
Enterobacter hormaechei ist ein Bakterium, das in der Umwelt vorkommen und auch den menschlichen Magen-Darm-Trakt besiedeln kann, ohne Beschwerden zu verursachen. Problematisch wird es bei geschwächten, kranken Infizierten, denn der Keim ist resistent gegen viele Antibiotika und Notfall- und Reserveantibiotika. Dann kann eine Sepsis (Blutvergiftung) schnell tödlich enden. Foto: Kurtz – KI-generiert
Rätsel um Quelle für Krankenhauskeim: Hochresistentes Bakterium breitet sich international aus
Deutschland meldet die meisten Fälle eines ungewöhnlichen Enterobacter-hormaechei-Ausbruchs. Auch Baden-Württemberg ist betroffen. Der Erreger besitzt einen Resistenzmechanismus, der selbst wichtige Reserveantibiotika ausschalten kann. Besonders beunruhigend: Obwohl die Bakterien der Patienten genetisch nahezu identisch sind, wissen die Ermittler noch immer nicht, woher sie kommen.
Es klingt zunächst nach einem klassischen Krankenhausausbruch: Ein Bakterium taucht bei mehreren Patienten auf, die Erreger sind nahezu identisch, einige Menschen erkranken schwer. Normalerweise suchen Hygienefachleute dann nach einer gemeinsamen Station, einem medizinischen Eingriff oder nach Patienten, die sich gegenseitig angesteckt haben könnten.
Doch genau das funktioniert beim derzeit untersuchten Ausbruch von Enterobacter hormaechei nicht.
Verschiedene Länder, nahezu identische Erreger und keine bekannte Infektionsquelle
Die Fälle liegen über mehrere Länder verstreut. Die Patienten wurden in unterschiedlichen Kliniken, Praxen und Regionen behandelt. Trotzdem sind die gefundenen Bakterien genetisch ausgesprochen eng miteinander verwandt. Das Robert Koch-Institut (RKI) hält deshalb eine gemeinsame, wahrscheinlich unbelebte Quelle für plausibel – möglicherweise ein Produkt, das an verschiedenen Orten verwendet wurde. Gefunden wurde diese Quelle bislang nicht.
Und Deutschland steht im Zentrum des Geschehens.
Mindestens 21 Fälle in Deutschland, drei davon im Südwesten
Der internationale Ausbruch begann nach heutigem Kenntnisstand im März 2025. Zum Datenstand 1. August 2026 waren dem Ausbruchscluster 20 bestätigte Fälle in Deutschland zugeordnet. Sie stammten aus Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Der jüngste dieser zunächst ausgewerteten deutschen Fälle war im Januar 2026 nachgewiesen worden.
Kurz vor Veröffentlichung des RKI-Berichts kam jedoch ein weiterer hinzu: Bei einer Patientin aus Hessen war der Erreger im Juli 2026 im Urin nachgewiesen worden. Die Genomsequenzierung bestätigte nach RKI-Angaben die Zugehörigkeit zum Ausbruchscluster. Damit stieg die Zahl auf 21 bestätigte deutsche Fälle und international auf 64. Zwei weitere deutsche Verdachtsfälle befanden sich bei Redaktionsstand noch in Abklärung.
In der ursprünglichen Gruppe der 20 deutschen Fälle entfielen nach der RKI-Abbildung drei Nachweise auf Baden-Württemberg – jeweils einer im März, April und Juli 2025.
Das bedeutet allerdings ausdrücklich nicht, dass sich derzeit in Baden-Württemberg unkontrolliert ein gefährlicher Keim in der Bevölkerung ausbreitet. Die absoluten Fallzahlen sind klein. Bemerkenswert ist vielmehr das ungewöhnliche Muster des Ausbruchs und die ausgeprägte Antibiotikaresistenz des Bakteriums.

Was ist Enterobacter hormaechei?
Enterobacter hormaechei ist ein gramnegatives Bakterium aus dem sogenannten Enterobacter-cloacae-Komplex. Es kann in der Umwelt vorkommen und auch den menschlichen Magen-Darm-Trakt besiedeln, ohne Beschwerden zu verursachen.
Problematisch wird es vor allem als opportunistischer Erreger. Das bedeutet: Das Bakterium nutzt Situationen aus, in denen natürliche Schutzbarrieren geschwächt sind – beispielsweise bei schwer kranken Menschen, nach Operationen, bei Kathetern, offenen Wunden oder intensiver medizinischer Behandlung.
Mögliche Erkrankungen sind unter anderem Harnwegsinfektionen, Wundinfektionen und schwere Infektionen bis hin zur Sepsis. E. hormaechei wird deshalb auch bei Infektionen beobachtet, die im Zusammenhang mit medizinischer Versorgung entstehen.
14 Patienten tatsächlich infiziert, 6 nur vom Erreger besiedelt
Ein positiver Bakteriennachweis bedeutet nicht automatisch, dass jemand erkrankt ist. Mediziner unterscheiden zwischen Kolonisation und Infektion. Von den zunächst 20 detailliert ausgewerteten Patienten in Deutschland waren 14 tatsächlich infiziert, 6 lediglich mit dem Erreger besiedelt. Das Medianalter lag bei 72 Jahren, die Betroffenen waren zwischen 37 und 89 Jahre alt. Frauen und Männer waren zu gleichen Teilen betroffen.
Sieben Erregernachweise stammten aus Urinproben, sechs aus Screening- beziehungsweise Stuhlproben, vier aus Wunden, zwei aus Blutkulturen und einer aus Gallensekret. Beschrieben wurden unter anderem Harnwegs- und Wundinfektionen, Abszesse, eine Gallenblaseninfektion sowie schwere Verläufe wie eine Urosepsis.


