Die Abbildung zeigt eine seltene, aber oft lebensbedrohliche Lungen-Mukormykose-Läsion, verursacht durch den Schimmelpilz Cunninghamella bertholletia. Wenn der Pilz in Blutgefäße eindringt und diese verstopft, führt das zum Absterben des umliegenden Gewebes (Nekrose) von der Haut über die Nasennebenhöhlen bis zum Gehirn. Foto: Dr_Microbe/stock.adobe.com

Unsichtbare Killer: Resistente, lebensbedrohliche Pilzinfektionen sind die unterschätzte Gefahr unserer Zeit

Neue wissenschaftliche Studien zeigen: Giftige Pestizide befeuern die Bildung von Infektionen mit Pilzen, die gegen Medikamente resistent sind. Dadurch wird die medizinische Behandlung lebensbedrohlicher Pilzinfektionen immer komplizierter – und das bei 3,8 Millionen Menschen, die jetzt schon jährlich weltweit an solchen Infektionen sterben.  

DUH fordert Aberkennung der Zulassung für zwei Pestizide

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat deshalb beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die Aberkennung der Zulassungen für die Pestizide Score und Folicur beantragt, welche die hochproblematischen Wirkstoffe Difenoconazol und Tebuconazol enthalten. Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen gilt der Einsatz dieser sogenannten Azolfungizide in der Landwirtschaft als wesentlicher Faktor für die Ausbildung von resistenten Pilzinfektionen. Die Pestizide haben somit erhebliche Konsequenzen für die Behandlung lebensbedrohlicher Pilzinfektionen. Dennoch kommen die Pestizide flächendeckend zum Einsatz: In Deutschland wurden in den vergangenen Jahren rund 10 bis 12 Millionen Hektar Ackerfläche mit Wirkstoffen aus der Gruppe der Azolfungizide behandelt.

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH: „Gemäß dem Europäischen Gerichtshof sind Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, Zulassungen für Pflanzenschutzmittel aufzuheben, wenn wissenschaftliche Untersuchungen bedrohliche Auswirkungen auf Menschen, Tiere oder Umwelt feststellen. Angesichts neuer Erkenntnisse über die Gesundheitsgefahr durch Azolfungizide fordern wir das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auf, die Zulassungen für die Pestizide Score und Folicur umgehend zurückzunehmen. Mit unseren Verfahren machen wir Druck für den Gesundheitsschutz von Verbraucherinnen und Verbrauchern entgegen der Profitgier der Agrarchemielobby.“

Noch weitere schädliche Auswirkungen der Pestizide

Neben der Gefahr von Medikamenten-Resistenzen wurden in Studien auch neuroendokrine Auswirkungen der in den Azolfungiziden enthaltenen Wirkstoffe nachgewiesen. Weitere Studien weisen zudem auf negative Auswirkungen auf die Fortpflanzung hin, unter anderem durch eine verringerte Spermienzahl und den Rückgang der Befruchtungserfolgsrate. Darüber hinaus verschmutzen die Abbauprodukte der Wirkstoffe unser Grundwasser.

Mehr Tote durch durch schwere Pilzerkrankungen als durch Malaria oder Tuberkulose

Fußpilz im Schwimmbad, Nagelpilz im Sommer, Scheidenpilz nach einer Antibiotikakur – für viele Menschen sind Pilzinfektionen vor allem ein Alltagsärgernis. Medizinisch gesehen sind Pilze aber weit mehr als das: Schätzungen zufolge hat fast jeder irgendwann im Leben eine oberflächliche Pilzinfektion, etwa an Haut, Haaren oder Schleimhäuten. Aber: Weltweit sterben inzwischen mehr Menschen an schweren Pilzerkrankungen als an Malaria, teilweise sogar mehr als an Tuberkulose. Neue resistente Erreger, allen voran Candida auris und azolresistente Aspergillus-Stämme, bereiten Fachleuten große Sorgen. Gleichzeitig stehen für die Behandlung deutlich weniger Medikamente zur Verfügung als bei Bakterien oder Viren.

