Sexuelle Bildung ist mehr als nur das Erklären der Geschlechtsorgane oder der Funktion eines Kondoms. Dass der Sexualkundeunterricht in deutschen Schulen zu kurz kommt, führt dazu, dass Jugendliche ihr Wissen über Sex primär aus Social Media und von Pornoseiten beziehen. Foto: Krakenimages.com/stock.adobe.com

Mehr Fälle von Syphilis und Gonorrhö: Nachhaltig bessere sexuelle Bildung in Deutschland angemahnt

„Dem deutschen Sexualkundeunterricht gebe ich gerade mal ein ,Befriedigend‘“, so Erik Sczygiol, stellvertretender Generalsekretär bei der Bundesschülerkonferenz. Und diese knappe Einschätzung spiegelt sich ebenfalls in besorgniserregenden Zahlen wider: Die Fälle sexuell übertragbarer Infektionen (STIs) steigen in Deutschland deutlich. Von 2023 bis 2024 gab es beispielsweise einen Anstieg von 7 Prozent bei Syphilis und 11 Prozent bei Gonorrhö. Das unterstreicht den dringenden Bedarf an guter Sexualaufklärung.

Aufklärungsunterricht ist mehr als rein biologische Sexualkunde. Vor diesem Hintergrund brachte der Durex Roundtable des Unternehmens Reckitt (Kondommarke Durex) Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, NGOs und Influencer zusammen und bezog auch die Perspektiven von Schülern, Eltern und Lehrern ein, um sexuelle Bildung aus verschiedenen Blickwinkeln zu analysieren und gemeinsame Lösungsansätze zu erarbeiten.

Offensichtlicher Handlungsbedarf bei sexueller Bildung

Der Handlungsbedarf für eine bessere sexuelle Bildung ist offensichtlich. Das zeigen auch die Ergebnisse der Durex Global Sex Survey 2024 für Deutschland.

Sexuelle Bildung kommt exklusiv im Fach Biologie zu kurz

Der Schule kommt in der sexuellen Bildung eine entscheidende Rolle zu, zugleich empfinden viele Jugendliche sie als am wenigsten hilfreich. Beim Durex Roundtable diskutierten Entscheidungsträger mit Schülern und Lehrkräften unter dem Leitmotiv „Wie Lehrer:innen die Generation TikTok aufklären können“ den Status quo der Sexualaufklärung an Schulen und Perspektiven für ihre zeitgemäße Weiterentwicklung. Die Teilnehmenden brachten sich aktiv mit Fragen, Erfahrungen und Impulsen ein.

Ziel der Veranstaltung war es, eine breite Debatte anzustoßen und praxisnahe Lösungen nachhaltig in den Schulalltag zu tragen. Einig waren sich alle: Sexuelle Bildung kann und muss in allen Schulfächern stattfinden und kommt als Sondereinheit im Fach Biologie zu kurz.

Ein Impulsvortrag von Prof. Dr. Heinz Jürgen Voß (Hochschule Merseburg) gab einen aktuellen Überblick über die schulische Sexualaufklärung, beleuchtete Defizite in der Ausbildung von Lehrkräften und präsentierte mit SeBiLe 2.0 (Sexuelle Bildung für das Lehramt) ein Curriculum als einen Lösungsansatz, der Lehrplan, Fortbildung und Materialien praxisnah verzahnt.

Mangelhafter Status quo: Lücken in der schulischen Sexualaufklärung

Das erste Panel zeigte die Sicht der Schüler auf Unterrichtserfahrungen. Hinzu kamen Einblicke in Lehrpläne und deren Umsetzung auf Landesebene. Außerdem wurde Praxisfeedback aus Peer-to-Peer-Angeboten eingebracht und Chancen und Grenzen von Social Media analysiert, insbesondere im Hinblick auf Qualitätsdefizite von Unterrichtsmaterialien und deren Verankerung in Schulstrukturen.

Die Beiträge machten zentrale Lücken sichtbar: Viele Jugendliche beziehen ihr Wissen über Sex primär aus Social Media und von Pornoseiten – mit Desinformation, einem verschobenen Verständnis von Sex und hartnäckigen Mythen als Folge.

Aufklärung nicht Social Media und Pornoseiten überlassen

„Sexualaufklärung muss heute digitale Räume ernst nehmen. Junge Menschen lernen auf TikTok – dort begegnen ihnen Aufklärung, Mythen und zunehmend konservative Rollenbilder. Schule kann das nicht ignorieren“, betont Nina Poppel, Politikwissenschaftlerin und Influencerin. In Schulen fehlen oft sichere, nicht wertende Räume für Fragen. Deshalb trauen sich viele Schüler nicht, die Themen anzusprechen, die sie wirklich bewegen.

