
Wer Familienangehörige selbst pflegt, muss mit körperlichen und psychischen, aber auch finanziellen Belastungen rechnen. Eine professionelle Pflegeberatung kann helfen, den Pflegeaufwand effektiver und schonender zu bewältigen. Foto: pikselstock/stock.adobe.com
Vital-Region-Lesertelefon: „Pflegeberatung schafft Orientierung im Pflegealltag“
Neun von zehn Pflegebedürftigen werden hierzulande zu Hause von An- und Zugehörigen gepflegt, die Hälfte von ihnen ohne Unterstützung durch einen Pflegedienst. Für die Pflegenden kann ihr Engagement hohe körperliche und psychische, aber auch finanzielle Belastungen bedeuten. Damit die Pflege zu Hause nicht zur Überforderung wird, benötigen Pflegende Orientierung und Unterstützung. Welche Möglichkeiten sie nutzen können, dazu konnten sich sowohl gesetzlich als auch privat Pflegeversicherte bei den Expertinnen der Pflegeberatung compass am Lesertelefon informieren.
Wir finden Sie wichtige Fragen und Antworten zum Nachlesen. Die Fragen wurden von den Pflegeberaterinnen Sabina Begzic und Jutta Finck beantwortet.
Wie finde ich Zeit für mich selbst, ohne das Gefühl zu haben, meinen pflegebedürftigen Mann im Stich zu lassen?
Sabina Begzic: Das Gefühl kennen viele pflegende Angehörige und es zeigt, wie sehr Sie sich kümmern. Aber: Wer dauerhaft für andere da ist, ohne sich selbst zu erholen, riskiert die eigene Gesundheit und kann langfristig weniger gut helfen. Auszeiten sind kein Versagen, sondern notwendige Selbstfürsorge. Konkrete Entlastungsangebote wie ein Besuchsdienst, Tages- oder Kurzzeitpflege können Ihnen Freiraum verschaffen, ohne dass Ihr Mann allein ist.
Wie erkenne ich rechtzeitig, ob ich selbst an meine Grenzen komme?
Jutta Finck: Achten Sie auf Warnzeichen wie anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen, Gereiztheit, Niedergeschlagenheit oder das Gefühl, allem nicht mehr gerecht zu werden. Nehmen Sie diese Signale ernst und sprechen Sie frühzeitig mit einer vertrauten Person oder Ihrer Hausärztin bzw. Ihrem Hausarzt. Auf unserem Pflege Service Portal haben wir einen Fragebogen veröffentlicht, mit dem pflegende Angehörige ihre eigenen Motive, warum sie die Pflege übernommen haben, überprüfen können und auf welche Ressourcen sie zurückgreifen können.
Wie kann ich mein pflegebedürftiges Familienmitglied vorübergehend in gute Hände geben, um eine Auszeit zu nehmen?
Sabina Begzic: Ja, dafür gibt es verschiedene Entlastungsangebote, zum Beispiel eine Kurzzeitpflege. Auch ein ambulanter Pflegedienst oder ein Betreuungsdienst kann Ihren Angehörigen stundenweise unterstützen. Welche Möglichkeit geeignet ist, hängt unter anderem vom Pflegegrad und Ihrem Unterstützungsbedarf ab.
Wie stelle ich die Pflege sicher, falls ich plötzlich selbst krank werde?
Jutta Finck: Erstellen Sie vorsorglich einen Notfallplan mit wichtigen Kontakten, Medikamenten und Informationen zur Versorgung Ihres Angehörigen. Sprechen Sie zum Beispiel mit Angehörigen, einer Freundin, einem ambulanten Pflegedienst oder einem Betreuungsdienst, wer im Notfall einspringen kann. Außerdem gibt es Leistungen der Pflegeversicherung, die zur Überbrückung für solche Phasen genutzt werden können.
Wie schaffe ich bei meinem Vater Akzeptanz dafür, dass ein Pflegedienst Aufgaben übernimmt?
Sabina Begzic: Sprechen Sie mit Ihrem Vater offen über seine Wünsche und beziehen Sie ihn in die Entscheidung ein. Erklären Sie, dass der Pflegedienst nicht Ihre Beziehung ersetzt, sondern Sie beide entlasten soll. Beginnen Sie möglichst mit einer kleinen, konkreten Unterstützung und geben Sie ihm Zeit, sich daran zu gewöhnen. Dieses Gespräch können Sie auch mit Unterstützung einer Pflegeberaterin oder eines Pflegeberaters führen.
Welche Möglichkeiten habe ich, meine Berufstätigkeit und die Pflege meines Familienmitglieds zu verbinden?
Jutta Finck: Besprechen Sie frühzeitig mit Ihrem Arbeitgeber, welche flexiblen Arbeitszeiten, Freistellungen oder mobilen Arbeitsmöglichkeiten infrage kommen. Entlastung bieten je nach Situation ambulante Pflegedienste, Tagespflege oder Betreuungsangebote. Auch gesetzliche Regelungen wie Pflegezeit und Familienpflegezeit können Sie unterstützen. Im Rahmen einer Pflegeberatung können Sie Ihre individuellen Möglichkeiten besprechen.
