
Die Raupe des Eichenprozessionsspinners trägt je nach Larvenstadium bis zu einer halben Million giftige Brennhärchen, die in die menschliche Haut eindringen und auch in die Augen oder Atemwege gelangen können. Die allergischen Reaktionen treten aber erst zeitverzögert auf. Foto: Nicole Lienemann/stock.adobe.com
Raupen mit Risikofaktor: Eichenprozessionsspinner macht uns das Leben schwer
Wo er sich ausbreitet, werden Warnschilder aufgestellt, Waldwege gesperrt und Spiel- und Sportplätze abgeriegelt. Aus gutem Grund. Die Berührung mit dem Eichenprozessionsspinner kann zu heftigen Reaktionen auf der Haut, in den Augen und den Atemwegen führen. Jetzt im Mai haben die Larven ihre Brennhaare entwickelt und das Risiko unangenehmer Begegnungen steigt. Im Südwesten breitet sich der Eichenprozessionsspinner in diesem Jahr voraussichtlich wieder stärker aus als in den vorigen Jahren, sagt Lea Dieckmann von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA).
„Das tückische am Eichenprozessionsspinner ist, dass die Reaktionen erst verzögert auftreten, etwa in der Nacht oder am Morgen nach dem erfolgten Kontakt,“ sagt Dr. Ursula Marschall, Leitende Medizinerin bei der BARMER. Die Beschwerden werden dann oft nicht in Zusammenhang mit dem Eichprozessionsspinner gebracht.
Giftige Brennhärchen können auch zu Atemnot führen
Die Raupe des Nachtfalters trägt je nach Larvenstadium bis zu einer halben Million giftige, spitze und mit Widerhaken versehene Brennhärchen, die in die menschliche Haut eindringen und auch in die Augen oder Atemwege gelangen können. Die betroffenen Hautstellen, meist an den Unterarmen, Hals oder Dekolleté, reagieren mit heftigem Juckreiz und einem roten Ausschlag unter Umständen auch mit Quaddeln, Bläschen und Knötchen. Auch die Augen reagieren mit Rötung, Schwellung und Juckreiz. Zudem kann sich die Bindehaut entzünden.
Geraten die giftigen Härchen in die Atemwege, können sich Nase, Rachen und Bronchien entzünden. In schweren Fällen kann es laut Expertin Ursula Marschall dann sogar zu Atemnot kommen. Selten ist eine stationäre Behandlung mit Infusion von Kortison oder Theophyllin notwendig. Begleitend treten Allgemeinsymptome wie Schwindel, Fieber, Müdigkeit und Bindehautentzündung auf. Selten sind allergische Schockreaktionen.
Doch nicht nur beim Menschen können die winzigen Brennhaare der Raupen bei Hautkontakt eine allergische Raupendermatitis auslösen. Meist sind alle Hautbereiche betroffen, die nicht bedeckt waren. Auch bei Tieren sind Reaktionen bekannt. Insbesondere bei Hunden und Katzen, die die Raupen aus Neugier beschnüffeln oder aber jagen und verzehren, können schwere Erkrankungen auftreten.
Bei allergischer Reaktion Arztpraxis aufsuchen
„Wer den Verdacht hat, Opfer eines Eichenprozessionsspinners geworden zu sein, sollte schnellstmöglich unter die Dusche, die Kleidung wechseln und die Symptome vom Hausarzt beziehungsweise von der Hausärztin abklären lassen“, rät die BARMER-Medizinerin. Die betroffenen Stellen sollte man also sofort mit klarem Wasser abspülen und kühlen – und möglichst nicht kratzen oder reiben. Beim Duschen die Haare nicht vergessen. Waschen sollte man ebenfalls gleich noch die mit Brennhaaren kontaminierte Kleidung
Je nach Krankheitsbild kann der Arzt Medikamente verordnen, die die Symptome lindern. Dazu gehören entzündungshemmende Kortisoncremes und eventuell Medikamente aus der Gruppe der Antihistaminika gegen den Juckreiz. In schwereren Fällen werden auch Kortisontabletten verordnet. Bei Atemnot werden Arzneimittel eingesetzt, die die Atemwege erweitern und die Atmung erleichtern. Nach wenigen Tagen bis hin zu zwei Wochen sollten die Beschwerden in der Regel überstanden sein.
Leere Nester bleiben gefährlich
Die Falter fliegen von Juli bis September, mit einem Höhepunkt im August. Wenn die Raupen schlüpfen, leben sie nur noch ein bis zwei Tage und sind nicht mehr gefährlich. Aber die leeren Nester bleiben es. Denn die Larvenhäutchen und Gifthärchen verbleiben dort. Durch starken Wind können die Nester herunterfallen und Härchen über lange Strecken verbreitet werden. Da sie UV- und lichtresistent sind, können sie über Jahre hinweg gesundheitsschädlich bleiben.
Wer bei sich im Garten Eichenprozessionsnester entdeckt, sollte sie daher von Baumpflegern oder professionellen Schädlingsbekämpfern entfernen lassen. Auf keinen Fall sollte der Versuch unternommen werden, sie selbst zu beseitigen. Ein Anruf bei der Stadtverwaltung der unteren Forstbehörde ist ebenfalls sinnvoll.
Klimawandel begünstigt Ausbreitung
Wer nun denkt, so etwas hat es früher doch nicht gegeben, hat recht, zumindest bei uns nicht. Beheimatet ist der Eichenprozessionsspinner ursprünglich in Südeuropa. Er braucht warmes und trockenes Wetter und milde Winter, die er überleben kann. Ein Falter-Weibchen legt 50 bis 200 Eier in den Baumkronen von Eichen ab, wo sie überwintern. Wenn die Eichenblätter sprießen, schlüpfen die Larven und ernähren sich überwiegend von diesen. Das ist etwa Mitte April der Fall. Die gefährliche Phase folgt zwischen Mai und Juli, wenn die Raupen ihre Brennhaare ausgebildet haben.
Der Eichenprozessionsspinner-Nachwuchs durchläuft fünf bis sechs Entwicklungsstadien bis zur Verpuppung und wird bis zu fünf Zentimeter lang. Ab dem dritten Stadium entwickeln sich bei den Larven Brennhaare mit Widerhaken, die ein Nesselgift, das Thaumetopoein, enthalten. Die Raupen haben eine dunkle, breite Rückenlinie mit samtartig behaarten Feldern und rotbraunen, langbehaarten Warzen. Sie sind nachtaktiv und kriechen oft in langen Reihen die Eichenstämme entlang, ähnlich einer Prozession. Daher ihr Name. Sichtbar werden sie, wenn sie sich in Nestern verpuppen. Dann ist Vorsicht geboten.
Der Eichenprozessionsspinner gilt als Schädling, da die Raupen die Blätter anfressen. Natürliche Feinde des Nachtfalters sind Fledermäuse. Die Raupen können Wanzen, Schlupfwespen, Raupenfliegen und räuberischen Käfern wie zum Beispiel dem Puppenräuber zum Opfer fallen. Aber auch Vögel wie Kuckuck, Wiedehopf, Pirol oder Blaumeise können die Raupen fressen. pm/tok