Vor dem Alltag wegducken und Situationen vermeiden: Angststörungen bei jugendlichen Mädchen in Baden-Württemberg sind seit 2019 um 55 Prozent gestiegen. Echte und vermeintliche nationale und internationale Krisen sowie die zunehmende Krisenpropaganda mit Fake-News bilden den Nährboden für soziale Phobien und Panikstörungen. Foto: Parkin/stock.adobe.com

Pandemie-Folgen: Immer mehr Kinder in Baden-Württemberg kämpfen langfristig mit Angststörungen

Für zahlreiche junge Menschen in Baden-Württemberg sind die Schatten der Pandemie und der Krisenjahre weiter präsent. Sie kämpfen heute mit psychischen Problemen, die nicht mehr einfach verfliegen. Das zeigt der neue DAK-Kinder- und Jugendreport zu Angststörungen, Depressionen und Essstörungen. Im Fokus der wissenschaftlichen Studie stehen Baden-Württemberger Mädchen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren, da sich hier die größten Anstiege zeigen.

Fast 10.000 junge Frauen in Baden-Württemberg betroffen

2024 waren rund 61 von 1000 DAK-versicherten jugendlichen Mädchen mit einer Angststörung in Behandlung, womit hochgerechnet landesweit rund 9500 junge Frauen betroffen waren. Im Vergleich zu 2019 ist dies ein Anstieg um 55 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl chronischer Angststörungen um 143 Prozent.

Experten sehen in den Ergebnissen des Reports ein „Erbe der Pandemie“, da auch andere psychische Probleme dauerhaft behandelt werden müssten. Bei jugendlichen Mädchen im Südwesten sind die Fallzahlen von Depressionen und Essstörungen ebenfalls erhöht. Nach einem Anstieg bis 2021 stabilisiert sich die Häufigkeit dieser Diagnosen auf einem hohen Niveau mit einer Plateau-Bildung.

Hartnäckige Folgen der Pandemie

„Die aktuellen Ergebnisse des DAK-Kinder- und Jugendreports zeigen, wie hartnäckig die psychischen Folgen der Pandemie bei jungen Menschen in Baden-Württemberg geblieben sind. Entgegen früheren Hoffnungen gehen Ängste, Depressionen und Essstörungen nicht einfach zurück, sondern stabilisieren sich auf einem hohen Niveau – besonders bei Mädchen. Das ist ein ernstes Warnsignal“, sagt Siegfried Euerle, DAK-Landeschef in Baden-Württemberg.

Und, so Euerle: „Psychische Erkrankungen im Jugendalter wirken oft lange nach und belasten später Ausbildung, Familie und Berufsleben. Deshalb brauchen wir in Baden-Württemberg jetzt umfassende Initiativen zur Stärkung der mentalen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.“

Angststörungen chronifizieren sich bei jugendlichen Mädchen

Laut DAK-Kinder- und Jugendreport für Baden-Württemberg sind jugendliche Mädchen von Angststörungen besonders betroffen. So hat sich die Chronifizierung von Angststörungen bei ihnen im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie mehr als verdoppelt: 2019 mussten rund 6 von 1000 Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren jedes Quartal mit einer Angststörung ambulant oder stationär behandelt werden. 2024 waren es rund 14 je 1000 jugendliche Mädchen. Das entspricht einer Steigerung von 143 Prozent.

Zudem haben sich die Komorbiditäten, also ein gleichzeitiges Auftreten zweier psychischer Erkrankungen bei jungen Patientinnen, ebenfalls verdoppelt. Die Zahl jugendlicher Mädchen, die zeitgleich an einer Angststörung und einer Depression litten, erhöhte sich 2024 im Vergleich zu 2019 um rund 101 Prozent.

Angststörungen bei jugendlichen Mädchen im nationalen Vergleich

Für die Betrachtung wurden Mädchen/junge Frauen im Alter von 15 bis 17 Jahren aus Baden-Württemberg und aus ganz Deutschland (nationale Durchschnittwerte) verglichen. Der Zeitraum: 2019 bis 2024. Die Zahlen stammen vom DAK-Kinder- und Jugendreport 2025.