Noch dramatischer ist die Lage bei schweren, inneren Pilzerkrankungen: Jährlich erkranken weltweit mehr als 6 Millionen Menschen lebensbedrohlich an invasiven Pilzinfektionen, die Mehrzahl stirbt daran. Trotzdem gelten Pilze in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor als Randthema – erst in den vergangenen Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) reagiert und eine Liste von 19 „prioritären Pilz-Erregern“ veröffentlicht, die für die öffentliche Gesundheit besonders gefährlich sind. Zu den „kritischen“ Erregern zählen unter anderem Candida auris, Candida albicans, Aspergillus fumigatus und Cryptococcus neoformans.

Die 6 häufigsten Pilzinfektionen beim Menschen

Oberflächliche Pilzinfektionen sind extrem verbreitet. Dermatophyten (Hautpilze) und Hefepilze betreffen weltweit schätzungsweise 20 % bis 25 % der Bevölkerung. Besonders häufig sind:

  1. Fußpilz (Tinea pedis)
    Klassischer „Schwimmbadpilz“; befällt die Haut zwischen den Zehen, verursacht Juckreiz, Rötung, Schuppung.
  2. Nagelpilz (Onychomykose)
    Verdickte, verfärbte, brüchige Nägel – häufig an den Zehennägeln. Besonders verbreitet bei Älteren, Diabetikern und Menschen mit Durchblutungsstörungen.
  3. Körperpilz/Ringelflechte (Tinea corporis)
    Rundliche, schuppende, manchmal juckende Herde an Armen, Beinen oder Rumpf; oft durch Haut-zu-Haut-Kontakt oder gemeinsam genutzte Textilien übertragen.
  4. Vaginale Candidose (Scheidenpilz)
    Häufige Infektion mit Candida-Hefen, typischerweise nach Antibiotika, hormonellen Schwankungen oder Immunschwäche; verursacht Juckreiz, Brennen und Ausfluss.
  5. Mundsoor (orale Candidose)
    Weißliche Beläge im Mund, vor allem bei Säuglingen, nach Antibiotikatherapie oder bei immungeschwächten Erwachsenen.
  6. Kleienpilzflechte (Pityriasis versicolor)
    Durch lipophile Hefepilze (Malassezia), verursacht helle oder dunklere Flecken an Brust, Rücken oder Schultern.

Diese Infektionen sind unangenehm, aber in der Regel gut behandelbar, solange sie früh erkannt und konsequent therapiert werden.

Die 6 gefährlichsten, tödlichsten Pilzinfektionen

Gefährlich wird es, wenn Pilze in den Körper eindringen und Organe befallen – meist bei schwer immungeschwächten Menschen (zum Beispiel nach Chemotherapie, bei Leukämie, nach Organtransplantation oder bei fortgeschrittener HIV-Infektion).

  1. Invasive Aspergillose (Aspergillus fumigatus)
    Schimmelpilz, dessen Sporen wir täglich einatmen. Beim gesunden Menschen meist harmlos, bei Immunschwäche aber hochgefährlich: Schätzungen zufolge erkranken jährlich über zwei Millionen Menschen an invasiver Aspergillose, rund 1,8 Millionen sterben daran.
  2. Invasive Candidiasis / Candida-Blutstrominfektion
    Candida-Hefen können über Katheter, Operationen oder Intensivbehandlungen in den Blutkreislauf gelangen. Weltweit werden jährlich mehr als 1,5 Millionen schwere Candida-Infektionen mit sehr hoher Sterblichkeit beschrieben. Candida auris, ein oft multiresistenter Krankenhauskeim, steht dabei besonders im Fokus.
  3. Pneumocystis-Pneumonie (PCP, Pneumocystis jirovecii)
    Vor allem bei Patienten mit unbehandelter oder fortgeschrittener HIV-Infektion sowie bei anderen schweren Immunschwächen. Die Sterblichkeit liegt trotz Behandlung in vielen Studien bei über 40 %.
  4. Kryptokokken-Meningitis (Cryptococcus neoformans/gattii)
    Führt zu einer lebensbedrohlichen Hirnhautentzündung; laut globalen Schätzungen sterben jedes Jahr über 100.000 Menschen daran, vor allem in Ländern mit hoher HIV-Prävalenz.
  5. Mucormykose (früher „Zygomykose“)
    Sehr aggressive Schimmelpilz-Infektion (z. B. Rhizopus), die Gewebe zerstört und oft chirurgische Eingriffe bis hin zur Amputation nötig macht. Während der COVID-19-Pandemie wurde in Indien ein sprunghafter Anstieg dieser Infektion beschrieben.
  6. Disseminierte Histoplasmose (Histoplasma capsulatum)
    Pilzinfektion, die über die Lunge den ganzen Körper befallen kann. Besonders bei HIV-Infizierten in Mittel- und Südamerika gefürchtet; unbehandelt fast immer tödlich.

