Wird ein Schlaganfall schnell erkannt und ebenso schnell in der Klinik behandelt, sind die Chancen groß, dass schwere Behinderungen minimiert werden können. Rund 7 Prozent der Schlaganfallpatienten versterben in den ersten 30 Tagen nach dem Notfall, rund 40 Prozent der Überlebenden sind schwerbehindert. Foto: Tunatura/stock.adobe.com

Schlaganfälle: Akutbehandlung top, Nachsorge teilweise ein Flop

Ein Schlaganfall verändert alles: Das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Zwar ist es in der Vergangenheit gelungen, die Sterblichkeit nach einem Hirninfarkt zu reduzieren. Aber bei der Nachsorge ist noch viel Luft nach oben.

Das zeigt ein Blick auf die spastische Bewegungsstörung (SMD), die bis zu 43 Prozent der Patienten nach einem Schlaganfall entwickeln. Doch die Möglichkeiten der modernen Medizin kommen nur bei einem Bruchteil von ihnen an.

Deutsche Stroke Units arbeiten gut

Nein, zu meckern gibt es da erstmal wenig: Der Report „Burden of Stroke in Europe“ zur Krankheitslast des Schlaganfalls ist zwar nicht mehr ganz frisch (2017), aber er zeigt:

  • Die Todesfallraten aufgrund von Schlaganfall sind in Europa in den vergangenen Jahren gesunken.
  • Deutschland steht im Vergleich zu den 35 untersuchten europäischen Ländern gut da – das gilt vor allem für die Akutversorgung.
  • Aber: Als Folge der alternden Gesellschaft wird damit gerechnet, dass die Betroffenen-Zahlen bis 2035 um rund ein Drittel steigen könnten.

In der schnellen Behandlung von Schlaganfällen ist Deutschland gut. Ist der Hirnschlag erstmal da, ist Zeit nicht die halbe, sondern eigentlich die ganze Miete: „Time is brain“, sagen die Experten; je schneller die Akuttherapie, desto größer ist die Chance der Betroffenen, sich wieder zu erholen. Über die Jahre wurde in Deutschland ein Netz sogenannter Stroke Units (Schlaganfall-Stationen) aufgebaut. Das sind spezialisierte Zentren; 338 gibt es davon. Sie machen einen guten Job.

Es hapert teilweise bei der Nachsorge

Leider verdient sich das Land bei der Nachsorge von Schlaganfall-Betroffenen nicht so viele Lorbeeren. Das zeigt unter anderem ein Konsensuspapier, das unter der Leitung von PD Dr. med. John-Ih Lee entstanden ist; er ist Neurologe am Düsseldorfer Universitätsklinikum. Auf Basis der vorhandenen Literatur hat die Arbeitsgruppe des Konsensuspapiers festgestellt: Die Nachsorge der spastischen Bewegungsstörung nach Schlaganfall ist mehr als ausbaufähig. Denn fast jeder zweite Betroffene (43 Prozent) entwickelt eine spastische Bewegungsstörung (spastic movement disorder, SMD) – und die wird zu oft nicht leitliniengerecht behandelt. Das Papier wurde vom forschenden Pharmaunternehmen Ipsen unterstützt.

Ein Schlaganfall, auch Apoplex oder Hirnschlag, ist eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn, die durch ein Blutgerinnsel oder eine Hirnblutung entstehen kann. Sie muss sehr schnell behandelt werden, weil Gehirnmasse absterben kann und dann unwiederbringlich verloren ist. Bleibende Lähmungen und Sprachstörungen können die Folge sein. Rund 200.000 Menschen pro Jahr erleiden hierzulande erstmals einen Apoplex, hinzu kommen pro Jahr rund 70.000 Menschen, die bereits einen oder mehrere solcher Ereignisse hatten.

Rund 7 Prozent versterben in den ersten 30 Tagen nach dem Notfall, rund 40 Prozent der Überlebenden sind schwerbehindert. Die spastische Bewegungsstörung ist eine häufige Folge eines solchen Ereignisses. Eine Spastik ist eine erhöhte Muskelspannung, die Muskeln verkrampfen, die Bewegungsfähigkeit ist eingeschränkt. Viele der Menschen klagen über sehr starke Schmerzen. Rund 45 Prozent entwickeln eine Depression.