Experten sehen Erbe der Pandemie

„Die Zahlen des DAK-Kinder- und Jugendreports machen das Erbe der Pandemie sichtbar. Wir sehen eine leider anhaltende Häufung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen“, so Prof. Dr. Jan Steffen Jürgensen, Vorstand des Klinikums Stuttgart. Emotional instabile Entwicklungen und internalisierendes Verhalten mit sozialem Rückzug, Angststörung und Depression haben vor allem bei Mädchen stark zugenommen. Resilienz- und Schutzfaktoren konnten oft nicht ausreichend entwickelt werden.

Die in der Pandemie gestiegene Nutzung sozialer Medien sei ein zusätzlicher Risikofaktor. „Hier sind Mädchen vulnerabler als Jungen“, so Jürgensen weiter. „Sie sehen Körperbilder, Glücks- und Zufriedenheitsideale, die kaum erfüllt werden können. Das erhöht das Stresslevel und kann die Ausprägung psychischer Erkrankungen vertiefen.“

Plateau-Bildung bei Angststörungen seit 2021

Der DAK-Kinder- und Jugendreport zeigt für Baden-Württemberg, dass 2024 rund 22 von 1000 DAK-versicherten Kindern und Jugendlichen zwischen fünf und 17 Jahren mit einer Angststörung behandelt wurden. Das entspricht hochgerechnet landesweit rund 31.000 Kindern und Jugendlichen. Eine Plateau-Bildung zeigt sich besonders deutlich bei jugendlichen Mädchen: 2024 mussten rund 61 von 1000 baden-württembergischen Mädchen mit einer Angststörung ambulant oder stationär versorgt werden, insbesondere mit sozialen Phobien und Panikstörungen.

Hochgerechnet waren es landesweit rund 9500 Teenagerinnen im Alter von 15 bis 17 Jahren. Im Vergleich mit dem letzten Vorpandemiejahr 2019 ist das ein Plus von 55 Prozent.

Depressionen und Essstörungen weiter auf hohem Niveau

Ein ähnlicher Trend zu einer Plateau-Bildung zeigt sich im Südwesten auch mit Blick auf Depressionen und Essstörungen. So stiegen die Behandlungszahlen jugendlicher Mädchen mit Depressionen 2024 im Vergleich zu 2019 um gut 35 Prozent, bei Essstörungen um etwa 43 Prozent. Seit 2021 verharren die Zahlen nahezu unverändert auf der gleichen Höhe. 2024 waren in Baden-Württemberg hochgerechnet rund 10.000 jugendliche Mädchen mit einer Depression in Behandlung. Im Falle von Essstörungen waren es etwa 3000 Teenagerinnen zwischen 15 und 17 Jahren.

Info

Als erste Krankenkasse in Baden-Württemberg hat die DAK-Gesundheit ambulante und stationäre Abrechnungsdaten von Kindern und Jugendlichen mit dem Fokus auf Angststörungen, Depressionen und Essstörungen für das Jahr 2024 ausgewertet. Für die aktuelle DAK-Sonderanalyse im Rahmen des Kinder- und Jugendreports untersuchten Wissenschaftler von Vandage und der Universität Bielefeld Abrechnungsdaten von rund 86.800 Kindern und Jugendlichen bis einschließlich 17 Jahren, die bei der DAK-Gesundheit in Baden-Württemberg versichert sind.

Untersucht wurde das Zeitfenster von 2019 bis 2024 mit insgesamt rund 4,6 Millionen ambulanten Arzt- und Therapeutenbesuchen, Krankenhausaufenthalten und Arzneimittelverschreibungen. Der Fokus der Analyse lag auf der Altersspanne fünf bis 17 Jahre und insbesondere auf jugendlichen Mädchen.    pm



Wenn Angst das Steuer übernimmt: Wie Angststörungen entstehen und was wirklich hilft

Angst ist ein sinnvolles Alarmsystem. Bei Angststörungen jedoch läuft dieses System häufig und anhaltend auf Hochtouren – mit Vermeidung, körperlichen Symptomen und starkem Leidensdruck. Der gute Teil: Angststörungen sind behandelbar, oft sehr gut.

