
83,8 Prozent der Baden-Württemberger finden es wichtig, dass Kinder in der Schule über Gesundheitsthemen unterrichtet werden. Für das Schulfach Gesundheit wünschen sich 72,7 Prozent der Baden-Württemberger das Unterrichtsthema gesunde Ernährung, gefolgt von körperlicher Bewegung (67,4 Prozent). Foto: Vitalii Shkurko – KI-generiert/stock.adobe.com
Mehrheit der Bürger und AOK Baden-Württemberg fordern verbindliches Unterrichtsfach „Gesundheit“
Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der AOK Baden-Württemberg zeigt deutlich: 83,8 Prozent der Baden-Württemberger finden es wichtig, dass Kinder in der Schule über Gesundheitsthemen wie Ernährung, Bewegung, mentale Gesundheit und Prävention unterrichtet werden. Mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) spricht sich dafür aus, dass Gesundheit ein eigenes Unterrichtsfach werden sollte. Bei Eltern von Kindern bis 18 Jahren liegt die Zustimmung sogar bei knapp 60 Prozent.
Gesundheitskompetenz früh für alle fördern
„Gesundheitskompetenz muss von klein auf gefördert werden, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status, um die Chancen auf ein selbstbestimmtes, gesundes Leben zu erhöhen“, betont Gordana Marsic, Vorstandsmitglied der AOK Baden-Württemberg. Die Umfrageergebnisse bestätigen den dringenden Handlungsbedarf: Zwei Drittel der Baden-Württemberger (65,9 Prozent) bewerten die aktuelle Gesundheitsbildung in Schulen als schlecht. Die AOK Baden-Württemberg fordert daher die Einführung eines verbindlichen Unterrichtsfachs Gesundheit für alle Klassenstufen.
Übergewichtsproblematik zeigt: Es fehlt an Gesundheitskompetenz
Die gesellschaftlichen Herausforderungen sind immens. „Drei von vier Menschen hierzulande haben Schwierigkeiten, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden“, erklärt Marsic. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 2024 wiesen über 75 Prozent der Erwachsenen in Deutschland eine unzureichende Gesundheitskompetenz auf. Die Folgen sind gravierend: In Deutschland sind zwei von drei Erwachsenen übergewichtig oder adipös. Jährlich ist mehr als jeder vierte Erwachsene von einer psychischen Erkrankung betroffen.
Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen in Baden-Württemberg. Laut aktuellem Fitnessbarometer der Kinderturnstiftung Baden-Württemberg stieg die Übergewichtsrate bei Kindern im Alter von drei bis zehn Jahren von 12,7 Prozent (2012 bis 2019) auf 15 Prozent im Jahr 2024. Gleichzeitig gingen die Fitnesswerte bei Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit deutlich zurück. „Kinder und Jugendliche übernehmen Verhaltensweisen und Essgewohnheiten aus ihrem Umfeld. Für ihre gesunde Entwicklung ist es entscheidend, sie früh an gesundheitsförderndes Verhalten heranzuführen“, so Marsic.
Gesellschaftlicher Wandel erschwert Gesundheitsbewusstsein
Die strukturellen Ursachen dieser Entwicklung liegen auf der Hand. „Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt, was eine gesundheitsbewusste Lebensweise erschwert. So ist beispielsweise Essen jederzeit verfügbar, was zu übermäßigem Konsum führt und dem Körper keine Verdauungspausen lässt. Ungesunde Snacks werden massiv beworben und sind auf dem Schulweg leicht zugänglich“, erklärt das AOK-Vorstandsmitglied.
Hinzu kommt: „Mehrgenerationenhaushalte sind selten, wodurch wertvolles Wissen über Ernährung und Bewegung nicht mehr weitergegeben wird. Die Digitalisierung erleichtert den Zugang zu Informationen, doch viele davon sind falsch oder wissenschaftlich ungeklärt.“
Gewünschte Unterrichtsinhalte: gesund Ernährung, körperliche Bewegung, Suchtprävention
Die Civey-Umfrage zeigt auch konkrete Erwartungen an die Inhalte eines Gesundheitsunterrichts: 72,7 Prozent der Baden-Württemberger wünschen sich das Thema gesunde Ernährung, gefolgt von körperlicher Bewegung (67,4 Prozent), Suchtprävention (56,1 Prozent) und Erster Hilfe (53,2 Prozent). Auch soziales Miteinander (49,4 Prozent), mentale Gesundheit (46,2 Prozent) und Umgang mit Stress (43 Prozent) werden als wichtige Themen genannt. „Strukturell verankerte Lösungen sind notwendig, um Gesundheitskompetenz regelmäßig aufzubauen. Ein Unterrichtsfach Gesundheit wäre deshalb der richtige Weg, um Gesundheitsbildung in den Schulalltag zu integrieren und einen ganzheitlichen Gesundheitsansatz zu verfolgen“, fordert Marsic. Die Schulpflicht sei die einzige Chance, Gesundheitskompetenz flächendeckend und unabhängig von Herkunft oder sozialem Status zu vermitteln.
„Diese Zahlen zeigen, dass ein Umdenken nötig ist. Trotz zahlreicher Initiativen fehlt es an flächendeckender Umsetzung. Ein ‚weiter so‘ reicht nicht. Geringe Gesundheitskompetenz führt in vielen Fällen zu ungesundem Verhalten, schlechter Gesundheit und höherer Belastung des Gesundheitssystems. Gesundheit sollte in der Gesellschaft mehr zählen. Dazu gehören Bewegung, ausgewogene Ernährung, Entspannung, psychisches Wohlbefinden und ein funktionierendes soziales Miteinander“, appelliert Marsic an die Bildungspolitik.
Info
Die AOK Baden-Württemberg hat ein umfassendes Positionspapier zur Einführung eines Unterrichtsfachs Gesundheit vorgelegt und ruft zur Bildung einer breiten Allianz auf, die dieses Anliegen gemeinsam vorantreibt. Die Forderung richtet sich an das Kultusministerium Baden-Württemberg und die Landtagsfraktionen. Das Positionspapier zum Download gibt es hier.
Civey hat für die AOK Baden-Württemberg vom 4. Juni bis 3. Juli 2025 online 1000 Bundesbürger ab 18 Jahren aus Baden-Württemberg sowie 500 Eltern von Kindern bis 18 Jahren im Haushalt in Baden-Württemberg befragt. Die Ergebnisse sind aufgrund von Quotierungen und Gewichtungen repräsentativ unter Berücksichtigung des statistischen Fehlers von 5,7 bis 16,5 Prozentpunkten beim jeweiligen Gesamtergebnis. pm