
Frühe Prävention statt späte, teure Gesundheitsreparaturen: Die AOK Baden-Württemberg macht sich stark für eine Zuckersteuer in Deutschland, mit der in Großbritannien bereits Erfolge im Gesundheitswesen und beim Steueraufkommen gefeiert werden. Foto: ANUAR – KI-generiert/stock.adove.com
GKV zahlt 686 Millionen Euro für Prävention – AOK Baden-Württemberg fordert Zuckersteuer
686 Millionen Euro haben die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) im Jahr 2024 für Prävention aufgewendet – und das ist gemessen an den Gesamtausgaben von rund 312 Milliarden Euro nur ein Bruchteil. Für Maren Diebel-Ebers, Verwaltungsratsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, ist das ein Beleg dafür, dass das System noch immer auf Reparatur statt auf Vorsorge setzt: „Wir brauchen einen echten Wandel von der Reparatur zur Prävention.“ Dazu gehören für sie verbindliche Gesundheitsbildung in Schulen und Kitas, stärkere Präventionsanreize im System und wirksame Lenkungsinstrumente wie eine Zuckersteuer.
Wirksame Zuckersteuer wird hierzulande politisch blockiert
Gerade bei Kindern und Jugendlichen sieht Diebel-Ebers ungenutzte Potenziale: Übergewicht, frühe Stoffwechselrisiken und psychische Belastungen in jungen Jahren erhöhen die Wahrscheinlichkeit chronischer Erkrankungen im Erwachsenenalter – mit wachsenden Folgekosten für das Gesundheitssystem. Eine Zuckersteuer, wie sie beispielsweise in Großbritannien bereits eingeführt wurde, könnte Konsumverhalten gezielt beeinflussen. Was in anderen Ländern funktioniert, bleibt in Deutschland bislang politisch blockiert.
Der Maßstab für gute Prävention sei letztlich klar, so Diebel-Ebers: Nicht die Zahl der Kurse, sondern ob es gelingt, Menschen früh zu erreichen, chronische Verläufe zu verzögern und mehr gesunde Lebensjahre zu ermöglichen.
Andere Länder verbuchen Gesundheitserfolge mit einer Zuckersteuer
Im Public Health Index, der 18 europäische Länder vergleicht, landet Deutschland auf dem vorletzten Platz – bei Ernährung, Alkohol und Tabak schneidet das Land besonders schlecht ab. Gleichzeitig liegen die Krankheitskosten hierzulande bei über 500 Milliarden Euro pro Jahr, der Krankenstand bei rund 25 Tagen je gesetzlich Versicherten – mit steigender Tendenz.
Der Blick in andere Länder zeigt: Eine Zuckersteuer wirkt. Wo die Preise für Softdrinks steigen, geht der Konsum zurück – und Hersteller passen ihre Rezepturen an. In Großbritannien etwa ist der durchschnittliche Zuckergehalt in Softdrinks seit Einführung der gestaffelten Steuer 2018 messbar gesunken. Prof. Dr. Peter von Philipsborn, Leiter des Lehrstuhls für Public Health Nutrition an der Universität Bayreuth, betont jedoch: Eine Einzelmaßnahme allein reicht nicht. Es braucht ein Gesamtpaket – von gesunder Kita- und Schulverpflegung über bessere Lebensmittelkennzeichnung bis zum Schutz von Kindern vor Werbung für ungesunde Produkte.
Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, geht es nicht um Steuereinnahmen. Ziel ist, dass die Industrie einen Anreiz erhält, den Zuckergehalt in Getränken zu senken – sodass am Ende nicht die Verbraucher draufzahlen, sondern weniger Zucker konsumiert wird. Am 27. März 2026 befasste sich der Bundesrat erstmals auf Antrag Schleswig-Holsteins mit dem Thema. Das Thema wurde in die Ausschüsse verwiesen – ein erster Schritt, auch wenn Bauernfeind die Federführung im Agrarausschuss kritisch sieht: „Es geht nicht darum, Steuern einzunehmen, sondern darum, was für die Prävention zu tun.“
Deutschland brauch eine Präventionsstrategie
Angesichts einer hohen Krankheitslast im Alter und damit verbundener volkswirtschaftlicher Kosten braucht Deutschland eine Gesundheitspolitik, in der das Thema Prävention einen deutlich höheren Stellenwert bekommt. Das mahnt der Aufsichtsrat des AOK-Bundesverbandes an. Den verstärkten Ausbau von Präventionsangeboten sehen die Selbstverwalter des AOK-Bundesverbandes in erster Linie als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Angesichts größer werdender Defizite in der gesetzlichen Krankenversicherung dreht sich die politische Debatte immer noch viel zu häufig um Sparmodelle oder mögliche Leistungseinsparungen. Die Frage, wie sich die Krankheitslast in Deutschland strukturell und kostengünstig reduzieren ließe, erhalte hingegen deutlich weniger Aufmerksamkeit, kritisiert der Aufsichtsrat des AOK-Bundesverbandes. Dabei zeigten internationale Daten, dass Tabakkonsum, ungesunde Ernährung, riskanter Alkoholkonsum und Bewegungsmangel für einen Großteil der vermeidbaren Erkrankungen verantwortlich seien. Und dass deren Behandlung das Gesundheitssystem viel Geld koste.
Einsparen bei den Krankheitsfolgen durch mehr Ausgaben für die Prävention
Dies wurde auch auf dem 1. Deutschen Präventionsgipfel deutlich, den der AOK-Bundesverband Anfang März veranstaltet hat. So hatte dort der Direktor für Prävention und Gesundheitsförderung in Europa bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Gundo Aurel, deutlich gemacht, wie hoch das ungenutzte Präventionspotenzial in Deutschland ist. Alkohol, Tabak, Zucker, Salz, Fett und Luftverschmutzung seien die größten gesundheitlichen Risikofaktoren.
Durch eine spürbare Senkung etwa des Alkohol- und Tabakkonsums „könnte Deutschland die Zahl jährlicher Krebserkrankungen um 63.000 Fälle senken und direkte Einsparungen im Gesundheitssystem von 11 Milliarden Euro erzielen“, so der WHO-Experte. Damit lägen die möglichen jährlichen Einsparungen durch wirksame Prävention in einer Größenordnung des für 2027 prognostizierten GKV-Finanzlochs.
Gesundheitskompetenz bei allen beteiligten Akteuren schon früh aufbauen
Für Claus Bannert, Geschäftsführer der AOK Nordschwarzwald, steht fest: Ohne eine hohe Gesundheitskompetenz bei den Bürgern und auch bei all den anderen Akteuren des deutschen Gesundheitssystems stellt sich kein Fortschritt in der Finanzmisere der GKV ein. Eine weitreichende Gesundheitskompetenz, so Bannert, sei „aus meiner Sicht besonders wichtig, weil wir uns wahnsinnig viel um die Reparatur kümmern und zu wenig um den Kunden“. Und: „Eigentlich geht es um die Dinge wie Prävention, Bewegung, Ernährung, Entspannung“, wird Bannert konkret. Ebenso wichtig sei es, dass sich die Menschen „selber und rechtzeitig mit dem Thema auseinandersetzen“, also mit ihrer Gesundheit. So würde man Gesundheitskompetenz aufbauen.
Aber wann und wie beginnt man damit? „Wir würden das gerne schon in Schulen vermitteln“, sagt AOK-Nordschwarzwald-Geschäftsführer Bannert. Damit trifft Bannert auch den Nerv der AOK-Versicherten: 87 Prozent der Erziehenden, so ein wissenschaftlicher Bericht der AOK-Gemeinschaft zur Familienstudie 2022, wünschen sich, dass ihre Kinder im Schulunterricht etwas über klima- und umweltfreundliche Ernährung lernen. Die AOK Baden-Württemberg setzt sich dafür ein, dass umfassende Gesundheitsbildung verbindlicher Bestandteil der Lehrpläne wird, um die Gesundheitskompetenz von klein auf zu stärken. Das Kultusministerium in Baden-Württemberg hat in den ersten bis zehnten Klassen mit dem von der AOK unterstützten Programm „Science Kids“ gezeigt, dass sich Gesundheitsbildung durchaus in die regulären Unterrichtsfächer der Schulen integrieren lässt. pm/tok