
Syphilis ist in Deutschland weiterhin stark männlich dominiert. Analysen zeigen, dass vor allem MSM-Netzwerke (Männer, die Sex mit Männern haben) das Geschehen prägen – besonders in Ballungsräumen wie Berlin oder Hamburg. Die Inzidenz bei Männern ist rund 17-mal höher als bei Frauen. Foto: Diego Cervo/stock.adobe.com
Trotz Aufklärung und Kondom: Syphilis-Fälle in Deutschland auf neuem Höchststand
Dass die Syphilis schon immer eine stigmatisierte, schändliche Krankheit war, kann man gut daran ablesen, welche Namen sie früher im Volksmund hatte. Im italienischen, deutschen und englischen Sprachraum hieß sie die „französische Krankheit“, während die Franzosen von der „neapolitanischen Krankheit“ sprachen. In Polen wurde sie die „deutsche Krankheit“ genannt. Und so ging es in Europa und Asien munter weiter mit den Schuldzuweisungen. Dass Syphilis keine mittelalterliche Seuche geblieben ist, zeigen die Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI). Deutschland ist wieder Syphilisland.
Nach Pandemie-Knick steigen die Fallzahlen erschreckend deutlich
1530 wurde der Begriff Syphilis von einem Dichter und Arzt aus Verona eigeführt. Das Heilmittel der Wahl damals: Therapien mit hochgiftigem Quecksilber. Dass die alte „Lustseuche“ ein halbes Jahrtausend später immer noch Opfer findet, liegt auch daran, dass es immer noch keine Impfung dagegen gibt. Und eventuell auch am Unwillen von Männern, ein Kondom zu benützen. Das kann weitgehend vor einer Infektion schützen. Und so ist Syphilis in Deutschland wieder ein aktuelles Thema – und das auf Rekordkurs.
Nach einem pandemiebedingten Knick stiegen die Meldungen 2022 wieder deutlich an und lagen 2024 auf einem neuen Höchststand. Nach RKI-Angaben wurden 2024 bundesweit 9519 Fälle registriert; 2023 waren es 9159 – ein Plus von 3,9 Prozent. Zum Vergleich: 2001, im ersten Jahr der Labormeldepflicht, meldete Deutschland 1697 Fälle, 2002 bereits 2523. Das heutige Niveau liegt also um ein Vielfaches höher.

Syphilis-Opfer sind heutzutage vorwiegend männlich
Wer erkrankt besonders häufig an dieser sexuell übertragbaren Krankheit (STI)? Syphilis ist in Deutschland weiterhin stark männlich dominiert. Analysen zeigen, dass vor allem MSM-Netzwerke (Männer, die Sex mit Männern haben) das Geschehen prägen – besonders in Ballungsräumen wie Berlin oder Hamburg. Frauen sind ebenfalls betroffen, aber auf deutlich niedrigerem Niveau: Nur 5,6 Prozent der Meldungen entfielen 2022 auf Frauen; die Inzidenz bei Männern war rund 17-mal höher. Das Medianalter lag bei 40 Jahren.
Früher galten Bordelle als der klassische Sündenpfuhl, in dem die Chancen groß waren, sich mit Geschlechtskrankheiten zu infizieren. Die Daten heutzutage zeichnen eher ein gegenteiliges Bild. Das klassische und inzwischen strenger kontrollierte Bordell hat offenbar als Syphilis-Verbreitungsort ausgedient. Das Augenmerk der Gesundheitsexperten liegt eher auf privaten Kontakten – inklusive informeller Treffen und Dating-App-Vernetzung in MSM-Szenen. Heterosexuelle Übertragungen nehmen zwar regional zu, bleiben aber klar unter dem MSM-Niveau.
Ungeschützter Geschlechtsverkehr als wichtigster Auslöser
Auslöser ist das Bakterium Treponema pallidum. Die Übertragung erfolgt vor allem beim ungeschützten Vaginal-, Anal- und Oralverkehr, seltener über Blut oder während der Schwangerschaft auf das Baby (konnatale Syphilis). Typische Stadien sind: Primär mit schmerzlosem Geschwür (Primäraffekt), Sekundär mit Ausschlag und Allgemeinsymptomen, häufig Latenz, und Tertiär mit riskanten Organ-/Gefäß- und neurologischen Schäden (Neurosyphilis).
