
Dauerstress und permanenter Druck: Berufstätige sind 2025 so häufig wie noch nie wegen akuter Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen im Job ausgefallen. Könnte das an unserer modernen Arbeitsweise liegen? Foto: Krakenimages.com/stock.adobe.com
Stressdiagnosen auf Höchststand – warum modernes Arbeiten erschöpfen kann
Berufstätige sind 2025 so häufig wie noch nie wegen akuter Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen im Job ausgefallen: Laut Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse kamen 2025 aufgrund dieser Diagnose knapp 119 Krankentage auf 100 Versicherte. Zum Vergleich: Im Vorjahr 2024 fehlten Arbeitnehmer rund 112 Tage wegen derartiger Belastungen, die häufig durch Dauerstress und anhaltenden mentalen Druck entstehen. Zu Beginn der KKH-Analyse 2017 waren es noch rund 66 Tage.
Im Vergleich zu 2025 bedeutet das einen Anstieg um fast 80 Prozent in nur acht Jahren. Und nicht nur das: Akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen können die Vorstufe einer Depression sein. 2025 waren sie die häufigste psychische Diagnose bei Berufstätigen und der dritthäufigste Krankschreibungsgrund überhaupt – gleich hinter Infektionen der oberen Atemwege und Rückenschmerzen.
Modernes Arbeiten mit Laptop und Smartphone in der Kritik
Doch was ist es, was Berufstätige mental immer stärker zu belasten scheint? Neben privaten sowie gängigen beruflichen Stressoren wie etwa einem zu hohen Arbeitspensum und ständigen Überstunden, einem geringen Gehalt und Existenzängsten oder Konflikten mit Kollegen und Vorgesetzten misst KKH-Ärztin Aileen Könitz der modernen Arbeitsweise mit Laptop und Smartphone ebenfalls eine Rolle zu. Damit einher geht die Frage: Bedeuten mobiles Arbeiten und zeitliche Flexibilität wirklich Freiheit oder Druck durch permanente Selbstorganisation und Verantwortung ohne klare Grenzen?
„Ich bezeichne es gern als den unsichtbaren Stress der Unklarheit“, sagt die KKH-Expertin für psychiatrische Fragen. „Moderne Arbeit kann erschöpfen, obwohl sie flexibler geworden ist. Arbeit stresst heute nicht nur, weil sie grundsätzlich als zu viel erlebt wird, sondern auch, weil vieles unentschieden, diffus und ungeklärt bleibt. Nicht nur die Arbeit selbst setzt viele Menschen unter Druck, sondern das permanente Interpretieren: Wer ist zuständig? Was wird erwartet? Was darf ich ablehnen? Muss ich nonstop erreichbar sein? Wann ist etwas genug? Auf welchem Kanal soll ich kommunizieren?“, erläutert Könitz.
Flexibles Arbeiten kann also dann Stress auslösen, wenn klare Regeln fehlen, wenn Zuständigkeiten, Prioritäten oder Erwartungen unausgesprochen bleiben und die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen. „Diese ständige Unklarheit kann es erschweren, sich nach der Arbeit gedanklich zu distanzieren und zur Ruhe zu kommen. Auf Dauer kann dies zu Anspannung und mentaler Erschöpfung führen“, sagt die Expertin.
Fragmentiertes Arbeiten – Top oder Flop?
Die Mittagspause für den Hausputz oder das Fitnessstudio verlängern, nachmittags die Kinder zum Sport begleiten und dafür abends nochmal für ein paar Stunden den Laptop aufklappen – in vielen Fällen trägt diese Flexibilität zu einer besseren Work-Life-Balance bei. Diese sogenannte Arbeitszeitfragmentierung, also das Aufbrechen des Arbeitstages in mehrere kurze Phasen, kann aber auch zu einem stärkeren Zeit- und Leistungsdruck führen.
