
Alkohol gehört für viele zum Feiern dazu, gerade auch bei Betriebs- und Weihnachtsfeiern. Beim geselligen Trinken im Kollegenkreis ist es wegen des Gruppenzwangs oft schwierig, abstinent zu bleiben beim. Rund jeder Zehnte hat Angst, als Außenseiter dazustehen und fast jeder Fünfte trinkt einfach mit, weil es die Freunde auch tun. Foto: deagreez/stock.adobe.com
Wer nicht mittrinkt, fällt auf: Die erstaunlichen Zahlen einer neuen Alkohol-Studie
Alkohol gehört für die große Mehrheit der Deutschen selbstverständlich zum gesellschaftlichen Leben: 86 Prozent konsumieren grundsätzlich alkoholische Getränke, nur 14 Prozent sind abstinent. Wer darauf verzichtet, muss sich jedoch häufig erklären: 42 Prozent haben sich schon einmal dafür rechtfertigen müssen. Dabei empfinden viele den Alkoholkonsum anderer als unangenehm: 46 Prozent haben eine Feier oder Party bereits einmal früher verlassen, weil andere dort zu betrunken waren. Auch weitere Schattenseiten wie Aggressivität oder übergriffiges Verhalten mussten viele Deutsche miterleben.
Das sind Ergebnisse der Studie „Alkohol in Alltag, Familie und Beruf“ der Krankenkasse Pronova BKK, für die 1228 Frauen und Männer ab 18 Jahren befragt wurden.
86 Prozent der Deutschen konsumieren grundsätzlich alkoholische Getränke
Von 86 Prozent der Deutschen, die grundsätzlich alkoholische Getränke konsumieren, trinken 38 Prozent mindestens einmal pro Woche Alkohol. Zwischen den Geschlechtern bestehen dabei große Unterschiede in diesem regelmäßigen Konsum: Jeder zweite Mann, aber nur knapp mehr als jede vierte Frau greift einmal oder sogar mehrmals pro Woche zu Getränken wie Bier, Sekt oder Schnaps.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Vor allem trinken die Deutschen, weil es für 39 Prozent bei Geburtstagen oder Feierlichkeiten einfach dazu gehört.
Antialkoholiker und Außenseiter – was soziale Normen und Gruppenzwang anrichten
„Weil Alkohol in unserer Gesellschaft stark in bestimmte soziale Situationen verankert ist, wird das Thema in vielen Kontexten nicht als bewusste Entscheidung wahrgenommen, sondern normalisiert. Wenn etwas als soziale Norm gilt, entsteht oft die unausgesprochene Erwartung, dass sich alle daran orientieren“, sagt Patrizia Thamm, Referentin der Gesundheitsförderung bei der Pronova BKK, Wirtschaftspsychologin sowie Trainerin für Resilienz und Achtsamkeit. „Dazu kommt auch ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Gemeinsames Trinken kann ein soziales Ritual sein und Verbundenheit signalisieren, Verzicht wird dann als Abgrenzung wahrgenommen.“
Rund jeder Zehnte hat Angst, als Außenseiter dazustehen und fast jeder Fünfte macht einfach mit, weil es die Freunde auch tun. Denn, wer auch nur manchmal verzichtet, fühlt sich oft zu einer Rechtfertigung gedrängt. 31 Prozent der Deutschen mussten sich sogar bereits mehrfach erklären, weil sie einen Drink abgelehnt haben. „Dabei sollte Alkoholverzicht nicht begründet werden müssen. Eigentlich ist nicht der Alkoholverzicht fragwürdig, sondern die gesellschaftliche Erwartung, dass Trinken der Normalfall ist“, erklärt Patrizia Thamm.
Abstinent bleiben beim geselligen Trinken im Kollegenkreis? Der gesellschaftliche Druck endet nicht an der Bürotür. Laut Pronova BKK befürchtet ein Viertel der befragten Berufstätigen berufliche Nachteile, wenn sie mit Kollegen keinen Alkohol trinken. Ob solche Nachteile tatsächlich eintreten, wurde mit der Befragung allerdings nicht nachgewiesen.

