Von den Kindern, die im Januar/Februar 2025 in Deutschland wegen Grippe in Intensivstation behandelt werden mussten, sind 10 Prozent verstorben. Weitere 10 Prozent sind mit großen neurologischen Schäden entlassen worden. Foto: Shanorsila – KI-generiert/stock.adobe.com

Hohe Sterberate bei Kindern: Mediziner fordern Influenza-Impfung für alle ab dem 6. Lebensmonat

Influenza (Grippe) kann auch für zuvor gesunde Kinder tödlich enden. Dass Ärzte davor warnen, die Grippe zu unterschätzen, ist inzwischen so gewohnt wie die um sich greifende Impfunlust in Deutschland, die auch dazu führt, dass die Grippeschutzimpfung nur mäßig angenommen wird. Dabei meldet das Robert Koch-Institut (RKI) eine Erhöhung der Influenzafälle in Deutschland im Jahr 2025 um über 100 Prozent gegenüber 2024. Jetzt mahnt die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ein striktes Gegensteuern an – gerade auch um die Sterberate bei Kindern zu verringern.

STIKO zu einer Influenza-Impf-Empfehlung aufgefordert

Auf einer Pressekonferenz forderte die DIVI die Ständige Impfkommission (STIKO) auf, eine Influenza-Impf-Empfehlung für Kinder ab sechs Monaten sowie Erwachsene auszusprechen. „Die Welt-Gesundheitsorganisation WHO hat dies bereits getan, andere Europäische Länder zeigen uns, dass mit groß angelegten Impf-Kampagnen zahlreiche Kinder wie Erwachsene erfolgreich geschützt werden können – nur wir in Deutschland lassen weiterhin zu einem Großteil die Grippewelle ungeschützt über uns rollen“, so DIVI-Präsident Prof. Florian Hoffmann, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg.

„Das muss sich ändern! Denn gerade Kinder können auch schwer an dem Virus erkranken“, so Hoffmann. Und damit hat er auch die Todesfälle und schweren, lebenslangen neurologischen Schäden im Blick, mit denen Eltern rechnen müssen, wenn ihre Kinder mit einer Influenza-Erkrankung auf die Intensivstation verlegt werden müssen.

Im Winter 2024/2025 mussten 30.000 Kinder wegen Grippe in eine Klinik

135.000 Fälle wegen Influenza im Krankenhaus, davon 30.000 Kinder – der Intensivmediziner Prof. Christian Karagiannidis, Vorstandsmitglied der DIVI und Leiter des ARDS- und ECMO- Zentrums der Lungenklinik Köln-Merheim, hatte die Zahlen des vergangenen Winters 2024/2025 zusammengestellt. „30.000 Kinder – das entspricht einer Kleinstadt!“, bemerkte er. Anders als bei Corona wisse man, dass vor allem die Influenza-Inzidenzen bei Kindern extrem hoch seien.

Kinder würden erheblich zur Verbreitung der jährlichen Influenza-Epidemie beitragen, wodurch laut AOK-Fehlzeitenreport zwischenzeitlich 10 bis 15 Prozent der arbeitenden Bevölkerung wegen respiratorischer Infektionen krank zu Hause seien. „Bei unserer derzeit schwachen Wirtschaft können wir uns das gar nicht leisten. Auch unter diesem Aspekt wäre eine Impfung für alle, die älter als sechs Monate sind, sinnvoll“, so Karagiannidis.

Ein Zehntel der Kinder mit Influenza auf der Intensivstation stirbt

Um die sehr schweren Verläufe von Influenza-Erkrankungen zu dokumentieren, führte die DIVI im Januar und Februar 2025, als die Infektionszahlen steil nach oben gingen, eine Befragung unter Kinderintensivstationen durch. Die angefragten Kliniken meldeten Dr. Ellen Heimberg, stellvertretende Sprecherin der DIVI-Sektion Pädiatrische Intensiv- und Notfallmedizin, insgesamt 181 Kinder wegen Grippe auf der Intensivstation. „Wir haben hier wirklich sehr schwere Verläufe dokumentiert“, bedauert Heimberg, Oberärztin der Interdisziplinären Pädiatrischen Intensivstation am Universitätsklinikum Tübingen.

„10 Prozent der Kinder auf der Intensivstation sind verstorben“, zeigte Ellen Heimberg auf. „Weitere 10 Prozent sind mit großen neurologischen Defiziten, das heißt mit starken, vielleicht ein Leben lang bestehenden Beeinträchtigungen, nach Hause gegangen. Solche Komplikationen können beispielsweise nach einer begleitenden Infektion des Gehirns auftreten.“ Die Kinder waren alle ungeimpft.

Etwas mehr als ein Drittel der Kinder seien vorher vollkommen gesund gewesen, berichtete sie, andere hätten Vorerkrankungen wie Asthma gehabt oder hatten als ehemalige Frühgeborene ein höheres Risiko.

Beispiel RSV-Impfung: Fallzahlen und Krankheitslast deutlich zurückgegangen

Nachdem die RSV-Impfung bereits in zwei Wintern die schweren und sehr schweren Verläufe bei Kindern mehr als deutlich hat zurückgehen lassen, appellieren die Intensiv- und Notfallmediziner jetzt an die STIKO sowie auch an die gesamte Bevölkerung, diesem Beispiel zu folgen: „Eine Grippeimpfung ist absolut sinnvoll!“ „Es gibt mehrere zugelassene Impfstoffe“, zeigte DIVI-Präsident Hoffmann in der Pressekonferenz auf. „Denn selbstverständlich kann man sich auch ohne STIKO-Empfehlung impfen lassen: Die intramuskulär zu spritzenden Impfstoffe sind für alle, die älter als sechs Monate sind, zugelassen. Und dann gibt es noch ein Nasenspray, das für alle, die älter als zwei Jahre sind, angewendet werden darf – falls die Spritze ein Problem darstellt.“ Somit gebe es laut DIVI „wirklich überhaupt keine Ausrede mehr!“.  