Die fünf Buchstaben, die Ärzte alarmieren: NDM-5
Dass gerade dieser Ausbruch besondere Aufmerksamkeit erhält, liegt nicht nur am Bakterium selbst. Der Stamm trägt das Gen blaNDM-5. Es liefert dem Bakterium den Bauplan für die sogenannte Neu-Delhi-Metallo-Beta-Laktamase 5 – kurz NDM-5. Dieses Enzym kann Antibiotika chemisch unwirksam machen. Betroffen sind nahezu alle sogenannten Beta-Laktam-Antibiotika – eine große Arzneimittelgruppe, zu der beispielsweise Penicilline, Cephalosporine und Carbapeneme gehören.
Gerade Carbapeneme sind für die Medizin besonders wichtig. Sie werden häufig dann benötigt, wenn Bakterien bereits gegen viele andere Antibiotika resistent sind. Produziert ein Erreger zusätzlich eine Carbapenemase wie NDM-5, schrumpft das therapeutische Arsenal erheblich. Das RKI weist darauf hin, dass solche Metallo-Beta-Laktamasen auch Resistenzen gegenüber neueren Reserveantibiotika vermitteln können.
Das bedeutet nicht, dass jede Infektion mit einem NDM-5-Erreger unbehandelbar ist. Welche Medikamente noch wirken, muss im Labor durch ein Antibiogramm, also eine Empfindlichkeitsprüfung, festgestellt werden. Aber die Behandlung kann erheblich schwieriger werden.

Warum sind die Fälle miteinander verbunden?
Genetische Analysen liefern den vielleicht spektakulärsten Befund des gesamten Ausbruchs. Bei der sogenannten Ganzgenomsequenzierung wird das Erbgut der Bakterien sehr genau miteinander verglichen. Die bislang gefundenen Ausbruchserreger unterschieden sich nur minimal: Das RKI berichtet von lediglich 0 bis 4 Allelunterschieden bei der verwendeten Feintypisierung. Mit anderen Worten: Die Bakterien sind genetisch so ähnlich, dass die Fälle mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem gemeinsamen Ausbruchsgeschehen gehören.
Genau hier beginnt das Rätsel. Deutschland, Niederlande, Dänemark – und trotzdem derselbe Keim.
In der Europäischen Union beziehungsweise im Europäischen Wirtschaftsraum waren zunächst 59 Fälle aus sieben Ländern bekannt: Deutschland 20, Niederlande 16, Dänemark 15, Irland 3, Österreich 3, Luxemburg 1 und Norwegen 1. Zusätzlich fanden Wissenschaftler genetisch passende Isolate aus drei Patienten in den USA und einem Patienten im Vereinigten Königreich (UK). Sogar drei Abwasserproben aus den USA enthielten genetisch zum Cluster gehörende Bakterien. Später kam der neue deutsche Fall aus Hessen hinzu.
Gerade diese geografische Streuung macht einen gewöhnlichen Krankenhausausbruch immer unwahrscheinlicher.
Keine gemeinsame Station, kein gemeinsames Krankenhaus
Das RKI rekonstruierte bei den deutschen Patienten medizinische Behandlungen bis zu zwölf Monate vor dem Erregernachweis. Das überraschende Ergebnis: Es fanden sich keine überzeugenden gemeinsamen Krankenhausaufenthalte, die das Gesamtgeschehen erklären könnten. Bei zwei Patienten gab es zwar Überschneidungen innerhalb derselben Klinik beziehungsweise Klinikgruppe. Diese waren jedoch zeitlich oder räumlich nicht so beschaffen, dass sich damit die Fälle sinnvoll verbinden ließen. Für die übrigen Patienten ließen sich keine entsprechenden gemeinsamen Aufenthalte finden.
Eine klassische Weitergabe von Patient zu Patient erscheint dem RKI deshalb für das überregionale Geschehen nicht als wahrscheinlichste Erklärung. Damit rückte etwas anderes in den Mittelpunkt.
Kommt der Keim aus einem Produkt?
Die Ermittler suchen nach einer gemeinsamen unbelebten Quelle. Denkbar wäre beispielsweise ein Produkt, das zentral hergestellt und anschließend an zahlreiche Kliniken, Arztpraxen oder andere Einrichtungen ausgeliefert wurde. Das wäre nicht beispiellos.
Bei früheren Ausbrüchen wurden Enterobacter-Bakterien oder andere problematische Erreger beispielsweise in Medikamenten, Kochsalzlösungen oder medizinischen Gelen gefunden. Ein Ausbruch in Dänemark und Island 2022/2023 konnte sogar auf kontaminierte Antibiotikakapseln zurückgeführt werden. Beim aktuellen Ausbruch ist der Beweis aber noch nicht gelungen.

