
In einem extremen Hitzedom-Szenario werden in Deutschland Zehntausende Todesfälle innerhalb weniger Tage als möglich beschrieben. Auf so ein Szenario ist Deutschland nicht vorbereitet. Foto: Satjawat/stock.adobe.com
Hitzeaktionstag: 40 Grad im Schatten sind kein Sommerspaß, sondern ein Gesundheitsrisiko
Extreme Hitze wird auch in Baden-Württemberg zunehmend zur ernsthaften Gesundheitsgefahr. Anlässlich des bundesweiten Hitzeaktionstags am 11. Juni fordert Gesundheitsminister Oliver Hildenbrand mehr Vorsorge und Aufmerksamkeit – und stellt den Schutz der Bevölkerung in den Mittelpunkt. „Hitze ist kein Sommerphänomen, sondern ein wachsendes Gesundheitsrisiko“, sagt der Minister. „Wir erleben immer frühere, längere und intensivere Hitzewellen. Darauf müssen wir uns konsequent vorbereiten: in den Kommunen, in Einrichtungen und im Alltag jeder und jedes Einzelnen.“
Hitze in Baden-Württemberg nicht unterschätzen
Bereits Ende Mai und damit ungewöhnlich früh gab es dieses Jahr die erste Hitzewelle im Südwesten. Hält die Hitze über mehrere Tage und Nächte an, kann sich der Körper nicht erholen. Die Folgen für die Bürger sind vielfältig: Sie reichen von Erschöpfung, Kreislaufproblemen und Dehydrierung bis hin zu schweren gesundheitlichen Notfällen und erhöhter Sterblichkeit. „Die größte Gefahr ist, dass wir Hitze unterschätzen“, sagte Hildenbrand weiter.
„Unser Ziel ist klar: Wir möchten bestmöglich über die Gefahren von Hitze aufklären und die Kommunen und Einrichtungen im Land beim Hitzeschutz unterstützen. Wir begrüßen, dass es bereits Vorreiterkommunen gibt, die Hitzewellen in ihre Krisenvorbereitung aufgenommen haben. Nun gilt es, die Bürgerinnen und Bürger im Land abzuholen, damit alle wissen, wie sie sich bei extremer Hitze schützen können.“
Der Minister betonte auch die besondere Verantwortung für gefährdete Gruppen: Ältere Menschen, Pflegebedürftige, Säuglinge, Kleinkinder und Menschen mit Vorerkrankungen brauchen unseren besonderen Schutz. Zu den Risikogruppenzählen auch obdachlose Menschen sowie Personen, die im Freien und/oder körperlich schwer arbeiten. Hitzeschutz ist immer auch eine ganz konkrete Frage der Solidarität.
Auch die Fachpartner des Aktionsbündnisses Klimawandel und Gesundheit unterstreichen die Dringlichkeit:
Dr. Robin Maitra (Landesärztekammer): „Der Hitzeaktionstag ist ein Zeichen für den Gesundheitsschutz. Hitzetage sind keine Theorie, sondern eine reale Gefahr für alle. Denn Kreislaufprobleme, Dehydrierung und gesundheitliche Notfälle können schwerwiegende Konsequenzen haben. Mehr Aufmerksamkeit und besserer Hitzeschutz gehen daher uns alle an. Zudem ist solidarisches Handeln notwendig, um gerade die Gesundheit besonders gefährdeter Menschen wirksam zu schützen.“
Dr. Erik Nordmann (Landespsychotherapeutenkammer): „Leider wird oft zu wenig beachtet, dass Hitzetage nicht nur eine Gefahr für die körperliche Gesundheit sind, sondern auch für die Psyche. Auch gesunde Menschen reagieren oft mit einer Abnahme der psychischen Belastbarkeit und Konzentration. Die geistige Leistungsfähigkeit wird beeinträchtigt, während Reizbarkeit und psychische Labilität zunehmen. Bei schon vorher bestehenden psychischen Problemen und Störungen wie Depressionen oder Ängsten droht unter Umständen eine riskante Zunahme der Symptome. Deshalb sind Aufklärung und präventive Schutzmaßnahmen auch für unsere Psyche wichtig.“
Dr. Björn Schittenhelm (Landesapothekenkammer): „Die Risiken von Hitze bei verschiedenen Arzneimitteltherapien werden häufig unterschätzt. Nicht nur Arzneimittel selbst müssen stets unter 25°C oder teilweise gekühlt gelagert werden, auch bei der Einnahme haben hohe Temperaturen Auswirkungen auf den Körper. Manche Arzneimittel senken die Temperaturresilienz oder sorgen dafür, dass schneller ein Sonnenbrand entsteht. Patientinnen und Patienten sollen sich daher unbedingt verstärkt beraten lassen, wenn das Thermometer hohe Temperaturen anzeigt.“