Von Angststörungen sprechen Fachleute, wenn Angst oder Furcht unverhältnismäßig stark, sehr häufig oder über längere Zeit anhaltend auftritt und wenn sie den Alltag spürbar beeinträchtigt. In der ICD-11 fasst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) diese Störungen als “anxiety or fear-related disorders” zusammen. Zu den Kern-Diagnosen zählen (je nach Klassifikationssystem): Generalisierte Angststörung (GAS), Panikstörung, Agoraphobie, Soziale Angststörung, Spezifische Phobien. In ICD-11 wurden zudem Trennungsangststörung und Selektiver Mutismus in die Angstgruppe integriert.

Angststörungen im Alltag

StörungTypischer FokusHäufige SymptomeWas Betroffene oft vermeiden
Generalisierte AngststörungAnhaltende Sorgen um viele ThemenUnruhe, Anspannung, Schlaf, GrübelnEntscheidungen, Risiken, Nachrichten, Konflikte
PanikstörungPanikattacken (plötzlich, heftig)Herzrasen, Atemnot, SchwindelKörperliche Anstrengung, Alleinsein, bestimmte Orte
AgoraphobieOrte/Situationen, aus denen Flucht schwer istAngst vor KontrollverlustÖffentliche Verkehrsmittel, Menschenmengen
Soziale AngststörungBewertung durch andereErröten, Zittern, BlackoutVortragen, Smalltalk, Treffen
Spezifische PhobieKlares Objekt/TriggerStarke Furchtreaktionetwa Flug, Höhe, Tiere, Blut/Spritzen
Trennungsangst (ICD-11)Trennung von nahen BezugspersonenKlammern, Sorgen, körperliche BeschwerdenSchule/Arbeit, Reisen
Selektiver Mutismus (ICD-11)Sprechen in bestimmten SituationenNicht-Sprechen trotz SprachfähigkeitSchule, fremde Personen

Wie entwickelt man eine Angststörung?  

Meist entsteht eine Angststörung nicht durch einen Auslöser allein, sondern durch ein Zusammenspiel aus Veranlagung, Lernerfahrungen und aktuellem Stress. Ein Schlüsselmechanismus ist Vermeidung: Sie fühlt sich kurzfristig entlastend an, verhindert aber, dass das Gehirn neue, sichere Erfahrungen speichert.

Biologie: Stresssystem und Körper

Bei Angst reagiert das autonome Nervensystem: Der Puls steigt, die Atmung wird flacher, die Muskeln spannen an. Manche Menschen haben ein besonders reaktives Stresssystem oder interpretieren Körpersignale schneller als Gefahr.

Lernen: Konditionierung und Sicherheitsverhalten

Angst kann gelernt werden (zum Beispiel nach einer Panikattacke im Supermarkt). Danach werden Situationen gemieden oder mit Sicherheitsstrategien bewältigt (Puls messen, immer in Begleitung hingehen). Das hält die Angst aufrecht.

Psychosoziale Faktoren

Belastende Kindheitserfahrungen, Trauma, chronischer Stress, Armut/Unsicherheit oder anhaltende Konflikte erhöhen im Mittel das Risiko für spätere Angstprobleme.

Wer ist besonders empfänglich für Angststörungen?

Erbliche Faktoren spielen eine Rolle, aber es gibt kein einzelnes Angstgen. Studien berichten vielmehr von moderaten Erblichkeitsanteilen und vielen beteiligten Genvarianten mit kleinen Effekten.

Risikoprofile (ohne Schuldzuweisung)

Ein höheres Risiko besteht unter anderem bei familiärer Vorbelastung, frühen Belastungen, chronischer Überforderung, Schlafmangel, bestimmten körperlichen Erkrankungen, Substanzkonsum (zum Beispiel hoher Koffeinmenge oder Drogenkonsum).

