
Zwischen 2 % und 4 % der Erwachsenen in Deutschland sind von ADHS betroffen und leben oft in einem Emotions- und Alltagschaos. ADHS kann zwar nicht geheilt werden, aber wenn die Störung diagnostiziert ist, kann man sie mit speziellen Therapien sehr gut kontrollieren. Foto: Berit Kessler/stock.adobe.com
ADHS-Screening: Einfacher Test hilft, Fehldiagnosen zu vermeiden und Betroffene früher zu erkennen
Wer ADHS hört, denkt oft an Zappelkinder. Dabei betrifft die Störung auch viele Erwachsene, deren Probleme bis ins Berufs- und Familienleben hineinreichen. Doch noch immer bleibt die Diagnose bei den meisten ungestellt. Nicht immer funktioniert es so wie beim österreichischen Schauspieler Simon Schwarz aus den Franz-Eberhofer-Krimis, der vor einigen Jahren einen Artikel über die Krankheit ADHS bei Erwachsenen las und dann plötzlich erkannte, warum es in seinem Leben so chaotisch zugegangen ist. Die späte Diagnose und damit verbundene Therapie hilft ihm jetzt, sein Leben besser in den Griff zu bekommen.
Sechs Fragen, ankreuzen und eine erste Orientierung erhalten
Wie kann man hierzulande einen leichten, schnellen und niederschwelligen Weg zu einer ADHS-Diagnose finden? Ein Forschungsteam um Dr. Cora Ballmann (München) hat die deutsche Version des ADHS-Fragebogentests ASRS-5 der Weltgesundheitsorganisation WHO geprüft und kam zu einem klaren Ergebnis: Der kurze WHO-Fragebogen ist ein zuverlässiges und praktikables Instrument, gerade in der hausärztlichen Versorgung. Er liefert den Menschen erste Hinweise auf ein ADHS-Problem. Eine Diagnose aber müssen und können nur Ärzte treffen, die ebenfalls diesen Test bei ihren Patienten als Orientierung einsetzen können.
Der Charme des Tests liegt in seiner Schlichtheit: Sechs Fragen, ein Ankreuzschema, Auswertung in Sekunden. Er ist kostenlos verfügbar, in zahlreichen Sprachen abrufbar und kann ohne technischen Aufwand in jeder Praxis eingesetzt werden – von der Ärztin selbst oder durch die Medizinische Fachangestellte. Online findet man ihn hier auf einer Webseite des Expertenrats ADHS. Liegen mindestens vier Kreuzchen in der markierten Zone, sollte genauer hingesehen werden. So können Patienten einen Hinweis auf eine mögliche Ursache ihrer Probleme bekommen und Hausärzte können mit minimalem Zeitaufwand einen Anfangsverdacht erhärten und Patienten in die richtige Richtung eines Facharztes lotsen.
Das ADHS-Beispiel Simon Schwarz
In der Schule galt er als sozial nicht integrationsfähig und nicht beschulbar. Nachdem er sechs Mal die Schule wechseln musste, ging Simon Schwarz mit 17 ohne Abschluss ab. Er hatte Mühe, seine Emotionen zu kontrollieren, flippte schnell aus. Seitdem Simon Schwarz die ADHS-Diagnose bekommen hat, kann der Film- und Theaterschauspieler besser mit bestimmten Situationen umgehen.
Zwischen 20 Prozent und 30 Prozent der ADHS-Betroffenen leiden auch im Erwachsenenalter unter den Symptomen dieser Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. 2 Prozent bis 4 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind von ADHS betroffen. Ihr Schicksal: ADHS kann nicht geheilt werden. Das Positive: Ist die Störung diagnostiziert, kann man diese mit speziellen Therapien sehr gut kontrollieren und damit den Alltag mit seinen vielen Herausforderungen bewältigen.
Screening ersetzt kein Gespräch
Doch Screening ist nicht gleich Diagnose. Darauf weist auch der niedergelassene Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Dr. Matthias Rudolph (Boppard), Mitglied im Expertenrat ADHS, hin: „Natürlich gibt es Patientinnen und Patienten, die sich stark eine Erklärung für ihre Probleme wünschen – und dann tendieren, die Fragen entsprechend anzukreuzen.“ Deshalb sei das Gespräch unverzichtbar. Wer von Schwierigkeiten berichtet, sollte konkrete Alltagsbeispiele nennen können: verpasste Rechnungen, Konflikte am Arbeitsplatz, gescheiterte Beziehungen. Nur so zeigt sich, ob es sich um normale Zerstreutheit oder eine behandlungsbedürftige Störung handelt.
