
Wenn sich das Rotavirus im Körper eingenistet hat, zeigen sich die Symptome der Infektion schnell und heftig. Der Magenhinhalt entleert sich durch starkes Erbrechen und wässrigen Durchfall, begleitet von Bauchschmerzen, Fieber und Kreislaufschwäche. Gefährlich kann der massive Flüssigkeits- und Elektrolytverlust werden. Foto: New Africa/stock.adobe.com
Wenn sich der schmerzende Magen heftig entleert: Fast 80 Prozent mehr Rotavirus-Fälle in Deutschland
Wenn der Magen sich unkontrollierbar in beiden Richtungen entleert und das vehement und ohne Vorwarnung, dann könnte das am Rotavirus liegen. Deutschland erlebt 2025 einen massiven Anstieg der Rotavirus-Infektionen und das bei einer Krankheit, die viele längst für beherrschbar hielten.
Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) stieg die Zahl der gemeldeten Fälle in den Kalenderwochen 1 bis 44 gegenüber dem Vorjahr bundesweit um fast 80 Prozent. In Baden-Württemberg lag der Zuwachs bei knapp 50 Prozent.
„Die aktuelle Surveillance zeigt im Jahr 2025 eine signifikante Zunahme der Rotavirus-Gastroenteritisfälle in Deutschland.
Besonders auffällig ist der Anstieg bei Kindern unter fünf Jahren sowie die parallele Zunahme in mehreren Bundesländern.
Die konsequente Nutzung der verfügbaren Impfungen und die Beachtung grundlegender Hygieneregeln bleiben zentrale Präventionsmaßnahmen.“
Robert Koch-Institut, Epidemiologisches Bulletin Nr. 45 / 2025
| Rotavirus-Gastroenteritis | 2025 KW 1 bis 44 Gemeldete Fälle | 2024 KW 1 bis 44 Gemeldete Fälle | Zuwachs gegenüber Vorjahr |
| Deutschland | 34.224 | 19.268 | + 78 % |
| Baden-Württemberg | 2002 | 1361 | + 47 % |
Was ist das Rotavirus?
Das Rotavirus ist ein hochinfektiöses RNA-Virus aus der Familie der Reoviridae. Es gehört zu den häufigsten Erregern akuter Magen-Darm-Infektionen (Gastroenteritiden) weltweit. Der Name leitet sich vom lateinischen rota („Rad“) ab – unter dem Elektronenmikroskop wirken die Viren wie kleine Rädchen. Trotz ihrer winzigen Größe sind sie enorm widerstandsfähig: Sie überleben Stunden bis Tage auf Oberflächen, in Wasser oder Lebensmitteln und sind gegen viele herkömmliche Desinfektionsmittel erstaunlich robust.
Infektionen treten ganzjährig auf, häufen sich aber im Winter und Frühjahr. Besonders betroffen sind kleine Kinder, deren Immunsystem noch keine spezifische Abwehr aufgebaut hat, und ältere Menschen, bei denen die Abwehrkräfte nachlassen.
Wie man sich ansteckt
Die Ansteckung erfolgt meist über den sogenannten fäkal-oralen Weg, also über infektiöses Material, das über Hände, Gegenstände oder Nahrungsmittel in den Mund gelangt. Schon eine winzige Menge reicht aus: In einem Gramm Stuhl können Milliarden infektiöser Virenpartikel enthalten sein. Das Virus wird massenhaft mit dem Stuhl ausgeschieden, teils noch Tage nach Abklingen der Symptome.
In Gemeinschaftseinrichtungen – Kitas, Schulen, Pflegeheime – breitet sich das Virus besonders leicht aus. Auch über kontaminiertes Trinkwasser oder nicht ausreichend gereinigte Flächen kann es weitergegeben werden. Erwachsene infizieren sich oft über Kinder oder in Pflegeumgebungen.
Schon gewusst?