Diese Erkrankungen sind für den Alltag eines gesunden Menschen selten. Für Risikogruppen, wie etwa Krebs- und Intensivpatienten oder Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem, zählen sie dagegen zu den wichtigsten Todesursachen.

Wie bekommt man eine Pilzinfektion?

Grundsätzlich gilt: Wer ein geschwächtes Immunsystem hat, ein zentralvenöses Katheter-System trägt, lange auf Intensivstation liegt oder viele Antibiotika erhält, hat ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Pilzinfektionen. Übertragungswege gibt es viele.

  • Hautpilze (Dermatophyten):
    Über feuchte, warme Umgebungen wie Duschen, Schwimmbäder, Sportschuhe oder gemeinsam benutzte Handtücher. Kleinste Hautverletzungen reichen als Eintrittspforte.
  • Hefepilze (Candida):
    Candida gehört zur normalen Besiedelung von Haut und Schleimhäuten. Problematisch wird es, wenn das Gleichgewicht kippt, zum Beispiel durch Antibiotika, Hormonumstellungen, Diabetes, schlechte Mundhygiene oder Immunschwäche.
  • Schimmelpilze (etwa Aspergillus):
    Wir atmen ständig Sporen aus der Umwelt ein. Man findet sie in der Erde, im Kompost, in Stallluft, Klimaanlagen oder im Baustellenstaub. Bei gesunden Menschen werden diese Sporen in der Lunge meist problemlos abgewehrt.
  • Spezielle Umweltpilze (etwa Histoplasma, Cryptococcus):
    Werden oft über Staub mit Vogel- oder Fledermauskot (Histoplasmose) oder getrocknete Taubenexkremente (Kryptokokkose) aufgenommen.

Wie werden Pilzinfektionen behandelt?

Oberflächliche Infektionen

  • Meist lokale Therapie mit Cremes, Lösungen oder Nagellacken (zum Beispiel mit Azolen oder Allylaminen).
  • Dauer: je nach Lokalisation Wochen bis Monate, vor allem bei Nagelbefall. Konsequente Anwendung ist entscheidend, sonst kommen Rezidive.

Innere/invasive Pilzinfektionen

  • Systemische Antimykotika über Tabletten oder Infusion, häufig über Wochen. Wichtige Wirkstoffklassen sind:
    • Azole (wie Fluconazol, Voriconazol oder Posaconazol),
    • Echinocandine (etwa Caspofungin),
    • Polyen-Antimykotika (zum Beispiel Amphotericin B).
  • Oft kommen Operationen hinzu (Entfernung befallener Katheter, Drainage von Abszessen, im Extremfall Gewebeentfernung).
  • Bei vielen Patienten müssen außerdem Immunsuppression und Grunderkrankung so weit wie möglich behandelt oder reduziert werden.

Wichtig: Die Therapie schwerer Pilzinfektionen gehört in die Hände von Spezialisten (Infektiologie, Hämatologie/Onkologie, Transplantationsmedizin).

Warum Pilze im Vergleich zu Bakterien und Viren so schwer zu behandeln sind

Pilze sind in vieler Hinsicht die Zwickmühle der Infektiologie:

  1. Wenige Medikamentenklassen
    Gegen Bakterien stehen zahlreiche Antibiotikaklassen zur Verfügung, gegen Viren immerhin mehrere gezielte Wirkstoffgruppen. Bei Pilzen sind es im Wesentlichen nur drei Hauptklassen (Azole, Echinocandine, Polyene) und einige wenige neue Substanzen in der Pipeline.
  2. Pilze sind Eukaryonten und uns ähnlicher als Bakterien
    Pilzzellen sind dem menschlichen Körperbau näher als Bakterien. Das macht es schwieriger, Angriffspunkte zu finden, die den Pilz treffen, aber menschliche Zellen schonen. Viele Antimykotika sind deshalb vergleichsweise giftig. So drohen zum Beispiel Nieren- oder Leberschäden.
  3. Langsame Diagnostik
    Pilze wachsen im Labor oft langsamer als Bakterien; Kultur- und Resistenztests dauern Tage bis Wochen. Moderne Verfahren (PCR, Antigen-Tests) verbessern die Situation, sind aber weltweit längst nicht überall verfügbar. Genau auf diese Defizite hat die WHO 2025 erstmals mit eigenen Berichten zu Tests und Behandlungen bei Pilzinfektionen hingewiesen.
  4. Schwierige Gewebepenetration
    Pilze bilden dichte Geflechte (Hyphen) oder Biofilme, etwa auf Kathetern oder Herzklappen. Medikamente erreichen dort oft nur unzureichende Konzentrationen.
  5. Späte Diagnose, unspezifische Symptome
    Fieber, Husten, Luftnot, Sepsis – all das kann bakteriell, viral oder durch Pilze bedingt sein. Bis feststeht, dass wirklich ein Pilz die Ursache ist, vergeht häufig wertvolle Zeit.

Resistenzen bei gesundheitsschädlichen Pilzen bereiten weltweit Sorgen

Antifungale Resistenzen nehmen weltweit zu und werden inzwischen ausdrücklich als Problem der globalen Antibiotika-Resistenzkrise mitgedacht. Einige Entwicklungen:

  • Candida auris – der Problem-Pilz der Intensivstationen
    C. auris wurde erst 2009 beschrieben, breitet sich seitdem aber explosionsartig aus. Viele Stämme sind gegen mehrere Antimykotika resistent, manche nahezu gegen alle verfügbaren Wirkstoffe. Krankenhäuser hatten zum Teil große Mühe, Ausbrüche wieder zu kontrollieren.
  • Azolresistenter Aspergillus fumigatus
    Weltweit wird zunehmend von A. fumigatus-Stämmen berichtet, die gegen gängige Azol-Medikamente wie Itraconazol oder Voriconazol resistent sind. Studien zeigen, dass solche Infektionen mit deutlich höherer Sterblichkeit verbunden sind.  
  • WHO-Prioritätenliste und neue Analysen
    In mehreren aktuellen Übersichtsarbeiten und WHO-Berichten wird betont, dass invasive Pilzinfektionen häufiger und tödlicher sind als bislang angenommen. Und: Die Entwicklung neuer Tests und Medikamente kommt viel zu langsam voran.
  • Neue Antimykotika in Sicht
    In der klinischen Entwicklung befinden sich einige neue Wirkstoffe mit neuen Angriffspunkten, etwa Olorofim, Ibrexafungerp oder Rezafungin. Sie sollen vor allem bei multiresistenten Erregern wie C. auris und azolresistentem A. fumigatus eingesetzt werden; sie sind aber noch nicht flächendeckend verfügbar.

Wissenschaft und EU haben das Resistenz-Problem erkannt

Die wissenschaftliche Aussage, dass Azol-Fungizide in der Landwirtschaft ein relevanter Treiber für gefährliche Pilzresistenzen sind, ist gut belegt. Die politische Forderung, deshalb genau die Mittel Score und Folicur zu verbieten, ist eine mögliche Konsequenz – aber nicht die einzige, die sich aus den Daten zwingend ergibt. Mehrere wissenschaftliche Arbeiten und ein aktueller Bericht der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA kommen zu dem Ergebnis, dass der großflächige Einsatz von Azol-Fungiziden in Landwirtschaft und Gartenbau zur Selektion azolresistenter Aspergillus-fumigatus-Stämme beiträgt. Diese Pilze können später beim Menschen schwere, schwer behandelbare Lungeninfektionen verursachen. EU-Behörden betonen explizit, dass Umwelt, Landwirtschaft und Medizin in Sachen Azolresistenz zusammenhängen – ein Problem also über Sektorgrenzen hinweg.

Ob das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die Zulassungen widerruft oder Auflagen verschärft, hängt von einer Abwägung vieler Faktoren ab – Wirksamkeit, Alternativen, Umwelteffekte, Resistenzrisiko. Über diesen Prozess entscheidet letztlich die Behörde, nicht die Wissenschaft allein. pm/tok