Quelle: Schlaganfallbegleiotung; Konsensuspapier von John-Ih Lee er. al. (2023)/Grafik: Pharma Fakten e. V.

Patienten mit SMD leitliniengerecht behandeln

Die SMD gilt als unheilbar, aber die medizinische Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) betont den Nutzen der Behandlung mit Botulinumtoxin A (BoNT A) – „wegen seiner positiven Wirkung auf die fokale Spastik“ und weil die Behandlung auch in höheren Dosierungen „sicher und wirksam“ ist. BoNT A blockiert die neuromuskuläre Kopplung der Nerven an die Muskeln und wirkt so spastiklösend. Doch nach einer Umfrage unter Ärzten kam heraus: Nicht einmal 10 Prozent der Patienten bekommen BoNT A, in Pflegeeinrichtungen sind es sogar nur 4 Prozent.

Woran liegt das? Das wollten 8 Neurologen und Experten der Spastikbehandlung unter der Leitung von PD Dr. Lee wissen und trafen sich zu einem Konsensus-Meeting. „Wir haben aus unserer Sicht verschiedene Gründe für die Unter- und Fehlversorgung identifiziert“, so John-Ih Lee. „Es mangelt an einem Bewusstsein für das Problem SMD, der Therapie mit Botulinumtoxin A fehlt die Akzeptanz, die Anzahl der BoNT-A Behandler ist zu gering, es fehlt an einer adäquaten Vergütung und das ist eine Hürde, um die BoNT-A-Injektionsbehandlung flächendeckend einzuführen.“

Hinzu komme, dass auf den Schlaganfallstationen ein SMD-Screening so gut wie nicht implementiert sei; zusätzlich bestehen bezüglich der SMD Kommunikationsprobleme zwischen den Kliniken, den Reha-Zentren, den niedergelassenen Ärzten und den Pflegeeinrichtungen: „Die lokale Vernetzung ist unzureichend“, so der Neurologe.

Schlaganfall: Weshalb eine gezielte Nachsorge so wichtig wäre

Spastische Bewegungsstörung: Frühe Behandlung ist wichtig

Die Fachärzte schlagen deshalb einen neuen, überarbeiteten Patientenpfad vor. Solche Behandlungspfade werden entwickelt, um die Qualität einer medizinischen Therapie sicherzustellen. Nach Ansicht von PD Dr. Lee und seinen Kollegen sollte damit ermöglicht werden, dass Menschen nach einem Schlaganfall grundsätzlich auf SMD gescreent werden – „und zwar möglichst innerhalb der ersten 7 Tage nach dem Schlaganfallereignis, um das Risiko für eine sich entwickelnde SMD einschätzen zu können. Denn es ist wichtig, dass Menschen mit einer SMD früh behandelt werden, um Komplikationen und unnötiges Leiden zu verhindern sowie die Lebensqualität zu verbessern“, so der Neurologe.

Es müsse auch sichergestellt werden, dass diejenigen, die erst später eine SMD entwickeln, in den Reha-Kliniken und/oder im niedergelassenen Bereich erkannt und behandelt werden. „Unser Ziel ist es, dass wesentlich mehr SMD-Betroffene nach den medizinischen Leitlinien behandelt werden und bei entsprechender Indikation eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, eine BoNT-A-Therapie in Kombination mit physikalischen Maßnahmen zu erhalten“, sagt Lee.

In Sachen Akutbehandlung von Schlaganfällen ist Deutschland stark – und lässt dann teilweise stark nach. Das muss sich ändern – in erster Linie, um den Menschen nach einem Apoplex und ihren Angehörigen zu helfen. Hinzu kommt: „Allein die durch Arbeitsunfähigkeit aufgrund neuer Schlaganfälle mit SMD entstehenden jährlichen volkswirtschaftlichen Produktionsausfallkosten werden pro Person auf 23.800 Euro beziffert“, heißt es im Konsensus-Papier. Es gibt also auch aus finanzieller Sicht keinen Grund, Menschen nicht so zu behandeln, wie es heute möglich ist. Bisher aber fallen zu viele SMD-Betroffene einfach „hinten runter“.   pharma-fakten.de