Ultraschallgel unter Verdacht? So einfach ist es nicht
Bei zwölf deutschen Patienten konnten die Ermittler besonders detailliert nach möglichen gemeinsamen Expositionen suchen. Alle hatten in den zwölf Monaten vor dem Nachweis Antibiotika erhalten. Elf von zwölf – 92 Prozent – waren mit medizinischen Gelen wie Ultraschall- oder Endoskopiegelen in Kontakt gekommen. Auch verschiedene Desinfektionsmittel und Arzneimittel tauchten mehrfach in den Krankengeschichten auf. Das klingt zunächst verdächtig.
Doch daraus lässt sich nicht schließen, dass Ultraschallgel oder ein Desinfektionsmittel die Ursache ist. Solche Produkte werden bei älteren und medizinisch intensiv betreuten Patienten schlicht sehr häufig verwendet. Auch beim Vergleich mit den Fällen anderer Länder fand sich bislang kein bestimmtes Produkt und kein Hersteller, der die Fälle zuverlässig miteinander verbinden würde. Ein Produkt als Schuldigen zu benennen wäre deshalb derzeit wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.
Die Quelle könnte noch immer im Umlauf sein
Der neu bestätigte Fall aus Hessen vom Juli 2026 ist epidemiologisch besonders interessant. Denn zwischen den ersten Nachweisen im Frühjahr 2025 und diesem Fall liegt mehr als ein Jahr. Das RKI hält es deshalb für möglich, dass eine persistierende, also länger bestehende Quelle weiterhin existiert. Genau das macht die Suche dringend.
Eine mögliche Erklärung wäre eine Kontamination während eines Produktionsprozesses bei einem Hersteller, dessen Produkte weit verbreitet werden. Denkbar wären theoretisch auch mehrere Chargen. Das ist allerdings bislang lediglich eine plausible Hypothese – kein bewiesener Befund.
Für Gesunde kein Grund zur Panik
Für die Allgemeinbevölkerung lässt sich aus den bisherigen Daten kein Anlass für besondere individuelle Vorsichtsmaßnahmen ableiten. Der Ausbruch betrifft bislang vor allem Menschen mit medizinischen Kontakten. Zudem verursacht eine Besiedlung mit E. hormaechei nicht zwangsläufig eine Erkrankung.
Problematisch sind solche Erreger vor allem für Menschen, die schwer krank sind, deren Abwehr geschwächt ist oder bei denen Bakterien beispielsweise über Katheter, Wunden oder andere medizinische Zugänge in normalerweise sterile Körperregionen gelangen können.
Im Alltag wahllos Desinfektionsmittel zu verwenden oder medizinische Untersuchungen aus Angst vor dem Erreger zu meiden, wäre aus den bisherigen Erkenntnissen nicht gerechtfertigt.

Wir sehen solche Ausbrüche möglicherweise zu spät
Der aktuelle Fall legt noch eine weitere Schwachstelle offen. Dass einzelne Erkrankungen in Deutschland und anderen Ländern überhaupt zu einem gemeinsamen Ausbruch gehören, war auf lokaler Ebene kaum erkennbar. Für eine einzelne Klinik erschienen die Fälle zunächst wie sporadische Einzelereignisse. Aufgedeckt wurde der Zusammenhang erst durch den Vergleich der Erbgutsequenzen der Bakterien.
Das RKI bezeichnet eine breitere Integrierte Genomische Surveillance, kurz IGS, deshalb als entscheidend. Dabei werden Erregersequenzen mit epidemiologischen Informationen zusammengeführt.
Doch ausgerechnet hier gibt es Grenzen: Wegen steigender Zahlen Carbapenemase-produzierender Enterobacterales und gleichzeitig geringerer Finanzierung habe der Schwerpunkt der deutschen Routineüberwachung zuletzt auf Klebsiella pneumoniae und Escherichia coli gelegt werden müssen. Für E. hormaechei könne eine entsprechende Routineüberwachung bislang nicht breit umgesetzt werden.
Der hochresistente Keim ist damit nicht nur ein medizinisches Problem. Er ist auch ein Lehrstück darüber, wie schwierig moderne Ausbrüche zu erkennen sind, wenn dieselbe Quelle gleichzeitig an vielen Orten Menschen erreicht. Und solange niemand weiß, wo sich diese Quelle befindet, ist die Geschichte noch nicht zu Ende. tok