Wie finanziere ich mich, wenn ich durch die Pflege meiner Mutter nicht mehr arbeiten kann?
Sabina Begzic: Wenn Sie Ihre Berufstätigkeit wegen der Pflege reduzieren oder aufgeben müssen, können je nach Situation Pflegeunterstützungsgeld, Pflegezeit oder Familienpflegezeit infrage kommen. Zusätzlich können Leistungen wie Bürgergeld oder Wohngeld relevant sein.
Welche Leistungen der Pflegeversicherung kann ich nutzen, um Unterstützung zu finanzieren – auch für meine eigene Entlastung?
Jutta Finck: Je nach Pflegegrad kommen unterschiedliche Leistungen der Pflegeversicherung infrage, die die Versorgung Ihres Angehörigen als auch Ihre eigene Entlastung unterstützen. Welche Ansprüche bestehen und wie sie für Ihre persönliche Entlastung bestmöglich kombiniert werden können, hängt von Ihrer individuellen Situation ab. Besprechen Sie diese im Rahmen einer Pflegeberatung.
Gibt es Schulungen, in denen man sich auf die Pflege vorbereiten kann?
Sabina Begzic: Ja, es gibt sogenannte Pflegekurse nach § 45 SGB XI für Angehörige und ehrenamtlich Pflegende. Die Inhalte der Kurse variieren je nach Anbieter leicht. Sie vermitteln zum Beispiel Grundlagen der Pflege, rückenschonende Arbeitsweisen, Unterstützung bei der Körperpflege sowie den Umgang mit Hilfsmitteln. Diese Kurse können z. B. online oder an einem Schulungsort wahrgenommen werden und sind für Pflegende kostenfrei.
Gibt es spezielle und kurzfristige Beratungsangebote für pflegende Angehörige?
Jutta Finck: Pflegeversicherungen bieten kostenfreie Pflegeberatung an, häufig auch telefonisch oder per Videogespräch. Die Pflegeberatung compass für privat Versicherte berät Klientinnen und Klienten zusätzlich in deren Zuhause. Auch Pflegestützpunkte, kommunale Beratungsstellen und ambulante Pflegedienste unterstützen bei Fragen zu Leistungen, Entlastungsangeboten und akuten Situationen. Bei dringendem Gesprächsbedarf können Sie sich zudem an Krisendienste oder ärztliche Bereitschaftsdienste wenden.
Gibt es Selbsthilfegruppen für Menschen in meiner Situation?
Sabina Begzic: Ja, es gibt Selbsthilfegruppen und Gesprächskreise für pflegende Angehörige, die entweder vor Ort und online angeboten werden. Dort können Sie Erfahrungen teilen, praktische Tipps erhalten und sich emotional entlasten. Anlaufstellen, um diese Angebote zu finden, sind Pflegeberatungen wie compass, Pflegestützpunkte, Pflegekassen, Wohlfahrtsverbände sowie regionale Selbsthilfekontaktstellen.
Wann ist der Umzug in ein Pflegeheim sinnvoll und wie finde ich ein passendes?
Jutta Finck: Diese Frage ist sehr individuell zu beantworten und sollte im Rahmen einer Pflegeberatung besprochen werden. Generell kann man sagen, dass ein Umzug in ein Pflegeheim sinnvoll werden kann, wenn die Versorgung zu Hause dauerhaft nicht mehr sicher, ausreichend oder für alle Beteiligten tragbar ist – etwa bei hohem Unterstützungsbedarf, häufigen Krisen, nächtlichem Betreuungsbedarf oder starker Überlastung der pflegenden Person. Auch der Wunsch der pflegebedürftigen Person sollte möglichst einbezogen werden. Bei der Suche nach einem passenden Pflegeheim helfen Pfleberaterinnen und -berater wie von compass, den Pflegekassen, Pflegestützpunkten und kommunale Beratungsstellen.
Info
Alle in Deutschland Pflegeversicherten haben einen gesetzlichen Anspruch auf eine unabhängige Beratung zu allen Fragen rund um das Thema Pflege. Die compass private pflegeberatung sichert als Tochterunternehmen des Verbands der Privaten Krankenversicherung diesen gesetzlichen Pflegeberatungsanspruch für alle Privatversicherten – telefonisch, per Videogespräch und vor Ort. Zudem bietet compass Pflegeberatung für Angehörige und vorsorglich Interessierte an. Gesetzlich Pflegeversicherten steht die kostenfreie telefonische Beratung offen, auf Wunsch anonym. pm
Telefonische Beratung unter der kostenfreien Rufnummer 0800-1018800 (Mo. – Fr. von 8 bis 19 Uhr, Sa. von 10 – 16 Uhr). Weitere Informationen unter www.compass-pflegeberatung.de