Heute stehen laut Psoriasis-Bund 29 Biopharmazeutika und Biosimilars für Schuppenflechte-Patienten zur Verfügung. Bei mehr als 90 Prozent der Patienten verschwinden die Symptome zu mehr als 90 Prozent. Foto: fusssergei/stock.adobe.com

Zwei Millionen Psoriasis-Betroffene: Neue Medikamente dämmen Schuppenflechte stark ein

Bei der Therapie der Schuppenflechte gibt es einen genau definierten Wendepunkt: 2004 kam die erste gezielt wirkende Therapie in die Apotheken; sie löste die bisherigen „Therapien mit der Brechstange“ ab. Heute stehen den Menschen fast 30 Präparate zur Verfügung – und die Forschung geht weiter.  

Hautkrankheit ist eine chronisch-entzündliche, immunvermittelte Systemerkrankung

Lange galt die Psoriasis als eine Hauterkrankung; davon ist man heute weg. Die Schuppenflechte ist eine chronisch-entzündliche, immunvermittelte Systemerkrankung, die sich primär an der Haut manifestiert, aber auch Gelenke, Gefäße und andere Organe betreffen kann. Nur eine Hauterkrankung? Hätte man die betroffenen Menschen gefragt – auf diese Idee wären viele gar nicht gekommen, wie Pharma-Fakten.de berichtet.

Scrollt man durch Internetforen und Seiten wie „Bitte berühren – gemeinsam aktiv gegen Schuppenflechte“ werden die medizinischen, emotionalen und sozialen Folgen der Krankheit deutlich: Scham, Unsicherheit, Stress, Schlafstörungen oder Angst vor Ablehnung sind ständige Begleiter. Bei Menschen mit Psoriasis „ist die Wahrscheinlichkeit, depressive Symptome zu entwickeln, 1,5-mal höher und Angstsymptome treten häufiger auf (20–50 Prozent) als bei Menschen ohne Psoriasis,“ heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2022. 1,5-mal höher klingt nicht viel? Es sind 150 Prozent.

Arzneimittelinnovationen: Das Ende der Brechstange

Verglichen mit heute war die Behandlung der Krankheit vor der Einführung des ersten biopharmazeutischen Arzneimittels (Biopharmazeutikum) zu Beginn der 2000er-Jahre eher von robuster Natur: Mit der Brechstange versuchte die Medizin damals das Immunsystem generell zu unterdrücken – einfach, weil es keine anderen Möglichkeiten gab. Oft waren die Nebenwirkungen so schwer, dass die Patienten die Therapie abbrachen.

Das ist heute anders – und das Ergebnis von mehr als zwei Jahrzehnten pharmazeutischer Forschung. Das erste in Europa verfügbare Biopharmazeutikum – ein sogenannter TNF-α-Inhibitor – wurde 2004 zugelassen, ihm folgten mehrere seiner Klasse. Später kamen die IL-12/23-Inhibitoren, schließlich die IL-17- und IL-23-Inhibitoren. Sie setzen auf eine gezielte Regulation der Entzündungsprozesse, haben deshalb ein deutlich günstigeres Nebenwirkungsprofil und ermöglichen eine dauerhafte Therapie. Heute stehen laut Psoriasis-Bund bereits 29 Biopharmazeutika und Biosimilars zur Verfügung. Das Ergebnis der „Psoriasis-Revolution“ kann sich sehen lassen: Bei mehr als 90 Prozent liegt der Anteil der Patienten, bei denen die Symptome zu mehr als 90 Prozent verschwinden.

Das geht aus Daten hervor, die LAWG Deutschland in dem Report „Der Wert medizinischer Innovationen“ zusammengetragen hat. Der Verein, in dem 17 weltweit agierende Pharmaunternehmen organisiert sind, will damit eine Debatte fördern, die den Nutzen von Arzneimittelinnovationen für Mensch und Gesellschaft hervorhebt und von einer reinen Preisdiskussion („Was kostet das Medikament?) wegkommt.

Quelle: LAWG Deutschland e. V. / Vintura / Grafik: Pharma-Fakten.de

Hohe indirekte Kosten bei zwei Millionen Psoriasis-Betroffenen in Deutschland

Auf rund zwei Millionen Menschen wird die Zahl geschätzt, die in Deutschland von einer Schuppenflechte betroffen sind, rund 60 Prozent von ihnen müssen medikamentös behandelt werden. Etwas mehr Männer (55 Prozent) als Frauen sind betroffen; die Diagnose trifft sie meist in ihren 20er- oder ihren 50er-Lebensjahren – also dann, wenn sie beruflich aktiv sind.

Entsprechend ist der volkswirtschaftliche Abdruck, den die Krankheit hinterlässt: Neben den reinen Behandlungskosten für die Krankheit und ihren Begleiterkrankungen entstehen hohe indirekte Kosten durch den Verlust an Produktivität, Arbeitsausfall oder Frühverrentung. Eine Untersuchung aus den USA lässt den Schluss zu, dass die Kosten für die Medikamente dabei nur ein Fünftel der Gesamtkosten der Erkrankung ausmachen.

Experten gehen davon aus, dass ein breiterer Einsatz neuer Psoriasis-Medikamente die indirekten Kosten der Krankheit erheblich reduzieren könnte. „Hit hard and early“ – diese auch aus anderen Indikationen bekannte Behandlungsstrategie könnte dazu beitragen. Denn Studien zeigen, dass bei frühem Einsatz hochwirksamer Antikörper nicht nur die Remissionen länger anhalten, sondern auch Folgeerkrankungen reduziert werden können.

Die Psoriasis-Revolution: Der Innovationskreislauf funktioniert

Die Geschichte der Psoriasis-Therapie zeigt, wie der Innovationskreislauf der pharmazeutischen Industrie funktioniert: Weil die Behandlungsstrategien der 1990er-Jahre nicht tragbar waren, entwickelte die Wissenschaft zusammen mit der Industrie neue Wirkstoffe, die in der Herstellung zwar hoch komplex sind, aber den Unterschied machen. Solche Durchbruchsinnovationen sind vergleichsweise teuer, können aber Kosten an anderer Stelle reduzieren – zum Beispiel durch weniger Krankenhausaufendhalte.

Heute hat die erste Generation der Psoriasis-Gamechanger keinen Patentschutz mehr – und steht als so genannte Biosimilars zu deutlich gesenkten Preisen zu Verfügung. Dieser Zyklus sorgt dafür, dass die Forschung weitergeht und sich niemand auf seinen medizinischen Lorbeeren ausruhen wird. Dafür gibt es auch keinen Grund: Denn trotz aller Erfolge spricht ein Teil der Menschen auf die neuen Therapien nicht oder nicht hinreichend an. Den so genannten Non-Respondern gilt der Ehrgeiz, besser wirksame Arzneimittel zu entwickeln.

Info
Der Artikel ist Teil der Pharma-Fakten-Serie „Wie Innovation Krankheiten besiegt“.     pm