Die Zukunft wird heiß
Dr. Stefan Muthers vom Deutsche Wetterdienst (DWD) wirft einen Blick auf vergangene sowie kommende Hitzewellen: „Der Klimawandel ist in vollem Gange. Wir beobachten weltweit regelmäßig neue und immer extremere Hitzewellen. Auch in Baden-Württemberg müssen wir uns bereits heute auf neue Hitzerekorde einstellen und uns als Gesellschaft entsprechend darauf vorbereiten. Als Deutscher Wetterdienst werden wir demnächst eine dritte Hitzewarnstufe etablieren, um die Bevölkerung frühzeitig vor extremen Hitzewellen zu warnen.“
Hitzeschutz in Krisenvorsorge und Katastrophenschutz aufnehmen
Mehr als 150 Organisationen aus Gesundheitswesen, Pflege, Wohlfahrt und Zivilgesellschaft warnen gemeinsam: Deutschland ist auf Extremhitze als Krisenlage bislang nicht ausreichend vorbereitet. Sie fordern daher, Hitzeschutz verbindlich als Bestandteil des Katastrophenschutzes zu verankern.
Was passiert, wenn wir im Rheintal über 14 Tage Höchsttemperaturen bis zu 44 Grad haben, Rettungsdienste überlastet, Notaufnahmen überfüllt sind? Einzelne Pflegeheime evakuiert werden müssen? In einem extremen Hitzedom-Szenario werden in Deutschland Zehntausende Todesfälle innerhalb weniger Tage als möglich beschrieben. Auf so ein Szenario ist Deutschland nicht vorbereitet. Unter dem Motto „Gemeinsam vorsorgen gegen Extremhitze“ ruft daher ein breites Bündnis dazu auf, den gesundheitsbezogenen Hitzeschutz in Deutschland konsequent und flächendeckend umzusetzen. Ziel ist es, Hitze systematisch in Krisenvorsorge, Gesundheitsversorgung und Katastrophenschutz zu integrieren.
Zu den Initiatoren zählen die Bundesärztekammer, die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG), die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Deutsche Pflegerat, der GKV-Spitzenverband, die Klima-Allianz Deutschland sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Insgesamt haben sich über 150 Institutionen und Verbände angeschlossen.
Todesfälle und wirtschaftlicher Schaden durch Hitze
Mit zunehmender globaler Erwärmung steigen Häufigkeit, Dauer und Intensität von Hitzeperioden. Das konnte man zuletzt in der extremen Hitzewelle in Europa beobachten, unter anderem in Frankreich – und das Ende Mai, bevor der Sommer offiziell begonnen hat. Solche stabilen Hochdrucklagen mit sehr hohen Temperaturen ohne nächtliche Abkühlung sind besonders gefährlich und können zu einer drastischen Zunahme hitzebedingter Todesfälle führen. Sie stellen ein hohes Risiko für vulnerable Gruppen dar und belasten zugleich Gesundheitswesen, Pflege, soziale Einrichtungen und kritische Infrastruktur.
Auch wirtschaftliche Schäden nehmen in solchen Phasen deutlich zu. Für Deutschland werden in aktuellen Szenarien hitzebedingte Verluste von rund 112,5 Milliarden Euro innerhalb weniger Jahre erwartet. Um die Dimension zu verdeutlichen: Das entspricht fast dem Dreifachen der gesamten Schäden der historischen Ahrtal-Flutkatastrophe von 2021 (etwa 40,5 Milliarden Euro).
Krisenresilientes Deutschland muss Hitze systematisch mitdenken
Wer Deutschland krisenresilient machen will, muss Hitze und andere Extremwetterlagen systematisch mitdenken. Zwar wurden in den vergangenen Jahren erste wichtige Schritte im Hitzeschutz unternommen. Doch für ausgeprägte, mehrtägige oder sich überlagernde Extremhitzelagen sind Politik, Verwaltung, Institutionen und Bevölkerung bislang nicht vorbereitet und die Tragweite der Ereignisse wird unterschätzt.