Heilbar durch Penicillin
Syphilis ist in der Regel gut heilbar. Als Standard wird Benzathin-Penicillin G eingesetzt, wobei das Behandlungsschema nach dem Krankheitsstadium variiert. Kurz nach Therapiebeginn kann es zur Jarisch-Herxheimer-Reaktion kommen (Fieber, Unwohlsein), die meist selbstlimitierend verläuft. Entscheidend sind konsequente Serologie-Kontrollen und eine sofortige Partnerbenachrichtigung, um Infektionsketten zu unterbrechen.
Wer die Behandlung ablehnt, unterbricht oder zu spät beginnt, riskiert Herz-, Gefäß- und Nervenschäden oder auch Sehstörungen bis hin zur Erblindung sowie bei einer Schwangerschaft schwere konnatale Verläufe. Das organisierte Schwangerschafts-Screening gilt als wirksames Schutzinstrument.

Prävention wirkt – und schützt vor Strafverfahren
Wie so oft im Leben gibt es wirkungsvolle Präventionsmaßnahmen. Und wie so oft werden sie aus den unterschiedlichen Gründen oder nicht regelmäßig angewendet. Was wirkt vorbeugend? Schutz bieten Kondome oder Lecktücher, regelmäßige Tests und früh beginnende Therapien. Für MSM empfehlen Fachgesellschaften je nach Partnerzahl Screenings im Abstand von 3 bis 12 Monaten. Die Offenheit über die eigenen Sexualkontakte hilft, Ansteckungen zu vermeiden. Schließlich haben die Partner ein Recht darauf, gesund zu bleiben.
So kann zum Beispiel die Weitergabe von Geschlechtskrankheiten in Deutschland als Körperverletzung nach den §§ 223, 224 StGB gelten, wenn eine vorsätzliche oder grob fahrlässige Gesundheitsschädigung vorliegt. Eine Strafbarkeit ist möglich, wenn der Infizierte trotz seines Wissens die Gesundheit des anderen schädigt, beispielsweise durch ungeschützten Sexualkontakt. Der Einzelfall ist entscheidend, da die Anwendung der Strafnormen von den genauen Umständen und dem Grad des Verschuldens abhängt. Die Verwendung eines Kondoms kann die Strafbarkeit ausschließen, da es die Gefahr der Ansteckung erheblich reduziert oder sogar unmöglich macht.
Bei HIV wird die vorsätzliche oder grob fahrlässige Übertragung als gefährliche Körperverletzung gemäß § 224 StGB gewertet. Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Strafbarkeit davon abhängt, ob der Infizierte den Sexualpartner über seine HIV-Infektion aufgeklärt hat.
Trotz Aufklärungskampagnen steigt die Zahl der STI-Fälle
Trotz Aufklärungskampagnen bleibt das STI-Thema in Deutschland aktuell. Mehr noch: Die Zahlen der sexuell übertragbaren Infektionen nehmen nach dem Ende der Corona-Pandemie zu, mit einem Schwerpunkt in den urbanen Räumen. Und es sind nicht mehr nur jüngere Menschen betroffen. Dr. Johannes Nießen, Kommissarischer Leiter des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit, sagt: „Untersuchungen aus den USA zeigen, dass die Zahlen bei sexuell übertragbaren Infektionen bei den 55- bis 64-Jährigen stark angestiegen sind.“
In Deutschland mehren sich aktuell Berichte über zunehmende Fälle von Gonorrhö (Tripper). In Großbritannien wurde 2023 ein historischer Höchststand von über 85.000 Tripper-Fällen diagnostiziert. „Auch in Deutschland beobachten wir eine Zunahme – insbesondere bei jungen Erwachsenen zwischen 20 und 24 Jahren und Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern“, sagt Dr. Martin Zaum, Facharzt für Urologie, im Helios Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) für Gesundheit in Krefeld.
Chlamydien-Infektionen bleiben ebenfalls auf hohem Niveau. Laut dem Robert Koch-Institut sind in Deutschland schätzungsweise rund 10 Prozent der 17-jährigen Frauen betroffen. Für die Altersgruppe der 20- bis 24-jährigen Frauen geht man davon aus, dass jede fünfte Chlamydien hat. tok