Stehlen nur um des Nervenkitzels willen weist auf eine krankhafte Impulskontrollstörung hin. Mithilfe von Psychotherapie können Betroffene das Leben wieder in den Griff bekommen. Foto: zinkevych/stock.adobe.com

Stehlen, zündeln, toben: So gewinnt man mit gestörter Impulskontrolle ein selbstbestimmtes Leben zurück

Es klingt wie in einem schlechten Film: Wer unter Impulskontrollstörungen leidet, hat sein Leben manchmal nicht im Griff. Krankhafte Brandstiftung, Stehlen ohne Anlass, sexuelles Übermaß oder unkontrollierbare Aggression sind echte Probleme. Die unkontrollierbar gewordenen Handlungen machen es sich sowie anderen schwer und führen manchmal in die Kriminalität oder in tiefe Selbstzweifel.

In der Psychotherapie gibt es Wege, wiederholt unkontrolliertes Handeln in den Griff zu bekommen. Kognitive Verhaltenstherapie ist eine mögliche Einzeltherapie. Auch sind Selbsthilfegruppen und psychosoziale Beratungsstellen ein Ort, Heilung zu erfahren. Wenn jedoch eine weitere psychische Erkrankung vorliegt, werden Diagnostik und Behandlung passgenau erweitert.

Verlust der Selbstkontrolle

Im Alltag haben Betroffenen starke Impulse, Handlungen zu vollziehen, die entweder strafbar sind, anderen oder sich selbst schaden. Die Schwierigkeit ist, dass die Handlungen willentlich kaum oder gar nicht unterdrückt werden können, obwohl sie völlig gegen die Vernunft sprechen. Diese kaum zu kontrollierenden Impulse können auch bei anderen psychischen Erkrankungen wie zum Beispiel stark ausgeprägtem Autismus oder als Verhalten bei großem innerem psychischem Druck vorkommen. Beispiele dafür sind Shoppingsucht, Nägelkauen, ungebremster Spieltrieb bis hin zu Selbstverletzungen (vom Wieder-Öffnen von abheilenden Wunden bis hin zu lebensbedrohlichen Handlungen).

Betroffene führen solche Handlungen immer wieder aus, da während oder kurz nach der Aktion das innere Belohnungsgefühl so hoch ist, die Anspannung abfällt oder der Nervenkitzel als cool empfunden wird. Erst später folgen teilweise Scham und Reue oder die Erkenntnis, dass man sich selbst mittel- bis langfristig gar nichts Gutes tut. Die Handlungen werden, wenn sie nach innen gerichtet sind, vor Dritten konsequent verborgen. Wenn sie Schaden anrichten (Diebstahl oder Feuer), sind sie natürlich sichtbar und werden auch strafrechtlich – oft ohne Minderung – verfolgt. Trotz innerem oder externem Druck können diese Impulse weiterhin wenige Male im Jahr oder häufig vorkommen. Es liegt der Störung inne, dass sie weitgehende Folgen im eigenen sozialen Umfeld, im Berufsleben oder in der Ausbildung hervorrufen kann. Impulskontrollstörungen können entweder einzeln oder miteinander gepaart vorkommen. Auch ist es möglich, dass sich Zwangsstörungen, Angststörungen oder Essstörungen dazu gesellen.

Pyromanie ist selten, Wutausbrüche sind häufiger

In der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, kurz ICD, werden in der elften Fassung wie folgt gelistet:

  • Pathologische Brandstiftung (Pyromanie) – sehr selten 0,1 % der Bevölkerung
  • Pathologisches Stehlen (Kleptomanie) – selten 0,3 bis 0,6 % der Bevölkerung
  • Zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung (noch keine Zahlen vorliegend)
  • Intermittierende explosible Störung (Wutausbrüche mit und ohne körperliche Gewalt), 2,7 % der Bevölkerung, in Kombination mit weiteren Erkrankungen bis zu 7 %

Männer sind eher mehr von impuls-aggressiven Störungen betroffen. Frauen werden häufiger von zwanghaften Handlungen geplagt. In der Regel beginnen – bis auf die sexuellen – Impulskontrollstörungen schon in der Kindheit oder Jugend. Es gibt chronische Verläufe und Menschen, die nur Phasen mit längeren Pausen durchleben.

Zusammenhang mit weiteren psychischen Erkrankungen

Das zerstörerische Verhalten – egal ob nach innen oder nach außen gerichtet – kann mit weiteren psychischen Erkrankungen einhergehen. Dazu gehören affektive Störungen wie Depressionen und bipolare Störungen, Angststörungen, eine Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), eine Substanzgebrauchs-Störung – also ein Missbrauch oder eine Abhängigkeit von Alkohol, Drogen oder Medikamenten –, Zwangsstörungen und Persönlichkeitsstörungen. Am häufigen sind dabei Borderline-Persönlichkeitsstörungen, eine paranoide und eine schizoide Persönlichkeitsstörung. Dann muss anders diagnostiziert oder behandelt werden.

