Eine Infektion mit dem Influenzavirus macht die Lunge anfälliger für zusätzliche bakterielle Infektionen – mit teils gefährlichen Folgen. Die Grippewelle 2024/25 war in Deutschland besonders stark, was nicht nur an der geringen Quote bei der Grippeschutzimpfung lag. Foto: Rasi/stock.adobe.com

Extrem viele Influenza-Fälle – Wenn Grippeviren die Lunge anfällig gegen Bakterien machen

Das Robert Koch-Institut meldet für 2025 ganze 443.448 gemeldete Influenza-Fälle, ein Plus von über 103 Prozent gegenüber 2024 (218.294 Fälle). In den vergangenen Jahren blieben diese Zahlen immer teils weit unter der 300.000er-Grenze. Eine Infektion mit dem Influenzavirus kann sehr unterschiedlich verlaufen – von milden Erkältungssymptomen bis hin zu schweren, potenziell lebensbedrohlichen Lungenentzündungen. Besonders problematisch ist, dass eine Grippe die Lunge anfälliger für zusätzliche bakterielle Infektionen macht. Diese Sekundärinfektionen können den Krankheitsverlauf erheblich verschlechtern und im Extremfall zu einer Sepsis führen.

Influenzainfektion schwächt Immunabwehr der Lunge

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Herold, wissenschaftliche Koordinatorin des DZL-Krankheitsbereichs Pneumonie & Akutes Lungenversagen, hat nun einen zentralen Mechanismus identifiziert, der diese erhöhte Anfälligkeit erklärt – und gleichzeitig einen vielversprechenden Ansatzpunkt für zukünftige Therapien aufgezeigt. Die Ergebnisse wurden im renommierten Journal of Clinical Investigation veröffentlicht.

Im Mittelpunkt der Studie stehen gewebsresidente Alveolarmakrophagen. Diese spezialisierten Immunzellen befinden sich direkt in den Lungenbläschen und bilden eine entscheidende erste Verteidigungslinie gegen eingeatmete Krankheitserreger. Bei schweren Influenzainfektionen kommt es jedoch häufig zum Verlust dieser schützenden Zellen – mit weitreichenden Folgen für die Immunabwehr der Lunge.

Neuer Ansatz für therapeutische Strategien

Die Forschenden konnten zeigen, dass während einer schweren Grippe vermehrt Neutrophile in das Lungengewebe einwandern. Diese Immunzellen setzen den Signalstoff TNFSF14 frei, ein Mitglied der Tumornekrosefaktor-Superfamilie, die für die Auslösung von Zelltod bekannt ist. Wird TNFSF14 von Alveolarmakrophagen aufgenommen, führt dies zu deren Absterben. Dadurch verliert die Lunge einen essenziellen Schutzmechanismus, was das Eindringen bakterieller Erreger begünstigt und schwere Krankheitsverläufe nach sich ziehen kann.

„Unsere Ergebnisse verdeutlichen, wie früh eine Virusinfektion die lokale Immunabwehr der Lunge schwächen kann“, erklärt Dr. Christina Malainou, ebenfalls wissenschaftliche Koordinatorin des DZL-Krankheitsbereichs PALI. „Gleichzeitig eröffnen sie neue Möglichkeiten, gezielt in diesen Prozess einzugreifen und die Immunfunktion der Lunge zu erhalten.“ Solche therapeutischen Strategien könnten nicht nur bei Influenza-Pneumonien, sondern auch bei anderen schweren viralen Lungenerkrankungen – einschließlich Covid-19 – von Bedeutung sein.   pm

Info

Neben Forschenden des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) waren Wissenschaftler des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM), der Justus-Liebig-Universität Gießen, des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF), des Cardiopulmonary Institute (CPI) sowie weiterer Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland, Spanien (Universidad de León) und Argentinien (IBioBA) an der Studie beteiligt. Originalpublikation: Malainou C, Peteranderl C, Ferrero MR et al. TNF Superfamily Member 14 Drives Post-Influenza Depletion of Alveolar Macrophages Enabling Secondary Pneumococcal Pneumonia. J Clin Invest. 2025 Nov 18:e185390. doi: 10.1172/JCI185390. Epub ahead of print. PMID: 41252214. pm/tok

Quelle: Robert Koch-Institut (RKI) / Grafik: Kurtz

Warum 2025 extrem viele Influenza-Fälle bietet und was die Grippeimpfquote damit zu tun hat

Wenn man die Zahlen vom Robert Koch-Institut (RKI) erst einmal so liest – 443.448 gemeldete Influenza-Fälle im Jahr 2025, mehr als doppelt so viele wie 2024 –, wirkt das tatsächlich wie eine medizinische Alarmmeldung. Tatsächlich lässt sich dieser Sprung um über 103 Prozent aber recht gut erklären, ohne auf „mysteriöse neue Grippeviren“ zurückgreifen zu müssen. Es ist vielmehr eine Mischung aus Epidemiologie, Statistik und ein paar altbekannten strukturellen Problemen.