Zudem ist Sexualerziehung oft auf den Biologieunterricht verengt und fächerübergreifende Zugänge oder Kooperationen mit externen Fachstellen werden nur punktuell genutzt. Unterrichtsmaterialien sind teils überholt, stereotypisierend und auf die Darstellung klassischer heteronormativer Beziehungstypen beschränkt. Schwierigkeiten, die bei Lehrkräften häufig auftreten, sind Unsicherheiten und Scham, Zeitdruck, unterschiedliche Rahmenvorgaben sowie wenig Weiterbildung.

Strategien für eine moderne Sexualbildung

Im zweiten Panel wurden unterschiedliche Wege zur Weiterentwicklung erörtert. Prof. Dr. Heinz Jürgen Voß (SeBiLe 2.0) brachte Impulse zur Lehrplaninnovation und evidenzbasierten Ausbildung für eine moderne und wirksame Sexualaufklärung: „Dies erfordert eine radikale Neuausrichtung unserer Lehrerausbildung, nur so können wir sicherstellen, dass angehende Lehrkräfte die wissenschaftlich fundierten Kompetenzen erwerben, um junge Menschen in einer sich schnell verändernden Welt zu begleiten und zu schützen“, so Prof. Dr. Heinz Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg. Daneben wurden Governance und Gelingensfaktoren adressiert, praxisnahe, niedrigschwellige Angebote und Kooperationen vorgestellt und Erfahrungen aus dem Klassenzimmer sowie Reichweiten und Wissensvermittlung über Social Media erörtert.

Zur Diskussion standen unter anderem verbindliche Mindeststandards zu Art und Umfang des Sexualkundeunterrichts und eine klare Verankerung in Lehrplänen, verpflichtende Aus und Fortbildungen für Lehrkräfte, Optionen für Monitoring und Prüfungsbezug, die Aktualisierung von Unterrichtsmaterialien sowie fächerübergreifende Zugänge und verstärkte Kooperationen mit externen Fachstellen. Als struktureller Hebel wurde eine Stärkung der personellen Ausstattung für sexuelle Bildung angeregt. Mehrere Beiträge betonten die Bedeutung digitaler Angebote und Strategien gegen Desinformation, zugleich wurde die persönliche Begegnung im geschützten schulischen Rahmen als zentral hervorgehoben. Schutzkonzepte, klare Weiterverweisungen und Ansätze zur Evaluation wurden ebenfalls thematisiert.

Es braucht eine ganzheitliche und evidenzbasierte Sexualaufklärung

Der Bedarf an mehr sexueller Bildung ist unbestritten, die Wege dorthin noch nicht. Das Panel bündelte Optionen und gab den Startschuss für weiteren Austausch. Klar wurde: Sexualaufklärung ist nicht nur ein Biologie Thema, sondern gehört fächerübergreifend und in einem größeren Ausmaß in den Unterricht, ins Schulleben und in die Gesellschaft. Der Durex Roundtable setzt zentrale Impulse: Standards angleichen, Lehrkräfte qualifizieren, Materialien aktualisieren, Schulen für externe Expertise öffnen, die Versorgung flächendeckend stärken und Online/Offline Angebote verknüpfen. Angesichts steigender STI Zahlen ist evidenzbasierte Sexualaufklärung keine Kür, sondern Prävention.

Info

Die Kondommarke Durex engagiert sich seit Jahrzehnten in Deutschland für sexuelle Gesundheit und Wohlbefinden und versteht den Einsatz für zeitgemäße Sexualaufklärung als zentralen Bestandteil dieses Engagements. In diesem Rahmen unterstützt Durex das Projekt der Hochschule Merseburg: Das neugestaltete Curriculum „SeBiLe 2.0“ soll den Sexualkundeunterricht an Schulen an die Anforderungen unserer Zeit anpassen. Seit 2020 arbeitet Durex mit der FAQ YOU Stiftung zusammen und fördert zahlreiche Online- und Offline-Aufklärungsformate jenseits des klassischen Unterrichts. Darüber hinaus unterstützt Durex lokale Initiativen in Heidelberg, unter anderem die Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, durch die Schulen in der Region ganzheitliche und weiterführende Lernmaterialien für den Sexualkundeunterricht erhalten.    pm