Drei Todesfälle auf dem Kreuzfahrtschiff MV Hondius beweisen zwar, wie gefährlich Andesviren (Letalität: 30 bis 40 Prozent) sind, aber dieser Hantavirus-Typ wird laut WHO, ECDC, CDC und RKI wohl keine Pandemie auslösen. Foto: Anna – KI-generiert/stock.adobe.com

Panik oder reale Gefahr? Warum Virologen beim Andes-Hantavirus bislang nicht von einer Pandemie ausgehen

Der Ausbruch einer in drei Fällen tödlich verlaufenden Krankheit auf dem im Südatlantik fahrenden Kreuzfahrtschiff MV Hondius ist ernst, medizinisch relevant und wegen der Todesfälle und der intensivmedizinischen Behandlungen anderer Passagiere auch tragisch. Aber auch wenn das gefährliche Andesvirus, ein südamerikanischer Hantavirus-Typ, spektakulär zugeschlagen hat, scheint eine Hantavirus-Pandemie in nächster Zeit unwahrscheinlich zu sein.

Nach aktueller Bewertung von der Weltgesundheitsorganisation WHO, dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten ECDC, der zentralen US-amerikanischen Seuchenschutz- und Gesundheitsbehörde CDC und dem deutschen Robert Koch-Institut RKI spricht vieles gegen ein Pandemie-Szenario.

Was bisher bekannt ist

Das ECDC meldete am 11. Mai 2026 nach dem Ausbruch der Infektionen auf der MV Hondius neun Fälle, davon sieben bestätigt, zwei wahrscheinlich und drei Todesfälle. Das Virus wurde als Andes-Hantavirus identifiziert. Die Behörde bewertet das Risiko für die allgemeine Bevölkerung in der EU/EWR als sehr niedrig.

Die WHO berichtete am 8. Mai 2026 von acht Fällen, darunter drei Todesfälle, und stufte das globale Risiko als niedrig ein; für Passagiere und Crew galt das Risiko dagegen als moderat.

Wie steckt man sich mit dem Andesvirus an?

Der klassische Weg ist nicht von Mensch zu Mensch, sondern vom Nagetier über dessen Ausscheidungen zum Menschen. Hantaviren werden vor allem über Urin, Kot oder Speichel infizierter Nagetiere übertragen, etwa wenn kontaminierter Staub eingeatmet wird. Typische Risikosituationen sind schlecht belüftete Räume, Scheunen, Hütten, Lager, Holzstapel oder ländliche Gegenden mit Nagetierbefall.

Beim Hondius-Ausbruch lautet die aktuelle Arbeitshypothese des ECDC: Mindestens ein Passagier könnte sich zuvor in Argentinien oder Chile infiziert haben, wo das Andesvirus endemisch vorkommt, und das Virus anschließend an Bord weitergegeben haben.

Kann das Andesvirus von Mensch zu Mensch übertragen werden?

Die Übertragungswege der Andesviren stellen in einem entscheidenden Teil eine wichtige Ausnahme unter den Hantaviren dar. Das Andesvirus ist laut ECDC das einzige bekannte Hantavirus, bei dem eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung gesichert beschrieben ist. Diese Übertragung gilt jedoch als selten und erfordert typischerweise engen oder längeren Kontakt, oft in geschlossenen Räumen.

Auch das CDC schreibt: Das Andesvirus kann von Mensch zu Mensch übertragen werden, meist aber nur bei engem Kontakt, etwa durch direkten Körperkontakt, längeren Aufenthalt in engen Räumen oder Kontakt mit Speichel, Atemwegssekreten oder anderen Körperflüssigkeiten.

Warum ist das keine „nächste Corona-Lage“?

Der entscheidende Unterschied: Das Andesvirus verbreitet sich nicht leicht zwischen Menschen. Es ist kein klassischer Pandemie-Erreger wie SARS-CoV-2, Masern oder Influenza. Das ECDC formuliert ausdrücklich: Das Andesvirus sei nicht die nächste Pandemie, weil eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung selten sei, engen, längeren Kontakt brauche und das natürliche Nagetier-Reservoir in Europa nicht vorkomme. Eine nachhaltige Ausbreitung in der Bevölkerung sei deshalb unwahrscheinlich.

Auch das RKI weist darauf hin, dass bei Andesviren zwar selten Mensch-zu-Mensch-Übertragungen möglich sind, aber vor allem bei engem Kontakt; für die in Europa und Asien üblichen Hantavirus-Typen gilt eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung dagegen nicht als relevant. In Deutschland und insbesondere in Baden-Württemberg wird das Puumala-Hantavirus bevorzugt von der Rötelmaus übertragen. Diese Virusvariante verursacht Nephropathia epidemica, eine Krankheit, die die Nieren angreift und mit Fieber, Kopf- und Rückenschmerzen sowie Übelkeit beginnt. Bei seltenen schweren Nierenschäden sind Klinikaufenthalte und eventuell sogar eine Dialyse notwendig. Eine spezifische antivirale Therapie gibt es nicht.

Die Letalit liegt bei den deutschen Hantaviren weit unter 1 Prozent Todesfällen unter allen Erkrankten. Beim Andesvirus liegt die Letalität dagegen bei beängstigenden 30 bis 40 Prozent. Es gibt dafür leider keine spezifische Standardtherapie; entscheidend sind frühe Erkennung, Isolation und intensivmedizinische Unterstützung.

Ist die Pandemie-Angst also Panik?

Die Sorge der direkt Betroffenen vor den möglichen schlimmen Folgen ihrer Andesvirus-Infektion ist berechtigt, schließlich können diese Viren das Hantavirus Pulmonary Syndrome auslösen – eine schwere Lungen- und Kreislauferkrankung. Symptome treten laut CDC typischerweise 4 bis 42 Tage nach Kontakt auf; WHO nennt häufig 2 bis 4 Wochen, möglich sind aber etwa 1 bis 8 Wochen.

Für Passagiere, Crew, enge Kontakte und medizinisches Personal ist Vorsicht absolut berechtigt: Quarantäne, Monitoring, Schutzmaßnahmen und schnelle Diagnostik sind sinnvoll. Für die breite Bevölkerung in Deutschland oder Europa ergibt sich derzeit aber kein Alltagsszenario, das zum Beispiel an die Corona-Jahre erinnert. Die allgemeine Angst vor einer weltweiten Pandemie ist nach aktuellem Stand eher Panik und keine realistische Prognose. tok