Am 23. März werden fast alle Apotheken in Deutschland streiken. Die Arzneimittelversorgung bleibt nur über die Notdienstapotheken aufrechterhalten. Foto: bnenin/stock.adobe.com/ABDA Bundesvgg. Dt. Apothekerverbände/Montage-PZ

Am 23. März keine Medikamentenabgabe: Nationaler Streik gegen das ungebremste Apothekensterben

„Wir wollen nur, dass die Bundesregierung ihre Versprechen im Koalitionsvertrag einhält“, sagt der Pforzheimer Apotheker Christian Kraus im Interview mit der „Pforzheimer Zeitung“. Und das scheint nicht ohne Nachdruck zu gehen. Deshalb werden die Apothekenteams in ganz Deutschland am kommenden Montag (23. März) für eine Stärkung der Apotheken vor Ort protestieren und streiken. Zum Protesttag gehören neben den bundesweiten Apothekenschließungen auch vier zentrale Kundgebungen und Demonstrationen in Berlin, München, Düsseldorf und Hannover.

Etwa 77 Prozent der Bürger unterstützen die Streik-Forderungen und stellen sich damit hinter die Apotheke ihres Vertrauens. Bildrechte/Fotograf: Engelhard/Martin Gorka

13 Jahre unverändertes Honorar bei drastischen Kostensteigerungen

Als Beirat im Landesapothekerverband weiß Kraus, dass Apotheken nicht nur in Baden-Württemberg ums Überleben kämpfen. Seit 13 Jahre wurde das Honorar für die Medikamentenausgabe nicht erhöht, während Personalkosten um 78,8 Prozent sowie Betriebs- und Sachkosten um 47,3 Prozent gestiegen sind. Ein stagnierendes Einkommen bei massiv gestiegenen Kosten und der Konkurrenzdruck durch vom Ausland operierende und nicht den klassischen, aber auch finanziell aufwändigen Kundenservice vor Ort bietende Versandapotheken führen schon seit Jahren zu einem krassen Apothekensterben in Deutschland.

„Wegen der chronischen Unterfinanzierung müssen jedes Jahr hunderte Apotheken schließen. Seit 2013 haben wir rund 20 Prozent aller Apotheken verloren — für die Menschen in den Städten und auf dem Land verlängern sich somit die Wege zur nächsten Apotheke“, sagt Thomas Preis, Präsident der ABDA –Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Immerhin habe die Bundesgesundheitsministerin Nina Warken mehrfach öffentlich angekündigt, dass sie die Apotheken wirtschaftlich stabilisieren wolle und die Erhöhung der Honorierung per Verordnung festlegen werde. 

Das sei wichtig, weil der demografische Wandel und die Krisenresilienz der Arzneimittelversorgung sehr gewichtige Argumente für „starke, heilberuflich geführte Apotheken“ seien. Diese brauche man in Zukunft noch vermehr, da sie noch mehr Aufgaben im Gesundheitswesen übernehmen sollen. „Aber Apotheken gibt es nicht zum Nulltarif! Wir sind überzeugt davon, die Bürgerinnen und Bürger an unserer Seite zu wissen. Das zeigt auch die starke Resonanz auf unsere derzeit laufende Online-Petition. Bürgerinnen und Bürger wollen und brauchen starke Apotheken“, so ABDA-Präsident Preis.

In 15 Jahren ein Viertel der Apotheken im Südwesten verloren

Die vier Apotheken von Kraus im Raum Pforzheim bleiben also wie fast alle Apotheken am Montag im Land geschlossen. Aber nur für diesen Tag. Dass Apotheken für immer schließen, ist inzwischen aber traurige Normalität. In den vergangenen 15 Jahren haben in Baden-Württemberg rund 25 Prozent der Apotheken geschlossen. Innerhalb von zehn Jahren verschwand jeder sechste Standort. Und ein Ende dieses Apothekenschwunds ist vorerst nicht in Sicht.