Gemeinsam fordert das Bündnis daher:
- Die verbindliche Integration von Extremhitze in Krisenvorsorge und Katastrophenschutz
- Klare Zuständigkeiten auf allen Ebenen von Bund, Ländern und Kommunen
- Effektive soziale Schutzstrukturen für Risikogruppen
- Eine gezielte Stärkung des Gesundheits-, Pflege- und Sozialwesens für Hitzelagen
- Finanzierung von Maßnahmen, zum Schutz von Menschen, Arbeitsabläufen, Gebäuden, Stadtteilen und Infrastruktur vor extremer Hitze sowie zur Sicherung ihrer Funktionsfähigkeit bei Hitzewellen
- Krisenresilienz bei Extremhitze ist keine ferne Zukunftsaufgabe. Sie ist eine unmittelbare öffentliche Verantwortung der Gegenwart.
Statements zum Hitzeaktionstag 2026:
Dr. Klaus Reinhardt (Präsident der Bundesärztekammer): „Deutschland ist auf Extremhitze als Krisenlage bislang nicht ausreichend vorbereitet. Längere und intensivere Hitzeperioden belasten insbesondere ältere, kranke und pflegebedürftige Menschen und stellen zugleich das Gesundheitswesen vor große Herausforderungen. Hitzeschutz muss deshalb verbindlich in Krisenvorsorge und Katastrophenschutz integriert werden. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen müssen auch unter Extrembedingungen leistungsfähig bleiben.“
Karsten Schwanke (Dipl.-Meteorologe und Wettermoderator): „Wir erleben weltweit eine Beschleunigung der Erwärmung. 2024 wurde global das erste Mal die 1,5-Grad-Marke gerissen, schon in wenigen Jahren werden wir die 2-Grad-Marke überschreiten. Die Folgen für Deutschland: Eine weitere starke Zunahme von Hitzetagen (über 30 °C) und extremen Hitzetagen (über 35 °C). Die Häufigkeit und Dauer von Hitzewellen wird zunehmen. Höchsttemperaturen von mehr als 40 Grad (im Schatten) werden wir immer häufiger erleben – selbst 45 Grad sind nicht mehr auszuschließen.“
Stefanie Drese (Ministerin für Soziales, Gesundheit und Sport in Mecklenburg-Vorpommern): „Die Auswirkungen von klimawandelbedingten Extremwetterlagen auf die Gesundheit sind bislang noch nicht ausreichend im öffentlichen Bewusstsein verankert. Besonders betroffen sind ältere und pflegebedürftige Menschen, chronisch Kranke, Schwangere, Kinder, aber auch Beschäftigte, die hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt sind. Vor allem diese Gruppen brauchen unsere Unterstützung für einen wirksamen Hitzeschutz, etwa durch hitzeresiliente Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, präventive Gesundheitskonzepte sowie eine stärkere Verankerung von Klimawissen in der medizinischen Ausbildung. Wir haben uns in MV vor einigen Jahren auf den Weg gemacht, um auf hitzebedingte Gesundheitsrisiken zu reagieren oder diese zumindest zu verringern.“
Prof. Dr. Henriette Neumeyer (stellvertretende Vorstandsvorsitzende der DKG): „Die hohen Temperaturen bereits im Mai zeigen: Krankenhäuser müssen sich auf längere und intensivere Hitzeperioden einstellen. Hitze ist das größte klimawandelbedingte Gesundheitsrisiko in Deutschland und trifft besonders ältere, kranke und pflegebedürftige Menschen. Viele Häuser haben die im heutigen Finanzrahmen möglichen Maßnahmen bereits umgesetzt. In Zeiten des Beitragssatzstabilitätsgesetzes bleibt unklar, wie Hitzeschutz dauerhaft leistbar sein soll. Hitzeschutz ist Patientenschutz. Dafür brauchen Krankenhäuser verlässliche Finanzierung.“
Dr. Martin Herrmann (Vorsitzender Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. – KLUG): „Deutschland ist auf Extremhitze nicht vorbereitet. Zwar gibt es erste Schutzmaßnahmen, doch sie sind nicht flächendeckend und verbindlich genug. Das kostet vielen Menschen das Leben und ist ein enormes wirtschaftliches Risiko. Während für andere Extremwetterlagen wie Hochwasser und Sturm Krisenstäbe längst etabliert sind, fehlen verbindliche Strukturen für Hitzeereignisse bis heute. Das muss sich jetzt ändern.“
Info
Aktuelle Informationen rund um den Hitzeaktionstag, geplante Veranstaltungen und alle diesjährigen Partnerorganisationen finden sich unter www.hitzeaktionstag.de.