Ursachen für fehlende Impulskontrolle

Impulskontrollstörungen haben vielfältige Ursachen. Diese sind oft in der Geschichte der betroffenen Person zu finden. Beispiele hierfür sind emotionale Vernachlässigung in der Kindheit und Jugend, langfristige Unterdrückung von Wünschen, transgenerationale Traumata oder auslösende Ereignisse. Lange Phasen von Niedergeschlagenheit, Angst als Grundzustand oder Einsamkeit können ebenfalls dazu führen. Auch sind je nach Erkrankung neuronale Fehlschaltungen oder fehlende Botenstoffe sowie Hormone biologische Auslösemöglichkeiten.

Anlaufstellen und Diagnostik

Betroffene sind gebeten, nicht aus Scham weiter ihre Probleme zu verbergen, sondern sich dem Hausarzt anzuvertrauen. Dann kann gezielt an fachlich passende Psychotherapeuten oder Psychiater weitergeleitet werden. Zuerst werden in einem ausführlichen Gespräch der Beginn des Verhaltens sowie der Symptome und die weitere Entwicklung abgefragt. Auch wird auf die persönliche Geschichte eingegangen. Da die Ursachen auch im Umfeld mit liegen können, ist es teilweise gut, die Familie und Andere in der Diagnostik und/oder Therapie mit einzubinden. Auch werden je nach Störung und weiteren möglichen Erkrankungen noch Tests oder Fragebögen genutzt.

Ziel ist es, herauszufinden, ob es eine reine Impulskontrollstörung ist, oder ob dies auf andere psychische Erkrankungen hinweist. Ebenfalls ist es möglich, dass es rein körperliche Ursachen gibt, oder dass eine beginnende Parkinson-Erkrankung oder auch eine Demenz die gleichen Symptome aufweist. Auch sind neurologische Erkrankungen, die im Gehirn schädigenden Abbau auslösen, möglich. Dafür werden Blutwerte analysiert und ein MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie) sowie neurologische Tests eingesetzt.

Kognitive Verhaltenstherapie ist besonders wirksam

Für die Psychotherapie kommen kognitive Verhaltenstherapie, welche als wirksamste Behandlung gilt, systemische Familientherapie, Gesprächstherapie, tiefenpsychologisch-fundierte Therapie oder die Psychoanalyse infrage. Für biologische Faktoren sind Medikamente und Botenstoff-Ausgleiche möglich. Am meisten lohnt sich der Medikamenteneinsatz bei der zusätzlichen Depression oder Zwangsstörung. Auch die Aufklärung, die so genannte Psychoedukation, ist hilfreich.

Da die Störungen unter Stress auftreten oder diesen durch Reue und Schuldgefühle verursachen, ist Resilienz-Training dafür gut geeignet. Ebenfalls sichern progressive Muskelentspannung und das Vermitteln von Selbstfürsorge dauerhaft Besserung, um wieder ein selbstbestimmtes und zufriedenes Leben zu führen.

Info

Wenn dieser Artikel bei Ihnen Ängste, Beklemmungen oder weitere Probleme verursacht, holen Sie sich bitte rasch externe Hilfe beimm Hausarzt. Falls Ihnen ein Trauma akut Beschwerden verursacht, rufen Sie eine der Hilfenummern an oder schreiben im Chat. Es gibt auch regionale Trauma-Akutzentren, die Ihnen in Ihrem Bundesland rasch weiterhelfen. Die Telefonseelsorge ist online und unter den Telefonnummern (0800) 1110111, (0800) 1110222 sowie 116123 rund um die Uhr anonym und kostenfrei erreichbar. Hier gelangen Sie zum Onlinechat der Telefonseelsorge. Akute Hilfe für Kinder, Jugendliche und Eltern gibt es bei der „Nummer gegen Kummer“ unter der Telefonnummer 116111. Für Menschen bis 24 Jahre hilft www.krisenchat.de weiter.

Info Pro Psychotherapie e.V.

Die Möglichkeiten und Angebote der Psychotherapie sind in Deutschland zwar vielfältig, aber für Laien und Hilfesuchende oft nur schwer zu überblicken und zu durchschauen. Sechs bis acht Jahre dauert es daher durchschnittlich, bis Menschen mit psychischen Problemen eine qualifizierte psychotherapeutische Behandlung erhalten! Der Verein Pro Psychotherapie e.V. wurde aus dem Wunsch heraus gegründet, Menschen mit psychischen Problemen per Information, Aufklärung und einer Therapeutensuche auf ihrem Weg zu helfen. Das Psychotherapie-Portal https://www.therapie.de/psyche/info/ stellt hier eine leicht zugängliche Informationsquelle für Laien und Experten dar. Die deutschlandweite Therapeutensuche erleichtert und verkürzt Hilfesuchenden auf therapie.de den Weg zum Therapieplatz. Seit 2012 ist Pro Psychotherapie e.V. beim Deutschen Bundestag als Verband eingetragen.     pm