Jeder fünfte Deutsche ist erhöhtem Stress ausgesetzt, lautet das Ergebnis einer RKI-Analyse. Mit diversen Coping-Strategien können Menschen belastende Situationen, Gedanken und Gefühle bewältigen. Dabei gibt es nicht die eine perfekte Methode. Foto: stokkete/stock.adobe.com

RKI-Analyse: Jeder Fünfte ist stressbelastet – Mit Coping die Stressauslöser verändern

Stressbelastung und der Umgang damit – das sogenannte Coping – spielen eine große Rolle für die psychische Gesundheit. Für Deutschland liegen bisher kaum bevölkerungsbezogene Daten zur Stressbelastung vor, weshalb das Robert Koch-Institut eine Analyse auf Basis der Studienreihe „Gesundheit in Deutschland“ durchführte. Die Ergebnisse zeigen: Jeder fünfte Deutsche ist stressbelastet. Aus der Analyse ergeben sich wichtige Ansatzpunkte für vorbeugende Maßnahmen.

Stress kann die körperliche und psychische Gesundheit beeinträchtigen – dies gilt besonders für chronischen Stress. In Abhängigkeit von Lebensumständen und individuellen Voraussetzungen können Ereignisse aber als unterschiedlich stressig wahrgenommen werden. Wie gut Stress bewältigt werden kann, hängt auch wesentlich von den eingesetzten Copingstrategien ab, die neben der Häufigkeit von Stressbelastungen im Mittelpunkt der aktuellen Analyse des Robert Koch-Instituts (RKI) standen, wie das DeutschesGesundheitsPortal (DGP) und HealthCom berichten.

Ergebnisse des Panels „Gesundheit in Deutschland“ 2024

Die repräsentative Studienreihe „Gesundheit in Deutschland“ 2024 lieferte die Datengrundlage für die Analyse von Stresshäufigkeit und Coping. Neben Stressbelastung (Perceived Stress Scale, PSS-10) und Coping (Short Adult Coping Scale, SACS-16) wurden Geschlecht, Alter und Bildungsabschluss erfasst. Zusätzlich wurden Regressionsanalysen zu den Zusammenhängen der untersuchten Parameter durchgeführt.

Die Analyse umfasste Daten der Befragungswelle 2024 mit 27.102 Teilnehmern, davon 51 Prozent Frauen. Das Alter der Teilnehmer lag zwischen 18 bis 99 Jahren. Etwa 20 Prozent der Studienteilnehmer wiesen eine erhöhte Stressbelastung auf – darunter vor allem Frauen, Menschen im erwerbstätigen Alter und Personen mit mittlerem und niedrigerem Bildungsabschluss.

Somit ist etwa jede fünfte Person erhöhtem Stress ausgesetzt. Während Coping-Flexibilität, Problemlösen und proaktives Coping mit einer geringeren Stressbelastung einhergingen, führten demnach Verdrängung und Wunschdenken zu einer erhöhten Belastung. Je nach Alter, Geschlecht und Bildungsabschluss können aber laut RKI-Analyse unterschiedliche Copingstrategien effektiv sein.

Coping: Die Kunst, sich vom Stress nicht auffressen zu lassen

Der Chef drängelt, das Handy klingelt, zu Hause wartet die nächste Baustelle – und nachts beginnt im Kopf die Endlosschleife. Stress lässt sich aus unserem Leben kaum verbannen. Das muss er auch nicht. Kurzfristiger Stress ist zunächst eine völlig normale Reaktion des Körpers. Problematisch wird es vor allem dann, wenn aus der Alarmbereitschaft ein Dauerzustand wird.

Genau hier setzt Coping an. Der Begriff stammt vom englischen „to cope“ – etwas bewältigen. Gemeint sind Strategien, mit denen Menschen belastende Situationen, Gedanken und Gefühle bewältigen. Dabei gibt es nicht die eine perfekte Methode. Entscheidend ist zunächst die Frage: Kann ich den Stressauslöser verändern – oder nicht?