Das Screening entfaltet damit seinen größten Nutzen im Zusammenspiel von Papier und Dialog. Für Hausärzte bedeutet das: weniger Frust mit „Dauerkunden“, die wiederholt mit unspezifischen Beschwerden erscheinen, und mehr Klarheit, wann eine Überweisung an Fachärzte sinnvoll ist. Für Betroffene heißt es: ernst genommen werden, eine strukturierte Abklärung erhalten – und im besten Fall früher die Hilfe bekommen, die ihr Leben stabilisieren kann.
Gewinn auch bei falschem Verdacht
Die Studie zeigt zudem, dass auch die Spezifität des ASRS-5 solide ist – rund 72 Prozent. Das bedeutet: Nicht jeder Verdacht bestätigt sich. Aber selbst in Fällen, in denen sich keine ADHS-Diagnose ergibt, ist der Test ein Gewinn. Denn er führt dazu, dass andere Ursachen von Erschöpfung, Konzentrationsproblemen oder Stimmungsschwankungen überhaupt erst erkannt werden. Patienten profitieren so von einer gezielteren weiteren Abklärung, anstatt jahrelang ohne Erklärung zu bleiben.
Auch wirtschaftlich ist der Einsatz sinnvoll: Der Fragebogen kostet nichts, spart aber Zeit und reduziert das Risiko, dass echte ADHS-Fälle übersehen werden. Für die hausärztliche Praxis ergibt sich ein klarer Vorteil: einfache Handhabung, minimaler Aufwand, spürbarer Nutzen.
Am Ende gilt: Screening ersetzt keine fachärztliche Diagnose, doch es eröffnet Chancen für alle Beteiligten. Ärzte erhalten ein handliches Werkzeug für den Praxisalltag. Patienten gewinnen Klarheit und Zugang zu einer möglichen Behandlung. Und die Gesellschaft profitiert, wenn weniger Menschen durch unerkanntes ADHS in Krisen, Suchterkrankungen oder berufliche Brüche geraten. Win-win für Hausärzte, Betroffene und das Gesundheitssystem.
Warum ist eine ADHS-Diagnose so wichtig?
Eine 2023 veröffentlichte Studie des Lehrstuhls für Epidemiologie der Universität Augsburg in der renommierten Zeitschrift BMJ Mental Health konnte zeigen, dass ADHS mit schweren Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen, der Essstörung Anorexia nervosa und Selbstmordversuchen in Verbindung steht.„Unsere Studie liefert neue Erkenntnisse über das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen psychiatrischen Störungen, die im Zusammenhang mit ADHS stehen“, erklärt Dr. Dennis Freuer, verantwortlich für die statistischen Analysen und Ko-Autor der Studie.
„So gibt es Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen ADHS und einer schweren klinischen Depression. Beide psychischen Störungen können einzeln und gemeinsam das Risiko für eine posttraumatische Belastungsstörung bzw. einen Suizidversuch vergrößern. Ein erhöhtes Risiko für Anorexia nervosa kann jedoch ausschließlich auf ADHS zurückgeführt werden. Auf der anderen Seite gab es keine Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen ADHS und bipolaren Störungen, Angstzuständen sowie Schizophrenie“, so Freuer. „Diese Studie eröffnet neue Einblicke in die Wege zwischen psychiatrischen Störungen. Daher sollten Patientinnen und Patienten mit ADHS in der klinischen Praxis auf die in dieser Studie untersuchten psychiatrischen Störungen überwacht und gegebenenfalls Präventivmaßnahmen eingeleitet werden“, erklärt Prof. Christine Meisinger, Wissenschaftlerin am Lehrstuhl für Epidemiologie und Erstautorin der Studie. pm/tok
Info
Hier geht es zum WHO Screening-Test beim Expertenrat ADSH.
Hier hören Sie den Podcast „ADHS: Kein Grund zur Panik!“ Mit der Folge Verdacht auf ADHS? Diagnostik bei Erwachsenen