Ein einziges Gramm Stuhl kann Milliarden infektiöser Rotaviren enthalten. Dabei sind die extrem zähen und winzigen Rotaviren so robust, dass sie sogar auf Spielzeug, Türklinken oder Wickelunterlagen mehrere Tage infektiös bleiben – und nur 10 bis 100 Viruspartikel genügen, um eine Infektion auszulösen. Bei vielen anderen Viren sind mehrere Tausend Partikel nötig. Kein Wunder also, dass Rotaviren zu den ansteckendsten Erregern der Welt zählen.
Symptome: Wenn der Magen aufgibt
Nach einer Inkubationszeit von ein bis drei Tagen beginnen die Symptome meist abrupt: starkes Erbrechen, wässriger Durchfall, Bauchschmerzen, Fieber und Kreislaufschwäche. Das charakteristische Merkmal ist der massive Flüssigkeits- und Elektrolytverlust.
Die Erkrankung dauert in der Regel drei bis sieben Tage. Meistens klingt sie folgenlos ab, doch gerade bei Säuglingen, Kleinkindern, älteren oder chronisch kranken Menschen kann der Flüssigkeitsverlust schnell lebensbedrohlich werden. In schweren Fällen drohen Kreislaufversagen, Nierenfunktionsstörungen oder Bewusstseinsstörungen durch Austrocknung.
Verlauf, Komplikationen und mögliche Langzeitfolgen
Die meisten Betroffenen genesen vollständig, aber schwere Verläufe sind keine Seltenheit. Dehydrierung ist die größte Gefahr – sie kann besonders bei kleinen Kindern in wenigen Stunden kritische Ausmaße annehmen.
In seltenen Fällen sind neurologische Komplikationen beschrieben, etwa Krampfanfälle oder eine sogenannte postinfektiöse Enzephalopathie. Manche Kinder leiden nach einer schweren Infektion länger an einer Laktose- oder Milchzuckerunverträglichkeit, weil die Darmschleimhaut vorübergehend geschädigt ist. Diese sogenannte „sekundäre Laktoseintoleranz“ verschwindet meist nach einigen Wochen, kann aber belastend sein.
Langfristige Organschäden sind nicht typisch, doch wiederholte Infektionen schwächen den Körper, insbesondere wenn die Immunlage schlecht ist oder gleichzeitig andere Infektionen auftreten.
Wer besonders gefährdet ist
Am häufigsten betroffen sind Kinder zwischen sechs Monaten und zwei Jahren – genau in der Zeit, in der sie beginnen, die Welt zu entdecken und alles anzufassen. Auch Senioren, Pflegebedürftige und Menschen mit Immunschwäche sind gefährdet. Bei Erwachsenen verläuft die Erkrankung meist milder, kann aber durch Ausbreitung in Gemeinschaftseinrichtungen erhebliche Ausfallzeiten verursachen.
Ein besonderes Risiko besteht dort, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben: Kitas, Altenpflegeheime, Krankenhäuser, Flüchtlingsunterkünfte oder Betreuungseinrichtungen. In diesen Umgebungen kann ein einziger Infizierter eine große Zahl weiterer Erkrankungen auslösen.
Gibt es eine Therapie?
- Eine gezielte antivirale Behandlung existiert nicht. Die Therapie ist rein symptomatisch und konzentriert sich auf den Ausgleich des Flüssigkeits- und Elektrolytverlustes.
- Leichte Verläufe lassen sich zu Hause behandeln: Viel trinken (Tee, Brühe, Elektrolytlösungen), leichte Kost und körperliche Schonung. Bei Kindern sollten spezielle Rehydratationslösungen (aus Apotheke oder Drogerie) verwendet werden.
- In schweren Fällen – besonders bei Säuglingen, älteren Menschen oder bei starker Austrocknung – ist eine stationäre Behandlung nötig, um den Flüssigkeitshaushalt intravenös zu stabilisieren.
- Antibiotika helfen nicht, da es sich um eine Virusinfektion handelt. Medikamente gegen Übelkeit oder Durchfall werden nur vorsichtig eingesetzt, weil sie die Ausscheidung der Viren verzögern können.