Ist das Problem beeinflussbar, hilft problemorientiertes Coping: Aufgaben priorisieren, Konflikte ansprechen, Unterstützung organisieren, Grenzen setzen oder ein großes Problem in kleine, lösbare Schritte zerlegen. Statt über zehn unerledigte Aufgaben zu grübeln, wird entschieden: Was muss heute wirklich passieren?

Lässt sich die Situation dagegen nicht oder zumindest momentan nicht ändern – etwa bei Krankheit, Verlust oder einer unvermeidbaren Belastung –, wird der Umgang mit den eigenen Reaktionen wichtiger. Dazu gehören Entspannung, Bewegung, soziale Kontakte und ausreichend Schlaf, aber auch die Fähigkeit, belastende Gedanken wahrzunehmen, ohne sich vollständig von ihnen beherrschen zu lassen. Die WHO empfiehlt dafür strukturierte psychologische Selbsthilfetechniken; ihr Programm „Doing What Matters in Times of Stress“ beruht unter anderem auf Verfahren der Akzeptanz- und Commitment-Therapie und wurde in randomisierten Studien untersucht.

Atmen oder Alkohol?

Auch ganz einfache Maßnahmen können helfen. Langsames, tiefes Atmen kann die körperliche Stressreaktion dämpfen. Für Entspannungsverfahren und Achtsamkeitsübungen gibt es Hinweise auf positive Effekte auf Stress, Angst und teilweise auch Schlaf. Regelmäßige Bewegung, ein strukturierter Tagesablauf und soziale Unterstützung gehören ebenfalls zu den wichtigen Bausteinen.

Wenig hilfreich ist dagegen ein vermeintlicher Stressabbau, der langfristig neue Probleme erzeugt: übermäßiger Alkoholkonsum, Rauchen, Frustessen oder ständige Ablenkung können kurzfristig erleichtern, beseitigen die Belastung aber nicht. Coping bedeutet deshalb nicht, immer gelassen sein zu müssen. Es bedeutet, handlungsfähig zu bleiben – auch wenn sich nicht alles kontrollieren lässt.

Grafik: Kurtz – KI-generiert

So gefährlich ist Stress

Bei Stress schaltet der Körper auf Alarm. Unter anderem werden Stresshormone wie Adrenalin ausgeschüttet. Herz und Atmung beschleunigen sich, der Blutdruck steigt, die Muskulatur spannt sich an. Für kurze Zeit ist das sinnvoll: Der Organismus stellt Energie für eine Herausforderung bereit.

Problematischer ist chronischer Stress, wenn Belastung und Erholung dauerhaft aus dem Gleichgewicht geraten. Häufige Folgen sind Schlafprobleme, Kopfschmerzen, Muskelverspannungen, Magen-Darm-Beschwerden, Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit und Erschöpfung. Länger anhaltender Stress steht zudem mit psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen in Verbindung.

Auch das Herz-Kreislauf-System kann betroffen sein. Chronischer Stress kann zur Entwicklung von Bluthochdruck beitragen; zudem können ungünstige Begleitreaktionen wie Bewegungsmangel, Rauchen oder ungesundes Essen das kardiovaskuläre Risiko zusätzlich erhöhen. Die American Heart Association weist allerdings darauf hin, dass die komplexen Zusammenhänge zwischen Stress, Herzinfarkt und Schlaganfall noch nicht in allen Einzelheiten geklärt sind.

Entscheidend ist also weniger ein hektischer Vormittag oder eine anstrengende Woche. Kritisch wird Stress vor allem, wenn die Belastung zum Dauerzustand wird und echte Erholungsphasen fehlen.

Wer über längere Zeit nicht mehr abschalten kann, dauerhaft schlecht schläft, sich zunehmend erschöpft, ängstlich oder niedergeschlagen fühlt oder seinen Alltag nicht mehr bewältigt, sollte sich professionelle Unterstützung holen. Auch gutes Coping hat Grenzen.  DGP/HealthCom/tok