Warum die Grippeimpfung für Kinder und Jugendliche so wichtig ist

Kinder sind besonders anfällig für Infektionskrankheiten wie die Grippe (Influenza), da ihr Immunsystem noch nicht vollständig ausgebildet ist. In Schulen und Kindergärten, wo viele Kinder zusammenkommen, kann sich das Virus rasch verbreiten. Der Kontakt untereinander und die gemeinsame Nutzung von Gegenständen – wie Türklinken oder Spielzeug – machen es leicht, sich anzustecken. Besonders besorgniserregend ist, dass Kinder mit Vorerkrankungen wie Asthma, Diabetes oder chronischen Herz- und Lungenerkrankungen besonders anfällig für schwere Krankheitsverläufe sind. Komplikationen wie etwa eine Lungenentzündung können in solchen Fällen auftreten und sogar lebensbedrohlich sein.

Die Grippeimpfung kann hier entscheidend helfen: Sie schützt vor den häufigsten Grippeviren und reduziert das Risiko, sich mit Influenza anzustecken. Laut der Ständigen Impfkommission (STIKO) wird die jährliche Grippeimpfung jenen Kindern ab sechs Monaten empfohlen, die aufgrund einer Vorerkrankung ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf haben. Dazu gehören zum Beispiel Kinder mit chronischen Atemwegserkrankungen, Herzkrankheiten oder geschwächtem Immunsystem.

Doch auch Kinder ohne Vorerkrankungen profitieren von der Grippeimpfung. Eine gesunde Grippeinfektion kann zwar bei Kindern milder verlaufen, führt aber dennoch zu Symptomen wie hohem Fieber, Muskel- und Gliederschmerzen sowie langanhaltender Erschöpfung. Darüber hinaus besteht auch hier die Gefahr, andere zu infizieren, vor allem Risikogruppen wie ältere Menschen oder immungeschwächte Personen.

Imfung für Schwangere schützt auch Neugeborene

Durch die Grippeimpfung der Mutter werden in der Regel Antikörper an das ungeborene Kind weitergegeben, so dass der Säugling in den ersten Lebensmonaten vor der Influenza weitgehend geschützt ist. Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass eine Grippeimpfung in der Schwangerschaft zu weniger Grippeerkrankungen und zu weniger Klinikeinweisungen von Säuglingen führt. Da Säuglinge erst ab dem sechsten Monat selbst gegen Grippe geimpft werden dürfen, empfiehlt die STIKO für gesunde Schwangere eine Impfung ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel. Diese Impfung der werdenden Mutter ist deshalb bedeutsam, weil bei Neugeborenen mit ihrem schwachen Immunsystem eine Influenza erhöhte Komplikationen verursachen kann.

Laut RKI (Stand Kalenderwoche 50 im Jahr 2025) nur 23 Prozent der Schwangeren im Alter von 15 bis 49 Jahren gegen Influenza geimpft. Für die meisten Neugeborenen bestand also kein Impfschutz gegen Influenza-Viren.

Impfmuffel in Baden-Württemberg

Sieht man sich in der weiteren Region von Vital-Region.de um, muss man feststellen, dass hier die Grippeimpfung offenbar keinen großen Anklang findet. In den beiden Städten Pforzheim und Heilbronn ist der Anteil der gegen Influenza geimpften Menschen ab 60 Jahre gleich hoch – und damit auch gleich schlecht. In den Hochzeiten der Coronapandemie teilten sich diese beiden Städte monatelang den ersten Platz im Rennen um den höchsten Anteil von Coronainfizierten. Das lang damals auch an einer vergleichsweise ausgeprägten Impfzurückhaltung. Dieser Trend macht sich nun ebenfalls bei der Grippeimpfung bemerkbar. Deutlich schlechter schneiden da allerdings noch die Landkreise Heilbronn, Calw und Freudenstadt ab.

Vorbildlich sind die Karlsruher. Ihre Quote von 34,5 Prozent von geimpften Über-60-Jährigen ist regional schon ein sehr guter Wert. Deutschlandweit aber reicht es nur zu Platz 242 unter 400 Stadt- und Landkreisen. Da gibt es also noch viel Luft nach oben bei den Grippeimpfungen.

Für den Schutz dieser besonders vulnerablen Personen stehen gut wirksame Impfstoffe zur Verfügung. Influenza-Impfungen sind Pflichtleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung und damit für Versicherte, die zu den von der STIKO empfohlenen Gruppen gehören, kostenlos. Übrigens: Die Impfungen gegen Influenza und COVID-19 können gleichzeitig, also beim selben Termin, verabreicht werden und werden sowohl von Ärzten als auch von Apotheken angeboten. pm/tok

Stadt- und LandkreisAnteil der Menschen ab 60 Jahren,
die in der Saison 2023/24 gegen
Grippe geimpft waren
Unter 400 deutschen Stadt- und Landkreisen
belegen diese Kreise den folgenden Rang
bei den anteiligen Grippegeimpften
Karlsruhe34,5 %242
Landkreis Karlsruhe27,2 %321
Stuttgart26,5 %325
Pforzheim23,3 %350
Heilbronn23,3 %352
Enzkreis22,4 %359
Landkreis Böblingen21,3 %366
Landkreis Ludwigsburg21,0 %372
Landkreis Heilbronn18,6 %383
Landkreis Calw17,8 %386
Landkreis Freudenstadt15,4 %392