Behandlung lässt sich die Lebensqualität vieler Betroffener deutlich verbessern.“
Menschen mit Riechstörungen durch eine CRSwNP sollten sich frühzeitig bei einem HNO-Arzt vorstellen, um einen Riechtest durchführen zu lassen, zum Beispiel mit sogenannten „Sniffin Sticks“. Bei CRSwNP gibt es wirksame Behandlungsmöglichkeiten – von entzündungshemmenden Nasensprays bis hin zu gezielten operativen Eingriffen oder modernen Biologika-Therapien bei schweren Verläufen. Je früher anhaltende Riechstörungen erkannt werden, desto schneller finden CRSwNP-Betroffene den Weg zur richtigen Diagnose und zu mehr Lebensqualität im Alltag. pm/AstraZeneca
Eingeschränkter Geruchssinn deutet auf stärkere Abnahme körperlicher Funktionen hin
Der Geruchssinn und seine Veränderung finden bei Vorsorgeuntersuchungen häufig nur geringe Beachtung – zu Unrecht, wie eine aktuelle Kohortenstudie zeigt. Eine eingeschränkte Fähigkeit, Gerüche zu identifizieren, ging in dieser Studie mit schlechteren körperlichen Funktionen und ihrer stärkeren Abnahme im Zeitverlauf einher. Tests zur Geruchswahrnehmung könnten dabei helfen, Menschen mit erhöhtem Risiko für körperlichen Abbau zu identifizieren, so das Fazit.
Gibt der Geruchssinn Hinweise auf körperliche Gesundheit?
Frühere Querschnitts- und Langzeitstudien deuteten auf einen Zusammenhang zwischen eingeschränktem Riechvermögen und abnehmender Mobilität, wie das DeutschesGesundheitsPortal (DGP) berichtet. Dieser Zusammenhang stellt einen wichtigen Prognosefaktor für gesundheitliche Beeinträchtigungen dar. Zusätzlich liegen konsistente Studienergebnisse vor, die einen Zusammenhang zwischen einer eingeschränkten Fähigkeit, Gerüche zu identifizieren, und einem erhöhten Sterberisiko zeigen.
In die vorliegende Kohortenstudie flossen Daten der Atherosclerosis-Risk-in-Communities-Studie (ARIC) ein. Dabei wurden die Untersuchungstermine von 5474 Teilnehmern im Alter über 65 Jahren einbezogen. Zur Erfassung der körperlichen Funktionen dienten unterschiedliche Tests, das Riechvermögen der Teilnehmer wurde anhand des 12-Item-Sniffin‘-Sticks-Identifikations-Tests bewertet.
Studienteilnehmer mit mäßigem oder schlechtem Riechvermögen besaßen einen schlechteren Punktewert für körperliche Funktionen als solche mit gutem Riechvermögen. Im zeitlichen Verlauf sanken die SPPB-Punktwerte bei Personen mit mäßigem und geringem Riechvermögen stärker als bei Personen mit gutem Geruchssinn. Diese Unterschiede wurden übereinstimmend auch in den anderen Tests der körperlichen Funktionen nachgewiesen, wie Gleichgewicht, Gehgeschwindigkeit und Griffstärke.
Riechvermögen möglicher Marker für Alterungsprozesse
Störungen der Geruchswahrnehmung scheinen demnach ein besonders empfindlicher Marker für altersbedingte Abbauprozesse zu sein – auch im Vergleich zu anderen Einschränkungen der Sinneswahrnehmung bei derselben Person. Die Erfassung der Riechfähigkeit im Zeitverlauf könnte damit einen Beitrag dazu leisten, besonders gefährdete Personen zu identifizieren. Weitere Untersuchungen müssen zeigen, welche biologischen Mechanismen eingeschränktes Riechvermögen mit funktionellen Alterserscheinungen verbinden. DGP/HealthCom