Alkohol ist ein Zellgift und kann süchtig machen
Aus gesundheitlicher Sicht gibt es gute Gründe, Alkohol auch ohne konkreten Anlass abzulehnen. Alkohol ist ein Zellgift und kann unter anderem Leber, Herz-Kreislauf-System und Nervensystem schädigen. Außerdem erhöht Alkoholkonsum das Risiko verschiedener Krebserkrankungen, darunter Brustkrebs sowie Krebs der Mundhöhle, der Speiseröhre und des Darms. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt deshalb, auf alkoholische Getränke zu verzichten. Eine gesundheitlich risikofreie Trinkmenge lässt sich nicht festlegen.
Alkohol als Belohnung? Da ist der Weg zur Abhängigkeit nicht weit
Fast drei von zehn Befragten trinken Alkohol, um sich beispielsweise nach einem anstrengenden Tag zu belohnen. Etwa ein Viertel greift zum Alkohol, um lustiger und geselliger zu werden. Pronova-BKK-Expertin Thamm rät: „Wenn ich nach einem anstrengenden Tag regelmäßig ein Glas Alkohol trinke, und dabei Entspannung erlebe, verbinde ich den Feierabend mit dieser Belohnung. Irgendwann löst schon die gewohnte Situation den Wunsch nach Alkohol aus. Wer dieses Muster verändern möchte, der sollte die Belohnung durch eine Alternative mit derselben Funktion ersetzen. Das kann Sport, ein kurzer Spaziergang mit dem Lieblingspodcast oder ein bewusster Genussmoment mit einem leckeren Essen sein. Entscheidend ist, dass diese Alternativen Entspannung oder Belohnung bieten. Durch regelmäßige Wiederholung können sie sich mit der Zeit als neue Gewohnheiten festigen.“
Wer gelegentlich nach einem anstrengenden Tag am Feierabend ein Glas Wein oder Bier trinkt, ist deshalb nicht automatisch alkoholabhängig. Aufmerksamkeit ist aber angebracht, wenn Alkohol zunehmend zur Bewältigung von Stress, Ärger oder Schlafproblemen eingesetzt wird, die Trinkmenge steigt oder ein Verzicht schwerfällt. Eine Alkoholabhängigkeit wird anhand mehrerer diagnostischer Merkmale beurteilt und lässt sich nicht allein aus der Häufigkeit des Trinkens ableiten.

Jüngere und Männer berichten häufiger von aggressivem Verhalten unter Alkoholeinfluss
Alkohol sorgt aber nicht nur für die gewünschte Entspannung und Geselligkeit. Nach dem Konsum sinken nicht selten auch die Hemmschwellen. Alkohol beeinflusst die Signalverarbeitung im Gehirn. Bereits bei vergleichsweise geringen Mengen können Aufmerksamkeit, Urteilsvermögen und Selbstkontrolle nachlassen. Mit zunehmender Alkoholisierung werden Situationen häufiger falsch eingeschätzt, Risiken unterschätzt und Impulse schlechter kontrolliert. Das kann Konflikte begünstigen. Alkohol macht jedoch nicht jeden Menschen aggressiv: Persönlichkeit, Stimmung, Erwartungen und die jeweilige Situation spielen ebenfalls eine Rolle.
Drei von zehn Befragten der Gen Z haben bereits unter Alkoholeinfluss Partner oder Partnerin betrogen. Mitunter schlägt die Stimmung auch in Aggression um. Mehr als jede fünfte Person ist unter der Wirkung von Bier, Schnaps, Sekt und Co. schon unangemessen aggressiv geworden. Besonders häufig geben dies die Jüngeren an: 37 Prozent der 18- bis 30-Jährigen und 33 Prozent der 31- bis 45-Jährigen wurden im Rausch schon unangemessen aggressiv. Auch körperliche Auseinandersetzungen kommen bei 30 Prozent der Männer unter Alkoholeinfluss vor, bei Frauen sind es 18 Prozent.
Häufige Übergriffe von Betrunkenen
Doch die Befragten werden nicht nur selbst unter Alkoholeinfluss aggressiv, sondern erleben auch Gewalt durch andere: Jeder Dritte wurde bereits mindestens einmal von alkoholisierten Personen angegriffen. Menschen zwischen 18 und 45 Jahren sind mit rund 45 Prozent besonders betroffen. Bei den über 60-Jährigen berichten 20 Prozent von solchen Erfahrungen.
Mehr als ein Drittel der befragten Frauen berichtet, schon mindestens einmal von einer alkoholisierten Person sexuell belästigt worden zu sein. Etwa die Hälfte dieser betroffenen Frauen gibt an, solche Übergriffe mehrfach erlebt zu haben. Auch 19 Prozent der Männer geben das an. Besonders brisant sind die Erfahrungen junger Beschäftigter: Vier von zehn befragten Berufstätigen zwischen 18 und 30 Jahren berichten laut Pronova BKK von sexueller Belästigung auf Betriebsfeiern unter Alkoholeinfluss.

Info
Für die repräsentative Studie „Alkohol in Alltag, Familie und Beruf“ der Pronova BKK wurden 1228 Frauen und Männer ab 18 Jahren im Juli und August 2026 online befragt. Darunter befinden sich 400 Personen der Generation Z im Alter von 30 Jahren oder jünger. Die Befragung untersucht, wie in Deutschland mit dem Thema Alkohol umgegangen wird und wie die persönlichen Erfahrungen der Befragten mit Alkohol sind. Dabei wird auch der Konsum von Alkohol im geschäftlichen Umfeld beleuchtet. Die Ergebnisse beruhen auf Selbstauskünften einer Onlinebefragung. Sie beschreiben die Erfahrungen und Angaben der Teilnehmenden, nicht medizinisch überprüfte Diagnosen oder polizeilich erfasste Gewalttaten. Zudem können Erinnerungsfehler und die Bereitschaft, persönliche Erfahrungen offenzulegen, die Ergebnisse beeinflussen. Mehr zur Pronova BKK lesen Sie hier. pm/tok