Typ-1-Diabetes tritt meist im Kindes- und Jugendalter auf und ist eine Autoimmunerkrankung, die zwar nicht heilbar, aber durch Insulingaben behandelbar ist. Foto: Goffkein/stock.adobe.com

Volkskrankheit und „stille Pandemie“: Warum Diabetes unsere Zukunft prägen wird

Diabetes mellitus – umgangssprachlich Zuckerkrankheit – ist längst keine Randerscheinung mehr. Rund 8 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen, weltweit sind es über 500 Millionen. Tendenz steigend. Ärzte und Gesundheitsexperten sprechen von einer „stillen Pandemie“.

Bei der Zuckerkrankheit muss man zwei Varianten unterscheiden. Typ-1-Diabetes tritt meist im Kindes- und Jugendalter auf und ist eine Autoimmunerkrankung, die zwar nicht heilbar, aber durch Insulingaben behandelbar ist. Typ-2-Diabetes ist mit 90 Prozent die häufigste Form. Diese ist oft durch einen gesunden Lebensstil positiv beeinflussbar. Prävention und Früherkennung spielen hier eine enorme Rolle.

Die Behandlung ist heute vielfältiger denn je. Es gibt

  • kontinuierliche Glukosemessungen (CGM) und Insulinpumpen, die den Alltag erleichtern,
  • Apps, die bei Ernährungstagebüchern und Blutzuckerkontrolle helfen,
  • KI-gestützte Systeme, die Daten auswerten und personalisierte Empfehlungen geben sowie
  • Präventionsprogramme für Bewegung, Ernährung oder Stressabbau, die zeigen, dass sich der Krankheitsverlauf positiv beeinflussen lässt.

Warum gerade Diabetes so präsent ist

Chronische Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Herzleiden entwickeln sich oft schleichend, verursachen enorme Kosten und belasten das Gesundheitssystem. Und bei all diesen chronischen Krankheiten steigen die Zahlen der Betroffenen. Prognosen gehen davon aus, dass es in zwölf Jahren, also 2037, nicht mehr nur 8 Millionen Diabetes-Erkrankte, sondern schon 10 Millionen Betroffene geben wird.

Der Grund: Unser Lebensstil ist die Basis dieser „stillen Epidemie“: Wir ernähren uns falsch. Bequemes, schnelles, billiges, viel zu süßes und mit diversen Stoffen aus dem Chemielabor angereichertes Essen ist einer der prägenden Lebensstilfaktoren, deren Folge Diabetes sein kann. Neben der ungesunde Ernährung und dem oft daraus resultierenden Übergewicht begünstigen auch Bewegungsmangel und Stress diese Erkrankung. Zugleich scheinen diese Faktoren typisch für unseren Lebensstil zu sein – und damit sind sie nur bewusst und mühsam auszumerzen.

Wer nichts an diesem Lebensstil ändern will, muss mit Diabetes und mit deutlich erhöhten Risiken für Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenschäden und Erblindung rechnen. Folgeerkrankungen scheinen also vorprogrammiert zu sein. Neben den persönlichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Tragödien für die Betroffenen muss aber auch die volkswirtschaftliche Belastung betrachtet werden. Allein in Deutschland entstehen jedes Jahr Kosten in Milliardenhöhe durch Diabetes.

Studien zeigen, dass ein hoher Konsum von verarbeitetem Fleisch mit einem erhöhten Diabetes-Risiko assoziiert ist. Foto: Christin Klose/stock.adobe.com

Wenn Food-Blogger wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder nonstop Würstchen-Fotos posten und den Fleischkonsum als zentrales Kulturgut propagieren, dann dient das nach medizinischen Erkenntnissen nicht der allgemeinen Gesundheit.
Fleisch, vor allem rotes Fleisch wie Schwein, Rind oder Lamm, liefert in moderaten Mengen hochwertiges Eiweiß, Eisen, Zink und Vitamin B12. Aber: Wurstwaren und verarbeitetes Fleisch enthalten meist viel Salz, gesättigte Fette und Zusatzstoffe (Nitritpökelsalz, Phosphate, Stabilisatoren). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft verarbeitetes Fleisch als „krebserregend (Gruppe 1)“ ein. Besonders für Darmkrebs steigt das Risiko nachweislich mit zunehmendem Verzehr von Wurst und verarbeitetem Fleisch. Gesättigte Fettsäuren und hoher Salzgehalt können Bluthochdruck, Arteriosklerose und Herzinfarkt begünstigen. Studien zeigen ebenfalls, dass hoher Konsum von verarbeitetem Fleisch mit einem erhöhten Diabetes-Risiko assoziiert ist. Fleischgerichte sind oft kalorienreich – und können so zu Übergewicht führen. Außerdem kann hoher Fleischkonsum durch Purine die Harnsäurewerte erhöhen und Gicht provozieren.
Frisches Fleisch zählt nicht zu den ultrahochverarbeiteten Lebensmitteln. Aber Wurstprodukte wie Salami, Leberkäse, Lyoner oder Schinken sind in der Regel hoch- bis ultrahochverarbeitet. Sie werden industriell zerkleinert, gesalzen, gepökelt, gewürzt und oft mit Zusatzstoffen versehen. Nach der NOVA-Klassifikation (ein gängiges Modell zur Bewertung der Verarbeitungsstufe von Lebensmitteln) gehören viele Wurstsorten in die höchste Stufe der „ultra-processed foods“, die es zu reduzieren oder zu meiden gilt, wenn man nicht zahlreiche Gesundheitsrisiken in Kauf nehmen will. Typ-2-Diabetes zählt zu diesen Risiken.

So teuer kommt uns Diabetes, wenn nicht konkret dagegengesteuert wird

Eine konservative Schätzung des Statistischen Bundesamts geht von direkten Kosten wie medizinische Versorgung, Behandlung und anderes mehr für Menschen mit einer Diabetes-Diagnose in Höhe von 7,4 Milliarden Euro für 2020 aus. Wenn man die höheren Gesundheitskossten von Menschen mit Diabetes gegenüber vergleichbaren Menschen ohne Diabetes berechnet, kommen Zusatzkosten von jährlich 21 Milliarden Euro heraus, wie die Deutsche Diabetes-Gesellschaft anführt. Andere Studien nennen noch höhere Zahlen für die direkten Kosten. Auch die indirekten Kosten wie Arbeitsausfall, Produktivitätseinbußen wiegen milliardenschwer.

Wenn man alle Komponenten (direkte Behandlungskosten, Zusatzkosten durch Komplikationen und Folgeerkrankungen, Produktivitätsverluste, vorzeitige Rente und anderes mehr) zusammenzählt, ergibt sich ein volkswirtschaftlicher Schaden durch Diabetes in Deutschland in der Größenordnung von mehreren Dutzend Milliarden Euro pro Jahr.

Diabetes ist ein Spiegel unserer Zeit: urbanes Leben, weniger Bewegung, kalorienreiche Ernährung, längere Lebensspannen. Experten fordern daher einen doppelten Ansatz: individuelle Verantwortung stärken UND öffentliche Strukturen schaffen, die einen gesunden Lebensstil fördern – von Stadtplanung bis Steuerpolitik, von öffentlichen, niederschwelligen Bewegungsangeboten bis hin zu finanziellen Vorteilen beim Einkauf gesunder Lebensmittel. tok

Grafik: Kurtz – KI-generiert
Grafik: Kurtz – KI-generiert