Der wichtigste Punkt zuerst: Die beim RKI in den Epidemiologischen Bulletins angegebenen Zahlen beziehen sich auf Kalenderjahre mit den Wochen 1 bis 52, aber nicht auf klassische Grippesaisons. Eine Influenzasaison läuft nämlich in der Regel von Herbst bis ins Frühjahr des Folgejahres. Das bedeutet: Ein Kalenderjahr schneidet immer zwei Saisons an – den Ausläufer der einen und den Beginn der nächsten. Genau hier liegt der Knackpunkt. Die Influenzasaison 2024/25 war in Deutschland außergewöhnlich stark. Das Robert Koch-Institut registrierte allein für diese eine Saison knapp 400.000 laborbestätigte Fälle – rund 85 Prozent mehr als im Winter zuvor. Ein großer Teil dieser Fälle fiel in die Monate Januar bis April 2025. Dadurch wirkt das Kalenderjahr 2025 statistisch wie ein Ausreißer nach oben, obwohl epidemiologisch nur eine sehr starke Saison dahintersteckt.

Die Grippe 2024/2025 traf besonders stark Kinder und Jgendliche

Hinzu kommt: Diese Saison war nicht nur groß, sondern auch ungewöhnlich dynamisch. Die Fallzahlen stiegen früh und steil an, mit Wochenwerten, die zeitweise bei fast 50.000 gemeldeten Fällen lagen. Besonders stark betroffen waren Kinder und Jugendliche – und genau das hat einen erheblichen Einfluss auf die Statistik. Wo viele Kinder erkranken, gibt es mehr Ausbrüche in Schulen und Kitas, mehr Tests, mehr Abklärungen durch Gesundheitsämter. Jeder bestätigte Ausbruch zieht zusätzliche Diagnostik nach sich. Das RKI beschreibt ausdrücklich eine deutlich erhöhte Zahl an Ausbrüchen in Gemeinschaftseinrichtungen, was die gemeldeten Fallzahlen weiter nach oben treibt.

Wichtig ist außerdem: Die RKI-Zahlen erfassen laborbestätigte und gemeldete Fälle, nicht einfach alle Menschen mit Grippesymptomen. Wenn in einer Saison mehr getestet wird – etwa in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder bei Ausbrüchen – steigen die Zahlen automatisch, selbst wenn die „gefühlte“ Grippewelle subjektiv gar nicht doppelt so schlimm wirkt. Meldezahlen sind deshalb immer auch ein Spiegel der Test- und Meldestrategie.

Auch international wurde eine hohe Influenza-Aktivität gemeldet

Deutschland steht mit dieser Entwicklung übrigens nicht allein da. Auch auf europäischer Ebene beschreibt das ECDC die Saison 2024/25 als ungewöhnlich intensiv. Viele Länder meldeten gleichzeitig hohe Influenza-Aktivität, volle Praxen und steigende Hospitalisierungen. In den USA fiel der Winter 2024/25 sogar in die Kategorie einer hochschweren Grippesaison. Dort dominierten zwei Influenza-A-Subtypen, die sich parallel stark verbreiteten – ein Szenario, das erfahrungsgemäß für besonders hohe Krankheitslast sorgt. Kurz gesagt: Das, was in Deutschland passiert ist, passt ziemlich gut in ein internationales Muster.

Was trägt die Quote der Grippeschutzimpfung zu den Zahlen bei?

Bleibt die Frage nach der Grippeschutzimpfung. Hat die in Deutschland niedrige Impfquote zur Explosion der Fallzahlen beigetragen? Die ehrliche Antwort lautet: Ja, direkt und indirekt. In Deutschland liegt die Impfquote bei Menschen ab 60 Jahren zuletzt nur bei rund 34,5 Prozent. Damit verfehlt Deutschland das international empfohlene Ziel von 75 Prozent deutlich. Im europäischen Vergleich ist das eher schwach. Länder wie Dänemark, Irland oder Portugal erreichen Impfquoten von über 70 Prozent in dieser Altersgruppe.

Eine niedrige Impfquote bedeutet nicht zwangsläufig doppelt so viele Infektionen, aber sie führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu mehr schweren Verläufen, mehr Arztkontakten, mehr Krankenhausaufnahmen – und damit wiederum zu mehr Tests und mehr gemeldeten Fällen. Eine Grippeschutzimpfung hilft nicht nur den Geimpften, sie kann entlastet auch das Gesundheitswesen und kann das Infektionsgeschehen etwas ausbremsen.

Hinzu kommt, dass die Impfstoffwirksamkeit in der Saison 2024/25 nur moderat war. Das ist kein Skandal, sondern bei Influenza nichts Ungewöhnliches. Wenn aber ein mittelgut wirksamer Impfstoff auf eine Bevölkerung mit niedriger Impfquote trifft, steigt die Gesamtlast der Erkrankung spürbar an. Besonders in Pflegeheimen, Kliniken und anderen sensiblen Bereichen kann sich das sehr schnell in den Statistiken niederschlagen. Deshalb ist es so wichtig, dass medizinisches Personal gegen die Grippe geimpft ist.

Kräftige Saison, viele Ausbrüche, schwache Impfquote

Unterm Strich ist der starke Anstieg der Influenza-Fälle 2025 also kein medizinisches Rätsel, sondern das Ergebnis einer sehr kräftigen Grippesaison, verstärkt durch Meldeeffekte, viele Ausbrüche – und eine im internationalen Vergleich enttäuschende Impfquote. Wer nur auf das Kalenderjahr schaut, sieht eine Verdopplung. Wer genauer hinsieht, erkennt vor allem eine Warnung, die sich jedes Jahr wiederholt: Influenza ist keine harmlose Erkältung, und niedrige Impfquoten machen starke Grippewinter wahrscheinlicher – statistisch wie ganz real.    tok