Soziales, kulturelles und politisches Umfeld

Unsicherheit (Krieg, Krisen, Inflation), Diskriminierung oder fehlende soziale Unterstützung können Angst verstärken – nicht als vielfach und falsch diskriminierte Modeerscheinung, sondern als reale Stressoren. Gleichzeitig wirken Schutzfaktoren: stabile Beziehungen, Sinn, Zugehörigkeit, Zugang zu Hilfe.

Was trägt Social Media dazu bei?

Die Forschung ist differenziert: Meta-Analysen finden Zusammenhänge zwischen problematischer Social-Media-Nutzung (zum Beispiel Kontrollverlust, Schlafraub, sozialer Vergleich) und Angstsymptomen. Gleichzeitig zeigen neuere Studien, dass reine Bildschirmzeit allein nicht zwingend spätere Angst erklärt. Eher sind die Art der Online-Nutzung und die Social-Media-Erlebnisse entscheidend.

Wie wirkt sich eine Angststörung auf das Verhalten aus?

Angststörungen verändern vor allem Entscheidungen: Menschen richten ihren Alltag so aus, dass befürchtete Situationen seltener auftreten. Dadurch schrumpft der Handlungsspielraum.

Typische, von außen beobachtbare Muster:

  • Rückzug oder Meiden (Termine absagen, nicht mehr Bahn fahren, keine Vorträge)
  • Starkes Rückversichern (ständiges Nachfragen, Notfallpläne)
  • Körper-Checks (Puls, Blutdruck, Googeln von Symptomen)
  • Reizbarkeit/Anspannung, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen
  • In sozialen Situationen: leise sprechen, Blickkontakt vermeiden, Blackout

Wie diagnostiziert man Angststörungen?

Die Diagnose ist eine klinische Diagnose: Anamnese (Gespräch), Symptomdauer, Auslöser, Vermeidung, Leidensdruck und Funktionseinschränkung. Wichtig ist auch die Abgrenzung zu körperlichen Ursachen (zum Beispiel Schilddrüsenüberfunktion, Herzrhythmusstörungen) und zu diversen Substanzen in Nahrung oder Getränken sowie zu Medikamenten oder Drogen.

Fragebögen wie der GAD-7 können das Screening unterstützen und den Verlauf messbar machen, ersetzen aber nicht die fachliche Diagnose.

Wie therapiert man Angststörungen?

Leitlinien empfehlen in der Regel Psychotherapie (insbesondere kognitive Verhaltenstherapie) und je nach Störung und Schwere auch Medikamente wie SSRI/SNRI. Oft ist die Kombination sinnvoll, besonders bei hoher Belastung oder Rückfallneigung.

Psychotherapie: der Kern der Therapie

  • Psychoedukation: Verstehen, was im Körper passiert
  • Kognitive Techniken: Katastrophengedanken prüfen, neue Bewertungen aufbauen
  • Exposition: schrittweises, geplantes Sich-Stellen statt Vermeiden
  • Körper- und Stressregulation: Atmung, Entspannung, Schlaf, Bewegung
  • Rückfallprophylaxe: Frühwarnzeichen, Trainingsplan, Umgang mit Rückschritten

Medikamente: wenn nötig, sinnvoll einsetzen

SSRI/SNRI können Angstsymptome senken und die Exposition erleichtern. Die Wirkung setzt meist nach einigen Wochen ein. Anfangs können auch Nebenwirkungen auftreten. Benzodiazepine wirken schnell, bergen aber Abhängigkeits- und Gewöhnungspotenzial und sind in Leitlinien eher für kurze Ausnahmesituationen vorgesehen.

Selbsthilfe, die wirklich hilft

  • Regelmäßige Bewegung und regelmäßiger Schlafrhythmus
  • Koffein, Alkohol und andere Substanzen reflektieren
  • Atemübungen und Achtsamkeit als Training (nicht als Wegdrücken verstehen)
  • Schrittplan gegen Vermeidung (Mini-Expositionen)
  • Soziale Unterstützung aktivieren

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