Denn: Ein häufiger Wechsel zwischen Arbeit und Privatleben bedingt zum einen, dass die damit einhergehenden unterschiedlichen Rollen einmal mehr Zeit und Energie kosten können. Zum anderen entstehen durch eine Ausweitung der Arbeitszeit auf die Abendstunden verkürzte Ruhezeiten und ein längerer wöchentlicher Arbeitszeitrahmen. Das kann kurzfristig die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, den Schlaf und das Wohlbefinden insgesamt beeinflussen und langfristig sogar schwerere gesundheitliche Probleme wie Belastungsreaktionen, chronische Erschöpfung und einen Burnout nach sich ziehen.
Care-Arbeit ist keine Pause!
„Das Aufweichen von Arbeitszeitgrenzen und die Möglichkeit, die Arbeitszeit für private Verpflichtungen zu unterbrechen, kann zwar grundsätzlich die Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben fördern. Das trägt aber nur dann zu einer besseren Work-Life-Balance bei, wenn die Rahmenbedingungen klar definiert sind“, erläutert Aileen Könitz. „Das gilt vor allem, wenn Berufstätige ihren Job zugunsten von Care-Arbeit für die Familie unterbrechen. Denn dann machen sie keine Erholungspause, sondern arbeiten unbezahlt weiter.“
Unternehmen sollten daher klare Strukturen schaffen, an denen sich Arbeitnehmer orientieren können. Dazu gehören verbindliche zeitliche Obergrenzen für die Arbeitstage und klare Regeln für Ruhezeiten im Job. Führungskräfte können die Erholung von Mitarbeitenden fördern, indem sie Pausen und freie Zeiten bewusst respektieren. Um eine ständige Erreichbarkeit zu vermeiden, sind außerdem klare Kommunikationsregeln wichtig. Dazu gehört etwa, den Austausch auf bestimmte Zeiten und Kanäle zu begrenzen.
Abschalten digitaler Geräte nach Feierabend
Berufstätige können darüber hinaus auch selbst viel dazu beitragen, flexibles Arbeiten positiv zu nutzen und sich vor den negativen Folgen zu schützen. Dazu gehören etwa feste Arbeits- und Pausenzeiten, die eine klare Trennung zwischen Job, Familie und Freizeit ermöglichen, sowie das bewusste Abschalten digitaler Geräte nach Feierabend. Für die eigene Gesundheit seien zudem regelmäßige Bewegung, Entspannungstechniken und soziale Aktivitäten wichtig, betont Aileen Könitz. Diese trügen zu einem gesunden Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben und somit auch zum Stressabbau bei.
Info
Ausgewertet wurde die Zahl der Kalendertage mit ärztlichem Attest von pflichtversicherten und freiwillig versicherten Mitgliedern der KKH Kaufmännische Krankenkasse mit Krankengeldanspruch aufgrund der Diagnose F43, vornehmlich F43.0 (akute Belastungsreaktion) und F43.2 (Anpassungsstörungen) nach ICD-10, neu für das Jahr 2025 – ohne Arbeitslose und Rentner. Der einfacheren Lesbarkeit halber wird in der Pressemeldung teils nur von Stressdiagnosen, Belastungsreaktionen oder stressbedingten Belastungen gesprochen. Genannt sind die Fehltage pro 100 Versichertenjahre, also pro 100 Mitglieder, die im gesamten Auswertungszeitraum (jeweiliges Jahr) bei der KKH versichert waren. Teils wird der Einfachheit halber von 100 Versicherten beziehungsweise 100 Berufstätigen oder Arbeitnehmern gesprochen.
Wem besonders das Nein-Sagen und damit das Setzen von gesunden Grenzen schwerfällt, findet im Zuge eines neuen KKH-Online-Coachings Unterstützung: Grenzen setzen ohne Schuldgefühle – du musst nicht Everybody’s Darling sein. Darüber hinaus hält die KKH sowohl für ihre Versicherten als auch im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung weitere Präventionsangebote zur Stressreduktion im Alltag und am Arbeitsplatz bereit. pm