Laut ABDA schließt in Deutschland mindestens eine Apotheke pro Tag. 2024 waren es 578 Apotheken und längst nicht für alle gab es eine Übernahme oder ein Ersatzangebot. Für Preis steht fest: „Die Situation unserer Apotheken und somit die Arzneimittel- und Gesundheitsversorgung der Menschen in Deutschland ist schon seit Jahren angespannt. Denn die letzte Honorarerhöhung für die Apotheken hat es vor 13 Jahren gegeben – obwohl die Betriebskosten im selben Zeitraum um mehr als 65 Prozent angestiegen sind! Mit unserem Protesttag wollen wir die Gesellschaft auf diese untragbare Situation aufmerksam machen.“

Mehr als 160.000 Beschäftige sind von der Notlage der Apotheken betroffen oder bedroht. Und der Erfolg der Online-Versandapotheken, steuerlich in den Niederlanden registriert und von vielen Auflagen befreit, erschwert das Überleben der Apotheken vor Ort zusätzlich. Die teure Grundversorgung mit den wichtigen Beratungsleistungen, individuell in der Apotheke vor Ort und von Fachkräften zusammengestellten Spezialmedikamenten, Notdiensten oder Impfangeboten bleibt den kleinen Apotheken überlassen. Dieser enorme Servicemehrwert muss aber auch finanziert werden. Auch das wird bei den Streik- und Protestaktionen thematisiert.  

Notdienstapotheken garantieren Akutversorgung

Zur Akutversorgung mit dringenden Medikamenten am Protesttag stehen rund um die Uhr über 1000 Notdienstapotheken bundesweit bereit. Die ABDA rät Patienten, nicht akut notwendige Rezepte noch vor dem Protesttag einzulösen oder dann wieder ab Dienstag, 24. März. 

Beunruhigende Zahlen: Apothekensterben in Deutschland  

Zum Jahresende 2025 gab es bundesweit nur noch 16.601 Apotheken. Das sind 440 Apotheken oder 2,6 Prozent weniger als Ende 2024 (17.041). Den 502 Apothekenschließungen in Deutschland standen lediglich 62 Neueröffnungen im Laufe des Jahres 2025 gegenüber. Das zeigen Zahlen der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände auf Basis von Meldungen der Landesapothekerkammern. 
Mittlerweile ist der niedrigste Stand an Apotheken seit fast 50 Jahren erreicht – im Jahr 1977 gab es in Ost- und Westdeutschland zusammen 16.374 Apotheken. 
Seit der Umstellung der Arzneimittelpreisverordnung auf das heute fixe Packungshonorar vor 22 Jahren gab es eine einzige Erhöhung: 2013 wurde die Vergütung minimal um 3,1 Prozent erhöht. Dieser Stillstand hat zur Folge, dass seit 2013 jede fünfte Apotheke schließen musste (minus 19,7 Prozent). Damals gab es 20.662 Apotheken in Deutschland – das waren 4061 Apotheken mehr als heute.

Diese Apotheken sollen laut PZ-Informationen und Christian Kraus am Montag in Pforzheim und dem Enzkreis geschlossen bleiben:

Apotheke am Markt, Brötzingen

Apotheke im Arlinger

Apotheke im Kaufland, Brötzingen

Center-Apotheke im Kaufland, Wilferdinger Höhe

Central Apotheke, Pforzheimer Fußgängerzone

Stadtapotheke, Pforzheimer Fußgängerzone

Reuchlin Apotheke, Pforzheimer Fußgängerzone

Pregizer Apotheke am Leopoldplatz

Hebel-Apotheke, Ärztezentrum Simmlerstraße

Tiergarten-Apotheke, Haidach

Schlössle-Apotheke, Schlössle-Galerie

Enztal Apotheke

Nordstadt Apotheke

Löwen Apotheke

Paracelsus Apotheke

Hohenzollern Apotheke

Neue Apotheke Eutingen

Rats Apotheke Eutingen

Kirnbach Apotheke und Linden Apotheke, Niefern-Öschelbronn

Vita Apotheke, Straubenhardt

Apotheke Butz, Huchenfed

Falken Apotheke, Büchenbronn

Schloss Apotheke, Bauschlott

Apotheke im Centrum, Birkenfeld

Markt Apotheke, Birkenfeld

Schwarzwald Apotheke, Straubenhardt-Schwann

Den Notdienst in Pforzheim übernimmt am Montag die Christoph-Apotheke in der Pforzheimer Nordstadt, auch in Stupferich, Heimsheim und Gondelsheim bleiben Apotheken geöffnet.  pm/Koß/tok