Schutz durch Impfung
Seit 2006 steht eine Rotavirus-Schluckimpfung zur Verfügung. Sie ist für Säuglinge ab der sechsten Lebenswoche zugelassen und wird in zwei (bei Rotarix®) oder drei (bei RotaTeq®) Dosen gegeben. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt sie ausdrücklich, da sie schwere Verläufe und Krankenhausaufenthalte deutlich reduziert.
Die Wirksamkeit liegt bei über 90 Prozent gegen schwere Krankheitsverläufe. Studien zeigen, dass durch die Impfung jährlich Tausende Klinikaufenthalte verhindert werden. Erwachsene und ältere Kinder werden in der Regel nicht geimpft – ihre Immunität entsteht meist durch frühere Infektionen.
Warum nehmen die Infektionen 2025 so stark zu?
Fachleute führen den Anstieg auf mehrere Faktoren zurück:
- Immunitätslücken nach Pandemie-Jahren: Während der Corona-Pandemie wurden viele Rotavirus-Infektionen durch Hygienemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen verhindert. Dadurch fehlen in der Bevölkerung nun Immunitätsbausteine, insbesondere bei jüngeren Jahrgängen.
- Verändertes Hygieneverhalten: Nach der Pandemie ist die allgemeine Aufmerksamkeit für Händehygiene und Flächendesinfektion wieder gesunken.
- Witterungsbedingungen: Ein kühler, feuchter Jahresbeginn 2025 begünstigte die Stabilität des Virus in der Umwelt.
- Veränderte Meldestrukturen: Verbesserte Diagnostik und höhere Aufmerksamkeit bei Ärzten könnten ebenfalls zu einem Anstieg der gemeldeten Fälle geführt haben.
- Reiseverkehr: Wieder zunehmende internationale Mobilität sorgt für mehr Einschleppung verschiedener Viruslinien.
Vorbeugung im Alltag
Der wirksamste Schutz bleibt eine Kombination aus Impfung und konsequenter Hygiene:
- Händehygiene: gründliches Händewaschen mit Seife, besonders nach Toilettengang, Windelwechsel oder vor dem Essen.
- Flächendesinfektion: regelmäßig Türgriffe, Spielzeug, Wickelunterlagen reinigen.
- Trinkwasser und Lebensmittel: sauber, frisch und sicher lagern – keine offenen Getränkebehälter in Gemeinschaftsräumen.
- Erkrankte Kinder: erst 48 Stunden nach Ende des Durchfalls wieder in Kita oder Schule schicken.
- Pflegepersonal: konsequente Schutzkleidung und Händedesinfektion.
Diese einfachen Maßnahmen reduzieren nicht nur Rotavirus-Infektionen, sondern auch andere Magen-Darm-Erkrankungen wie Norovirus oder Adenovirus.
Was das RKI empfiehlt
Das RKI betont in seinem Epidemiologischen Bulletin 45/2025, dass die hohen Fallzahlen erneut zeigen, wie wichtig die frühzeitige Impfung und die Hygieneaufklärung in Kitas und Familien sind. Eine landesweite Aufklärungskampagne ist in Vorbereitung. Eltern sollten prüfen, ob ihre Kinder vollständig gegen Rotavirus geimpft sind, und Einrichtungen sollten Hygienekonzepte aktualisieren.
Ärzte berichten, dass 2025 ungewöhnlich viele Fälle mit wiederholten Infektionen auftreten – ein Hinweis darauf, dass die Viruszirkulation derzeit sehr intensiv ist. Deshalb sollte in der Öffentlichkeit klar kommuniziert warden, dass Rotavirus-Infektionen keine harmlose Magen-Darm-Grippe sind. 2025 zeigt, dass das Virus nach wie vor eine erhebliche Krankheitslast verursacht – trotz Impfstoff und guter medizinischer Versorgung. Saubere Hände, Impfschutz und Aufmerksamkeit bei den ersten Symptomen können entscheiden, ob eine Erkrankung mild verläuft oder gefährlich wird. tok